mini|Büste im Louvre, die häufig, aber wohl fälschlicherweise als Porträt des Antiochos III. bezeichnet wirdKlaus Fittschen: Lesefrüchte IX. In: Boreas. Münstersche Beiträge zur Archäologie. Band 45/46, 2022/2023, S. 95–113, hier S. 96–103.
Antiochos III. (; * 242 v. Chr.; † Juni/Juli 187 v. Chr. bei Susa), bekannt als Antiochos der Große, war von 223 bis 187 v. Chr. König des Seleukidenreiches und einer der bedeutendsten hellenistischen Herrscher. Er war ein Sohn von Seleukos II. und jüngerer Bruder von Seleukos III., dessen Nachfolge er antrat. Antiochos’ Beiname „der Große“ wurde dem König nach seiner Rückkehr von der Anabasis in Anerkennung für seine Leistungen verliehen.
Vorgeschichte Antiochos bestieg den Thron nach der Ermordung seines Bruders Seleukos III. im Jahr 223 v. Chr. während eines Feldzuges in Kleinasien gegen Attalos I. von Pergamon. Seleukos hatte gerade einmal knapp drei Jahre das Seleukidenreich regiert, das eine lange Phase des Machtverlusts hinter sich hatte. Einen vorläufigen Höhepunkt markierte der Kollaps, der infolge des Dritten Syrischen Krieges (246–241 v. Chr.) und der anschließenden Wirren eintrat. In diesem Krieg versuchte der Ptolemäer Ptolemaios III. einen eigenen Thronprätendenten gegen Seleukos II., den Vater des Seleukos III. und Antiochos III., durchzusetzen. Hieraus erwuchs eine Reihe von schweren Hypotheken, die das Seleukidenreich nachhaltig schwächten. Infolge des Krieges wurden sowohl Syrien als auch große Teile von Babylonien von den Ptolemäern zeitweilig erobert. Zwar konnte Ptolemaios III. nicht, wie erhofft, seinen eigenen Kandidaten, der zuvor ermordet worden war, auf dem seleukidischen Thron installieren, aber dafür die wichtigsten Küstenstädte in Kleinasien und der Levante sichern.
Seleukos II. konnte später die ökonomisch wichtigen Gebiete in Syrien und Mesopotamien wieder unter seine Herrschaft bringen, musste aber mit den weitreichenden Verheerungen in seinem Reich zurechtkommen. Zusätzlich hatte sich sein Bruder Antiochos Hierax in Kleinasien gegen ihn erhoben und die Gebiete westlich des Taurosgebirges unter seine Kontrolle bringen können. Mit Unterstützung der lokalen Könige in Pontos und Bithynien sowie mithilfe galatischer Söldner konnte sich Antiochos Hierax in Kleinasien halten. Zusätzlich erhielt er finanzielle Unterstützer durch die Ptolemäer, die an einer langfristigen Schwächung des Seleukidenreiches interessiert waren. Somit sah sich Seleukos II. mit einer permanenten Bedrohung seiner Reichzentralen in Syrien und Babylonien durch seinen Bruder konfrontiert, was seinen politischen und militärischen Handlungsspielraum massiv einschränkte. Erst als Attalos I. von Pergamon zugunsten einer eigenen Expansion gegen Antiochos Hierax vorging, konnte Seleukos II. wieder in Kleinasien Fuß fassen. Diese Restaurationspolitik wurde nach Seleukos’ Tod von seinem Sohn Seleukos III. bis zu dessen Tod fortgeführt.
Zahlreiche Satrapien, die sich in der Peripherie des Reiches befanden, wie Parthien, Baktrien, Atropatene oder Armenien waren bereits schleichend abgefallen, ohne dass die seleukidischen Herrscher etwas dagegen zu unternehmen vermochten. Die Satrapien östlich des Zagros-Gebirges (meist unter der Bezeichnung Obere Satrapien zusammengefasst) umfassten ein riesiges und kulturell bzw. ethnisch sehr heterogenes Gebiet, dessen effektive Kontrolle sich für die seleukidischen Könige als äußerst schwer erwies. Die lokalen Machthaber und Satrapen waren meist weit von den seleukidischen, königlichen Zentren in Mesopotamien und Syrien entfernt und bekamen daher eine größere Autonomie zuerkannt. Allerdings variierte der Grad der Autonomie der Satrapien je nach geographischer Nähe zum Reichszentrum. Die westlichen Satrapien wie Medien, Susiana oder die Persis waren traditionell enger an den seleukidischen König gebunden. Sie bildeten einen Sicherheitsgürtel und Puffer rund um das ökonomisch wichtige Mesopotamien. Die östlichen Satrapien wie Baktrien und Parthien indes unterstanden meist nur formell den seleukidischen Königen und mussten unter Umständen militärische Hilfsleistungen erbringen. Als jedoch die seleukidische Macht infolge des Vierten Syrischen Krieges zu wanken begann, lösten sich der Satrap in Baktrien und der Satrap in Parthien in den 240er Jahren v. Chr. und ließen sich zu Königen (als Zeichen der Ablegung der seleukidischen Hoheit) proklamieren.Iustin 41,4,4f.; Lerner 1999, S. 33f.; Sherwin-White, Kuhrt 1993, S. 107.
Allerdings konnte Antiochos III. bei Beginn seiner Regierung auf die ersten Erfolge seiner Vorgänger bauen, die mit ihrer Restaurationspolitik durchaus Erfolg gehabt hatten. Die ökonomisch, militärisch und politisch wichtigsten Zentren in Syrien und Babylonien konnten beinahe vollständig zurückerobert werden (mit Ausnahme der wichtigen Hafenstadt Seleukeia Pieria, die weiterhin ptolemäisch besetzt blieb). Hierdurch konnte bereits schon Seleukos III. bei seinem Kleinasienfeldzug gegen Attalos I. ein beachtliches militärisches und ökonomisches Potenzial ins Feld führen. Lediglich die Ptolemäer konnten vergleichbare Kräfte aufbieten, die in eine effektive Konkurrenz zu den seleukidischen Ressourcen treten könnten.
Leben Konsolidierung des Reiches (223–213) Umstände der Thronbesteigung Seleukos III. wurde im Jahr 223 v. Chr. in einem Heerlager in Kleinasien von dem galatischen Söldner Apaturios und einem gewissen Nikanor ermordet.Polybios 4,48 Wer die Hintermänner des Mordes an Seleukos III. waren, konnte nicht geklärt werden, da die Mörder kurze Zeit später hingerichtet und keinerlei Ermittlungen angestellt wurden. John Grainger betont aber, dass sich nicht die Frage stelle, ob jemand aus dem höfischen Umfeld am Mord beteiligt gewesen wäre. Die zentrale Frage sei, wie viele Höflinge Teil des Mordkomplotts waren.Grainger 2015, S. 5f. Eine Beteiligung des Antiochos III. gilt als unwahrscheinlich, da er sich zum Zeitpunkt der Ermordung seines Bruders in Babylon aufhielt.Polybios 5,40 Wahrscheinlich wohnte er babylonischen, religiösen Riten bei, die traditionell bei ihrer Ausführung eine Teilnahme einer Person aus königlichem Geschlecht erforderten. Außerdem könnte Antiochos absichtlich von Seleukos III. und dessen Gefolge in Babylon kaltgestellt worden sein, um in keiner Konkurrenz zu seinem Bruder stehen zu können. Den weiteren Feldzug gegen Attalos I. übernahm auffällig reibungslos der Vetter des Antiochos III., Achaios, der als lokaler Dynast in Kleinasien wohl eigene, persönliche Ziele im Sinne einer Ausdehnung der eigenen Macht verfolgte. Die königlichen Truppen wurden vom angesehenen General Epigenes zurück nach Syrien geführt. Achaios blieben lokale und eigene Truppenkontingente. Als Antiochos in Antiochia ankam, waren die Karten bereits unter den mächtigsten Akteuren im Reich verteilt. Der Satrap Molon wurde in seiner Position in Medien und den Oberen Satrapien bestätigt und Achaios erhielt die Gebiete östlich des Taurosgebirges in Kleinasien. Politiker und Militärs wie Hermeias oder der genannte Epigenes versuchten, ihren Einfluss auf den noch jungen König Antiochos durchzusetzen. Polybios schreibt hierzu, dass zu diesem Zeitpunkt keiner der politischen Akteure den jungen König ernst nahmPolybios 5,41,1 und Antiochos als potenziell schwacher König angesehen wurde.
