Die 38. Vierschanzentournee 1989/90 war Teil des Skisprung-Weltcups 1989/90.

Das Springen in Oberstdorf fand am 28. Dezember 1989 statt, am 1. Januar 1990 das Springen in Garmisch-Partenkirchen und am 4. Januar 1990 das Springen in Innsbruck. Die Abschlussveranstaltung in Bischofshofen wurde am 6. Januar 1990 durchgeführt. Die Tournee gewann Dieter Thoma aus der Bundesrepublik Deutschland.

Weltcup und Favoriten Vor der Vierschanzentournee waren bereits sechs Einzelspringen im Weltcup absolviert worden. Die Saison hatte Anfang Dezember 1989 wie nun schon seit einigen Jahren im kanadischen Thunder Bay begonnen. Gesamtweltcupstand vor der Vierschanzentournee 1. Ernst Vettori 88 Punkte 2. Heinz Kuttin 75 Punkte 3. Andreas Felder 65 Punkte 4. Ari-Pekka Nikkola 58 Punkte 5. Pavel Ploc 55 Punkte 5. Risto Laakkonen 44 Punkte 7. Jan Boklöv 53 Punkte 8. Dieter Thoma 42 Punkte 9. František Jež 40 Punkte10. Matti Nykänen 34 Punkte

Die 38. Vierschanzentournee startete unter völlig neuen politischen Vorzeichen. Im sogenannten Wendejahr waren zahlreiche politische Systeme in Ost- und Mitteleuropa zerbrochen. Freies Reisen war nun zum Beispiel auch für DDR-Bürger möglich, was sich sogleich bei den Zuschauern in den Austragungsorten widerspiegelte. Andererseits stand nun auch der mit viel Geld subventionierte Leistungssport auf dem Prüfstein, insbesondere in der DDR, wo das Streben nach sportlichen Erfolgen mittlerweile zum Selbstverständnis dieses Staates gehörte. Aber auch sportlich gab es nach der bemerkenswerten Skisprungsaison 88/89 einige Neuordnungen. Nach dem schlechten Abschneiden der Skispringer aus Österreich unter Auswahltrainer Rupert Gürtler wurde nun Olympiasieger Toni Innauer mit dieser Aufgabe betraut. Mit der Bronzemedaille von Heinz Kuttin bei den Nordischen Skiweltmeisterschaften in Lahti hatte Innauer bereits gezeigt, zu was von ihm trainierte Athleten in der Lage waren. Innauer hatte Kuttin im Juniorenbereich trainiert und bei den Juniorenweltmeisterschaften 1988 in Saalfelden erste Erfolge feiern können. In der noch jungen Weltcup-Saison waren die ersten Ergebnisse mehr als ermutigend. Die lange Zeit flügellahmen Felder und Vettori ersprangen Podestplätze und in deren Schatten entwickelten sich auch Heinz Kuttin und Werner Haim hervorragend. So standen vor der Tournee drei Österreicher auf den ersten drei Plätzen in der Weltcupwertung. Dementsprechend war die Erwartungshaltung nach jahrelanger Durststrecke schon wieder sehr hoch. Hinzu kamen natürlich die Finnen mit den Assen Nikkola, Laakkonen oder Nykänen. Bei den Weltmeisterschaften im heimischen Lahti hatten sie zwei von drei Weltmeistertiteln gewonnen und Risto Laakkonen gewann die letztjährige Tournee. Als weiterer Mitfavorit war der Schwede Boklöv zu nennen, immerhin war er im Vorjahr Weltcupgesamtsieger geworden. Noch bedeutender als seine sportliche Leistung war allerdings die Diskussion um seinen Sprungstil, denn mittlerweile gab es diversen Ländern ernsthafte Sprungversuche und Tests durch einige Athleten. Zum weiteren Favoritenkreis zählte unbedingt Dieter Thoma, der sich im Vorjahr durch einen verpatzten Sprung am Bergisel um den Tourneesieg gebracht hatte. Dahinter standen mit Thomas Klauser und den mittlerweile Weltklasseniveau verkörpernden Josef Heumann weitere Spitzenathleten.Fragezeichen standen hinter einigen Sprungnationen. Die Norweger traten auf der Stelle. Zwar waren sie mannschaftlich immer noch stark, wie WM-Bronze im Teamwettbewerb bewies, aber es fehlte der Spitzenspringer für die Podestplätze. Die nach ihrer famosen Olympiasaison im Vorjahr enttäuschenden Tschechoslowaken hatten reagiert und mit Rudolf Höhnl einen bekannten Spitzenspringer vergangener Jahrzehnte zum Auswahltrainer berufen. Und diese Berufung trug bereits Früchte. Pavel Ploc knüpfte wieder an seine guten Leistungen früherer Jahre an, aber die eigentliche Überraschung war Frantisek Jez. Zwar war es bereits die dritte Tournee für den gerade erst 19 Jahre alt gewordenen Tschechen, doch in der laufenden Saison schien der Knoten geplatzt zu sein. Blieb noch Jens Weißflog als Mitfavorit nach zwei zweiten Plätzen bei den zwei vorangegangenen Tourneen. Für den Sachsen war das Vorjahr mit einem WM-Titel nicht schlecht gelaufen. Nun hatte ihn aber eine Knieverletzung zunächst außer Gefecht gesetzt und so konnte er erst später als sonst ins Training einsteigen. Dadurch stieß der Oberwiesenthaler erst in Sapporo zum Weltcup hinzu und gewann prompt ein Springen auf der dortigen Großschanze. Damit hatte er der Konkurrenz gezeigt, dass auch mit ihm erneut zu rechnen war. Das DDR-Team komplettierten Neuling René Kummerlöw, der unverwüstliche Ulf Findeisen, Heiko Hunger und Ralph Gebstedt. Insgesamt nahmen 95 Springer aus 18 Nationen teil. Nach einer einjährigen Pause nahmen auch wieder Springer aus Japan teil, darunter erstmals Noriaki Kasai. Exoten wie Springer aus Ungarn oder Michael Edwards gehörten nun aufgrund des neuen Reglements der Vergangenheit an.

