mini|Beginn (Tachi-ai) eines Sumō-Kampfs

Sumō [] (, Sumō bzw. , Ōzumō) ist eine aus Japan stammende Form des Ringkampfs. Einen Sumō-Kämpfer bezeichnet man als Sumōtori oder Rikishi.

Ziel des Kampfes ist es, den Gegner aus einem mit einem Strohseil abgesteckten Kreis aus gestampftem Lehm zu befördern oder ihn so aus dem Gleichgewicht zu bringen, dass er den Boden mit einem anderen Körperteil als den Fußsohlen berührt. Ein einzelner Kampf dauert oft nur einige Sekunden; während eines regulären Turniers finden mehrere hundert Kämpfe statt.

Bezeichnung Das gesprochene Wort sumō geht zurück auf das Verb sumau/sumafu, was „wettstreiten; kämpfen“ bedeutet. Das geschriebene Wort geht auf den Ausdruck sumai no sechi () zurück, was ein Ringerwettbewerb am Kaiserhof in der Heian-Zeit war. Die Schriftzeichen von sumai bzw. heute sumō bedeuten dabei „sich gegenseitig schlagen“. Daneben gibt es noch eine alternative Schreibweise als , die sich bereits im Nihon Shoki aus dem 8. Jahrhundert findet. Hier bedeutet das erste Zeichen eigentlich „Ecke“, dient hier aber als phonetisches Element, das eine Lesung davon sumi ist, während das zweite Zeichen „Kraft“ bedeutet.

Sumō ist im Japanischen auch ein allgemeiner Begriff für Ringen. So bedeutet udezumō (, „Arm-Sumō“) das Armdrücken und yubizumō (, „Finger-Sumō“) das Fingerhakeln. Daneben gibt es noch das Spiel kamizumō (, „Papier-Sumō“), das aus zwei Papierfiguren auf einem Sockel besteht, die durch Klopfen auf dem Sockel bewegt werden, bis eine umfällt und damit verliert.

Das Verbands-Sumō mit seinem Ligensystem, also der im Westen bekannte „japanische Ringkampf“, wird als ōzumō („großes Sumō“) bezeichnet.

Geschichte Frühzeit und japanisches Altertum (bis 1185) Die erste Erwähnung des Sumō findet sich in einer Schrift aus dem Jahr 712, dem Kojiki (, Aufzeichnung alter Geschehnisse), das beschreibt, wie der Besitz der japanischen Inseln in einem Ringkampf zwischen den Göttern Takemikazuchi und Takeminakata entschieden wird. Das Nihonshoki (, Chronik Japans in einzelnen Schriften) von 720 datiert den ersten Kampf zwischen Sterblichen auf das Jahr 23 v. Chr., als ein Mann namens Nomi-no-Sukune auf Bitte des Suinin-tennō gegen den Kämpfer Taima-no-Kuehaya in einem Ringkampf antrat und diesen schließlich tötete, wodurch er in den Mythen zum Ahnen des Sumō wurde. Tatsächlich fanden bis ins japanische Mittelalter die mehr oder weniger regellosen Ringkämpfe oft ihr Ende erst mit dem Tod eines der Kämpfer.

Die ursprüngliche Herkunft des Sumō liegt im Dunkeln. Es ist möglich, dass es sich unter chinesischem oder koreanischem Einfluss entwickelte. Beide Länder haben eine lange Tradition des Ringkampfes (Shuai Jiao in China, Ssireum in Korea) und beide hatten einen großen kulturellen Einfluss in der Frühgeschichte Japans.

In Japan fanden die Ringkämpfe traditionell bei Festen (Matsuri) () der Volksreligion Shintō statt. Archäologische Funde legen nahe, dass solche Kämpfe bereits vor dem Jahr 500 abgehalten wurden. Sie hatten aber noch nicht viel vom heutigen Sumō, so gab es keinen festgelegten Ring und auch die Regeln waren noch nicht fixiert. Die ersten historisch bezeugten Sumōkämpfe wurden im Jahr 642 am Hof der Kōgyoku-tennō zur Unterhaltung einer Gesandtschaft aus Korea ausgetragen. In den folgenden Jahrhunderten stieg mit der Beliebtheit des Sumō bei Hofe auch seine zeremoniell-religiöse Bedeutung. Regelmäßige Veranstaltungen am Hof des Tennō, die sumai no sechi, und die Etablierung erster Regelwerke fallen in die kulturelle Blütephase der Heian-Zeit.

