Die Schwedter Straße im nördlichen Berlin ist einer der ältesten Verkehrswege vor dem Schönhauser Tor. Sie führt über gut zwei Kilometer Länge vom Senefelderplatz über die Kastanienallee und den Mauerpark bis zur nördlichen Ringbahn. Als Feldweg seit dem 18. Jahrhundert kartiert und ab der frühen Gründerzeit bebaut, lag die Schwedter Straße 1961–1989 an der Berliner Mauer. Benannt wurde sie nach der Stadt Schwedt in der Uckermark.

Lage und Verlauf Gut einen Kilometer nördlich des Alexanderplatzes beginnt die Schwedter Straße an der Schönhauser Allee in Verlängerung der Metzer Straße am Senefelderplatz. Sie führt in nordwestlicher Richtung bis zur Choriner Straße, um kurz darauf in einem Knick auf Nordnordwest zu schwenken. Sie quert die Kastanienallee, durchläuft im Gleimviertel als Fuß- und Radweg den Mauerpark, passiert Falkplatz und Gleimtunnel und führt anschließend als Fahrradstraße zum Schwedter Steg, der bis an die Behmstraße reicht.

Die Straße beginnt und endet im Ortsteil Prenzlauer Berg, zwischen Choriner und Bernauer Straße verläuft sie entlang der Grenze zum Ortsteil Mitte.Zum genauen Straßen- und Grenzverlauf siehe: Karte Berlin Zoom Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt (Stand: 10. August 2014). Die Hausnummern verlaufen in Hufeisenform, beginnend an der Schönhauser Allee. Nicht vergeben sind die Nummern 53–75 und 91–222, dort befindet sich heute der Mauerpark.

Nördlich der Bernauer Straße verläuft die Schwedter Straße am Berliner Mauerweg. Zwischen Schönhauser Allee und Gleimstraße ist sie Teil des Radfernwegs Berlin–Usedom. Der Bezirk Mitte plant, die Schwedter Straße zwischen Oderberger und Choriner Straße bis Ende 2024 als Fahrradstraße auszubauen, neue Einbahnstraßenregelungen sollen einen Durchgangsverkehr von Kraftfahrzeugen unterbinden.Neue Fahrradstraße entlang der Schwedter Straße. Bezirksamt Mitte, Pressemitteilung Nr. 196/2024, 26. August 2024; abgerufen am 28. August 2024.

Straßenbild mini|links|Schwedter Ecke Gleimstraße, 2014

Die Schwedter Straße verläuft durch sehr unterschiedliche Stadtlandschaften. Zwischen Schönhauser Allee und Kastanienallee überwiegt eine Bebauung von Häusern aus der Gründerzeit, die nördlich der Kastanienallee zunehmend mit Neubauten seit der Nachkriegszeit durchsetzt sind. Die Straßenbäume bestehen in diesem Teil fast ausschließlich aus großen Linden.

Nördlich der Bernauer Straße endet die Blockbebauung und die Schwedter Straße durchquert zwischen ehemaligen Gleisanlagen und einer hohen Böschung aus Trümmern aus dem Zweiten Weltkrieg den Mauerpark. 1994 begrünt und mit erhaltener historischer Pflasterung ist die Straße hier für den Kraftverkehr gesperrt. Hohe Pyramidenpappeln, Eschen und Sophoren säumen den Weg, an dessen Rand auch ein großes Amphitheater in die Böschung gebaut ist.

Nördlich des Gleimtunnels beginnt auf der Ostseite wieder eine Bebauung mit Mietshäusern, hier aus dem frühen 20. Jahrhundert. Die Straße ist dort eine Sackgasse sowie Fahrrad- und Anliegerstraße, auf der Westseite steht seit 1992 eine Doppelreihe Kirschbäume, dahinter der nördliche Mauerpark.Kirschbaumreihe 2003 neu angepflanzt, siehe: Geoportal Berlin, Karte: Baumbestand Berlin

Geschichte

Straßenverlauf: Der Verlorene Weg vor dem Schönhauser Tor mini|Feld weg, um 1770

Die heutige Schwedter Straße war Teil eines langen Feldweges, der seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bestand.Georg Paul Busch: Plan von der Konigl. Residentz Stadt Berlin. Kolorierter Kupferstich. Berlin 1723. stadtmuseum.de Dieser Weg begann nahe dem Schönhauser Tor am Vorwerk, lief nordwestwärts in einem Bogen (heute: Zehdenicker- und Choriner Straße) entlang des königlichen Weinbergs bis zum heutigen Knick der Schwedter Straße, um dann ihrem heutigen Verlauf nordwärts zu folgen.Samuel von Schmettau: Plan de la Ville de Berlin. Kupferstich von Hildner, Berlin 1748. stadtmuseum.de Im frühen 19. Jahrhundert wurde als südliche Begrenzung des Berliner Hufenlands eine Verbindung vom Knick ostwärts zur Schönhauser Allee angelegt, und die Straße bekam ihre heutige Form. Im Plan der Berliner Hufen von 1822 war sie bezeichnet als Verlohrener Weg, der mit einer Breite von vier Ruthen (gut 15 Meter) den langgezogenen Acker tractus des Vorwerks Niederschönhausern durchquerte und bis zur heutigen Behmstraße reichte.Mencelius (Menzel): Plan der Berliner Hufen im Jahre 1822. Konig. Lith. Institut Berlin 1823. stadtmuseum.de