Die Revolte des Molon Bereits um das Jahr 222 erhob sich der Satrap Molon gegen Antiochos’ Herrschaft. Die Gründe für den Aufstand liegen im Dunkeln, da Polybios, die Hauptquelle für diesen Zeitraum, nur vage bleibt. Polybios schreibt, dass Molon und sein Bruder Alexandros (Satrap in der Persis) sich gegen Antiochos’ Minister Hermeias zur Wehr setzten. Dieser würde grausam über den Hof herrschen und eifersüchtig Konkurrenten ermorden oder beseitigen lassen.Polybios 5,41 Der Aufstand des Molon in den Oberen Satrapien, dem Gebiet östlich des Zagros-Gebirges, sollte zunächst von den beiden Generälen Theodotos Hemiolios und Xenon unter Kontrolle gebracht werden, da Antiochos bereits für einen Krieg gegen das ptolemäische Ägypten rüstete. Aber Molon konnte die beiden Generäle durch sein schnelles Vorrücken überrumpeln, so dass sie sich kampflos zurückzogen. Wahrscheinlich hatte Antiochos gehofft, dass die Revolte schnell beendet sein würde und hatte Theodotos Hemiolios und Xenon nur sehr wenige Soldaten mitgegeben. Deshalb wurde ein weiterer General namens Xenoitas mit einigen Truppen entsandt, der aber bei Ktesiphon durch eine List Molons geschlagen wurde und fiel. Anschließend konnte Molon eine der wichtigsten Provinzen des Seleukidenreiches (Mesopotamien) weitgehend erobern, was Antiochos unter anderem in herbe Geldprobleme stürzte. Bei seinen Soldaten brach eine Meuterei aus, die erst beendet werden konnte, nachdem der Minister Hermeias den ausstehenden Sold ausglich.Polybios 5,50 Eine Bedingung des Hermeias für diese Zahlung war, dass Antiochos seinen fähigen und militärisch kompetenten Offizier Epigenes politisch fallen lassen musste, der von seinem Konkurrenten Hermeias anschließend ermordet wurde.
Antiochos zog nun mit einem großen Heer gen Osten gegen Molon. Dieser Übermacht hatte der Aufständische wenig entgegenzusetzen, stellte sich aber zur Entscheidungsschlacht. Als sich die Niederlage abzeichnete, beging Molon Suizid, womit sein Aufstand schnell zusammenbrach. Auch sein Bruder Alexandros beging Selbstmord und Antiochos verteilte die frei gewordenen Satrapien an verdiente Offiziere. Nach der Molonrevolte zog Antiochos noch gegen den König Artabazanes von Media Atropatene, der sich schnell unterwarf. Polybios begründet den Feldzug mit der Hilfe, die Artabazanes an Molon geleistet hätte.Polybios 5,55
Die Revolte des Achaios Ein Vetter des Königs, Achaios, hatte seit 223 v. Chr. in seiner Funktion als Vizekönig von Kleinasien das westliche Binnenland der Halbinsel von den Attaliden zurückerobern können. Achaios stammte aus einer angesehenen Familie lokaler, hellenischer Dynasten, die als mächtige Großgrundbesitzer die Politik in Kleinasien maßgeblich prägten. Bereits unter Seleukos III. hatte er als lokaler Machthaber dessen Feldzug gegen Attalos I. unterstützt, nicht zuletzt wohl aus opportunistischen Gründen, da er sich einen eigenen Machtzuwachs nach Ende des Krieges erhoffte. An der Ermordung des Seleukos dürfte er wohl auch beteiligt gewesen sein, da er auffällig widerstandslos das Kommando über den Feldzug übernahm. Nach der Ermordung wurde ihm 223 v. Chr. von den Truppen zunächst die Königswürde in Konkurrenz zu Antiochos III. angetragen, die aber von Achaios abgelehnt wurde.Polybios 4,48,10 Warum der Dynast die Proklamation ablehnte, ist unklar. Es kann aber vermutet werden, dass Achaios keine Konfrontation mit Antiochos III. wagen wollte, solange Attalos noch nicht in einen Frieden gezwungen worden war.