mini|Michael Winterhoff (2010) Michael Winterhoff (* 3. Januar 1955 in Bonn) ist ein deutscher Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeut und Autor. Seine Sachbücher über die Entwicklung von Kindern erreichten hohe Auflagen, sodass Winterhoff sehr präsent in den Medien war. In der Fachwelt werden seine entwicklungspsychologischen Thesen vorwiegend negativ beurteilt. Eine im August 2021 ausgestrahlte ARD-Reportage über Winterhoffs Methoden führte zu eingehender Kritik in den Medien und an der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland.
Leben Michael Winterhoff wuchs als zweites von vier Kindern des Konditormeisters Wilhelm-Georg Winterhoff und dessen Frau Karola, geb. Strünck, in Bonn auf. Die Eltern betrieben dort in der Kaiserstraße das Café Rittershaus, das sie von Karola Winterhoffs Vater Leo Strünck übernommen hatten. Winterhoff besuchte zunächst von 1961 bis 1966 die Bonner Münsterschule (Grundschule) und anschließend von 1966 bis 1971 die Gottfried-Kinkel-Realschule in Bonn. Entscheidende Impulse für seine spätere berufliche Ausrichtung erhielt Winterhoff erst als Teilnehmer, schließlich als aktiver Leiter von Jugendgruppen. In dieser Zeit entstand sein Wunsch, Medizin zu studieren. Mit diesem Ziel absolvierte er die gymnasiale Oberstufe am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium Bonn und bestand dort 1974 das Abitur.Den Kindern die Kindheit lassen. Michael Winterhoff im Gespräch mit Katrin Heise, Deutschlandfunk Kultur, 31. August 2017, Audio (36:05), abgerufen am 5. September 2017.
Nach anschließender Arbeit als Pflegediensthelfer im Malteser-Krankenhaus und beim Malteser Hilfsdienst in Bonn sowie dem Wehrdienst studierte Winterhoff von 1977 bis 1983 Humanmedizin an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.Johannes Süßmann: Michael Winterhoff: „Der Vorgang scheint größere Ausmaße anzunehmen“, zeit.de, 13. August 2021 Dort wurde er 1984 bei Dieter Schulz mit einer Studie über Gastrinsekretion bei Ulcusdiathese durch Winkelbauer-Starlinger-Operation am Hund zum Dr. med. promoviert.Michael Winterhoff: Gastrinsekretion bei Ulcusdiathese durch Winkelbauer-Starlinger-Operation am Hund, worldcat.org.
Von 1988 bis 2021 arbeitete Winterhoff in Bonn als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in seiner eigenen Praxis.„Michael Winterhoff schließt seine Praxis in Bonn“, Generalanzeiger Bonn, 6. Dezember 2021, abgerufen am 10. Januar 2022 Er befasste sich vorrangig mit psychischen Entwicklungsstörungen im Kindes- und Jugendalter aus tiefenpsychologischer Sicht. Zum 10. Dezember 2021 schloss Winterhoff angeblich aus Altersgründen seine Praxis.
Winterhoff wurde von der Staatsanwaltschaft wegen gefährlicher Körperverletzung in 36 Fällen angeklagt: Er soll für seine Patienten – teils ohne individuelle Diagnose – jahrelange Heimunterbringung und die Gabe von Psychopharmaka verordnet haben, die sedierend wirken und schwerste Nebenwirkungen haben können. Am 13. Februar 2025 begann die Hauptverhandlung vor dem Landgericht Bonn.
Am 4. März 2026 sprach die 7. Große Strafkammer des Landgericht Bonn Winterhoff wegen vorsätzlicher Körperverletzung in sieben Fällen sowie wegen fahrlässiger Körperverletzung schuldig und verhängte eine neunmonatige Freiheitsstrafe, deren Vollstreckung zur Bewährung ausgesetzt wurde. Das Urteil ist bislang nicht rechtskräftig. Winterhoff weist die Vorwürfe zurück; seine Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert, während die Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten gefordert hatte.
Zentrale Thesen Kindliche Entwicklung Winterhoff findet, es sei ein Irrtum, im Verhalten des Kindes einen Ausdruck seiner Persönlichkeit zu sehen. Hier verkenne man entwicklungsspezifische Verhaltensweisen als individuelle Merkmale, denn Kinder hätten, so Winterhoff, bis zum Alter von sieben Jahren noch keine Persönlichkeit. Diese Entwicklung setze erst mit dem achten Lebensjahr ein.Winterhoff (2008), S. 28.