Die Straße bestand in dieser Form bis zum Mauerbau 1961, als das nördliche Straßenpflaster an der Behmstraße zunächst den Grenzanlagen und später der gesamte Straßendamm dem Ausbau der Gleisanlagen weichen musste. Dort steht heute der Schwedter Steg.

Ab 1861 wurde der Verlorene Weg gepflastert, zunächst zwischen Schönhauser Allee und Kastanienallee.Aus dem Magistrat. In: Communal-Blatt der Haupt- und Residenz-Stadt Berlin, 1861, S. 298; zlb.de Die Umbenennung in Schwedterstraße erfolgte am 29. Mai 1862, die Schreibweise in einem Wort war bis etwa 1906 üblich. 1864 erhielten die Häuser ihre heutige Nummerierung in Hufeisenform.

Ab 1823: Wilhelm Griebenow und erste Bebauungen mini|Schwedter Straße 266, 2011

1823 kaufte der Immobilienspekulant und Landwirt Christian Wilhelm Griebenow das Vorwerk Niederschönhausen und der Verlorene Weg zwischen heutiger Choriner und Gaudystraße lag nun in seinem Besitz. Östlich an den Verlorenen Weg angrenzend verkaufte Griebenow 1825 eine große Parzelle an das Preußische Militär, das dort einen Exerzierplatz anlegte, den heutigen Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Als eines der ersten Gebäude in der Straße baute das Vorwerk etwa 1825 eine Ziegelei, sie stand nahe der Ecke zur Kastanienallee, die Griebenow 1826 anpflanzen ließ.Landesarchiv Berlin: Bauakte Schwedter Straße o. Nr. 1825–1842 (Ziegelei des Vorwerks Niederschönhausen vor dem Schönhauser Tor) A Rep. 010-02 Nr. 5582.Standort der Ziegelei kartiert u. a. in: Theobald Grieben, Carl Birck: Plan Von Berlin. Verlag von Th. Grieben, Berlin 1851; zlb.de (siehe auch Ziegelei Map: zglmap.de)Wilhelm Griebenow: Wilhelm Griebenow’s Erlebnisse. Von ihm selbst geschrieben. Berlin 1864, S. 170–171. In den 1850er Jahren wurden mindestens zehn Gebäude am südlichen Verlorenen Weg errichtet,Landesarchiv Berlin: Bauakten A Rep. 010-02 Nummern 5559 bis 5568. Mitte der 1860er Jahre bestand an der Ecke zur Schönhauser Allee eine geschlossene Blockrandbebauung.Paul Schahl: Schönhauser Allee und Würst’s Lokal. Fotografie von 1865. stadtmuseum.de (Blick von der heutigen Saarbrücker Straße Richtung Senefelderplatz. Neben der rechten Mühle die Ecke Schönhauser Allee / Schwedter Straße) Zu den ältesten erhaltenen Mietshäusern gehört die Hausnummer 266 Ecke Christinenstraße, errichtet 1862.Mietshaus Schwedter Straße 266:

1854–1938: Mägdeherberge Marthashof

mini|Mägde in Marthashof, ca. 1920

Auf Bestreben von Theodor Fliedner, dem Gründer der Kaiserswerther Diakonie eröffnete Ende Oktober 1854 auf dem Gelände des Nickelshofs am Verlorenen Weg eine Mägdeherberge, ab 1861 bekannt als Marthashof.Allgemeine Kirchen-Zeitung Darmstadt, 11. November 1854. S. 1447; onb.ac.at Im Jahr 1863 hatte die schnell gewachsene Einrichtung 83 Betten und nahm mehr als 500 Mädchen pro Jahr auf, eine angeschlossene Mägdeschule lehrte Hauswirtschaft und Kleinkindbetreuung.Herbergen für Frauen der arbeitenden Klasse. In: Waldheims Illustrirte Zeitung, Wien, 22. August 1863, S. 1034; onb.ac.at Ende der 1870er Jahre wurde ein vierstöckiger Neubau für eine Schule errichtet, die 1925 als Haushaltungsschule staatlich anerkannt wurde. Unter den Nationalsozialisten wurden die Schule 1938 geschlossen und der Gebäudekomplex bei einem alliierten Bombenangriff 1943 zerstört.Peter Hanstein: Herberge für junge Dienstmädchen. marthashof.de

Nach dem Zweiten Weltkrieg von der DDR 1969 enteignet, errichtete der VEB Obst, Gemüse und Speisekartoffeln auf dem Gelände einige Flachbauten für ein Zentrales Warenkontor.Verzeichnis der Telex-Teilnehmer. Deutsche Post (DDR), Berlin 1988, Zentrales Warenkontor Obst Gemüse u. Speisekartoffeln, S. 29.Planungsgruppe Werkstadt: Städtebauliches Gutachten für das Gebiet „Teutoburger Platz.“ Herausgegeben vom Bezirksamt Pankow, Berlin 2006. S. 17; berlin.de (PDF; 12 MB). 2010 wurde das Gelände mit einer Wohnanlage gehobener Ausstattung bebaut.

