Der Große Bär ist der Titel einer Künstlervereinigung, die 1924 in Ascona in der Schweiz gegründet wurde. Die sieben Mitglieder stammten aus den Vereinigten Staaten, Deutschland, den Niederlanden, Russland und der Schweiz. Nachdem Otto Niemeyer-Holstein 1933 an Ausstellungen der Vereinigung nicht mehr teilgenommen hatte, trat an seine Stelle Richard Seewald.
Namensgebung 1924 schlossen sich in der Schweiz in Ascona am Lago Maggiore sieben Maler zu einer Künstlervereinigung zusammen. Benannt wurde sie nach dem Großen Bären, dem bekanntesten Sternbild am Nachthimmel.Harald Szeemann: Monte Verità – der Berg der Wahrheit. In Ausst. Kat.: Monte Verità. Berg der Wahrheit. Lokale Anthropologie als Beitrag zur Wiederentdeckung einer neuzeitlichen sakralen Topographie, Ascona 1978, S. 5 f. Treibende Kraft dürfte die umtriebige russische Malerin Marianne von Werefkin gewesen sein. Sie war die älteste in dem Kollegenkreis und hatte viel Erfahrung in Vereinsgründungen. Der Große Bär wurde nicht zufällig im selben Jahr gegründet, in dem auch die Künstlergruppe Die Blaue Vier entstand. Zu vielfältig waren Werefkins Verbindungen zu deren Künstlern Lyonel Feininger, Alexej Jawlensky, Wassily Kandinsky und Paul Klee. Internationalität kennzeichnete die Zusammensetzung der Mitglieder beider Vereinigungen. Beide legten sich darüber hinaus auffälligerweise mit ihrer Namensgebung auf eine bestimmte Anzahl ihrer Mitglieder fest, die sie nie überschritten. Die Blaue Vier tat dies ganz sachlich. Der Name Der Große Bär scheint sich zunächst ebenso neutral nur auf die sieben hellen Sterne des Großen Wagens am europäischen Nachthimmel zu beziehen. Jedoch beinhaltet die Sieben eine vieldeutige Zahlensymbolik, die Werefkin nicht nur einmal verwendete.
Vorgeschichte Bereits 1897 hatte Werefkin in ihrer Wahlheimat München im Stadtteil Schwabing Künstler um sich geschart, die sich in der Tradition der Lukasgilden stehend verstanden. In einer Abhandlung schilderte Werefkin einen Kreis Gleichgesinnter und gab einen Einblick in ihr grundsätzliches Verständnis von Künstlervereinigungen: „Unsere Brüderschaft von Sankt Lukas, das ist die Vereinigung einiger weitherzig fühlender, denkender und liebender Menschen. Die Kunst hat uns vereint, wir haben uns kennen, schätzen und lieben gelernt. Kunst, Freundschaft und Sympathie für alles was schön, gut und edel ist, das ist unser Losungswort.“Bernd Fäthke: Marianne Werefkin und ihr Einfluß auf den Blauen Reiter. In Ausst. Kat.: Marianne Werefkin, Gemälde und Skizzen. Museum Wiesbaden 1980, S. 19 In ihrem „rosafarbenen Salon“Valentine Macardé: Le renouveau de l’art picturale russe 1863-1914. Lausanne 1971, S. 136 trafen sich damals Maler wie Anton Ažbe, Igor Grabar, Alexej Jawlensky, Wassily Kandinsky, Dmitry Kardowsky (1866–1943) und viele andere bedeutende Künstler.Bernd Fäthke: Marianne Werefkin, Leben und Werk, München 1988, S. 42 ff.
Gustav Pauli, ehemals Museumsdirektor in Bremen und Hamburg, berichtete über die Zusammenkünfte bei Werefkin: „Hier […] erschöpfte man sich in der Erörterung schwieriger Grundprobleme alles Gestaltens oder plante Manifestationen, das heißt Ausstellungen. […] In dieser Welt […] bildete der Salon der Werefkin einen Mittelpunkt […] Nie wieder habe ich eine Gesellschaft kennengelernt, die mit solchen Spannungen geladen war. Das Zentrum, gewissermaßen die Sendestelle der fast physisch spürbaren Kräftewellen, war die Baronin [Werefkin]. Die zierlich gebaute Frau […] beherrschte nicht nur die Unterhaltung, sondern ihre ganze Umgebung. […] Über alle Fragen der Kunst und Literatur, der alten und neuen, wurde mit unerhörtem Eifer und eben soviel Geist debattiert.“Gustav Pauli: Erinnerungen aus sieben Jahrzehnten. Tübingen 1936, S. 264 ff.
