Der internationale Skisprungwettbewerb 26. Vierschanzentournee 1977/78 wurde vom 30. Dezember 1977 bis zum 6. Januar 1978 in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen in Deutschland sowie in Innsbruck und Bischofshofen in Österreich veranstaltet. Sie galt neben den Nordischen Skiweltmeisterschaften 1978 in Lahti als Höhepunkt der Skisprungsaison 1977/78. Die Tournee wurde von dem Finnen Kari Ylianttila gewonnen. Ihm folgten fünf Springer aus der DDR.
Teilnehmer In Vorbereitung für die Nordischen Skiweltmeisterschaften im finnischen Lahti galt die Tournee als erste Standortbestimmung für die internationale Springergemeinde. Nachdem die letzten drei Tourneen vor allem vom Duell zwischen Österreich und der DDR gelebt hatten, waren die Vorzeichen in dieser Saison etwas anders. Toni Innauer, noch im Februar 1977 Vizeweltmeister im Skifliegen geworden, und sein Mannschaftskollege und Olympiasieger Karl Schnabl hatten sich beim Fußballspielen verletzt und rangen um Anschluss. Es stand zu befürchten, dass die Auswahl von Baldur Preiml ohne ihre Topleute dastehen würde. Den besten Eindruck machte vor Tourneebeginn noch Claus Tuchscherer und die jungen Neulinge Neuper und Kogler. Tourneegewinner Willi Pürstl und auch Edi Federer hatten nie wieder an den Erfolg von 1975 anknüpfen können, standen aber wie auch Oldie Reinhold Bachler mit bald 33 Jahren immer noch im Aufgebot. Angesichts der zu erwartenden Leistungen der österreichischen Adler beantragte Preiml eine größere Anzahl an Startplätzen, die am Ende auch genehmigt wurde. So kamen am Ende nicht weniger als 14 Springer für Österreich zum Einsatz.Berliner Zeitung vom 30. Dezember 1977, S. 7. Bei der bundesdeutschen Auswahl ging unter Trainer Happle der Umbau weiter. Mit Grosche und Sepp Schwinghammer waren die zwei leistungsstärksten Springer der letzten Jahre nicht mehr im Aufgebot. Nun begann man beim DSV mit den Schwarz-Brüdern und einigen anderen Neulingen an die Weltspitze wieder heranzurücken. Hinzu kam mit Leitner ein Springer, der hier und dort schon für Achtungserfolge gesorgt hatte. In der DDR-Auswahl setzte man vor allem auf Bewährtes. Im Vergleich zum Vorjahr wurde nur Thomas Meisinger, immerhin Tourneesechster, durch Dauerbrenner Bernd Eckstein ersetzt. Zu den Tourneesiegfavoriten war auf jeden Fall Jochen Danneberg zu rechnen, der mit seinem dritten Sieg in Folge mit dem legendären Björn Wirkola hätte gleichziehen können. Zum Kreis der Sieganwärter wurde von der Fachwelt außerdem Henry Glaß gezählt, der nach einem zweiten Platz 1972 und dem dritten Platz im Vorjahr endlich seine erste Tournee gewinnen wollte. Mit Athleten wie Duschek oder Weber hatte die DDR-Auswahl zudem weitere Top-Springer in der Mannschaft. Von den anderen Nationen wurde als Sieganwärter an erster Stelle der Schweizer Walter Steiner genannt. Allerdings war ein Start für den frischgebackenen Skiflugweltmeister lange ungewiss, der Eidgenosse hatte sich vor der Saison einer Meniskusoperation unterziehen müssen. Zum erweiterten Favoritenkreis waren aus der Sowjetunion Alexei Borowitin und aus der Tschechoslowakei František Novák zu sehen, die bei der Skiflug-WM auf sich aufmerksam machen konnten. Die große Unbekannte waren die Skandinavier. Während die Norweger bereits im Vorjahr durch Johan Sætre und Per Bergerud immer wieder mal in die Top Ten kamen, waren die Finnen als WM-Gastgeber überhaupt nicht einzuschätzen. Nur mit drei Athleten antretend, bestand das Team aus Dauergast Törmänen, Rückkehrer Ylianttila und Neuling Puikkonen. Während Törmänens beste Zeiten bereits vergangen schienen, hatte Ylianttila zumindest zum Ende der Vorsaison mit einigen Podestplätzen auf sich aufmerksam gemacht. Generell waren die Erwartungen an die Finnen aber nicht allzu hoch.