Japanisches Mittelalter (1185–1603) Mit dem Zerfall der Zentralgewalt des Tennō verlor das höfische Sumō an Bedeutung, in der kriegerischen Kamakura-Zeit geriet das vormals hochzeremonielle Ringen unter den Shōgunen zum militärischen Kampftraining. Die Samurai wurden dazu angehalten, sich darin zu üben. Sumō verließ aber auch die Abgeschlossenheit des Hofes und wurde zu einer Veranstaltung für die Massen, und unter den Daimyō (Fürsten) wurde es üblich, als Sponsor für Ringer aufzutreten. Sumōtori, die erfolgreich um die Gunst eines Fürsten stritten, wurde großzügige Unterstützung und der Status eines Samurai gewährt.

Zu den größten Liebhabern des Sumō zählte Oda Nobunaga, der im Februar 1578 ein Turnier mit 1.500 Ringern abhielt. Damit die Kämpfer sich nicht gegenseitig behinderten, wurden kreisförmige Kampfplätze abgegrenzt – der Sumōring (, Dohyō) war erfunden und entwickelte sich bis zum 18. Jahrhundert zur heutigen Form.

Edo-Zeit (1603–1867)

Da Sumō durch wilde Kämpfe auf den Straßen, besonders in Edo, zu einem Ärgernis geworden war, wurde Sumō-Ringen in der Stadt zur Edo-Zeit kurzzeitig verboten. 1684 wurde es erlaubt, gemeinnützige Kämpfe auf dem Grundstück von Schreinen abzuhalten, wie es in Kyōto und Ōsaka üblich war (, Kanjin-zumō).

Es entwickelte sich zu dieser Zeit eine offizielle Sumō-Organisation, die auf Verfügung der Verwaltung von Edo ab 1719 nur noch aus professionellen Ringern bestand. Viele Elemente stammen aus dieser Zeit, z. B. die Dohyō-iri, das System der Heya oder Ställe, die Gyōji und die Mawashi.

Im 18. Jahrhundert erlebte das Sumōringen besonders in Edo ein Goldenes Zeitalter, das legendäre Kämpfer wie Raiden Tameimon, Onogawa Kisaburo und Tanikaze Kajinosuke, den ersten historischen Yokozuna, hervorbrachte. Anlässlich eines Kräftemessens der letztgenannten zu Ehren des Shōgun Tokugawa Ienari wurden 1791 viele Elemente der alten Shintō-Kultkämpfe wieder integriert und beibehalten.

Seit 1868 mini|Sumōkampf in Tokyo um 1890

Die Meiji-Restauration ließ 1868 das Feudalsystem verschwinden und damit auch die vermögenden Fürsten als Sponsoren. Durch die Fixierung auf die westliche Welt sank der Status des Sumō: Es wurde plötzlich als ein peinliches, rückständiges Relikt gesehen. Zudem spaltete sich der Verband nach inneren Streitigkeiten.

Ein Sumōturnier, das der Meiji-tennō 1884 veranstalten ließ, erhob das Sumō zu einem nationalen Symbol, das nun wieder zu alter Popularität zurückfand. Auch die nationalistisch gefärbte Stimmung nach den militärischen Erfolgen gegen Korea und China mag dazu beigetragen haben.

Seit dem 19. Jahrhundert dürfen Frauen den Turnieren beiwohnen und der Sport hatte weitgehend seine heutige Form. Zu den Neuerungen, die der 1926 wiedervereinigte japanische Sumōverband einführte, gehörte die Erhöhung der Anzahl der Turniere von zunächst zwei auf vier und 1958 auf sechs pro Jahr sowie die Verlängerung der Turniere von zehn auf 15 Tage 1949.

Regeln und Ablauf mini|Sumo-Kampf im Kokugikan in Tokio, Japan (2014) mini|Yumitori-shiki Die Grundregeln des Sumō sind sehr einfach und für jeden unmittelbar verständlich, während die Details der Ausführung genau geregelt sind und einen Kosmos an Einzelheiten eröffnen, deren umfassende Kenntnis jedoch für das Vergnügen des Zuschauers nicht Voraussetzung ist. Das elementarste Prinzip besteht darin, dass eine Begegnung entschieden wird, indem ein Kämpfer zuerst entweder auf den Boden außerhalb des kreisförmigen Ringes tritt oder ihn sonst wie berührt oder innerhalb des Ringes mit einem anderen Körperteil als den Fußsohlen den Boden berührt. Dies versuchen die Ringer durch Schieben, Schleudern, Werfen, Schlagen und oft auch durch Überlisten des Gegners zu erreichen. Der japanische Sumōverband Nihon Sumō Kyōkai unterscheidet gegenwärtig 82 Siegtechniken, von denen einige aus dem Judo stammen. Eine Auflistung findet sich in der Liste der Techniken im Sumō. Nicht erlaubt sind die Kinjite (, „Verbotene Griffe“), also Würgen, Haareziehen, Umbiegen der Finger, Griffe in der Schrittgegend, Treten, Eindrücken der Augen sowie Faustschläge und Schläge auf beide Ohren gleichzeitig. Die häufigsten Grundformen sind das Packen des Gegners am Mawashi (Gürtel) mit anschließendem Schieben ins Aus (, Yotsu-zumō) oder das Hinausdrücken aus dem Ring ohne festen Griff am Gegner (, Oshi-zumō).

