Wolfgang Kermer (* 18. Mai 1935 in Neunkirchen (Saar)) ist ein deutscher Kunsthistoriker, Kunstpädagoge, Autor, Herausgeber und Hochschullehrer, von 1971 bis 1984 Rektor der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Unter seinem Rektorat wurde die während der Studentenunruhen in Kritik geratene Hochschule inhaltlich und organisatorisch neu strukturiert.Wolfgang Kermer: „1968“ und Akademiereform: von den Studentenunruhen zur Neuorganisation der Stuttgarter Akademie in den siebziger Jahren. Cantz, Ostfildern-Ruit 1998 (= Beiträge zur Geschichte der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, hrsg. von Wolfgang Kermer; 9), ISBN 3-89322-446-7. Er war Gründer und Herausgeber der Schriftenreihen Akademie-Mitteilungen, Beiträge zur Geschichte der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und WerkstattReihe.

Leben und Wirken Kindheit, Jugend und Ausbildung Wolfgang Kermer ist der Sohn des österreichischen Kapellmeisters Franz Kermer (1893–1936)Robert Hahn: Die saarländische Bergmusik: die Bergkapellen. Saarbrücken, Minerva-Verlag Thinnes & Nolte, 1969, S. 30–31. und dessen Ehefrau Luise Kermer, geborene Kunz (1904–1978).

Im Alter von einem Jahr verlor er seinen Vater. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Neunkirchen an der Saar, wo er die Bachschule und danach das Gymnasium am Krebsberg besuchte.

Ab dem sechsten Lebensjahr erhielt Wolfgang Kermer Klavierunterricht, der nach dem Verlust des eigenen Instruments bei einem Fliegerangriff 1944 erst nach Kriegsende wieder kontinuierlich fortgesetzt werden konnte. Eine Zeitlang trat er als Pianist eines von ihm gegründeten Jazztrios, dem auch sein Schulfreund Horst Linn als Drummer angehörte, öffentlich in Erscheinung, um sich zugleich der Malerei und Grafik zu widmen. Seine künstlerischen Interessen wurden von seinen Zeichenlehrern Ernst Germer und Wolfram Huschens gefördert.

1954 fand Kermers erste Einzelausstellung in der Stadtbücherei seiner Heimatstadt statt. „Wolfgang Kermer hat eine interessante Kollektion ausgestellt“, so die Saarbrücker Zeitung, „und nach ihr zu urteilen, darf man bei ihm von einer ‚Hoffnung‘ sprechen, die sich vielleicht erfüllen wird auf dem schweren Pfad, den die Kunst ihren Jüngern zu gehen vorschreibt.“Hans Staut: Wolfgang-Kermer-Ausstellung im Lesesaal. In: Saarbrücker Zeitung, 7. Dezember 1954. 1955 und 1956 nahm er an den von Wilhelm Weber im Museum der Stadt Homburg organisierten Ausstellungen „Die Jungen im Lande“ teil.Die Jungen im Lande: Saarländischer Künstlernachwuchs stellt sich vor. Museum der Stadt Homburg, 22. Januar bis 20. Februar 1955, Nr. 105–107 (Faltprospekt).Die Jungen im Lande: Gemälde, Graphik, Plastiken, Keramik. Museum der Stadt Homburg, 7. bis 29. Juli 1956, Nr. 106–116 (Faltprospekt).

Nach dem Abitur 1956 studierte er an der Staatlichen Schule für Kunst und Handwerk in Saarbrücken bei Peter Raacke, Oskar Holweck und als Gast bei Otto Steinert sowie an der Universität des Saarlandes bei Josef Adolf Schmoll genannt Eisenwerth und wechselte 1957 an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, wo er bei Hannes Neuner, Peter Steiner, Christoff Schellenberger und Rudolf Yelin Kunst- und Werkerziehung, Malerei und Grafik studierte. Von Einfluss auf seine künstlerische Arbeit war besonders Hannes Neuner, dessen Unterricht er in Stuttgart besuchte.Hannes Neuner und seine Grundlehre: eine Weiterentwicklung des Bauhaus-Vorkurses. Ausstellungskatalog, Bauhaus-Archiv, 19. Oktober bis 2. Dezember 1973, Berlin 1973, mit Abb. diverser Arbeitsproben Kermers, jedoch, wie in allen anderen Fällen auch, ohne Namensnachweis. Nach einem Besuch der Pollock-Ausstellung im Sommer 1958 in der Kunsthalle Basel entstanden großformatige Tuschezeichnungen, die er „Bodman-Folgen“ nannteWolfgang Kermer -Grafik, Ausstellungskatalog Grafisches Kabinett Saarbrücken, Markthallenstraße 19, 16. August bis 17. September 1961, Beilage (Text: Wolfgang Kermer) und auszugsweise beim „Pfalzpreis für Graphik 1958“ zeigte.Der Pfalzpreis für Graphik 1958, Ausstellungskatalog Pfälzische Landesgewerbeanstalt, Kaiserslautern, 22. November bis 21. Dezember 1958, o. P. Im gleichen Jahr schuf Kermer mehrere abstrakte Bronze- und geschweißte Eisenplastiken, worauf die galerieampavillon in Saarbrücken erstmals 2025 zu Kermers neunzigstem Geburtstag hinwies.Wolfgang Kermer: Fotogramme, Grafik, Metallskulpturen, Zeichnungen von 1956 bis 1960, Flyer, galerieampavillon, Hans Karl Reuther, Saarbrücken, 25. September bis 30. Oktober 2025