Als Nachbarin des Marthashofs im Schulze’schen Haus unterhielt die St. Elisabeth Gemeinde von 1856 bis 1858 ihr erstes, kleines Siechenhaus, Vorläufer des späteren St. Elisabeth-Stifts in der Schönhauser Allee und Eberswalder Straße.Otto von Ranke: Das St. Elisabeth-Siechenhaus 1856–1906. Eine kurze Jubiläumsschrift zum 19. November 1906. Buchhandlung des Ostdeutschen Jünglingsbundes, Berlin 1906. S. 1–11. staatsbibliothek-berlin.de

1858–2005: Fabrik Czarnikow – Druckerei Gutenberg

1857–1858 verlegte der Fabrikant Moritz Czarnikow seine Kunststein- und Metallgießerei an den Verlorenen Weg, ab 1862 Schwedter Straße 263. Zunächst Verlorener Weg 6–10; ab 1861 „vis-à-vis“ in der späteren Schwedter Straße 263 (siehe Adressbuch 1861)

Er ließ dort gut 20 Jahre später 1886 ein großes Wohnhaus mit Gewerbehof errichten, in dem sein Betrieb bis 1897 fortbestand.Mietshaus Schwedter Straße 263: Ebenfalls in diesem Gebäude befand sich von 1887 bis zum Zweiten Weltkrieg das Postamt Berlin N37 mit Anschluss an das Berliner Rohrpostnetz.

1907 zog der Drucker Wilhelm Möller mit seiner Kunst- und Buchdruckerei Gutenberg in die Schwedter Straße 263 und erwarb das Gebäude 1930. Zwei Jahre darauf übernahm Möller den Pharus Verlag, und wurde zum Herausgeber der Pharus Stadtpläne. Bis in die 1950er Jahre sowie erneut von 1991 bis 2005 wurden Pharus-Pläne in der Schwedter Straße verlegt und gedruckt.Verlag Pharus Plan: Die Geschichte der Pharus Pläne. pharus.eu Der unter Denkmalschutz stehende Komplex wurde 2022 saniert, der Gewerbehof zu Büroflächen ausgebaut.

1877: Gemeinde-Doppelschule mini|hochkant=0.8|Gemeinde-Doppelschule, 1877

1876–1877 wurde gegenüber von Marthashof die 89. und 96. Gemeinde-Doppelschule nach Plänen des Berliner Stadtbaurats Hermann Blankenstein errichtet. Das Ensemble besteht aus zwei viergeschossigen Knaben-Schulhäusern, einer Turnhalle und einem hofseitigen Winkelbau als gesonderte Mädchen-Schule mit Aula. In dem gut erhaltenen Klinkerbau war in der DDR die Pädagogische Schule für Kindergärtnerinnen „Friedrich Fröbel“ untergebracht. Seit 2004 sind auf dem Komplex Kunstateliers und Jugendeinrichtungen ansässig unter dem Namen Freizeithaus am Mauerpark.

Direkt nördlich an den Schulbau anschließend steht das Predigerhaus der Zionskirche. Es wurde 1888 als zweites Predigerhaus der Gemeinde nach dem Predigerhaus in der Griebenowstraße errichtet. Neben dem Predigerhaus steht mit der Hausnummer 230 ein Wohngebäude von 1890, das im Jahr 1975 wiederhergestellt wurde und in der DDR als Baudenkmal gelistet war.

1870er–1890er Jahre: Bau der Bahnanlagen

mini|hochkant|Nördlicher Straßendamm, 1904

1872 eröffnete die Berliner Ringbahn und ihre Schienen querten die Schwedter Straße nördlich der heutigen Kopenhagener Straße. Westlich davon, die Ringbahn kreuzend, wurden 1877 die Gleise der Berliner Nordbahn verlegt, sie verliefen mehr als einen Kilometer parallel zur Straße und reichten bis zum Kopfbahnhof an der Bernauer Straße. An der Ringbahn östlich der Schwedter Straße lag damals die Baumschule Lorberg, durch deren Plantagen der Berliner Verleger Emil Dominik auf einer Ringbahnfahrt 1883 fuhr:Lage der Baumschule siehe: Gustav Müller: Neuer Verkehrs-Plan von Gross-Berlin. Deutsches Kartographisches Institut Bethcke & Reiss, Berlin 1899. stadtmuseum.de