Nominierte Athleten Nation Athleten Thomas Klauser, Andreas Bauer, Lorenz Wegscheider, Jürgen Winterhalder, Rolf Schilli, Josef Heumann, Robert Leonhardt, Norbert Hils, Eckhard Reichertz, Andreas Scherer, Christian Rimmel, Heiko Gasche, Michael Irlinger, Markus Göllner, Dieter Thoma René Kummerlöw, Jens Weißflog, Ulf Findeisen, Heiko Hunger, Ralph Gebstedt Andreas Felder, Franz Neuländtner, Ernst Vettori, Günther Stranner, Werner Schuster, Franz Wiegele, Werner Haim, Oliver Strohmaier, Klaus Huber, Heinz Kuttin, Stefan Horngacher, Alexander Pointner, Harald Rodlauer, Alexander Steiner, Norbert Moertl, Andi Rauschmeier, Werner Rathmayr, Christian Moser Wladimir Brejtschew, Emil Sografski, Sachari Sotirow Matti Nykänen, Jari Puikkonen, Jarkko Heikkilä, Risto Laakkonen, Ari-Pekka Nikkola, Vesa Hakala Didier Mollard, Yannick Revuz, Nicolas Jean-Prost Virginio Lunardi, Roberto Cecon, Sandro Sambugaro Noriaki Kasai, Takuya Takeuchi, Manabu Nikaidō, Akira Satō Miran Tepeš, Primož Ulaga, Rajko Lotrič, Primož Kopač, Franci Petek, Goran Janus Colin Capel, John Lockyer, Ron Richards Ole Gunnar Fidjestøl, Vegard Opaas, Magne Johansen, Rune Olijnyk, Kent Johanssen, Halvor Persson Jan Kowal, Alojzy Moskal Jan Boklöv, Staffan Tällberg, Mikael Martinsson, Thomas Nordgren, Per-Inge Tällberg, Christian Hauswirth, Thomas Kindlimann, Christoph Lehmann, Yvan Vouillamoz Bernat Solà Andrei Werweikin, Pawel Kustow, Michail Jessin, Dionis Vodnev Jiří Parma, Pavel Ploc, Martin Švagerko, František Jež, Vladimír Podzimek, Jaroslav Sakala Ted Langlois, Jim Holland

Regeländerungen Qualifikationskriterien Nachdem das Sprungkomitee der FIS bereits in der Vorsaison Qualifikationskriterien für den Skisprung-Weltcup einführen wollte, war es nun soweit. Da die Tourneewettbewerbe gleichzeitig auch als Weltcupspringen zählten, galten nun folgende Bedingungen für die Teilnahme an der Vierschanzentournee, von denen mindestens eine erfüllt sein musste: Erringen von Weltcuppunkten in den Jahren 1987 und 1988 eine Platzierung in der ersten Hälfte des Teilnehmerfeldes bei den letzten Juniorenweltmeisterschaften eine Platzierung in der ersten Hälfte des Teilnehmerfeldes bei einem Europapokalspringen eine Platzierung im ersten Drittel des Teilnehmerfeldes bei einem Internationalen Sprungwettbewerb, an dem Springer aus mindestens Fünf Nationen teilgenommen Klares Ziel war es, Springer die permanent hinterste Plätze belegten, aus dem Weltcup herauszuhalten, um damit die Qualität der Sprungwettbewerbe zu steigern. Zudem wurde das Teilnehmerfeld pro Weltcupspringen auf 90 Teilnehmer reduziert. In diesem Punkt machten die Organisatoren der Tournee eine Ausnahme, denn nach den zugrunde gelegten Qualifikationskriterien wären 99 Springer startberechtigt gewesen. Diese wurden auch alle eingeladen, dennoch wurde diese Teilnehmerzahl in keinem Wettbewerb erreicht.Neues Deutschland. 28. Dezember 1989, S. 6.

