Maria und Joseph („Je vous salue, Marie“) ist ein schweizerisch-französischer Spielfilm des Filmemachers Jean-Luc Godard aus dem Jahre 1984. Godard paraphrasiert die biblische Geschichte von Maria und Josef von Nazaret und der Jungfrauengeburt Jesu in die Gegenwart und in die Umgebung von Genf, wo der Filmemacher als Protestant aufgewachsen ist. In einem zweiten Handlungsstrang verwirft ein Professor die Evolution, die naturwissenschaftliche Erklärung für die Entstehung des Menschen.

Weil der Film an ein katholisches Dogma rührt und die Protagonistin nackt zeigt, rief er bei konservativen Katholiken teils heftige Proteste hervor. Papst Johannes Paul II. sah die Jungfrau Maria herabgewürdigt, es gab in katholischen Kreisen jedoch auch Zuspruch zum Werk. Die Filmliteratur versteht diesen Film weniger als Beitrag zu einem religiösen Thema, denn vielmehr als eine Erkundung der Möglichkeiten, mit dem Medium Film das nicht Darstellbare auszudrücken. Dabei bedient sich Godard unkonventioneller Stilmittel wie einer mäandernden Erzählweise oder einer zerhackten und den Bildern entgegenstehenden Musik, um Zuschauer aus gewohnten Mustern der Rezeption zu zwingen, sowie einfacher Naturbilder, des Humors und der Ironie. Das Werk hat Autoren verschiedener Disziplinen zu zahlreichen Deutungen angeregt. Godards Hauptfilm vorangestellt ist ein Kurzfilm seiner Gefährtin Anne-Marie Miéville zum Thema mütterlicher Liebe.

Anne-Marie Miévilles Das Buch der Maria Jean-Luc Godards langjährige Mitarbeiterin und Lebensgefährtin Anne-Marie Miéville hat parallel zu Maria und Joseph den Kurzfilm Das Buch der Maria (Le livre de Marie) von 27 Minuten Länge gedreht. Sie griff auf beinahe denselben Stab zurück wie Godard.Antoine de Baecque: Godard. Biographie. Bernard Grasset, Paris 2010, ISBN 978-2-246-64781-2, S. 625. Die Kinos zeigten den Kurzfilm und danach den 76 Minuten langen Hauptfilm als ein nahtloses Programm,epd Film April 1985, S. 33; Zoom April 1985, S. 25–28; Dixon 1991, S. 153. auch in DVD-Ausgaben sind beide Teile am Stück zu sehen.so auch auf der DVD Jean-Luc Godard Collection no. 2, Universum 2006.

Aurore Clément und Bruno Cremer spielen die Eltern der elfjährigen Marie – die Familie bewohnt ein Haus am Genfersee. Die Eltern zanken sich über ihre Aufgaben innerhalb der Familie, bis sie entscheiden, dass der Vater aus dem Haus auszieht. Das Mädchen weigert sich trotzig, das zur Kenntnis zu nehmen und flüchtet sich ins Rezitieren von Versen aus Baudelaires Gedichtband Die Blumen des Bösen über existenzielle Themen sowie ins Hören der Musik von Chopin und Mahler. Es drückt seine Angst in einer erregten Tanzdarbietung aus. Die Mutter erklärt dem Kind, es heiße Marie, weil der Name ein Anagramm von aimer (französisch für lieben) ist.

Einige Filmkritiker halten Das Buch der Maria für eine Art Prolog zu Godards Hauptfilm.Kevin Z. Moore: Reincarnating the Radical. Godard’s „Je vous salue Marie“, in: Cinema Journal, University of Texas Press, Austin, Jg. 34, Nr. 1, Herbst 1994, S. 18–30. Wolfram Schütte spricht in diesem Kontext von einem Präludium, von einer Ouvertüre.Wolfram Schütte: Maria und Joseph zum Orinoko. In: Frankfurter Rundschau Nr. 48 vom 26. Februar 1985, S. 7. Andere Kritiker meinen dagegen, diese Klassierung würde den Kurzfilm unterschätzen.Ellen Drapper: An Alternative to Godard’s Metaphysics, in: Maryel Locke und Charles Warren (Hrsg.): Jean-Luc Godard’s Hail Mary. Women in the sacred film. Southern Illinois University Press, Carbondale 1993, ISBN 0-8093-1824-5, S. 69; Vlada Petric und Geraldine Bard: Godard’s Vision of the New Eve, in: Locke/Warren 1993, S. 101. Er bereitet das Publikum motivisch, emotional und formal auf den Hauptfilm vor.David Sterritt: Miéville and Godard: From Psychology to Spirit. In: Locke/Warren 1993, S. 56–57. Die Ehe der Eltern löst sich auf, weil keine Verständigung gelingt.Wheeler Winston Dixon: The films of Jean-Luc Godard. State University of New York Press, Albany 1997, ISBN 0-7914-3286-6, S. 153–162.