1959 studierte Kermer mit einem Stipendium der französischen Regierung Kunstgeschichte an der École du Louvre in Paris. Zu dieser Zeit begegnete er K. R. H. Sonderborg in Paris, fühlte sich angezogen von der ausdrucksmäßigen Freiheit, die dieser Künstler mit seinen in Hayters Atelier 17 geschaffenen Radierungen erreichte.Als beide später an der Stuttgarter Akademie als Professoren zusammentrafen und K. R. H. Sonderborg während des Rektorats von Wolfgang Kermer vier Jahre Prorektor der Hochschule war, vertiefte sich der einvernehmlich-kollegiale Kontakt. Zeugnis liefern verschiedene freundschaftliche Dedikationen auf graphischen Werken Sonderborgs, die sich im Besitz der Städtischen Galerie Neunkirchen befinden. Siehe: Wolfgang Kermer: Bestandskatalog. Städtische Galerie Neunkirchen. Katalog: Wolfgang Kermer; Nicole Nix-Hauck. Neunkirchen 2011, ISBN 978-3-941715-07-3, S. 154–155. Nach der Prüfung in Werkarbeit 1959Kermers „Werkbuch“ (Unikat), die Zulassungsarbeit zur praktischen und theoretischen Prüfung in Werkarbeit, befindet sich im Besitz der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart. Bibliotheksservice-Zentrum Baden-Württemberg abgerufen am 20. November 2022. legte er zwei Jahre später an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart das Staatsexamen für das Künstlerische Lehramt an Gymnasien ab. Von 1956 bis 1962 studierte er Philosophie und Erziehungswissenschaften an der Universität des Saarlandes und später an der TH Stuttgart.

Künstlerische Tätigkeit Nachdem seine Zeichnungen und Radierungen beim „Pfalzpreis für Graphik 1958“ in KaiserslauternDer Pfalzpreis für Graphik 1958. Ausstellungskatalog Pfälzische Landesgewerbeanstalt Kaiserslautern, 22. November bis 21. Dezember 1958. und in der Ausstellung „Junge Künstler“ im Württembergischen Kunstverein Stuttgart 1960Ausstellung „Junge Künstler“: Karl Peter Blau, Heidi Foerster, Gottfried Gruner, Wolfgang Kermer, Gerd Neisser, Irmela Röck. Ausstellungskatalog Württ. Kunstverein Stuttgart, Schellingstraße 6, 3. bis 26. Juni 1960, Kat.–Nr. 56–70. positive Resonanz gefunden hatten, wurde Kermer im Oktober desselben Jahres in die Neue Gruppe Saar aufgenommen und nahm von 1961 bis 1963 an deren Ausstellungen in Saarbrücken, Tübingen und Zweibrücken teil. 1963 beteiligte er sich an der Katalogedition der Gruppe mit graphischen Werken der Mitglieder.neue gruppe saar saarbrücken – arte al borgo palermo. Ausstellung im Saal des Kultusministeriums Saarbrücken, November 1963 (Katalog, Auflage 250 Exemplare). Sowohl das damalige Ministerium für Kultus, Unterricht und Volksbildung in Saarbrücken als auch Privatsammlungen erwarben Beispiele seiner der „art informel“ nahestehenden Arbeiten. Dem Verband Bildender Künstler und Künstlerinnen Württemberg (VBKW) gehörte er ab 1961 einige Jahre an.