Quotenregelung Erstmals wurden auch die Mannschaftsgrößen klar reglementiert. Zugrunde lag dabei das Abschneiden in der Nationenwertung der letzten beiden Winter. Es kam dadurch zu folgenden Einteilungen: 6 Startplätze – Norwegen, Finnland, Österreich, Tschechoslowakei 5 Startplätze – BRD, DDR. Jugoslawien 4 Startplätze – Schweiz, Italien, USA, Polen, Japan, Kanada, Sowjetunion 2 Startplätze – Frankreich und Bulgarien

Zusätzlich durften die jeweiligen Veranstalterländer 10 weitere Athleten nominieren.In neuer Saison neuer Wind dank neuem Flugstil. In: Thuner Tagblatt. 30. November 1989, S. 13.

Eine Ausnahme stellte der Spanier Bernat Sola dar. Dieser hatte am 24. Januar 1987 in Sapporo bei einem Springen von der Normalschanze den 14. Platz belegt und damit 2 Weltcuppunkte gewonnen. So durfte er als Einzelstarter bei der Tournee und auch im Weltcup antreten. Mit dieser Regelung war nunmehr aber der Brite Michael Edwards von der Tournee und auch vom Weltcup ausgeschlossen.

Weitenmessung Erstmals wurde eine Videokamera als Kontrollgerät für die Weitenmesser eingesetzt. Damit sollte eine größere Genauigkeit und Zuverlässigkeit bei der Ermittlung der Sprungweiten erreicht werden.

Oberstdorf Datum: 30. Dezember 1989 Land: Schanze: Schattenbergschanze

Beim Training überraschte wie bereits im Weltcup der Tschechoslowake Frantisek Jez, der mit 114 m die größte Weite sprang. Der US-Amerikaner Mike Holland stürzte hingegen schwer und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Schanze selbst wurde mit Eis und Kunstschnee präpariert, da eine natürliche Schneedecke überhaupt nicht vorhanden war. Das Springen am Wettkampftag übertraf den Wettbewerb vom Vorjahr noch. Erstmals in der Tourneegeschichte gab es einen bundesdeutschen Doppelsieg, der Vorjahressieger Dieter Thoma gewann vor seinem Mannschaftskollegen Josef Heumann. Und war dies alles noch nicht genug, wehte auch für den dritten Platz eine schwarz-rot-goldene Flagge, allerdings noch mit Hammer, Sichel und Ährenkranz. Der von einigen Experten schon abgeschriebene Jens Weißflog bestätigte seine aufsteigende Form und wurde mit zwei sehr konstante Sprüngen Dritter. Thoma hatte bereits im ersten Durchgang mit der Tagesbestweite von 113,5 m seine Siegesambitionen gezeigt. Dem Rotschopf konnte nur sein Teamkollege Heumann mit 113 m folgen, während der Rest weitenmäßig einige Meter kürzer sprang. Und auch im zweiten Durchgang setzte Thoma mit 108 m den weitesten Sprung, womit ihm der Sieg nicht mehr zu nehmen war. Seine gute Form stellte erneut Frantisek Jez unter Beweis, der den sechsten Platz belegte und Asse wie Nykänen, Vettori oder Ulaga hinter sich ließ. Die mit viel Vorschusslorbeeren bedachten Österreicher enttäuschten, gemessen an ihren Ansprüchen. Ausgerechnet der eher schwächere Franz Neuländtner schnitt mit Rang acht noch am besten ab. Ein verheißungsvolles Debüt gab der erst 18-jährige Ralph Gebstedt, der im ersten Durchgang zunächst 113 m weit sprang. Allerdings veranlasste diese Weite die Jury dazu, den Durchgang nochmal zu wiederholen. Diesmal sprang Gebstedt 103 m. Im zweiten Durchgang konnte er sich enorm steigern und landete wie Tagessieger Thoma bei 108 m, konnte den Sprung allerdings nicht stehen. Dennoch hatte der Thüringer sein Potential angedeutet.Neues Deutschland. 2. Januar 1990, S. 8. Pos. Springer Land Punkte 1 Dieter Thoma 215,0 2 Josef Heumann 210,0 3 Jens Weißflog 208,0 4 Risto Laakkonen 205,5 5 Ari-Pekka Nikkola 203,5 6 František Jež 200,5 7 Matti Nykänen 199,5 8 Franz Neuländtner 199,5 9 Rune Olijnyk 198,5 10 Ole Gunnar Fidjestøl 197,0

Garmisch-Partenkirchen Datum: 1. Januar 1990 Land: Schanze: Große Olympiaschanze