mini|Franz Mehring
Franz Erdmann Mehring (* 27. Februar 1846 in Schlawe in Pommern; † 28.Gerhard Engel, Bärbel Holtz, Gaby Huch, Ingo Materna (Hrsg.): Groß-Berliner Arbeiter- und Soldatenräte in der Revolution 1918/19. Dokumente der Vollversammlungen und des Vollzugsrates. Vom Ausbruch der Revolution bis zum 1. Reichsrätekongress. Akademie-Verlag, Berlin 1997, S. 528, Anm. 5; Alexander Mühle, Arnulf Scriba: Franz Mehring 1846–1919. In: LeMO, 14. September 2014. oder 29. Januar 1919 in Berlin) war ein deutscher Publizist und Politiker. Zu Beginn seines Schaffens eher bürgerlich-demokratische und zwischenzeitig auch nationalliberale Positionen vertretend, wandte er sich im Laufe der 1880er Jahre der Sozialdemokratie und dem Marxismus zu. Er war einer der bedeutendsten marxistischen Historiker seiner Zeit und verfasste unter anderem eine bedeutende Biografie zu Karl Marx. Als Publizist äußerte er sich häufig zu politischen und gesellschaftlichen Fragen seiner Zeit, wobei einige seiner Äußerungen zum Judentum von Teilen der Forschung als antisemitisch bewertet werden.
Leben Herkunft, Ausbildung, Studium Franz Mehring war der Sohn von Carl Wilhelm Mehring, einem ehemaligen Offizier und höheren Steuerbeamten, und Henriette Mehring, geborene Schulze. Er besuchte das Gymnasium in Greifenberg und studierte vom 30. Oktober 1866 bis 1868 Klassische Philologie an der Universität Leipzig und vom 28. November 1868 bis zur Zwangsexmatrikulation am 12. Juli 1870 an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. In Leipzig gehörte er seit 1867 zeitweise der Leipziger Burschenschaft Dresdensia an.Karl Römpler: Festgabe zum fünfzigsten Stiftungsfeste der Burschenschaft Dresdensia zu Leipzig – 1853–1903. Dieterich, Göttingen 1902. Er promovierte am 9. August 1882 an der Universität Leipzig zum Dr. phil. mit der Dissertation: „Die deutsche Sozialdemokratie. Ihre Geschichte und ihre Lehre“.Die Arbeit war schon vorher bei C. Schünemann in Bremen 1877 erschienen. Die Arbeit wurde mit „löblich“ beurteilt, die Promotion fand „sine examine“ statt.Thomas Höhle: Franz Mehring. Sein Weg zum Marxismus. Berlin 1958, S. 156.
Erste politische Präferenzen und publizistische Aktivitäten Politisch war er zunächst bürgerlicher Demokrat. Seit 1870 arbeitete er für verschiedene Tages- und Wochenzeitungen. 1868 wechselte er zum weiteren Studium nach Berlin und arbeitete zunächst in der Redaktion der demokratischen Tageszeitung Die Zukunft (Herausgeber Johann Jacoby und Guido Weiss). mini|Gedenktafel am Hause Beymestraße 7, Berlin-Steglitz Bereits 1867 traf Mehring in Berlin auf August Bebel und Wilhelm Liebknecht, ohne dass dies zunächst Folgen für seinen politischen Standpunkt gehabt hätte. Vielmehr wandte er sich unter dem Eindruck des Krieges von 1870/71 vorübergehend von den Demokraten ab und dem nationalliberalen Lager zu. In den folgenden Jahren kehrte er jedoch zu seinen demokratischen Positionen zurück. 1871 bis 1874 berichtete er für das „Oldenberg’sche Korrespondenzbüro“ über Reichstags- und Landtagssitzungen und wurde zu einem bekannten Parlamentsreporter. Danach arbeitete er als politischer Korrespondent für Die Waage. Wochenblatt für Politik und Literatur.Gustav Mayer: Erinnerungen: Vom Journalisten zum Historiker der deutschen Arbeiterbewegung. Zürich/München 1949. (Reprint: Hildesheim 1993, ISBN 3-487-09688-9, S. 198, ) Hier veröffentlichte er 1875 eine Artikelserie gegen Heinrich von Treitschke, die kurze Zeit später als Buch unter dem Namen Herr von Treitschke, der Sozialistentödter und die Endziele des Liberalismus – Eine sozialistische Replik erschien. Er arbeitete auch für die demokratisch orientierte Frankfurter Zeitung des jüdischen Verlegers Leopold Sonnemann, der der Sozialdemokratie nahestand und von den Parteiführern geschätzt wurde. Im Mai 1876 wandte sich Mehring in einem Artikel in der Staatsbürger-Zeitung gegen seinen Verleger.Werner Ruch: Mit Franz Mehring aus der Geschichte lernen: Beiträge zu Leben und Werk. Norderstedt 2010, ISBN 978-3-8482-0818-0, S. 13. Er warf ihm vor, Bestechungsgelder angenommen und während der Gründerkrise an kriminellen Börsenspekulationen teilgenommen zu haben. Damit griff Mehring nach Ansicht des Historikers Robert Wistrich eine Kampagne von radikalen Antisemiten vom Schlage eines Otto Glagau und Wilhelm Marr auf. Mehrings Beschuldigungen gegen Sonnemann wurden von der Führung der Sozialdemokratie unter August Bebel und Wilhelm Liebknecht öffentlich abgelehnt. Diese Auseinandersetzung führte zu einem 15 Jahre dauernden Riss zwischen Mehring und der Sozialdemokratie.Robert S. Wistrich: Anti-capitalism or antisemitism? The case of Franz Mehring. In: Leo Baeck Institute Year Book. 22, 1977, S. 37. Die Führung der Sozialdemokratie betrachtete Mehring mit Misstrauen, zumal Mehring danach mehrere antisozialistische Arbeiten verfasste. Vor allem sein Buch Die Deutsche Socialdemokratie, ihre Geschichte und ihre Lehre (1877) wurde von der SPD heftig kritisiert.Hermann Weber, Andreas Herbst: Mehring, Franz. In: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945. 2., überarb. und stark erw. Auflage. Karl Dietz Verlag Berlin, Berlin 2008, ISBN 978-3-320-02130-6. Ab 1878 bis 1884 arbeitete Mehring für die Bremer Weser-Zeitung, 1883/84 für die Demokratischen Blätter.
Allerdings las er um 1880 intensiv die Schriften von Karl Marx, die ihn stark beeinflussten. Die Kritik an den Sozialistengesetzen und die Überzeugung, dass Bismarcks Sozialgesetzgebung keine grundlegende Lösung der Sozialen Frage bringen würde, führten zu einer Wiederannäherung an die Sozialdemokratie. Zwischen 1884 und 1890 war Mehring Mitarbeiter der liberalen Volks-Zeitung. Organ für Jedermann aus dem VolkeDiese Zeitung erschien vom 5. April 1853 bis zum 30. Juni 1904 unter diesem Titel. und im April 1889 ChefredakteurThomas Höhle: Franz Mehring. Sein Weg zum Marxismus. Berlin 1958, S. 245. dieser Zeitung.1884 bis 1886 war der Chefredakteur der Zeitung Adolph Phillips und sein Nachfolger war Hermann Trescher. In dieser Zeit entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis zu August Bebel und Paul Singer.Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der SPD, abgehalten zu Dresden. Berlin 1903, S. 166, 218, 242. Im Sommer 1890 wurde Mehring in eine Auseinandersetzung mit Paul Lindau verwickelt.Franz Mehring: Der Fall Lindau. Berlin 1890. Dieser hatte versucht, seine ehemalige Freundin, die Schauspielerin Elsa von Schabelsky, an der Berufsausübung an allen Theatern Berlins zu hindern, was Mehrings journalistisches Engagement für die Frau provozierte.Robert S. Wistrich: From Ambivalence to Betrayal. The Left, the Jews and Israel. University of Nebraska Press, Lincoln 2012, S. 160. Dies hatte auch den Bruch mit den Besitzern der Volks-Zeitung, Rudolf Mosse und Emil Cohn, zur Folge.Thomas Höhle: Franz Mehring. Sein Weg zum Marxismus. Berlin 1958, S. 267–284. Noch im gleichen Jahr wurde ihm die Leitung der Zeitung entzogen.Franz Mehring. In: Laut Robert S. Wistrich waren die Gründe dafür der politische Kampf Mehrings wie beispielsweise sein Eintreten gegen die Sozialistengesetze, der durch häufige Verbote zu einer Existenzgefährdung der Zeitung geführt hatte.
mini|hochkant|Franz-Mehring-Denkmal von Heinrich Apel am gleichnamigen Platz in Berlin-Friedrichshain.
Engagement für die Sozialdemokratie Im Jahr 1891 trat Mehring der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands bei. In der Folgezeit arbeitete er für verschiedene sozialdemokratische Blätter. Von Juni 1891 bis 1913 schrieb er Leitartikel für Die Neue Zeit, damals die wichtigste theoretische Zeitschrift der SPD und stark marxistisch geprägt.Josef Schleifstein: Franz Mehring. Sein marxistisches Schaffen. Berlin 1959. Von 1902 bis 1907 war Mehring Chefredakteur der sozialdemokratischen Leipziger Volkszeitung. Bis 1913 blieb er weiter Mitarbeiter des Blattes. Außerdem publizierte er im Vorwärts und anderen sozialdemokratischen Blättern. In den Jahren 1913/14 war er Mitherausgeber der Sozialdemokratischen Korrespondenz. Neben der publizistischen Tätigkeit lehrte Mehring von 1906 bis 1911 an der zentralen Parteischule der SPD. Daneben war er von 1892 bis 1895 Leiter des Vereins der Freien Volksbühne in Berlin. 1917/1918 war er Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses. Innerhalb der SPD blieb der bildungsbürgerlich geprägte Mehring ein Außenseiter. Der Parteivorsitzende August Bebel schrieb am 20. März 1892 an Friedrich Engels:
Opposition zur Mehrheitssozialdemokratie In den innerparteilichen Grundsatzdebatten vor dem Ersten Weltkrieg, bei dem etwa Eduard Bernstein und der neue Parteivorsitzende Friedrich Ebert revisionistische, reformorientierte Positionen vertraten, beharrte Mehring ähnlich wie Karl Liebknecht auf der traditionellen Vorstellung vom Klassenkampf. Während des Ersten Weltkrieges distanzierte er sich aufgrund der Burgfriedenspolitik und der Zustimmung großer Teile der Partei zu den Kriegskrediten weiter von der SPD. Gemeinsam mit Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Clara Zetkin sah er darin eine Unterwerfung unter die herrschende Klasse und den Tod der Internationale.Helga Grebing: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. dtv. München 1973, S. 142. Dieser Streit spaltete die Partei. Mehring war 1915 Mitherausgeber der Zeitschrift Die Internationale und gründete 1916 mit anderen führenden Linken in der SPD die Spartakusgruppe. Im August 1916 wurde Mehring für vier Monate in militärische Sicherheitshaft genommen, aufgrund seines hohen Alters unter schonenden Bedingungen. Die Haft verbrachte er gemeinsam mit dem führenden Spartakusmitglied Ernst Meyer in der Berliner Stadtvogtei.André Keil, Matthew Stibbe: Ein Laboratorium des Ausnahmezustands. Schutzhaft während des Ersten Weltkriegs und in den Anfangsjahren der Weimarer Republik – Preußen und Bayern 1914 bis 1923. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 68 (2020), Heft 4, S. 535–573, hier S. 546. 1917 trat er der USPD bei, die für eine sofortige Beendigung des Krieges eintrat. Mehring war Ende 1918 entscheidend an der Vorbereitung des Gründungsparteitages der KPD beteiligt, welche die Arbeit des Spartakusbundes fortführte.
Wirken Verhältnis zum Judentum