Durch die Trennung ihrer Eltern erfährt Marie die erste Erschütterung in ihrem Leben.Alain Bergala: La fin d’une enfance, in: Cahiers du cinéma, Januar 1985, von, S. 17.Drapper 1993, S. 69. Die Dichtung und Musik, mit der sie sich befasst, traut man einem elfjährigen Kind kaum zu.Sterritt 1999, S. 164–187. Die Filmzeitschrift epd Film deutete den Zustand des Mädchens so, dass sie bereits das Geheimnis mütterlicher Liebe in sich trage, ohne davon geahnt zu haben; die Trennung der Eltern mache ihr die Existenz dieser Liebe bewusst. Zuletzt köpft Miévilles Marie am Esstisch ein Ei und an diese Einstellung schließt Godards Hauptfilm an. Die Jungfrau Maria gebar den Gott, der ihr Vater ist, bemerkte Cynthia Erb: „In diesem letzten Moment gebärt Miéville den Godard, der ihr künstlerischer Vater ist, dessen unermeßlicher Status sie immer in den Schatten stellt und ihr Werk an den Rand drängt.“Cynthia Erb: The Madonna's reproduction(s): Miéville, Godard, and the figure of Mary. In: Journal of Film and Video, Jg. 45, Nr. 4, Winter 1993, S. 47.

Handlung Ausgangslage Rolle, ein kleiner Ort unweit von Genf. Die junge Marie ist Tochter eines Tankstellenpächters und spielt in der Korbballmannschaft. Sie hat einen Verlobten, den Taxifahrer Joseph, mit dem sie bisher keinen Geschlechtsverkehr gehabt hat. Joseph, ein Schulabbrecher, modisch angezogen, mit Pomade im Haar und mit Sonnenbrille, unterhält eine zweite Beziehung mit Juliette. Diese möchte die Beziehung vertiefen, aber Joseph zeigt immer weniger Interesse für sie. Eines Tages kommen mit dem Flugzeug zwei geheimnisvolle Fremde an, die sich rüpelhaft benehmen: Der Erzengel Gabriel und seine kleine Begleiterin. Sie verkündigen Marie, dass sie ein Kind bekommen wird …

Weiterer Verlauf Außer der Geschichte um Marie und Joseph hat der Film eine Nebenhandlung, die mit der Haupthandlung kaum verknüpft ist. Ein Professor findet wissenschaftliche Erklärungen für die Herkunft des Lebens nicht überzeugend: „Wir sind nicht plötzlich in einer aminosauren Suppe geboren. […] Das Leben ist von einer dazu entschlossenen Intelligenz gewollt, gewünscht, geplant, und programmiert worden.“ Er hält die evolutionäre, zufällige Entwicklung mangels der dazu nötigen Zeit für nicht möglich. Zur Verdeutlichung lässt er einen Studenten mit verschlossenen Augen einen Zauberwürfel drehen. Die Studentin Eva gibt ihm für jede Bewegung an, ob sie richtig oder falsch ist. Innerhalb von Minuten bringt er den Würfel in die Zielstellung, was ohne ihre Eingaben nicht möglich gewesen wäre. Später besucht der Professor Eva bei ihr zuhause in der „Villa Paradis“. Sie sinnieren über Philosophie und lassen sich miteinander ein.

Marie nimmt das Wunder an, auch wenn sie es weder versteht noch erklären kann. Der Gynäkologe staunt, als er bei Marie zugleich Jungfräulichkeit und Schwangerschaft feststellt. Hingegen glaubt Joseph, dass sie mit anderen Kerlen schläft: „Ich hoffe, sie haben wenigstens große Schwänze!“ Er hadert damit, als gehörnter Idiot dazustehen. Marie besteht darauf, mit niemandem geschlafen zu haben, und entzieht sich seinem Verlangen nach körperlicher Nähe. Der Engel versucht, Joseph mit Maulschellen Vertrauen und Liebe einzubläuen. Nach der Trennung von Juliette erklärt Joseph Marie seine Liebe; sie wirft ihm vor, noch immer nicht an das Wunder zu glauben. Als das Paar sich anschickt zu heiraten, bettelt er, sie wenigstens einmal ganz nackt sehen zu dürfen. Sie gestattet es ihm. Doch sein Versuch, sie anzufassen, wird vom plötzlich auftauchenden Gabriel unterbunden, der Maria auch als Schutzengel beisteht. Erst als Joseph sein Verlangen nach Maries Körper bändigt und seine Hand zwei Zentimeter vor ihrem Bauch hält, erklärt sie ihm, das sei Liebe. Noch immer nicht ganz verstehend fügt er sich allmählich in die ihm zugewiesene Rolle. Er verspricht Marie, bei ihr zu bleiben und sie nicht zu berühren. Inzwischen trennt sich der Professor von Eva, um zu seiner Familie zurückzukehren. Marie muss mit dem Schmerz zurechtkommen, dass ihr Enthaltsamkeit auferlegt ist. Nach Wintereinbruch bringt Marie das Kind zur Welt. Jahre später ist der Junge namens Jesus trotzig und frech, und Joseph führt ein freudloses Eheleben. Eines Tages ruft das Kind aus: „Ich muss mich um die Geschäfte meines Vaters kümmern!“ und verlässt Marie und Joseph. Sie nimmt es hin. Mit einem „Gegrüßet seist du, Maria!“ gibt ihr Gabriel einen Wink, dass ihre Mission beendet ist. Im Auto zündet sie sich eine Zigarette an und trägt roten Lippenstift auf; der Film endet mit einer Einstellung auf ihren weit geöffneten, runden Mund.