1961 bis 1962, in einer Zeit, in der die Frankfurter Zimmergalerie Franck,GR: Bilder und Bronzen: Ausstellungen bei Franck und Appel in Frankfurt. In: Frankfurter Rundschau, 16. März 1961. das Graphische Kabinett SaarbrückenWilhelm Weber: Licht im Dunkel: Zu Wolfgang Kermers Ausstellung im Graphischen Kabinett. In: Saarbrücker Zeitung, 31. August 1961. sowie der Bücherdienst Eggert in StuttgartW. M.: Plastische Graphik: Wolfgang Kermer bei Eggert. In: Stuttgarter Nachrichten, Nr. 57, 8. März 1962, S. 7; Das Kunstwerk, 9/XV, März 1962, Abb. S. 31. Einzelausstellungen von Kermers graphischen Arbeiten zeigten und Beispiele seiner Malerei in der Ausstellung des Württembergischen Kunstvereins „Deutscher Kunstpreis der Jugend 1962“Deutscher Kunstpreis der Jugend 1962: Ölgemälde, Aquarelle, Gouachen. Ausst.-Kat. Württembergischer Kunstverein, Stuttgart 1962, Kat.- Nr. 76, 77. vertreten waren, war er künstlerischer und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Maximilian Debus am Lehrstuhl für Zeichnen und Modellieren der TH Stuttgart und unterrichtete innerhalb der Grundlehre für Gestaltung und Entwerfen insbesondere die Fächer Schrift und Aktzeichnen für angehende Architekten. Mit Druckgrafik war Kermer zuletzt in der 1962 gestarteten, in 28 Städten der Bundesrepublik gezeigten Wanderausstellung „Neue Deutsche Graphik“ präsent,Neue Deutsche Graphik, Ausst.-Kat., hrsg. vom Arbeitskreis moderne Graphik, Frankenthal/Pfalz, 1962, S. 20–21. mit Malerei zusammen mit Horst Linn 1964 in der Galerie Elitzer SaarbrückenGeorg W. Költzsch: Informelle Kunst: Ausstellung Wolfgang Kermer / Horst Linn. Galerie Elitzer, September 1964. In: Saarheimat, 8. Jg., Heft 10, Oktober 1964, S. 312–313. sowie bei den Jahresausstellungen des Künstlerbundes Baden-WürttembergKünstlerbund Baden-Württemberg: 10. Jahresausstellung 5. Juli bis 6. September 1964: Malerei und Plastik. Württembergischer Kunstverein, Kunstgebäude am Schlossplatz, S. 64, Kat.-Nr. 99, 100. und des Saarländischen Künstlerbundes.Saarländischer Künstlerbund: Jahresausstellung 1964. Ausst.-Kat., Saarbrücken 1964, Nr. 85 (lose beiliegendes Ausstellungsverzeichnis).

Zweitstudium und Promotion Ab 1962 studierte Kermer an der Eberhard Karls Universität Tübingen Kunstgeschichte, im Nebenfach Vor- und Frühgeschichte sowie Kulturgeographie. 1966 wurde er mit der Dissertation Studien zum Diptychon in der sakralen Malerei: von den Anfängen bis zur Mitte des sechzehnten Jahrhunderts: mit einem Katalog an der Universität Tübingen mit dem Prädikat magna cum laude zum Dr. phil. promoviert. 1967 veröffentlichte er die von ihm erbrachte erste Bestandsaufnahme überlieferter und verloren gegangener Denkmäler bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts.„ […] Au très important texte de l'ouvrage s'ajoute un catalogue raisonné contenant 166 notices suivies, chacune, d'une abondante bibliographie et de 296 illustrations qui se rapportent soit aux œuvres décrites, soit aux analogies. La matière s'y trouve distribuée en plusieurs groupes d'après divers types, leur origine et leur cheminement topographique et chronologique. Elle se divise en sept gros chapitres traitant du haut Moyen-Âge occidental, art byzantin du XIe au XIVe siècle, écoles d'Italie du XIIIe au XVe siècle, l'Allemagne du XIVe au début du XVIe siècle et l'Espagne avec une seule œuvre. Quant à la France, elle est représentée par le diptyque de Rabastens (Musée de Périgueux), les deux diptyques du legs Carrand au Bargello de Florence et celui de Simon Marmion du Musée de Strasbourg. […] “ In: La Chronique des arts: supplément à la Gazette des Beaux-Arts, no. 1208, septembre 1969, S. 17.

Professur und Rektorat an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart