Die Schlacht um Cholm, auch Kessel von Cholm, fand während des Zweiten Weltkrieges an der deutsch-sowjetischen Front im Bereich der Heeresgruppe Nord statt. Sie begann am 18. Januar 1942 mit einem Angriff sowjetischer Partisanen auf den deutsch besetzten Verkehrsknotenpunkt Cholm (). Wenige Tage darauf schloss die Rote Armee die Stadt samt ihrer Besatzung ein. Cholm wurde über drei Monate lang aus der Luft versorgt, bevor deutsche Truppen durch einen Entsatzangriff im Mai 1942 wieder Verbindung mit der Besatzung aufnehmen konnten.
Während der Schlacht um Cholm wurden zum ersten Mal an der Ostfront deutsche Truppen über einen längeren Zeitraum von gegnerischen Verbänden eingekesselt. Nach dem Ende der Kämpfe wurde die Schlacht in der NS-Propaganda zum sogenannten „Heldenkampf deutscher Soldaten“ stilisiert. Der Sieg förderte die für die deutsche Seite verheerende Vorgangsweise beim späteren Kessel von Stalingrad.
Vorgeschichte mini|Verschneite Landschaft im Kessel von Cholm, Januar 1942
Die Stadt Cholm ist Hauptstadt des gleichnamigen Rajons in der Oblast Nowgorod. Sie liegt am Zusammenfluss von Lovat und Kunja und wird durch den Lauf dieser Flüsse und ihrer Steilufer geteilt. Die Stadt zählte Anfang 1942 etwa 6.100 Einwohner und erlangte ihre Bedeutung zum einen als wichtiger Flussübergang und zum anderen als Kreuzung je einer befestigten Fahrbahn in Nord-Süd sowie in Ost-West-Richtung. Cholm war somit ein Verkehrsknotenpunkt auf der einzigen witterungsbeständigen Nord-Süd-Verbindung zwischen Staraja Russa und Toropez, denn der größte Teil der umliegenden Landschaft war Sumpfgelände.Ernst Klink: Heer und Kriegsmarine. S. 633, Fn. 673. Bereits am 3. August 1941 war der Ort von Verbänden der Wehrmacht eingenommen worden. Danach hatte sich in der Umgebung eine Brigade sowjetischer Partisanen gebildet, die in geringem Maß gegen die rückwärtigen deutschen Verbindungslinien operierte.В. А. Пережогин: Холм. In: Советская Военная Энциклопедия. Bd. 8, Москва 1980, S. 384. In den Monaten von August 1941 bis Januar 1942 diente Cholm den deutschen Truppen lediglich als Versorgungsbasis und Umschlagplatz, der in einiger Entfernung von der Front nur von Trossen, rückwärtigen Diensten und schwachen Sicherungskräften besetzt war.Otto Karsten: Cholm. 1944, S. 8.
Nachdem der deutsche Vormarsch im Dezember 1941 in der Schlacht um Moskau zum Stehen gebracht worden war, schritt die Stavka (sowjetisches Hauptquartier) im Januar 1942 zur Gegenoffensive. Am 8. Januar 1942 begann mit der Toropez-Cholmer Operation die Offensive der 3. Stoßarmee (Generalleutnant Maxim Alexejewitsch Purkajew) zwischen Dolmaticha und Selischarowo, unterstellt waren die 23., 33., 257. und 391. Schützendivision, dazu kamen 4 Ski-Bataillone. Der gemeinsame Angriff mit der 4. Stoßarmee überraschte den rechten Flügel der Heeresgruppe Nord, der von der 16. Armee südlich des Ilmen-Sees gebildet wurde. Bereits am nächsten Tag erzielten die sowjetischen Verbände erste Einbrüche in die deutsche Front und weiteten sie in den folgenden Tagen aus. Da das Oberkommando des Heeres (OKH) eine Absetzbewegung kategorisch ausgeschlossen hatte, um den Anschluss zur Heeresgruppe Mitte nicht zu verlieren, versuchte der neu ernannte Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nord, Generaloberst Georg von Küchler, die feindlichen Einbrüche mit anderswo herausgelösten Truppen abzuriegeln. Er beorderte dazu am 18. Januar 1942 das XXXIX. Armeekorps (mot.), während für die Sicherung des Verkehrsknotenpunktes Cholm die 218. Infanterie-Division vorgesehen war. Diese hatte in Dänemark gestanden; die Verlegung in den Raum Cholm war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen.Ernst Klink: Heer und Kriegsmarine. S. 629–632. Sie traf mit Teilkräften erst ab dem 28. Januar im Frontgebiet ein.Halder-Tagebuch 13. Januar 1942: zit. nach KTB, Bd. 2, S. 220.
Operationsverlauf Partisanenangriff Nachdem der sowjetische Großangriff begonnen hatte, gewann er schnell Raum in Richtung der Lovat, während die deutschen Truppen ausweichen mussten. Bereits am 17. Januar 1942 kämpfte nur noch eine deutsche Kampfgruppe in Regimentsstärke östlich von Cholm.KTB, Bd. 2, S. 236, Eintrag vom 18. Januar 1942. Um diesen wichtigen Verkehrsknotenpunkt zu erobern, plante der sowjetische Stabschef der Nordwestfront, Generalleutnant N. F. Watutin, eine enge Zusammenarbeit mit der 2. Leningrader Partisanenbrigade unter dem Kommando von Oberstleutnant N. G. Wassiljew. Diese sollte die Stadt in der Nacht vom 17. auf den 18. Januar besetzen und bis zum Eintreffen der regulären Truppen halten. Nach sowjetischen Angaben beteiligten sich an der folgenden Aktion acht Partisanen-Abteilungen mit ungefähr 800–1000 Mann aus einem Umkreis von 80 Kilometern.А. Н. Асмолов: За линией фронта. In: Autorenkollektiv: На Северо-Западном фронте. Москва 1969, S. 279.
Am Abend des 17. Januar gingen diese in Bereitstellung und sperrten alle Zufahrts- und Verbindungswege zum Ort. Am Morgen des 18. Januar um 4:00 Uhr griffen sie schließlich aus drei Richtungen an, wobei der Hauptstoß von Westen erfolgte, weil dort die Stadt am wenigsten befestigt war. Der Angriff war stark genug, um das OKW aufmerksam zu machen. „Starker Partisanenangriff gegen Cholm“ wurde im Kriegstagebuch notiert,KTB, Bd. 2, S. 239, Eintrag vom 19. Januar 1942. während die sowjetische Geschichtsschreibung später betonte, dass es sich um die bis dahin größte sowjetische Partisanen-Operation gehandelt habe.А. Н. Асмолов: За линией фронта. S. 278. Die deutschen Soldaten waren davon überrascht und zogen sich bis 11:00 Uhr ins Zentrum der Stadt zurück. Dort leisteten sie von der Kirche und dem GPU-Gefängnis aus erfolgreich Widerstand. Die sowjetische 33. Schützendivision, welche die Partisanen eigentlich erreichen sollte, wurde durch deutsche Truppen östlich von Cholm aufgehalten. Ohne Unterstützung und Munition mussten sich die Partisanen schließlich am frühen Abend zurückziehen.Angeblich sollen die Deutschen dabei etwa 500–600 Mann, 99 Maschinengewehre, zwei Funkstationen und anderes Material verloren haben, sowjetische Verluste sollen hingegen lediglich 52 Mann betragen haben; siehe: В. А. Пережогин: Холм. In: Советская Военная Энциклопедия. Bd. 8, Москва 1980, S. 384 und А. Н. Асмолов: За линией фронта. S. 280. Vereinzelte Kämpfe mit den Partisanen dauerten noch bis zum 21. Januar an.KTB, Bd. 2, S. 248, Eintrag vom 22. Januar 1942.
Einschließung der Stadt mini|hochkant=1.5|Offensive der Roten Armee südlich des Ilmensees, 7. Januar – 21. Februar 1942
In der Nacht zum 19. Januar 1942 traf der Kommandeur der 281. Sicherungs-Division Generalmajor Theodor Scherer mit seinem Divisionsstab ein und übernahm den Gesamtbefehl über die im Raum Cholm stehenden Verbände.Otto Karsten: Cholm. 1944, S. 9. Die Division hatte bisher im rückwärtigen Gebiet der Heeresgruppe Nord Sicherungsaufgaben gegen Partisanen wahrgenommen und musste mit Teilen nunmehr die Fronttruppen verstärken. Bis zur Einschließung der Stadt war jedoch nur ihr Kommandeur Scherer in Cholm eingetroffen. Somit standen zur Verteidigung des Ortes nur wenige kleinere Einheiten verschiedener Verbände zur Verfügung. Im Wesentlichen waren dies drei Kompanien des Reserve-Polizei-Bataillons 65, drei Kompanien Infanterie, Teile des Infanterie-Regiments 386, Trosse und Angehörige der rückwärtigen Dienste, die sich im Raum Cholm befanden. Dies waren zunächst nur etwa 3500 Mann.Ernst Klink: Heer und Kriegsmarine. S. 632.Samuel Mitcham gibt in German Order of Battle, volume 1, 2007, S. 332, fälschlicherweise 5.000 Mann im Kessel von Cholm an. Unter dem Druck des sowjetischen Vormarsches zogen sich weitere Wehrmachtverbände von Osten her auf Cholm zurück, welche in der Folge die „Kampfgruppe Scherer“ verstärkten. Ebenso gelangten noch Teile eines Infanterieregimentes und des Jagdkommandos 8 in den Kessel.Otto Karsten: Cholm. 1944, S. 10.
Bereits am 16. Januar hatte die sowjetische 3. Stoßarmee den Befehl zur Einnahme Cholms bis zum 19. Januar erhalten.А. Исаев: Краткий курс истории ВОВ – Наступление маршала Шапошникова. Москва 2005, S. 155f. Am 17. Januar, dem Vorabend des Partisanenüberfalls, standen ihre Verbände 20–25 km östlich der Stadt in der Nähe des Ortes Krasnij Klin. Purkajev konnte nur die 33. Schützendivision (Oberst A. K. Makarjew) von Osten her auf Cholm ansetzen,Als Purkajev gemeldet wurde, dass etwa 1500 Deutsche Cholm verteidigten, tat er das als übertrieben ab. In seinen Augen war die 33. Schützendivision in jedem Fall ausreichend, um die Eroberung des Ortes zu gewährleisten, siehe: Г. Г. Семёнов: Наступает ударная. Воениздат, Москва 1986, S. 28 f. denn die Panzer des 146. Panzerbataillons waren wegen Treibstoffmangels zurückgeblieben. Allgemein gestaltete sich die Versorgung auch auf sowjetischer Seite schwierig.В. В. Бешанов: Год 1942. Минск 2002, S. 48. Die Division erreichte den Stadtrand erst am 20. Januar, während die 257. Schützendivision und die 31. Schützenbrigade die Stadt im Süden umgingen.А. Исаев: Краткий курс истории ВОВ – Наступление маршала Шапошникова. Москва 2005, S. 159. Bis zum 22. Januar hatten diese drei Verbände den Ort eingeschlossen.M. А. Пoлушкин: Торопөцко-Холмская Опөрация. In: Советская Военная Энциклопедия. Bd. 8, Москва 1980, S. 76.
Noch am 21. Januar begannen das 73. und 82. sowjetische Schützenregiment der 33. Schützendivision von Süden und Südwesten her einen ersten Großangriff, der zur Eroberung des Westteiles der Stadt und der Lovat-Brücke führte.Г. Г. Семёнов: Наступает ударная. Воениздат, Москва 1986, S. 30. Für die deutschen Truppen gestaltete sich die Lage dabei schwierig, da es im Kessel bereits an Granaten und sonstiger Munition fehlte und sich der Gefechtsstand der Kampfgruppe selbst schon fast in der vordersten Linie befand.Otto Karsten: Cholm. 1944, S. 11 f.
mini|links|hochkant=1.5|Straße mit beschädigten Holzgebäuden in Cholm