mini|Gedenktafel für Hedwig Hintze in Berlin Hedwig Hintze (* 6. Februar 1884 in München als Hedwig Guggenheimer; † 19. Juli 1942 in Utrecht) war eine der ersten Historikerinnen Deutschlands und die zweite mit dem Abschluss der Habilitation. Ihr Spezialgebiet war die Geschichte der Französischen Revolution und deren Verfassungsgeschichte sowie die französische und deutsche Geschichtsschreibung zu diesem Thema. Sie lehrte an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin und gehörte zum Mitarbeiterstab des wichtigsten deutschen Fachorgans Historische Zeitschrift (HZ). 1933 wurden ihr mit Bezug auf ihre jüdische Herkunft die Lehrbefugnis und die Mitarbeit an der HZ entzogen, eine wissenschaftliche Arbeit in Deutschland war nicht mehr möglich. Es folgten Jahre des Exils.
Leben Ausbildung Hedwig Hintze war die Tochter des Bankiers Moritz Guggenheimer (1825–1902) und seiner Frau Helene geborene Wolff. Der Vater war Aufsichtsratsvorsitzender der Brauerei Löwenbräu, Stadtverordnetenvorsteher, erster Vorsitzender der Handels- und Gewerbekammer Oberbayern und spielte eine Rolle im wirtschaftlichen und politischen Leben in München. Hedwig erhielt zunächst Privatunterricht. Ab 1895 besuchte sie eine höhere Mädchenschule in München. Daneben wurde sie privat in Staaten-, Kunst- und Literaturgeschichte unterrichtet. Einige Aufenthalte im französischsprachigen Ausland erhöhten ihre Qualifikation so, dass sie 1901 die bayerische Staatsprüfung zur Französischlehrerin ablegen konnte. Im Herbst 1901 ging sie für ein Jahr an ein Mädcheninternat nach Brüssel. 1904 wurde sie Gasthörerin an der Universität München und hörte kulturwissenschaftliche Vorlesungen. 1908 zog sie nach Berlin, nachdem das Frauenstudium zugelassen worden war, und legte dort als eine der ersten Frauen zunächst ihr Abitur ab.
Ab 1910 studierte Hedwig Hintze Geschichte, Nationalökonomie und Germanistik an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. Für ihren Lebensweg wurde der Besuch der Veranstaltungen des bekannten Historikers der preußischen Verfassung, Otto Hintze, bedeutsam. 1912 heiratete sie den 23 Jahre älteren Hintze. Ihr Studium erfuhr wiederholt für einige Jahre Unterbrechungen. Während des Ersten Weltkriegs arbeitete sie zeitweise beim Roten Kreuz und musste sich mehrfach zwischen 1918 und 1920 der Pflege ihres häufig und schwer erkrankten Mannes widmen. In Vorlesungen hörte sie unter anderem Ernst Troeltsch.Hans Schleier: Die bürgerliche deutsche Geschichtsschreibung der Weimarer Republik. I. Strömungen – Konzeptionen – Institutionen; II. Die linksliberalen Historiker. Akademie der Wissenschaft der DDR, Berlin-Ost 1974, S. 272–275. Neben Vorlesungen ihres Mannes besuchte sie auch Veranstaltungen von Friedrich Meinecke über das Zeitalter der Französischen Revolution und der Befreiungskriege und beschäftigte sich bei Heinrich Herkner mit der Nationalökonomie. Ihre Professoren gehörten zu den wenigen eher liberalen Hochschullehrern.Hans Schleier: Die bürgerliche deutsche Geschichtsschreibung der Weimarer Republik. I. Strömungen – Konzeptionen – Institutionen; II. Die linksliberalen Historiker. Akademie der Wissenschaft der DDR, Berlin-Ost 1974, S. 275. In Verbindung der politischen mit der Verfassungsgeschichte entstand ihr Promotionsthema, die Municipalgesetzgebung der Constituante. Diese Arbeit konnte sie 1924 zur Promotion einreichen. Ihr Doktorvater war Friedrich Meinecke. Am 24. Juni 1924 erhielt die Kandidatin Frau Geh. Rat Hintze die Promotionsurkunde mit dem Prädikat Summa cum laude.