Auch der Vorsatz, eine Neue Künstlervereinigung München (N.K.V.M.) ins Leben zu rufen, aus der 1911 die Redaktion Der Blaue Reiter hervorgehen sollte, geht auf eine Idee zurück, die in der Weihnachtszeit 1908 in Werefkins Salon geboren wurde. Beteiligt waren außer Werefkin, Jawlensky, Adolf Erbslöh und Oscar Wittenstein (1880–1918).Bernd Fäthke: Marianne Werefkin. München 2001, S. 122 ff. Erst Anfang 1909 schlossen sich ihnen unter anderem Kandinsky und Gabriele Münter an und in den folgenden Jahren Franz Marc sowie viele weitere Künstler und Wissenschaftler.
An der Formulierung des Textes des Gründungszirkulars der N.K.V.M., das im Frühjahr 1909 veröffentlicht wurde,Rosel Gollek: Der Blaue Reiter im Lenbachhaus München. München 1974, S. 10 war Werefkin zumindest beteiligt. Das geht aus einem Brief hervor, den sie 1912 an Richart Reiche, den Leiter des Kunstvereins BarmenUlrike Becks-Malorny, Der Kunstverein in Barmen 1866-1946, Bürgerliches Mäzenatentum zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, Wuppertal 1992, S. 39 ff und Mitinitiator der legendären Kölner Sonderbundausstellung von 1912, schrieb: „Wir hatten es ja in hehren Worten der Welt verkündet, dass wir der künstlerischen Überzeugung wegen uns zusammengetan hatten, jeder Virtuosität fern, nur das Seelische der Kunst schätzend, jedem der diesen Weg einschlug, die Hand reichend.“Bernd Fäthke: 1911, Die Blaue Reiterin mit Jawlensky in Ahrenshoop. Prerow und Zingst, Blaue Reiter in München und in Berlin. 8. Mitteilung des Vereins der Berliner Künstlerinnen 1998, Berlin 1998, S. VIII f.
Die Mitglieder des Großen Bären Ernst Frick Ernst Frick war ein Schweizer Maler und Bildhauer, der den Beruf eines Metallgießers erlernt hatte. Künstlerisch bildete er sich zunächst autodidaktisch. In seiner Jugend war er anarchistischer Aktivist. Als Gewerkschafter redigierte er 1905 die Zeitschrift „Weckruf“ und lernte während eines Kuraufenthaltes 1906 in Ascona die Anarchisten und Bohemiens Erich Mühsam und Johannes Nohl kennen.Hans Manfred Bock, Florian Tennstedt, Raphael Friedeberg: Arzt und Anarchist in Ascona. In Ausst. Kat.: Monte Verità, Berg der Wahrheit, Lokale Anthropologie als Beitrag zur Wiederentdeckung einer neuzeitlichen sakralen Topographie. Ascona 1978, S. 44 1910 kam Frick in Ascona mit dem Maler Richard Seewald zum ersten Mal in Kontakt. 1920 nahm er in Ascona Malunterricht bei dem rumänisch-deutschen Maler Arthur Segal. 1924 war er Mitbegründer des Großen Bären und stellte vorzugsweise mit dieser Künstlervereinigung aus. 1937 bezog er ein Häuschen auf dem Monte Verità, dem Hausberg Asconas.
Walter Helbig Walter Helbig war ein deutsch-schweizerischer Maler und Holzschneider. Ab 1894 studierte er an der Kunstakademie in Dresden bei Carl Bantzer und Otto Gussmann. 1906–1910 arbeitete er in Hamburg als freier Maler. Seit 1910 lebte Helbig in der Schweiz. Während des Winters arbeitete er in Berlin und hielt Kontakt zu deutschen Kollegen. So erkläre er am 22. April 1911 seine Mitgliedschaft bei der Neuen Sezession Berlin, deren Mitbegründer Arthur Segal war, der 1920 Lehrer von Ernst Frick werden sollte.Gerhard Wietek: Georg Tappert 1880–1957, Ein Wegbereiter der Deutschen Moderne 1880–1957. München 1980, S. 29 1911 gründete Helbig zusammen mit Hans Arp und Oscar Lüthy im schweizerischen Weggis die Künstlergruppe Der Moderne Bund.Viviane Ehrli, Der Moderne Bund, in Ausst. Kat.: Künstlergruppen in der Schweiz 1910-1936, Aargauer Kunsthaus, Aargau 1981, S. 26 ff Dieser war bis 1914 aktiv, stellte unter anderem in Luzern und Zürich aus. Wiederholt präsentierte er sich seit 1911 in der Münchener Galerie Hans Goltz und in der Berliner Galerie Der Sturm von Herwarth Walden, wodurch sich für Helbig frühe Möglichkeiten zu einer Kontaktaufnahme mit Werefkin ergaben. Nachgewiesen ist jedenfalls die Bekanntschaft zwischen Helbig und Werefkin ab 1913 durch einen Brief, den Richart Reiche (1876–1943), damals Leiter des Kunstvereins in Barmen, aus dem Hotel Marienbad in München an Werefkin richtete.Das Original befindet sich in der Fondazione Marianne Werefkin und ist „9. März 1913“ datiert. Wiederholt