mini|Walther Müller-Jentsch (2012)
Walther Müller-Jentsch (* 28. November 1935 in Düsseldorf; † 19. Februar 2025 in DüsseldorfTraueranzeigen: Walter Müller-Jentsch. In: Süddeutsche Zeitung, 8. März 2025.) war ein deutscher Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler.
Leben und Wirken Müller-Jentsch erwarb nach Ausbildung und mehrjähriger Berufstätigkeit als Industriekaufmann und später als freier Journalist über den Zweiten Bildungsweg am Hessenkolleg (1961–1963) in Frankfurt am Main die Hochschulreife. Er studierte ab 1963 Soziologie, Politikwissenschaft und Nationalökonomie an der Universität Frankfurt am Main und Industrial Relations an der London School of Economics and Political Science (L.S.E.). Seine Lehrer waren Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas und – an der L.S.E. – Ralph Miliband. Während seiner Studienzeit war er Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS).
Nach Abschluss seines Studiums als Diplom-Soziologe war er von 1969 bis 1981 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Frankfurter Institut für Sozialforschung. Er war an industrie- und gewerkschaftssoziologischen Forschungsprojekten beteiligt, unter anderem maßgeblich an der Studie Gewerkschaften in der Bundesrepublik.Joachim Bergmann, Otto Jacobi, Walther Müller-Jentsch: Gewerkschaften in der Bundesrepublik. [Band 1:] Gewerkschaftliche Lohnpolitik zwischen Mitgliederinteressen und ökonomischen Systemzwängen. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1975. 3. Auflage: Campus, Frankfurt am Main 1979; Joachim Bergmann, Walther Müller-Jentsch: Gewerkschaften in der Bundesrepublik. Band 2: Gewerkschaftliche Lohnpolitik im Bewußtsein der Funktionäre. Aspekte, Frankfurt am Main 1977. Nachdem er in den Gewerkschaften zeitweise kein Potential mehr für grundlegende gesellschaftliche Veränderungen gesehen hatte, sondern nur noch die Funktion eines partikularen Interessenverbandes, ähnlich dem ADAC,Walther Müller-Jentsch Klassen-Auseinander-Setzungen Lesarten über die Arbeitskonflikte der siebziger Jahre und Mutmaßungen über die Zukunft der Gewerkschaften, in: Prokla, Heft 54, S. 28 verstand er sie später als wichtige reformerische Bewegung zur Mit- und Ausgestaltung der Sozialen Marktwirtschaft.Walther Müller-Jentsch: Gewerkschaften und Soziale Marktwirtschaft seit 1945. Reclam, Stuttgart 2011.
1982 wurde er als Professor für Sozialwissenschaft an die Universität Paderborn berufen. 1990 lud ihn die University of Warwick in Großbritannien als Leverhulme Visiting Professor für Europäische Industrielle Beziehungen ein. Ab 1992 lehrte er als Professor für Soziologie mit dem Lehrstuhl für Organisation und Mitbestimmung in der Fakultät für Sozialwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. 2001 wurde er emeritiert. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Industriesoziologie, speziell Industrielle Beziehungen, Soziologie der Gewerkschaften, Organisationssoziologie sowie die Kunst- und Literatursoziologie.
Zur Erforschung der Industriellen Beziehungen lieferte er grundlegende theoretische und empirische Beiträge.Wolfgang Streeck: Von Konflikt ohne Partner zu Partnerschaft ohne Konflikt: Industrielle Beziehungen in Deutschland. In: Industrielle Beziehungen – Zeitschrift für Arbeit, Organisation und Management. 23. Jahrgang, Heft 1, S. 48. Unter anderem führte er die Begriffe Co-Management und Konfliktpartnerschaft in die wissenschaftliche Diskussion über Arbeitsbeziehungen ein.Martin Behrens: Einführung in die Kontroverse Konfliktpartnerschaft. In: Industrielle Beziehungen – Zeitschrift für Arbeit, Organisation und Management. 23. Jahrgang, Heft 1, S. 45. Während seines Studiums an der London School of Economics (1966/67), eines einjährigen Forschungsaufenthalts an der Industrial Relations Research Unit der University of Warwick (1980/81) sowie seiner Gastprofessur an der gleichen Universität (1990) machte er sich mit der britischen Tradition der Industrial Relations vertraut und suchte die kollegiale Kooperation mit führenden Fachvertretern dieser Disziplin (Hugh Clegg, George Bain, Richard Hyman). Mit diesem Fundus verfasste er das erste deutschsprachige Lehrbuch über die Industriellen Beziehungen: Soziologie der Industriellen Beziehungen.Walther Müller-Jentsch: Soziologie der Industriellen Beziehungen. Eine Einführung. Campus, Frankfurt am Main 1986, 2. Auflage 1997. Neben dem Lehrbuch veröffentlichte er zahlreiche Aufsätze zu diesem Themenbereich in zwei Sammelbänden.Arbeit und Bürgerstatus. Studien zur sozialen und industriellen Demokratie (2008); Wirtschaftsordnung und Sozialverfassung als mitbestimmte Institutionen. Studien zur sozialen und industriellen Demokratie II (2021). In der späten Phase seiner Lehrtätigkeit und nach seiner Emeritierung widmete er sich verstärkt der Kunstsoziologie und veröffentlichte mit der Publikation Die Kunst in der Gesellschaft eine „systematische Darstellung des Kunstsystems mit seinen Komponenten und Institutionen“.Walther Müller-Jentsch: Die Kunst in der Gesellschaft. 2. Auflage. Springer VS, Wiesbaden 2012, S. 9. In einem zweiten Band mit kunst- und literatursoziologischen Aufsätzen – Adorno und Andere – griff er Themen und Motive seines frühen Lehrers auf und setzt sich zudem mit dem Kunstverständnis Max Webers, Pierre Bourdieus und Herbert Marcuses auseinander.
Müller-Jentsch war Alleinherausgeber der Schriftenreihe Industrielle Beziehungen und, zusammen mit Hansjörg Weitbrecht, David Marsden, Dieter Sadowski, Jörg Sydow und Franz Traxler, Gründungs-Mitherausgeber der Zeitschrift Industrielle Beziehungen – Zeitschrift für Arbeit, Organisation und Management : The German Journal of Industrial Relations. Er war langjähriger Gutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft für zwei industriesoziologische Schwerpunktprogramme und engagierte sich von 1996 bis 2003 als Mitglied des Vorstands der deutschen Sektion der International Industrial Relations Association (GIRA). Als Mitglied des Gründungsvorstands der Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets in Bochum gehörte er dem Vorstand von 1998 bis 2012 an und war in dieser Zeit Mitherausgeber der Schriften der Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets.Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets
Zudem arbeitete er als Autor unter Pseudonym an der deutschsprachigen Wikipedia mit, was von ihm via Hans-Böckler-Stiftung auf YouTube selbst dargestellt wurde.YouTube: Soziologe Walther Müller-Jentsch erklärt Wikipedia Laut Nachruf in Arbeit. Zeitschrift für Arbeitsforschung, Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik machte es ihm Freude, „sich als Anonymus, ohne die Möglichkeit, sich auf externe Reputation zu berufen, in das gewöhnungsbedürftige, mit vielen Fallgruben versehene Kommunikationsklima des Online-Lexikons einzufuchsen“. Er legte als lesenswert oder exzellent ausgezeichnete Wikipedia-Artikel über Themen der Arbeits- und Organisationssoziologie, aber auch Personenartikel zu Theodor W. Adorno und anderen Hauptvertretern der Frankfurter Schule an und war auch Hauptautor des Artikels über Max Weber. Müller-Jentsch beschränkte sich bei seiner Artikelarbeit nicht auf sozialwissenschaftliche Themen. Kunst und Literatur gehörten ebenfalls zu seinen Themenfeldern. Laut Arbeit-Nachruf war ein Überblicksartikel über Johann Wolfgang von Goethe die „Krönung“ seines Wikipedia-Wirkens.Für Walther Müller-Jentsch. In: De Gruyter Brill, Arbeit. Zeitschrift für Arbeitsforschung, Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik, Band 34, Heft 1 und 2, 23. Mai 2025 (Open Access)
Mit gelegentlichen Veröffentlichungen trat Müller-Jentsch auch als Lyriker hervor. Nach früher politischer Lyrik der 1960er Jahre – publiziert in Peter Hamms Anthologie Aussichten. Junge Lyriker des deutschen SprachraumsPeter Hamm (Hrsg.): Aussichten. Junge Lyriker des deutschen Sprachraums. Bücher der Neunzehn. Biederstein Verlag, München 1966, S. 145–148. – artikulierte sich seine späte Lyrik in einem naturhaft-elegischen Ton.Siehe Niederrhein bei Düsseldorf. Trois Hommages. In: Sinn und Form. 68. Jahrgang, Heft 1/2016 S. 97–98.
