miniatur|Der Schauplatz des Stahlhelm-Putsches vom 27. März 1933 in Braunschweig: das AOK-Gebäude miniatur|Gedenktafel vor dem AOK-Gebäude für die Opfer des Stahlhelm-Putsches Das von der Führung der NSDAP im Freistaat Braunschweig als Stahlhelm-Putsch„So endete eine der größten Gewaltorgien, die je in Braunschweig ablief und unter dem Namen ‚Stahlhelmputsch‘ in die Geschichte Eingang gefunden hat.“ Zitiert nach: Bernhard Kiekenap: SS-Junkerschule. SA und SS in Braunschweig. Braunschweig 2008, S. 33. bezeichnete, allgemein Stahlhelm-AktionReinhard Bein: Zeitzeichen. Stadt und Land Braunschweig 1930–1945. 2. Aufl., Braunschweig 2006, S. 42. oder Stahlhelm-KonfliktHans-Ulrich Ludewig und Dietrich Kuessner: „Es sei also jeder gewarnt“ – Das Sondergericht Braunschweig 1933–1945. S. 63. genannte Ereignis fand am Montag, dem 27. März 1933, in Braunschweig statt. Unter Führung des der NSDAP angehörenden Innenministers und späteren Ministerpräsidenten des Landes Braunschweig, Dietrich Klagges, gelang es den dortigen Nationalsozialisten, den rechtsnationalen Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten (Stahlhelm), in Stadt und Land Braunschweig kurzfristig zu verbieten und dauerhaft zu entwaffnen. Das Ereignis, „eine der größten Gewaltorgien, die je in Braunschweig ablief“,Bernhard Kiekenap: SS-Junkerschule. SA und SS in Braunschweig. Braunschweig 2008, S. 33. fand durch entsprechend lancierte und tendenziöse Presseberichterstattung umgehend reichsweite Beachtung, wobei der Widerstand des Braunschweiger Stahlhelms als ein außergewöhnlicher Vorfall im gesamten Deutschen Reich anzusehen ist.Reinhard Bein: Widerstand im Nationalsozialismus – Braunschweig 1930 bis 1945. S. 59 f.

Durch massive politische Einflussnahme und Pressezensur seitens des NS-Regimes gelang es Innenminister Klagges, die öffentliche Meinung dahingehend zu manipulieren, dass große Teile der Bevölkerung tatsächlich glaubten, dass es sich bei den Geschehnissen um einen versuchten Staatsstreich des als politische Konkurrenz betrachteten Stahlhelm-Bundes gegen die amtierende Reichsregierung unter Adolf Hitler handele.Braunschweiger Zeitung (Hrsg.): Braunschweiger Zeitung Spezial: Wie Hitler Deutscher wurde. Nr. 1 (2007), S. 32. Die von den Nationalsozialisten kontrollierte Presse verbreitete diese Darstellung.Titelseite der Braunschweigischen Landeszeitung vom 28. März 1933 Dennoch wurde schnell deutlich, dass es sich nicht um einen „Staatsstreich“ im eigentlichen Sinne gehandelt hatte. Am 30. März, nur drei Tage nach den Braunschweiger Ereignissen, schrieb Victor Klemperer in sein Tagebuch: „[…] Es herrscht das Gefühl vor (zumal da eben der Stahlhelmaufruhr in Braunschweig gespielt und sofort vertuscht worden), daß diese Schreckensherrschaft kaum lange dauern, uns aber im Sturz begraben werde […].“zitiert nach: Ernst-August Roloff: „Aufstand des Gewissens“ oder Rebellion der Enttäuschten? Motive des national-konservativen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus am Beispiel des Wolfenbütteler Oberlehrers Werner Schrader. In: Wissenschaftliche Zeitschrift des Braunschweigischen Landesmuseums. Nr. 4, Braunschweig 1997, S. 128.

Vorgeschichte Reichsbanner-Verbot In den Wochen, die auf die Machtergreifung am 30. Januar 1933 folgten, erhöhten die Nationalsozialisten nach und nach den Druck auf ihre politischen Gegner, indem sie beispielsweise deren Vereine und politische Vereinigungen willkürlich oder gezielt mit Repressalien aller Art überzogen. So wurde am 9. März 1933 auch das SPD-dominierte Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold – kurz Reichsbanner genannt – verboten. Im Vorfeld dieses Verbots waren Reichsbanner-Mitglieder bereits systematisch verfolgt, in Konzentrationslager deportiert und gefoltert worden. Viele Reichsbanner-Mitglieder suchten deshalb nach einer Möglichkeit, der Verfolgung durch die neue Regierung zu entkommen, und da viele von ihnen – aufgrund ihrer Reichsbanner-Zugehörigkeit – arbeitslos waren, hofften sie, durch den Eintritt in den Stahlhelm neue Arbeit zu bekommen.Reinhard Bein: Zeitzeichen. Stadt und Land Braunschweig 1930–1945. 2. Aufl., Braunschweig 2006, S. 52.

