mini|Choransicht von Südosten (2012) mini|Außenansicht von Nordosten (2006)

Die Stadtpfarrkirche St. Johannes ist eines der Wahrzeichen der niederbayerischen Stadt Dingolfing. Der stattliche, unverputzte Backsteinbau mit seinem rund 83 Meter hohen Turm zählt zu den bedeutendsten spätgotischen Kirchenbauten Bayerns. Wenngleich die Baumeister unbekannt sind, so kann die Hallenkirche doch der Landshuter Bauhütte zugerechnet werden und steht somit in der architektonischen Tradition des Hans von Burghausen und des Hans Stethaimer. Die Kirchenpatrone sind Johannes der Täufer (Gedenktag: 24. Juni) als Hauptpatron und der Evangelist Johannes (Gedenktag: 27. Dezember) als Nebenpatron.

Diözesanbischof Rudolf Voderholzer erhob die Kirche am 3. Oktober 2025 in den Ehrenrang eines Münsters.

Lage mini|Ansicht der Stadt Dingolfing von Südosten, um 1840. Gut erkennbar ist die eher dezentrale Lage der Pfarrkirche in der Unteren Stadt Die Kirche liegt auf einer hochwassergeschützten terrassenartigen Erhebung rechts der Isar und damit in der Unteren Stadt, wo sich zunächst der Bischof von Regensburg zu behaupten versuchte. Dahingegen wurde die auf einem Bergsporn gelegene Oberstadt von den Wittelsbachern und damit von der weltlichen Herrschaft gegründet, die sich im 13. Jahrhundert auch die Untere Stadt aneigneten. Auch innerhalb dieser Unteren Stadt liegt die Stadtpfarrkirche dezentral, nämlich etwas abseits der historischen Bebauung auf einer kleinen Anhöhe.

Geschichte Vorgeschichte Den ersten Nachweis christlichen Lebens in Dingolfing stellt die Kirchensynode des Agilolfinger Stammesherzogs Tassilo III. in den Jahren 769/70 oder 776/77 dar. Der Tagungsort kann heute aufgrund archäologischer Befunde eindeutig dem jetzigen Standort der Stadtpfarrkirche zugeordnet werden. Wahrscheinlich befand sich an der Stelle bereits zur damaligen Zeit eine Pfarrkirche. Diese Annahme wird durch eine Urkunde aus dem Jahr 833 bestätigt, in der man einen königlichen Hof, der Tingulvinga genannt wird, gegenüber einer Kirche lokalisiert. Grabungen im Chorbereich aus dem Jahr 1974 haben diese Vorgängerkirche, eine kleine Holzkirche aus dem 8./9. Jahrhundert archäologisch nachgewiesen. Definitiv nachgewiesen ist die Existenz einer Pfarrkirche jedoch erstmals im Zusammenhang mit der zweiten Dingolfinger Synode im Jahr 932, zu der Herzog Arnulf II. insgesamt 117 bedeutende Persönlichkeiten geladen hatte.Schmid, S. 2f.

Auch das Patrozinium der Kirche verweist auf eine frühe Bedeutung als Taufkirche für einen größeren Umkreis. Geht man von einer Existenz bereits um das Jahr 800 aus, darf St. Johannes in Dingolfing zu den ältesten Taufkirchen Bayerns gerechnet werden. Wahrscheinlich wurde das Sakrament der Taufe jedoch nicht in der Pfarrkirche selbst gespendet, sondern vielmehr in einer Taufkapelle in der näheren Umgebung. Diese befand sich möglicherweise an der Stelle der heutigen Schusterkapelle. Durch weitere Bodenbefunde aus dem Jahr 1974 ist gesichert, dass um die Mitte des 13. Jahrhunderts an gleicher Stelle ein romanischer Bau in basilikaler Form errichtet wurde. Dieser besaß mit 32 Metern Länge und 8,5 Metern Mittelschiffbreite nahezu die Ausmaße der heutigen Kirche.