Nation Athleten Frank Rombach, Christoph Schwarz, Peter Leitner, Peter Schwinghammer, Hubert Schwarz, Hans-Jürgen Eschrich, Wolfgang Hahn Henry Glaß, Jochen Danneberg, Martin Weber, Harald Duschek, Falko Weißpflog, Mathias Buse, Jürgen Thomas, Bernd Eckstein Reinhold Bachler, Hans Millonig, Rudi Wanner, Alois Lipburger, Claus Tuchscherer, Armin Kogler, Hubert Neuper, Willi Pürstl, Edi Federer, Rupert Gürtler, Alfred Pungg, Gebhard Aberer, Alfred Groyer, Karl Schnabl Petar Dimitrow, Bojan Stoikow, Wladimir Brejtschew Jouko Törmänen, Kari Ylianttila, Jari Puikkonen Patric Dubiez, Eric Fourrier Ermes de Crignis, Ivano Wegher, Lido Tomasi Yūji Kawamura, Sakae Tsuruga Zdravko Bogataj, Marko Mlakar, Ivo Zupan, Bogdan Norčič, Andrej Kaizer Tauno Käyhkö, Johan Sætre, Per Bergerud, Rune Hauge, Per Steinar Nordlien, Stein Glömmi, Jens Unosen Tadeusz Pawlusiak, Jozef Tajner Robert Mösching, Hansjörg Sumi, Mario Rinaldi, Harald Reichenbach, Georges Jaquiery, Oliver Favre, Walter Steiner Alexei Borowitin, Alexander Karapusow, Juri Iwanow, Sergei Saitschik, Wladimir Tschernjajew, Waleri Sawin, Wladimir Bubenow Leoš Škoda, František Novák, Ján Tánczos, Ivo Felix, Josef Hýsek, Josef Rusko, Josef Samek John Denney, Jeff Denney, Jeff Davis, Kip Sundgaard, Jim Denney
Oberstdorf Datum: 30. Dezember 1977 Land: Schanze: Schattenbergschanze
Das erste Training zum Auftaktspringen endete bereits mit einem Paukenschlag. Der Österreicher Karl Schnabl entschied auf Grund seines Abschneidens als schwächster Österreicher an den ersten beiden Tourneespringen nicht teilzunehmen. Stattdessen reiste er ins italienische Tarvis, um auf der dortigen Schanze zu trainieren. Auch am Tag darauf sah es für die Preiml-Schützlinge nicht besser aus. Nach Stürzen von Pürstl und Federer wurde entschieden, diese zum Auftaktspringen nicht einzusetzen. Für Innauer bestand nach seinen indiskutablen Sprüngen zumindest noch eine Schonfrist, bei ihm wollte man am Wettkampftag noch den Probesprung abwarten. Soweit kam es aber nicht mehr, der Superstar der letzten Jahre reiste noch am Abend ab.Neues Deutschland vom 31. Dezember 1977, S. 5. Während die DDR-Springer erwartungsgemäße Trainingssprünge zeigten, war der Finne Ylianttila die Überraschung des Tages. Nach Sprüngen von 105,5 und 106 m sprang er im letzten Trainingssprung 113 m weit, griff dabei aber in den Schnee. Die Weite lag drei Meter über dem Schanzenrekord. Damit war der Finne urplötzlich in den Kreis der Titelanwärter gerutscht.Neues Deutschland vom 30. Dezember 1977, S. 5. Zu diesem Kreis zählte nun auch Walter Steiner, der seinen Start endgültig bestätigte.Berliner Zeitung vom 30. Dezember 1977, S. 7.
Chaotische Wetterbedingungen prägten das Auftaktspringen in Oberstdorf, sodass es bedingt durch starken Wind und dichtes Schneetreiben, welches eine stumpfe Anlaufspur nach sich zog, im zweiten Durchgang erstmals in der Tourneegeschichte abgebrochen wurde. Der erste Durchgang wurde dadurch zum verbindlichen Resultat erklärt. Und diese barg einige Überraschungen. Nicht etwa Favorit Danneberg lag vorn, sondern sein Mannschaftskollege Matthias Buse, der damit seinen ersten Tagessieg bei der Tournee feiern konnte. Dahinter platzierte sich mit Martin Weber auch ein Springer, der nicht unbedingt dort erwartet werden konnte. Der Finne Ylianttila bestätigte mit dem dritten Platz seine starken Trainingsleistungen. Peter Leitner sorgte mit Platz 5 für Zufriedenheit bei den Gastgebern und Walter Steiner meldete sich mit dem siebten Platz in der Weltspitze zurück. Einzig die Österreicher erlebten einen Totalabsturz. Bester Athlet war der 18-jährige Armin Kogler auf Platz 28. Pos. Springer Land Punkte 1 Matthias Buse 118,2 2 Martin Weber 110,1 3 Kari Ylianttila 109,3 4 Bernd Eckstein 105,7 5 Peter Leitner 105,1 6 Jochen Danneberg 104,7 7 Walter Steiner 101,3 8 Henry Glaß 94,8 9 Sakae Tsuruga 92,3 10 Per Bergerud 91,9
Garmisch-Partenkirchen Datum: 1. Januar 1978 Land: Schanze: Große Olympiaschanze Zuschauer: 15.000