stellten sie vor dem Ersten Weltkrieg zusammen aus, beispielsweise auf der IV. Ausstellung der Neuen Sezession Berlin, die vom 18. November 1911 bis 31. Januar 1912 stattfand. Auf dieser Ausstellung war Werefkin zusammen mit weiteren zehn Mitgliedern der N.K.V.M. vertreten, zu der bei Ausstellungsbeginn noch Kandinsky, Marc und Münter gehörten. Interessanterweise stellten sie damals mit den Vertretern der Künstlergruppe Die Brücke aus. Mit dem Beitritt des Brücke-MalersGeorge Mauner: Von Pont-Aven zur „Brücke“ – Amiet als „pons inter pontes“. In Ausst. Kat.: Cuno Amiet, Von Pont-Aven zur „Brücke“. Kunstmuseum Bern, Bern 1999, S. 24 ff. Cuno Amiet in den Verein Der Moderne Bund wurde eine Verbindung zwischen Helbig und Werefkin nochmals gefestigt. Denn Amiet verkehrte schon 1909 in München „öfters“Clemens Weiler (Hrsg.): Alexej Jawlensky, Lebenserinnerungen. Köpfe-Gesichte-Meditationen, Hanau 1970, S. 114 bei Werefkin und Jawlensky und wurde neben Klee und seiner Frau LilyBernd Fäthke: Alexej Jawlensky, Zeichnung-Graphik-Dokumente. Ausst. Kat.: Museum Wiesbaden 1983, S. 13 f. (1876–1946) einer ihrer besten Schweizer Künstlerfreunde.Bernd Fäthke: Jawlensky und seine Weggefährten in neuem Licht. München 2004, S. 172 f., 176 f. 1913 stellte er auf dem Ersten Deutschen Herbstsalon in Berlin aus, auf der unter anderem auch Werefkin, Gordon Mallet McCouch, Otto van Rees und Richard Seewald vertreten waren. 1918 wurde Helbig Mitglied der sozial ausgerichteten Berliner Novembergruppe.Walter Jollos, Walter Helbig, in: Die Schaffenden. Eine Auswahl der Jahrgänge I bis III und Katalog des Mappenwerkes, Leipzig/Weimar 1984, S. 189 1924 zog er nach Ascona und wurde Mitbegründer des Großen Bären. 1938 erwarb er das Bürgerrecht von Ascona.
Albert Kohler Albert Kohler war ein Schweizer Maler. Seine Künstlerlaufbahn begann er 1902 an der Münchener Akademie der Bildenden Künste bei dem Historienmaler Johann Caspar Herterich. Anschließend studierte er bei Franz von Stuck.Curt Riess: Ascona. Geschichte des seltsamsten Dorfes der Welt. Zürich 1977, S. 129 Wann Kohler vor seinem Eintreffen in Ascona mit Werefkin Kontakt gehabt haben könnte, ist noch nicht erforscht. 1924 war er Mitbegründer des Großen Bären.
Gordon Mallet McCouch Gordon Mallet McCouch (1885–1956) war ein amerikanischer Maler. 1908 studierte er an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in München bei dem deutsch-amerikanischen Professor Carl von Marr. Auch er stellte 1913 im Ersten Deutschen Herbstsalon aus. 1914 ließ er sich in Ascona nieder und war 1924 Mitbegründer des Großen Bären.
Otto Niemeyer-Holstein Otto Niemeyer-Holstein war ein deutscher Maler. Von 1902 bis 1914 besuchte er die Oberrealschule in Kiel. In seinem musischen Elternhaus erhielt er prägende Kunsteindrücke. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, meldete er sich als Freiwilliger zu den Soldaten. An der Front bei Warschau erhielt er 1915 einen psychischen Schock und wurde darauf als dauernd verwendungsunfähig aus dem Militär entlassen. Zur Rekonvaleszenz begab er sich 1916 in der Schweiz, wo er im Kanton Graubünden in dem Ort Zuoz unter Anleitung des Malers Otto Wyler (1887–1965) intensiv zu zeichnen und zu malen begann. 1918 zog er nach Ascona und lernte Werefkin und Jawlensky kennen, die ihm wichtige künstlerische Anreger wurden. 1919 besuchte er die Malschule von Arthur Segal. Danach folgten Studienreisen nach Italien, Deutschland und Frankreich. 1924 war er Mitbegründer des Großen Bären. Seit 1931/32 weilte Niemeyer-Holstein immer wieder auf der Ostseeinsel Usedom, wo er 1933 sein Anwesen „Lüttenort“ erwarb. Als nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 seine Bilder aus den Museen in Kiel, Duisburg und Chemnitz entfernt wurden, zog er sich nach Lüttenort zurück. Um seine künstlerische Tätigkeit in Deutschland nicht zu gefährden, nahm Niemeyer an den Ausstellungen des Großen Bären nicht mehr teil. Danach erst wurde die verwaiste Stelle im Verein Der Große Bär durch Richard Seewald wieder besetzt.Achim Roscher: Otto Niemeyer-Holstein, Lebensbild mit Landschaft und Figuren, Berlin 2002, S. 71