Baugeschichte mini|Inschrift zum Baubeginn 1467. Transkription mit Auflösung der Abkürzungen und Auslassungen: Anno d(o)m(ini) MCCCCLXVII an Eritag vor Erasmi ist gelegt worden der erst stain des paws in den eren des heiligen sand joh(anne)s gocztauffe(r) vn(d) ew(an)gelistn bey he(rre)n her flörian strasse(r) die czeit pfare(r) czw dinglfing vn(d) hanns loczenhofe(r) die czeit stat kame(re)r vn(d) jörg bropst czw der czeit pawmaister mini|Inschrift zum Gewölbeschluss 1502 mit Wiedergabe des bayerischen Herzogswappens und des polnischen Königswappens. Wortlaut: Anno domni mccccc und ii iar an erchtag nach sd ulrichstag ist das gewölp fertig worn almächtiger gotvater behit dein haus so bittn dich di fürsichtigen heren peter hachreitr derzeit kirchher zu dingelfing un michel brobst derzeit statkamrer und paumeister mini|Barocke Figuren der Heiligen Mauritius und Florian aus der Stadtpfarrkirche. Heute zu finden an einem Hausgiebel in Dornwang, Gemeinde Moosthenning. mini|Nordwestansicht des Kirchturms um die Mitte des 19. Jahrhunderts mit barocker Kuppel. Kupferstich bei Josef Wolfgang Eberl. Der heutige Bau wurde – wie eine Bauinschrift rechts neben dem Südportal vermeldet – am 2. Juni 1467 begonnen. Der Baubeginn fällt damit in die Zeit der Zugehörigkeit Dingolfings zum Herzogtum Bayern-Landshut, dessen Herrscher als die „Reichen Herzöge“ in die Geschichte eingegangen sind. Warum die Vorgängerkirche damit bereits nach etwa 200 Jahren aufgegeben wurde, ist unbekannt. Es lässt sich jedoch vermuten, dass es in der spätgotischen Zeit Ausdruck städtischen Selbstbewusstseins und Wohlstands war, eine neue, größere Kirche zu erbauen – zumal dies damals in fast allen größeren Städten Bayerns der Fall war. Allerdings könnte der Neubau auch schlichte Notwendigkeit gewesen sein, da die Vorgängerkirche möglicherweise bei der Erstürmung der Stadt am 14. Juni 1436 im Krieg zwischen Herzog Ludwig von Bayern-Ingolstadt und seinen Vettern beschädigt oder zerstört wurde.Schmid, S. 4–10.

Über den in der Bauinschrift als Baumeister (pawmaister) bezeichneten Jörg Brobst ist heute nichts Genaueres mehr bekannt. Es dürfte sich um den Angehörigen eines Dingolfinger Ratsgeschlechts und den damaligen Stadtbaumeister handeln, der nur Tätigkeiten der Bauverwaltung übernahm. Der Hauptverantwortliche für die Planung und Bauausführung, im Spätmittelalter häufig als Werkmeister bezeichnet, dürfte aus dem Umfeld der Landshuter Bauhütte um Hans von Burghausen und Hans Stethaimer stammen. Vorbild für den Bau war wohl die von der Landshuter Bauhütte errichtete Heilig-Geist-Kirche in Landshut, welche 1461 und damit wenige Jahre vor dem Baubeginn in Dingolfing fertiggestellt wurde.Eberl, S. 125.

Es ist durch Weihedaten einzelner Seitenkapellen und aus einer vertikalen Fuge im Mauerwerk ablesbar, dass zuerst der Westteil der Kirche ausgeführt und danach der Ostteil mit dem Chor bis 1502 errichtet wurde. Damit konnten Teile des Vorgängerbaus, insbesondere dessen Chorraum, während der Bauzeit weiterhin für Gottesdienste genutzt werden. Eine Inschrift am Gewölbeansatz des östlichen Mittelpfeilers datiert den Gewölbeschluss der Hallenkirche auf den 5. Juli 1502. Der Fertigstellungstext, der abermals einen Baumeister (paumeister) aus der Familie Brobst erwähnt, unterschreibt ein herzoglich-bayerisches und ein polnisches Königswappen. Die Bauinschrift verweist damit auf die dynastische Verbindung zwischen den (nieder)bayerischen Wittelsbachern und den polnischen Jagiellonen, die 1475 durch die Landshuter Hochzeit Herzog Georgs des Reichen mit Hedwig Jagiellonica zustande gekommen war. Im Anschluss wurden die Seitenkapellen eingefügt – mit Ausnahme der Josephikapelle nordöstlich am Chorschluss, die erst 1686 unter Pfarrer Mathias Haltmair gebaut wurde. Zwischen 1525 und 1530 war der Kirchenbau weitgehend fertiggestellt.

Schon vor der Fertigstellung der Kirche wurde nach und nach mit der Vervollständigung der Ausstattung begonnen. Zwei Flachreliefs, die um 1515 von dem Landshuter Bildschnitzer Hans Leinberger geschaffen wurden, befinden sich heute im Bayerischen Nationalmuseum in München. 1522 wurden der sogenannte Kolossale Herrgott von Dingolfing und wenig später die Figuren der beiden Kirchenpatrone Johannes Baptist und Johannes Evangelist, die heute Seitenfiguren des Hochaltares sind, geschnitzt. Diese Werke stammen ebenfalls zumindest aus dem Umfeld Leinbergers.