Wie im Vorjahr hieß der überlegene Sieger des Neujahrsspringens Jochen Danneberg und die Punktverteilung war fast haargenau die Gleiche. Nur hieß damals der Geschlagene Toni Innauer, diesmal war es der Finne Ylianttila. Mit Sprüngen auf 95 und 93,5 m, was jeweils Durchgangsbestweite bedeutete, war der Thüringer das Maß der Dinge und setzte sich mit 13,4 Punkten vom zweitplatzierten Finnen ab. Beeindruckend war die Dominanz der DDR-Auswahl, die nach dem 1. Durchgang noch sieben Springer in den Top Ten hatte. Diese Stärke zeigte sich nun auch in der Gesamtwertung, in der sich, von Danneberg angeführt, nicht weniger als sechs DDR-Springer in den Top Ten befanden. Allein der Finne Ylianttila vermochte es, der DDR-Übermacht einigermaßen Paroli zu bieten. Aus Gastgebersicht war die erneute Top-Ten-Platzierung von Leitner erfreulich, Mitfavorit Steiner war mit Tagesplatz 9 auch noch im Rennen.Berliner Zeitung vom 2. Januar 1978, S. 6. Zwischenstand nach 2 Springen Pos. Springer Punkte1.Danneberg 340,32.Ylianttila330,53.Buse330,34.Eckstein 314,75.Glaß314,45.Weber314,4
Pos. Springer Land Punkte 1 Jochen Danneberg 235,6 2 Kari Ylianttila 222,2 3 Henry Glaß 219,6 4 Falko Weißpflog 218,3 5 Leoš Škoda 213,0 6 Matthias Buse 212,0 7 Bernd Eckstein 209,0 8 Peter Leitner 208,6 9 Walter Steiner 207,5 10 Jürgen Thomas 204,8
Innsbruck Datum: 4. Januar 1978 Land: Schanze: Bergiselschanze Zuschauer: 12.000 Bereits beim ersten Training am 2. Januar hatte sich gezeigt, dass der Kreis der Tagessiegfavoriten noch größer werden könnte. Während Ylianttila seine exzellente Form bestätigte, ließ nun auch Landsmann Törmänen mit 103 m aufhorchen. Hinzu kam auch der Norweger Bergerud mit 102 m. Darüber hinaus keimte bei den Österreichern Hoffnung auf, da Olympiasieger Karl Schnabl zurückgekehrt war und einen ordentlichen Eindruck hinterlassen hatte. Der nächste Trainingstag, der 3. Januar 1978, endete mit einem Schock für die DDR-Auswahl. Tourneefavorit und Gesamtführender Jochen Danneberg stürzt nach einem Sprung von 91 m kopfüber in den Auslauf. Er erlitt Schürfwunden im Gesicht und nach erster Diagnose eine Bänderzerrung im Sprunggelenk. In der Folge wurde der Knöchel eingegipst und Danneberg trat noch am gleichen Tag die Heimreise ein. Damit waren nun die Karten in der Gesamtwertung völlig neu gemischt, denn hinter dem Zweitplatzierten Ylianttila lag mit nur 0,2 Punkten Rückstand Matthias Buse aus der DDR.
Während sich der Probedurchgang für die DDR-Auswahl noch gut anließ, Falko Weißpflog stellte mit 106 m einen neuen Schanzenrekord auf, zeigten die DDR-Athleten ohne ihren Kapitän Jochen Danneberg leichtes Nervenflattern. So rutschte Matthias Buse nach Platz 2 im ersten Durchgang nach mäßigen 94 m noch auf den sechsten Rang und auch Falko Weißpflog wurde noch von den Podesträngen verdrängt. Letztlich stand das Springen am Bergisel im Zeichen der Skandinavier. Erstmals seit dem Garmischer Springen 1966 standen wieder drei Athleten aus Nordeuropa auf den Podestplätzen, wenngleich der Norweger Per Bergerud nicht unbedingt der erwartete Tagessieger war. Beeindruckend war das Abschneiden der Finnen, die alle drei Springer in den Top Ten unterbrachten, davon zwei auf dem Treppchen. Und auch für die Gastgeber gab es Erleichterung. Mit Claus Tuchscherer auf dem fünften Platz gab es die erste Top-Ten-Platzierung der Tournee für die ÖSV-Adler. In der Gesamtwertung führte nun Ylianttila mit einem Vorsprung von 16 Punkten, dahinter kamen allein fünf Springer aus der DDR.Neues Deutschland vom 5. Januar 1978, S. 5.
Zwischenstand nach 3 Springen Pos. Springer Punkte 1. Ylianttila 569,6 2. Buse 553,6 3. Weißpflog 536,2 4. Weber 532,9 5. Eckstein 532,8 6. Glaß 532,3
Pos. Springer Land Punkte 1 Per Bergerud 247,1 2 Kari Ylianttila 239,1 3 Jouko Törmänen 231,2 4 Falko Weißpflog 229,2 5 Klaus Tuchscherer 227,3 6 Matthias Buse 223,3 7 Jari Puikkonen 219,0 8 Martin Weber 218,5 9 Bernd Eckstein 218,1 10 Henry Glaß 217,9
Bischofshofen Datum: 6. Januar 1978 Land: Schanze: Paul-Außerleitner-Schanze Zuschauer: 10.000