Matthias Theisen, Funktionär in der Braunschweiger SPD, war selbst erst am 25. März 1933 von SS-Angehörigen derart zusammengeschlagen worden, dass er seinen Verletzungen am 10. April 1933 erlag, nicht ohne jedoch zuvor Gau-Jugendführer des Reichsbanners Hans Hedermann zu raten, einen „Ausweg“ für Reichsbanner-Mitglieder zu suchen.Reinhard Bein: Widerstand im Nationalsozialismus – Braunschweig 1930 bis 1945. S. 58. In Braunschweig schien der Übertritt zum Stahlhelm für viele das kleinere Übel zu sein und damit diesen Ausweg zu bieten, nämlich der Zwangsaufnahme in NS-Organisationen zu entgehen.Ernst-August Roloff: Bürgertum und Nationalsozialismus 1930–1933. Braunschweigs Weg ins Dritte Reich. Hannover 1961, S. 148.

Rivalität zwischen Stahlhelm und NS-Organisationen in Braunschweig Anfang 1933 zählte der Braunschweiger Stahlhelm ungefähr 400 Mitglieder, während etwa 3000 Personen NS-Organisationen angehörten. Die Spannungen zwischen beiden Parteien waren ständig gewachsen,Hans Reinowski: Terror in Braunschweig. Aus dem ersten Quartal der Hitlerherrschaft. Bericht herausgegeben von der Kommission zur Untersuchung der Lage der politischen Gefangenen. S. 22f. da ein Teil der Stahlhelm-Mitglieder seine politische Position bzw. Eigenständigkeit durch die SA und andere NS-Vereinigungen gefährdet sah. Es wurde deshalb versucht, die Mitgliederzahl des Stahlhelms zu erhöhen, um das erhebliche zahlenmäßige Ungleichgewicht abzumildern.

Absprache zwischen Reichsbanner und Stahlhelm Zwischen führenden Angehörigen des verbotenen Reichsbanners und führenden Mitgliedern des Stahlhelms, unter ihnen Werner Schrader, Oberlehrer in Wolfenbüttel und seit 6. März 1927 Stahlhelm-Landesführer im Freistaat Braunschweig, wurde vereinbart, ehemaligen Reichsbanner-Mitgliedern die Möglichkeit zum Eintritt in den Braunschweiger Stahlhelm zu gewähren, auch der Gau-Führer des Stahlhelms Braunschweig-Stadt Nowack war dabei. Hedermann rechnete mit etwa 180 Wechselwilligen. Um zu vermeiden, dass die Aktion von den Nationalsozialisten als „Provokation“ angesehen werden konnte, wurde zwischen Reichsbanner- und Stahlhelm-Führung vereinbart, die Eintrittswilligen einzeln zu registrieren und einer individuellen Prüfung zu unterziehen. Der stellvertretende braunschweigische Polizeipräsident Schneider wurde über das Vorhaben noch am 27. März telefonisch informiert.