Winterhoff beruft sich eigenen Angaben zufolge auf die psychoanalytische Tradition.Vgl. Winterhoff (2008), S. 35. So verbindet er das Freud’sche Modell infantiler Sexualentwicklung mit Einsichten des Stufenmodells von Erik und Joan Erikson. Kinder durchliefen bis zum sechsten Lebensjahr die orale (0.–2. Lebensjahr), die anale (3.–4. Lebensjahr) sowie die „magisch-ödipale“ Phase (5.–6. Lebensjahr). Diese Phasen seien mit entsprechenden „Weltbildern“ verknüpft, in denen sich das entwicklungsspezifische Selbst- und Realitätsverständnis des Kindes darstelle. Erst mit Abschluss der letzten Phase sei ein Kind „in der Lage, zu erkennen, dass eine Eigenreaktion eine Gegenreaktion im Gegenüber auslösen“ könne. Es habe gelernt, in Konflikten Eigenanteile zu erkennen, und sei damit im eigentlichen Sinne „schulreif“.Winterhoff (2008), S. 36.
Um diese Entwicklungsphasen absolvieren zu können, bedürfe das Kind eines elterlichen Gegenübers, das sich phasenspezifisch verhalte und so dafür sorge, dass diese Entwicklungsschritte abgeschlossen werden können. Im Gegensatz dazu steht nach Winterhoff der weitverbreitete Irrtum, die Entwicklung der Psyche wäre ein autonomer, von selbst ablaufender Prozess. Hier setzt seine Kritik am bestehenden „Grundkonsens der Gesellschaft“ an, die sich in pädagogischen Debatten verzettele, ohne deren Vorbedingung erreichter psychischer Reife zu reflektieren.
Kritische Diagnose Winterhoff vertritt in seinem Buch Warum unsere Kinder Tyrannen werden: Oder: Die Abschaffung der Kindheit die These, dass das gegenwärtige Erziehungsklima einen Entwicklungsstillstand der Kinder herbeiführe. Als Kinderpsychiater sieht Winterhoff die Ursache für den von ihm beobachteten epidemischen Zuwachs von Problemverhalten bei Kindern in der Psyche der Erwachsenen, die in Kontakt zu den Kindern stehen. Spezifische, der gesellschaftlichen Entwicklung geschuldete Fehlhaltungen behindern seiner Ansicht nach das Heranreifen des Nachwuchses:vgl. hierzu und dem Folgenden: Winterhoff (2008) sowie
Kind als Partner: Das Kind werde als gleichberechtigter Erwachsener behandelt. Der Erwachsene begebe sich auf eine Stufe mit dem Kind. Diese Tendenz beobachte er seit Anfang der 1990er Jahre. Winterhoff wendet sich gegen die moderne, „partnerschaftliche“ Pädagogik, wobei er seine Kritik nicht als Beitrag zur pädagogischen Debatte verstanden wissen will. Projektion: So nennt Winterhoff das Bedürfnis des Erwachsenen, vom Kind geliebt zu werden, sofern dieses Bedürfnis die erzieherische Autorität korrumpiere. Diese Tendenz beobachte er seit Mitte der 90er Jahre. Der gesellschaftlich enttäuschte Erwachsene begebe sich „in der Projektion“ auf eine Stufe unter das Kind, um hier seine Bedürftigkeit nach Liebe und Anerkennung stellvertretend zu kompensieren. Aus Angst vor Liebesverlust gerate der Erziehende in eine Position passiver, diagnostizierender Beobachtung, um anschließend zuvörderst erzieherische Probleme an therapeutische Instanzen zu delegieren. Symbiose: Das Kind werde im Rahmen einer psychischen Verschmelzung ein Teil des Erwachsenen. Die Symbiose sei gleichzeitig die Extremform in der absteigenden Trias der Fehlhaltungen, in der keinerlei seelische Abgrenzung mehr erkennbar sei. Als Endpunkt einer verheerenden Fehlentwicklung finde sich diese Verfallsform seit der Jahrtausendwende.Bis etwa Mitte der 1990er Jahre hätten Kinder laut Winterhoff eine normale seelische Entwicklung aufgewiesen, und die Erziehung der 1950er Jahre habe im Gegensatz zur aktuellen Lage „lebenstüchtige“, „arbeits- und beziehungsfähige“ Erwachsene hervorgebracht. Diese Entwicklung begründet Winterhoff mit der Unabhängigkeit des kindlichen Reifungsprozesses vom jeweiligen Erziehungsstil und dem offenbar epidemischen Schwund „in sich ruhender“ Erwachsener in den letzten zwei Jahrzehnten. Vgl.: His Majesty the Baby: Wie Erziehung narzisstisch macht. Vortrag beim Wiener RPP-Institut, 6. Mai 2017, Video, 62 Min.