Der für das Stadtbild und den Kirchenbau heute so charakteristische Westturm erreichte bis ins 17. Jahrhundert nur die Höhe des Kirchenschiffs. Dies zeigt ein Fresko des Malers Hans Donauer von 1590, das heute im Antiquarium der Münchner Residenz zu sehen ist. 1636 dürfte der Turm dann um ein Geschoss erhöht worden sein, wie aus einem Kupferstich von Matthäus Merian aus dem Jahr 1644 hervorgeht. Im Jahr 1682 erfolgte eine weitere Erhöhung mit einer barocken Zwiebelkuppel, die mit roten Schindeln gedeckt war. Der Turm erreichte damals eine Höhe von 63 Metern. Im Zuge der Regotisierung der Kirche wurde der Turm 1868 mit einem Spitzhelm versehen und erreichte damit sein heutiges Aussehen und seine heutige Höhe von 83 Metern.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstanden im Innern figurale und ornamentale Renaissance-Malereien an Schildbögen und Lisenen, die im 17. Jahrhundert um verschiedene Wandgemälde ähnlichen Stils ergänzt wurden. Diese Werke wurden in der Barockzeit weiß übertüncht und erst bei der letzten großen Renovierungsmaßnahme im Jahr 1974 teilweise wieder freigelegt.

Im Hochbarock, etwa um 1680, wurde die ursprüngliche spätgotische Ausstattung weitgehend entfernt und durch barocke Stücke ersetzt. Beispielsweise wurde ein barocker Hochaltar mit Säulen und korinthischen Kapitellen errichtet, der fast bis zum Gewölbe reichte. Zu diesem Altar ist Folgendes überliefert: Das große Altarblatt, aus der Hand des Dingolfinger Meisters Friedbichler hervorgegangen, war der Kirche bester Schmuck; es stellte die Gottesmutter mit dem Jesusknaben auf den Wolken schwebend dar, ihr zu Füßen die beiden Kirchenpatrone, für die Gemeinde flehend. Zu beiden Seiten erhoben sich in mächtiger Größe die Standbilder der Heiligen Florian und Mauritius. Im oberen Theile des Altars befand sich ein weiteres Ölgemälde „Gott Vater mit dem hl. Geiste“; den ganzen Aufbau krönten drei überlebensgroße Engel. Auch die Seitenkapellen wurden nach und nach, jedoch in unterschiedlichem Tempo dem barocken Zeitgeist angepasst, sodass deren Erscheinungsbild im 18. und 19. Jahrhundert wohl eher uneinheitlich war.

Das heutige Aussehen der Kirche wurde im Wesentlichen durch die Regotisierung von 1867 bis 1884 geprägt. So wurden zum Beispiel 1878 die Fenster oberhalb der Seitenportale verkürzt und alle Fenster mit neuem Maßwerk aus Granit ausgestattet. In der Folge wurde das Dach der Portalvorhallen auf der Nord- und Südseite bis zur Höhe der Seitenkapellen angehoben, während deren Dächer gleichzeitig mit geringerer Neigung neu errichtet wurden. Außerdem planierte man 1876 den bereits 1803 aufgelassenen Friedhof rund um die Kirche und legte 1885 die Haupttreppe zum Westportal neu an. Die Maria-Hilf-Kapelle, die an das letzte Joch auf der Nordseite anschließt, wurde sogar abgetragen und neu erbaut. Zwischen 1880 und 1884 bekam außerdem das Kircheninnere ein neues Erscheinungsbild. Dabei wurde die Ausstattung größtenteils durch neugotische Stücke ersetzt, um so eine Stileinheit mit dem Bau zu erzielen. Die vormalige Kirchenausstattung wurde dagegen 1884 versteigert. Die überlebensgroßen Seitenfiguren des barocken Hochaltares, St. Florian und St. Mauritius, gingen an einen Landwirt aus Dornwang. Dort sind die Ende des 17. Jahrhunderts geschaffenen Figuren noch heute an einem Hausgiebel zu sehen. Auch die Glasfenster, die Szenen aus dem Leben Jesu Christi zeigen, entstanden bei der Regotisierung der Kirche. Bereits 1863 wurde die heutige Westempore eingezogen, sodass gleichzeitig die im 17. Jahrhundert eingefügte geschwungene Empore oberhalb der Sakristei aufgelöst werden konnte. Heute befindet sich im Obergeschoss der Sakristei ein Oratorium, welches durch ein Glasfenster vom Kirchenraum abgetrennt ist. 1884 wurde auch das kunstvoll geschnitzte Kirchen- und Chorgestühl von 1681 entfernt, wobei ein Teil des Chorgestühls in die neue Sakristeimöblierung eingearbeitet wurde. Am 8. Mai 1885 wurden die neuen Altäre vom Regensburger Bischof Ignatius von Senestrey geweiht und damit die Regotisierung abgeschlossen.