Formale Konzeption Bilder der Natur und von Maries Körper Zwischen die Szenen mit den Protagonisten fügt Godard zahlreiche Naturbilder ein: Ein Baum in der Landschaft; Steine, die ins Wasser geworfen werden und Wellen auslösen; ein Flugzeug, das Wipfel und Stromleitungen überfliegt; Sonnenuntergänge; wiegende Halme im Feld; Igel im Gras. Es sind einfache, stark stilisierte Bilder, die Alltägliches zu Himmlischem erheben. Mit dem Bild der untergehenden Sonne, vor der ein Flugzeug durchfliegt, fand er eine Metapher von Maries Befruchtung.Inez Hedges: Jean-Luc Godard’s Hail Mary: Cinema’s „virgin birth“, in: Locke/Warren 1993, S. 65. Zitierte er in seinen Filmen der 1960er-Jahre Symbole aus der Popkultur und der Werbung, so verwendete er in Maria und Joseph sehr ursprüngliche Zeichen.Film Quarterly, Jg. 39, Nr. 2, Winter 1985/1986, S. 2–6. Er baute die Kamera auf und verbrachte lange Zeit mit Warten, bis sich in den einfachen Szenerien etwas Außergewöhnliches zeigte. Er hielt Ausschau nach unbefleckten, erst im Entstehen begriffenen Zeichen, die noch keine Bedeutung tragen.Godard im Gespräch mit Film Quarterly, Jg. 39, Nr. 2, Winter 1985/1986, S. 2–6.

In Sonne, Mond, Korbball und Maries Bauch wiederholt sich das Motiv des Kreises und des Runden.Marc Cerisuelo: Jean-Luc Godard. Editions des Quatre-vingts, Paris 1989, ISBN 2-907468-08-1, S. 226; Film Quarterly, S. 4; Mulvey 1993, S. 48. Für Gertrud Koch von epd Film hat die Darstellerin Myriem Roussel den idealen Marien-Körper, „geschwungene Hüften, volle Brüste, eine fast kindliche Taille und langer schmaler Hals, dessen Rückenansicht eine elegante Nackenlinie bietet, ein wenig eckige, noch mädchenhafte Knie.“ Ihre Schönheit ist für Antoine De Baecque das erste Wunder dieses Films.De Baecque 2010, S. 628. Godard führte aus, dass er nicht eine entblößte Frau, sondern menschliches Fleisch habe zeigen wollen. Einige Einstellungen seien als anatomische Zeichnungen gedacht. Den Gedanken, auch Joseph nackt zu zeigen, verwarf er, weil es das Publikum zur Fehlannahme verleitet hätte, dass Joseph und Maria miteinander Geschlechtsverkehr hätten. „Außerdem bin ich ein Mann und betrachte gerne nackte Frauen!“

Bach und Dvořák mit Aussetzern Mehr als andere Regisseure betrachtet Godard Bilder, Dialoge, Musik und Geräusche als einzelweis manipulierbar.Sterritt 1993, S. 57. Die Schnitte des Bildes und der Geräusche auf der Tonspur sind oft asynchron; auf den ersten Eindruck erscheinen Bilder und Musik willkürlich zusammengestellt.Charles Warren: Whim, god and the screen, in: Locke/Warren 1993, S. 10–26. Eingesetzt werden die klassischen Musikstücke in Form abrupter Einblendungen mitten in diese Stücke hinein. Oftmals werden sie nicht über eine längere Dauer ausgespielt, sondern zerstückelt, indem sie mehrere Male hintereinander aus- und wieder einsetzen. Die fragmentierten Bilder und die Hüst-und-hott-Tonspur zielen darauf ab, das Publikum aus gewohnheitsmäßigen, bequemen Wahrnehmungsmustern zu werfen.Sterritt 1999, S. 200.