In seiner Diagnose des gegenwärtigen, gesamtgesellschaftlichen Erziehungsklimas sieht Winterhoff zeittypische Formen der Überforderung oder des emotionalen Missbrauchs des Kindes. Die zunehmende Überforderung der Erwachsenen verschiebe die natürliche Machtbasis zugunsten des Nachwuchses und führe schließlich zu der völligen Machtumkehr, die Winterhoff als „Tyrannei“ des Kindes beschreibt. In Abhängigkeit von allgemeinen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen gelinge es den Erwachsenen so immer weniger, den Kindern ein förderndes Gegenüber zu sein. Die Gesellschaft ziehe sich in epidemischem Ausmaß eine Horde kindlicher „Tyrannen“ heran, deren weitere Entwicklung eine gesamtgesellschaftliche Bedrohung darstelle.
Seit 2008 sieht Winterhoff diese Entwicklung durch die Digitalisierung weiter verstärkt. Die Reizüberflutung mit Informationen (bspw. durch Smartphones) führe bei immer mehr Erwachsenen zu einem depressionsnahen Zustand, den er den „Katastrophenmodus“ nennt. Um die mangelnde Abgrenzung bei Betroffenen wiederherzustellen, empfiehlt Winterhoff nach eigenem Vorbild ausgedehnte, mehrstündige WaldspaziergängeZur Validierung seiner Beobachtungen vgl.: Vier bis fünf Stunden in den Wald. Moritz Rosenkranz im Interview mit Michael Winterhoff, General-Anzeiger Bonn, 12. Oktober 2016, abgerufen am 17. März 2017. und eine kritische Reflexion des allgegenwärtigen Überforderungsbegriffs, den er in seinem Buch Mythos Überforderung. Was wir gewinnen, wenn wir uns erwachsen verhalten thematisiert. Winterhoff prognostiziert, ohne eine baldige Verhaltensänderung werde „unsere Gesellschaft ihre Kinder hassen“. Der emotionale Missbrauch der Kinder unter dem Deckmantel eines partnerschaftlichen Umgangs gefährde die kulturelle Lebensfähigkeit der Gesellschaft. Er fordert, die psychische Entwicklung von Kindern in den Mittelpunkt der Erziehung zu stellen. Kinder seien keine kleinen Erwachsenen. Nur wenn sie wie Kinder behandelt würden, befähige man sie, „in einem positiven Sinne lebensfähig“ zu werden.Martin Spiwak: Was versteht dieser Mann von Kindern?. In: Die Zeit, Nr. 34. 19. August 2021. S. 31.
Rezeption und Kritik Bücher und öffentliche Auftritte Winterhoffs Buch Warum unsere Kinder Tyrannen werden: Oder: Die Abschaffung der Kindheit erreichte laut Verlagswerbung binnen eines Jahres eine Auflage von 280.000 Exemplaren. In der Jahresbestsellerliste 2008 des Magazins Der Spiegel kam es auf Platz 4 der Sachbücher. Sein Nachfolger Tyrannen müssen nicht sein stand im Januar 2009 kurzzeitig auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Bis Anfang August 2009 wurden insgesamt 420.000 Exemplare von Warum unsere Kinder Tyrannen werden und 160.000 Exemplare von Tyrannen müssen nicht sein verkauft. Die Gesamtverkaufszahl seiner Publikationen lag nach Verlagsangaben 2017 bei 1,3 Millionen Exemplaren.
Seit dem Erscheinen seines ersten Bestsellers im Jahr 2008 erhielt Winterhoff Medienpräsenz als Gast in verschiedenen Talkshows wie Anne Will, Maischberger und Markus Lanz.Julia Beil: Der Psychiater, der Kinder mit Medikamenten ruhigstellte: Was ein Experte zu den Vorwürfen gegen Michael Winterhoff sagt. businessinsider.de, 13. August 2021. Außerdem wurde er europaweit für Vorträge über Bildungs- und Erziehungsthemen eingeladen.Nicole Rosenbach: Warum Kinder keine Tyrannen sind. wdr.de, 11. August 2021.
Rezeption