Brief Schraders an Duesterberg Werner Schrader wollte die Reichsbanner-Leute ab dem 27. März 1933 in den Räumen der AOK am Fallersleber Tor aufnehmen. Das Gebäude hatte sich der Stahlhelm selbst als „Kaserne“ verschafft, indem Stahlhelm-Gau-Führer Nowack es einfach besetzte und die Krankenkassenmitarbeiter vertrieb. Am 20. März, noch vor der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes (Reichsgesetzblatt vom 24. März 1933), schrieb Schrader unter Umgehung Franz Seldtes, des ersten Bundesführers des Stahlhelms, den er für zu nachgiebig und kompromissbereit gegenüber dem Regime hielt,Ernst-August Roloff: „Aufstand des Gewissens“ oder Rebellion der Enttäuschten? Motive des national-konservativen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus am Beispiel des Wolfenbütteler Oberlehrers Werner Schrader. In: Wissenschaftliche Zeitschrift des Braunschweigischen Landesmuseums. Nr. 4, Braunschweig 1997, S. 129. einen entsprechenden Brief an Theodor Duesterberg, den zweiten Bundesführer, in dem er dazu aufforderte, angesichts der Tatsache, dass die wichtigsten politischen Ämter bereits von Nationalsozialisten besetzt seien, nunmehr eine entschlossenere Haltung ihnen gegenüber einzunehmen, um sich nicht überrumpeln zu lassen und um zu verhindern, dass der Stahlhelm politisch weiter geschwächt würde. Schrader schrieb unter anderem, er werde „Druck auf die Nationalsozialisten“ ausüben, um zu „verhindern, daß die schwarz-weiß-rote Kampffront von den Nationalsozialisten überrannt wird … Der NSDAP gegenüber hilft nur äußerste Frechheit.“ Er habe zu diesem Zwecke bereits Kontakt zum braunschweigischen Ministerpräsidenten und gleichzeitigen Finanz- und Justizminister Werner Küchenthal (DNVP) aufgenommen, um ihn der (paramilitärischen) Unterstützung durch den Stahlhelm gegenüber der NSDAP zu versichern. Des Weiteren schrieb er: „Meine tiefste Sorge ist ja die, daß wir in der nächsten Zeit zermahlen und überrannt werden von der NSDAP, und das wäre mir an und für sich ganz gleichgültig, wenn ich wüßte, daß die NSDAP allein in der Lage wäre, das Vaterland zu retten. Ich weiß aber, daß die NSDAP dazu nicht in der Lage ist. Versagt der Stahlhelm jetzt, dann ist die günstige Zukunft ernstlich in Frage gestellt.“

Der „Putsch“ Etwa 3000 bis 4000 Personen, nach anderen Quellen zwischen 500 und etwa 1300,Reinhard Bein: Widerstand im Nationalsozialismus – Braunschweig 1930 bis 1945. S. 59. unter ihnen Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und andere, trafen sich am Abend des 27. März gegen 20:15 Uhr am Fallersleber Tor, um sich im dortigen AOK-Gebäude als neue Stahlhelm-Mitglieder registrieren zu lassen. Zahlreiche Männer wurden dabei von ihren Frauen begleitet. Das Vorhaben wurde der braunschweigischen NS-Führung unter Innenminister Klagges jedoch bekannt, woraufhin dieser zusammen mit SS-Führer Friedrich Alpers sowie dem Kommandeur der braunschweigischen Schutzpolizei, Oberstleutnant Herbert Selle, einen Überfall von SS und SA-Hilfspolizei auf das AOK-Gebäude und die dort anwesenden Personen organisierte. Klagges nahm angeblich an, dass die nationalkonservative bewaffnete Stahlhelm-Hilfspolizei durch Hunderte von ehemaligen linken Reichsbanner-Mitgliedern unterwandert zu werden drohte, was „erhebliche Gefahren für den Erfolg der nationalen Erhebung“ hätte.

Angesichts der viel zahlreicher als erwartet erschienenen Menschenmenge und nachdem sich bereits etwa 1000 Personen hatten registrieren lassen, gab der vor Ort verantwortliche Stahlhelm-Führer den Befehl, dass alle Personen das AOK-Gebäude zu verlassen hätten. Noch bevor allerdings der Befehl ausgeführt werden konnte, marschierten bewaffnete SA- und SS-Einheiten, begleitet von regulärer Polizei, die wegen der „drohenden Putschgefahr“ entsandt worden war, auf und griffen unter Einsatz von Schlagstöcken und Schusswaffen sowohl die Personen als auch das Gebäude an, wobei es zahlreiche Verletzte gab. SS und Polizei trieben die Menschen aus dem Gebäude, während die SA-Hilfspolizei sie vor dem AOK-Haus wiederum durch Schlagstockeinsatz und Schüsse in das Gebäude zurücktrieb, wodurch es zu einer Panik kam. Im Gegensatz zu den alten Stahlhelm-Mitgliedern, denen zwar die Weltkriegsorden abgerissen wurden, die ansonsten aber weitestgehend unbehelligt blieben, wurden die ehemaligen Reichsbanner-Mitglieder von SS und SA bis zu 30 Stunden lang schwer misshandelt, sodass die Krankenhäuser bald überfüllt waren. Insgesamt wurden ungefähr 1400 Personen festgenommen, die größtenteils unter widrigen Bedingungen (große Räume, dicht belegt, ohne Tageslicht, wenig Verpflegung) unter anderem im Kellergeschoss des nun von der SA besetzten AOK-Gebäudes gefangengehalten wurden. Viele der sogenannten „Schutzhäftlinge“ wurden von der SA schwer misshandelt.Reinhard Bein: Zeitzeichen. Stadt und Land Braunschweig 1930–1945. 2. Aufl., Braunschweig 2006, S. 53 f.

Politische und juristische Nachwirkungen