Müller-Jentsch lebte seit 1993 in Düsseldorf-Kaiserswerth.
Schriften (Auswahl) Bücher Gewerkschaften in der Bundesrepublik (mit J. Bergmann und O. Jacobi), 2. Bände 1975 und 1977. Soziologie der Industriellen Beziehungen, Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2. Aufl. 1997. ISBN 3-593-35705-4. Neue Technologien in der Verhandlungsarena. Schweden, Großbritannien und Deutschland im Vergleich (mit H.J. Sperling und I. Weyrather), Hampp, München-Mering 1997 Industrielle Beziehungen. Daten, Zeitreihen, Trends 1950–1999 (zus. m. Peter Ittermann). Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-593-36587-1 Organisationssoziologie. Eine Einführung, Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-593-36792-0. Strukturwandel der industriellen Beziehungen. „Industrial citizenship“ zwischen Markt und Regulierung. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-531-15567-8, ISBN 3-531-15567-9. 2., völlig überarbeitete Auflage: Springer VS, Wiesbaden 2017, ISBN 978-3-658-13727-4. Arbeit und Bürgerstatus. Studien zur sozialen und industriellen Demokratie, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-16051-1. Die Kunst in der Gesellschaft. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-531-17694-9. Gewerkschaften und Soziale Marktwirtschaft seit 1945. Reclam, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-018897-2. Tarifautonomie. Über die Ordnung des Arbeitsmarktes durch Tarifverträge. Springer SV, Wiesbaden 2018, ISBN 978-3-658-21227-8. Mitbestimmung. Arbeitnehmerrechte im Betrieb und Unternehmen. Springer SV, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-24173-5. Wirtschaftsordnung und Sozialverfassung als mitbestimmte Institutionen. Studien zur sozialen und industriellen Demokratie II. Springer VS, Wiesbaden 2021, ISBN 978-3-658-33969-2. Adorno und Andere. Soziologische Exkurse zu Kunst und Literatur. transcript, Bielefeld 2022, ISBN 978-3-8376-6391-4.
Aufsätze in Zeitschriften und Sammelwerken (Auswahl) Vom gewerkschaftlichen Doppelcharakter und seiner theoretischen Auflösung im Neokoporatismus, in: Institut für Sozialforschung (Hrsg.): Gesellschaftliche Arbeit und Rationalisierung, Leviathan, Sonderheft 4/1981, S. 178–200 Gewerkschaften als intermediäre Organisationen, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 24, 1982, S. 408–433. Über Produktivkräfte und Bürgerrechte, in: N. Beckenbach/W. van Treeck (Hrsg.): Umbrüche gesellschaftlicher Arbeit, Soziale Welt, Sonderband 9, Göttingen 1994, S. 643–661 Germany: From Collective Voice to Co-management, in: J. Rogers/W. Streeck (Hrsg.): Works Councils. Consultation, Representation, and Cooperation in Industrial Relations, The University of Chicago Press, Chicago/London 1995, S. 53–78 Betriebsräte gewinnen Konturen. Ergebnisse einer Betriebsräte-Befragung im Maschinenbau, in: Industrielle Beziehungen, 5. Jg. (1998), H. 4, S. 361–387. Wandel der Unternehmens- und Arbeitsorganisation und seine Auswirkungen auf die Interessenbeziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt und Berufsforschung, 31. Jg. (1998), S. 575–584. Akteure, Interessen, Institutionen, in: M. Schmidt/A. Maurer (Hrsg.): Ökonomischer und soziologischer Institutionalismus, Metropolis, Marburg 2003, S. 245–257 Theoretical Approaches to Industrial Relations, in: B. E. Kaufman (Hrsg.): Theoretical Perspectives on Work and the Employment Relationship, Champaign/Illinois 2004 (Industrial Relations Research Association), S. 1–41 Serie Geschichte der Mitbestimmung: I. Wie die Gewerkschaften zur Mitbestimmung kamen; II. Die Mitbestimmung für eine neue Wirtschaftsordnung nutzen; III. Passt die Mitbestimmung zur Sozialen Marktwirtschaft. In: Mitbestimmung (Magazin der Hans-Böckler-Stiftung), 2007, Heft 12; 2008, Heft 1/2; 2008, Heft 3 Der Verein – ein blinder Fleck der Organisationssoziologie, in: Berliner Journal für Soziologie 18. Jg. (2008), H. 3, S. 476–502.