Historikerin in Berlin bis 1933 Hedwig Hintzes Doktorarbeit war Teil eines großen Forschungsvorhabens zur französischen Verfassungs- und Revolutionsgeschichte, das sie weiter betrieb, um habilitiert zu werden. Wichtige Einflüsse bei dieser Arbeit erfuhr sie von ihrem Mann Otto Hintze, der sie in ihren Vorhaben immer sehr unterstützte. Auf Grund von jahrelangen Vorarbeiten konnte sie die Habilitationsschrift schon 1928 einreichen. 1929/1930 verbrachte sie einen Forschungsaufenthalt bei Albert Mathiez an der Sorbonne in Paris, der sie durch seine Persönlichkeit wie durch seine Arbeitsweise tief beeindruckte.Hedwig Hintze: Albert Mathiez (1874–1932). In: Tijdschrift voor Geschiedenis, Jg. 55 (1940), S. 42–49, hier S. 48.
In der Zwischenzeit publizierte sie auch viele Aufsätze in Zeitschriften und Büchern. So schrieb sie die Einleitung zu Alphonse Aulards Geschichte der Französischen Revolution. Hintze schrieb auch in sozialistischen Zeitschriften, vor allem in dem Theorieorgan der SPD Die Gesellschaft, in den Sozialistischen Monatsheften oder dem Fachorgan Die Justiz. Sie hatte keinerlei Berührungsängste mit linken Publikationsorganen. Sie hatte eine etwas andere Sichtweise auf die Geschichte Deutschlands als viele ihrer Kollegen von der Historikerzunft. Viele Ideen teilte sie mit ihrem großen politischen Vorbild Hugo Preuß. Im Gegensatz zum Gros der konservativen Historiker bejahte sie die Verfassung von Weimar, die Preuß entworfen hatte.Robert Jütte: Hedwig Hintze (1884–1942) – Die Herausforderung der traditionellen Geschichtsschreibung durch eine linksliberale jüdische Historikerin. In: Walter Grab: Juden in der deutschen Wissenschaft. Nateev Pr. and Publ. Enterprises, Tel-Aviv 1986, S. 262 ff. Diese demokratischen Ideen vertrat sie überzeugt und gekonnt gegen manche konservative Vertreter ihres Faches. Eine Mitarbeit an der Historischen Zeitschrift wurde ihr angeboten; sie betreute dort den Rezensionsteil und schrieb selber unzählige Fachrezensionen. Nach ihrer Habilitation lehrte sie an der Berliner Universität und führte dort bis dato wenig beachtete Themen wie die Geschichtsschreibung der Moderne ein. Ihr lag daran, ein vertieftes Verständnis der modernen französischen Geschichtsschreibung in der deutschen Historikerszene und in der Ausbildung der Studierenden zu etablieren.
Hedwig Hintzes Schicksal nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 wurde ihr als Jüdin im nationalsozialistischen Deutschland die Lehrberechtigung entzogen. Auch ihre Mitarbeit bei der Historischen Zeitschrift musste sie 1933 aufgeben, als der federführende Herausgeber Friedrich Meinecke die Unabhängigkeit seiner Zeitschrift mit der Entlassung jüdischer Mitarbeiter erreichen wollte. Otto Hintze als jahrelanger Mitherausgeber schrieb daraufhin an Meinecke, er werde mit sofortiger Wirkung seine Herausgeberschaft beenden, um jeden gegenüber der nationalsozialistischen Kulturpolitik zu vermeiden.Peter Th. Walther: Emigrierte Historiker in den Vereinigten Staaten 1945–1950. Blick oder Sprung über den Großen Teich? In: Christoph Cobet (Hrsg.): Einführung in Fragen an die Geschichtswissenschaft in Deutschland nach Hitler 1945–1950. Cobet, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-925389-02-4, S. 41–50, hier S. 42.