Der Ring (Dohyō), für dessen Bau und Erhaltung der Yobidashi zuständig ist, besteht aus einem quadratischen erhöhten Podest aus gestampftem Lehm, auf dem mit aneinander gereihten Reisstrohbündeln ein 4,55 m durchmessender Kreis abgegrenzt ist. Außerhalb der Abgrenzung ist Sand ausgestreut, so dass leicht erkannt werden kann, wenn ein Ringer aus dem Ring getreten ist. In der Kreismitte befinden sich zwei Startlinien (Shikirisen), hinter denen die Ringer für den Angriff bei Beginn des Kampfes (Tachi-ai) Aufstellung nehmen. Die Leitung des Kampfes obliegt dabei dem Gyōji, einem Ringrichter, der von fünf Außenrichtern oder Shimpanin unterstützt wird.

Die maximale Länge des folgenden Kampfes variiert abhängig von der Liga. In der obersten Division ist er auf vier Minuten begrenzt, dauert aber meist nur einige Sekunden. Ist die Begegnung nach Ablauf der Zeit noch nicht beendet, wird eine kurze Pause (Mizu-iri) eingelegt, nach der die Ringer den Kampf aus der vorherigen Position fortsetzen. Ist nach weiteren vier Minuten noch immer kein Sieger gefunden, wird nach einer abermaligen Pause der Kampf mit Tachi-ai neu begonnen. Sollte dadurch auch keine Entscheidung fallen, gilt der Ausgang als unentschieden. Dieser Verlauf ist sehr selten.

mini|Ein Sumō-Ringer beweist Beweglichkeit beim Dohyō-iri

Einen besonderen Reiz des Sumō macht die Vielfalt an Zeremonien und Traditionen aus, die teilweise seit Jahrhunderten unverändert in Verbindung mit dem Sport gepflegt werden. Dazu gehören die eindrucksvollen Ringbetretungszeremonien (Dohyō-iri) am Beginn jedes Kampftages, in denen die Ringer in prächtigen Keshō-mawashi () im Ring auftreten, aber auch Einzelheiten wie das auffällige Werfen von Salz in den Ring durch die Kämpfer, das der symbolischen Reinigung des Dohyō dient, oder das Spülen des Mundes mit Chikara-mizu („Kraftwasser“) vor dem Kampf, das dem Ritual vor dem Betreten eines Shintō-Heiligtums gleicht.

Die Sumō-Ringer Allgemeines mini|Der Sumōringer Mutsugamine Iwanosuke (Farbholzschnitt von Kuniyoshi, 1853)

In Japan wird die Sportart kommerziell und professionell betrieben. In speziellen Sumō-Schulen (Heya), in denen sie sowohl trainieren als auch wohnen, werden Knaben zu Sumōkämpfern herangebildet. Sie werden auch als Rikishi (, wörtlich: „Kraftmensch“) oder einfach als Sumōtori (, „jemand, der Sumō kämpft“) bezeichnet.

Im Alter von ungefähr 15 Jahren beginnen sie ihre Laufbahn in der untersten Liga. Eine steigende Anzahl von Ringern rekrutiert sich aber auch aus den Reihen der erfolgreichen Amateursportler, besonders aus dem japanischen Hochschulsport. Diesen wird die Möglichkeit zum „Quereinstieg“ in die dritte (Makushita-)Division gewährt. Etwa zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr ist die Laufbahn eines Ringers zu Ende.

Den Erfolgreichsten eröffnet sich danach die Perspektive auf einen Funktionärsposten und die Tätigkeit als Schiedsrichter oder Trainer, andere verdienen ihren Lebensunterhalt in der auf Chankonabe spezialisierten Gastronomie (siehe auch nächster Absatz).

Neben ihrem Körperbau sind Sumōringer an ihrer Chonmage-Frisur zu erkennen, wie sie auch bei Samurai während der Edo-Zeit üblich war, wie an ihrer ebenso traditionell japanischen Kleidung, die vom jeweiligen Rang abhängt.

Körperbau