Die Mutter- und Kose-Lieder sind das letzte große Werk von Friedrich Fröbel, dem Begründer (eigentlich Stifter) des Kindergartens. Es wendet sich durch Dichtung, Bilder, Erklärungen und Melodien an die einzelnen Familienmitglieder (vor allem Mutter und Kind). Seine Publikation, als allererste Gabe den gegenständlichen Spielmitteln vorgeordnet, soll zum gemeinsamen Anschauen sowie Spielen in der Familie anregen. mini|Vorderseite des Buchdeckels, ein kleines Meisterwerk romantischer BuchillustrationKönig 1998, S. 8 hochkant|rechts|mini|Titelblatt (Innenseite) zu Friedrich Fröbels Mutter- Spiel und Koselieder, Blankenburg 1844 miniatur|links|Friedrich Fröbel hochkant|mini|Bildtafel: Der Tischler miniatur|Mutter- und Koselieder. Neue Ausgabe von Friedrich Seidel (5. Auflage), archiviert im Ida-Seele-Archiv

Zur Entstehung Friedrich Fröbels Werk erschien nach jahrelangen und zeitraubenden Vorarbeiten 1844 in Blankenburg (heute Bad Blankenburg) unter dem Titel: Kommt, laßt uns unsern Kindern leben! Mutter- und Kose-Lieder. Dichtung und Bilder zur edlen Pflege des Kindheitslebens. Ein Familienbuch von Friedrich Fröbel. „Gar hoher Sinn liegt im kind’schen Spiel.“ Mit Randzeichnungen, erklärendem Texte und Singweisen. Blankenburg bei Rudolstadt, die Anstalt zur Pflege des Beschäftigungstriebes der Kindheit und Jugend. Nach Bertha von Marenholtz-Bülow soll Fröbel über sein Werk gesagt haben: Ich habe darin das Wichtigste meiner Erziehungsweise niedergelegt; es ist der Ausgangspunkt für eine naturgemäße Erziehung der ersten Lebensjahre, denn es zeigt den Weg, wie die Keimpunkte der menschlichen Anlagen gepflegt und unterstützt werden müssen, wenn sie sich gesund und vollständig entwickeln sollenMarenholtz-Bülow 1878, S. 118.

Die Anregung zu seinen Mutter- und Kose-Lieder erhielt Fröbel von einer jungen Bäuerin, die ihr kleines Kind den Hühnern und Tauben im Hof zuwinken ließ:

Osann 1956, S. 124.

Nach dem Tode seiner ersten Frau Wilhelmine Henriette, im Jahre 1839, verband den Begründer des Kindergartens mit seiner Verwandtschaft mütterlicherseits, der Muhme Schmidt, ein enger und reger Briefverkehr. In letztgenannter sah er die erste Mutter, die seine Gedanken zur Kleinkindererziehung in ihrer eigenen Familie umsetzte. Aus dieser Beziehung erwuchs seine Idee zu seinem Werk der Mutter- und Koselieder.

Anfänglich kostete die aufwändig gestaltete Publikation 12 Taler. Da jedoch der Verkauf äußerst schleppend voranging, setzte Friedrich Fröbel den Preis auf 3½ Taler herunter.

Struktur und Intention Mit seinem romantisch-philosophischen Familienbuch hatte der Pädagoge versucht, das unvollendet gebliebene Unternehmen seines Lehrers Pestalozzi, ein 'Buch der Mütter' zu schreiben, auf seine Art und Weise zu vollendenRenner 1982, S. 186. Er bemängelte am Buch der Mütter, dass dieses zu wenig lebendig, natürlich und unkindlichHeiland 1982, S. 33 sei. Der Stifter des Kindergartens griff aber nicht nur auf Pestalozzi zurück, er erbat und erhielt in seinem Briefwechsel, vor allem mit Frauen, immer wieder Hinweise und Nachrichten über die praktische Arbeit mit seinem Buch (und seinen Spielgaben) im Leben der FamilieRenner 1982, S. 186. Er wollte damit den Müttern – in der Lebensperiode des Kindes ‚in den Armen und auf dem Schosse der Mutter‘Kindergarten 1900, S. 5 – die Bedeutung und Verantwortung, die in der Mutterschaft und Erziehung liegen, verdeutlichen, und ihnen gleichzeitig Hilfen bei der Heranbildung ihres Kleinkindes an die Hand geben (also einen Erziehungsratgeber). Dies war nach Ansicht Friedrich Fröbels notwendig, da mütterliche Liebe und Mutterinstinkt allein nicht ausreichen, wenn sich alle menschlichen Anlagen gesund und vollständig entwickeln sollen. Er schrieb:

Ich habe in diesem Buche das Wichtigste meiner Erziehungsweise niedergelegt; es ist der Ausgangspunkt für eine naturgemäße Erziehung, denn es zeigt den Weg, wie die Keimpunkte der menschlichen Anlagen gepflegt und unterstützt werden müssen, wenn sie sich gesund und vollständig entwickeln sollenzit. n. Prüfer 1919, S. I.

Die Mutter- und Koselieder enthalten zahlreiche Illustrationen (Bildtafeln). Sie spiegeln das Familienleben von damals sowie die ländliche Lebenswirklichkeit von Keilhau und Blankenburg, und damit auch die Welt der Kinder dieser Zeit:

Auf der Grundlage umfassender Kenntnisse und mit der ihm eigenen Sensibilität schildert Fröbel die Entwicklungsbesonderheiten von Säuglingen und Kleinkindern: ihre lebhafte Empfänglichkeit, ihre Kontaktfreude und ihr Bedürfnis nach Tätigkeit und NachahmungBoldt/Eichler 1982, S. 102.

Die Mutter soll dem Kind beim Singen und Spielen die Gegenstände benennen und zeigen und ihm helfen, den Zugang zur Umwelt zu erschließen. Als Hauptweg empfahl der Pädagoge die Verbindung von Finger-, Hand- und Strampelspielen mit der Betrachtung der betreffenden Bilder und den erklärenden Worten bzw. dem Gesang der MutterBoldt/Eichler 1982, S. 104. Dabei hatte er die Lieder und Spiele unter dem pädagogischen und psychologischen Aspekt der Erziehung des Kleinkindes angeordnet - von den ersten Bewegungen über die einzelnen Stufen der Entwicklung bis zum Vermögen, schon kleine Zeichnungen anzufertigen; die pädagogische Idee des Buches schreitet also vom 'Strampfelbein' zum 'kleinen Zeichner' fortKönig 1984, S. 9.

Das großformatige Familienbuch gliedert sich in drei Abschnitte. Der erste Teil besteht aus sieben Mutter- und Koselieder, die die emotionale Zuwendung und Bindung der Mutter zum Kind fördern sollen. Es handelt sich um folgende Mutter und Koselieder:

Empfindungen der Mutter beim Anschauen ihres erstgeborenen Kindes Die Mutter im Gefühl ihrer Lebenseinigung mit dem Kinde Die Mutter seelig im Beschauen ihres Kindes Die Mutter beim Spielen mit ihrem Kinde Die Mutter im Anschauen ihres sich entwickelnden Kindes Die Mutter und das Kind, wenn es auf ihrem Schoße steht und in ihrem Arme ruht Das Kind an der Mutter Brust

Der zweite Abschnitt ist der eigentliche Mittelpunkt des Werkes, der zugleich auch als Bilderbuch dient. Hier wird Fröbels Intention deutlich sichtbar. Er will die Mütter anregen, in Lebenseinigung mit ihrem Kind dieses zu einer sinnvollen Lebensgestaltung zu führen.

Er besteht aus insgesamt 50 Spiel-Lieder, die die Entwicklung von Fähigkeiten im sensorischen, motorischen, kognitiven, sozial-emotionalen und kreativen Bereich, sowie eine erste Einführung in das Erkenntnis- und Gewerbsleben fördern sollen. Den Spielliedern, die durch Bewegungen der Hand bzw. Finger gestaltet werden, ist jeweils ein gereimtes Motto vorangestellt und jedes Lied ist von einer reich erzählenden Rahmenzeichnung eingefasst. Die Bildtafeln, die dem Kind erlebnishaft-ahnende gegenwärtige welthafte Bezüge beschreiben, sollen die Mutter anregen, die in den einzelnen Liedern angesprochenen Motive in eigenen kleinen Erzählungen aufzugreifen, zu gestalten und zu vertiefen. Ihre liebevolle Zuwendung regt das Kind zum Mitvollziehen der Fingerspiele an. Hier eine Auswahl von Spielliedernhttp://www.froebelweb.de/index.php/schaffen/58-admin.html:

Strampfelbein Bautz! da fällt mein Kindchen nieder Hähnchen auf dem Thurme Täubchenwinken Patsche=Kuchen Vogelnest Blumenkörbchen Taubenhaus Mutter lieb und gut Der Wolf Das Fenster Der Zimmermann Der Tischler Kindchen versteck dich! Guckguck! Der Kaufmann und das Mädchen Der Kaufmann und der Knabe Versteckspiel Kirchenthür Der kleine Zeichner etc. Durch die zu den einzelnen Tafeln dargestellten Bildszenen wird das „Familienbuch“ zum Bilderbuch.

Ein kompakter Anhang (mit ausführlichen Prosatext, der die einzelnen Hauptseiten sehr breit kommentiert) beschließt das Fröbelsche Alterswerk. Der Anhang gibt der Mutter Anregungen für mögliche Kindergeschichten, Spielvorschläge sowie theoretische pädagogische (symbolische) Erläuterungen als auch didaktische Hinweise. Zugleich wird der erziehungsphilosophische Hintergrund Friedrich Fröbels .. beleuchtetHebenstreit 2003, S. 179. Der Anhang gliedert sich in folgende fünf Überschriften: Erklärung des Titelblattes Andeutungen zu den Mutter= und Koseliedern Blick auf die Mutter, versunken im Anschauen ihres Kindes Erläuterungen zu den Randzeichnungen sowie Spielliedern Erklärung der Umschlagzeichnungen miniatur|hochkant|Notenbeigabe zu den Mutter- und Kose-Liedern Die Illustrationen zu dem Familienbuch stammen von dem dem Kreis der Nazarener nahestehendem Künstler Friedrich Unger (1811–1858), der Zeichenlehrer an der Fröbel’schen Erziehungsanstalt in Keilhau war: Von der romantischen Malerschule unter Peter von Cornelius und Friedrich Overbeck beeinflußt, hat er manche realistische Szene romantisch verklärt; mit dem ersten Titelblatt …, schuf er zugleich ein kleines Meisterwerk romantische Buchillustration. Mit seiner sich in den Zeichnungen widerspiegelnden Naturauffassung kam Unger Fröbel besonders entgegen, dessen Naturverbundenheit sich seit frühester Jugend auf seine pädagogische Arbeit auswirkte. Mit der Verwendung von Motiven aus dem Schwarzatal …, und aus der Umgebung von Bad Blankenburg …, hat sich Unger bleibende Verdienste als Chronist erworbenKönig1984, S. 8 f.

Wenige Wochen vor der Herausgabe der Mutter- und Koselieder erschien der Notenband mit 44 vertonten Spielliedern, zweistimmig in Musik gesetzt von Robert Kohl (1813–1881) als eigenständiges Werk. Der Notenband wurde auch von Friedrich Unger künstlerisch gestaltet. Unger wie Kohl unterrichteten an der von Friedrich Fröbel gegründeten und geleiteten Bildungs- und Erziehungsanstalt in Keilhau, die noch heute als Freie Fröbelschule Keilhau existiert.http://www.froebelschule-keilhau.de/ Ida Seele, die erste Fröbelkindergärtnerin der Welt und von 1843 bis 1844 Leiterin des 1840 von Fröbel in Blankenburg begründeten Kindergarten, schrieb in ihren Erinnerungen: In dieser Zeit komponierte Herr Kohl die Melodien zu den Mutter- und Koseliedern … meiner Stimme anpassend. Ich habe fast jedes einzelne Lied gesungen, ehe es … niedergeschrieben wurdezit. n. Brodbeck 2015, S. 65.

Editionen miniatur|hochkant|Friedrich Seidel (Hrsg.): Mutter- und Koselieder, Wien/Leipzig 1883 hochkant|links|mini|Mutter- und Kose-Lieder, frei bearbeitet von Therese Focking Obwohl dem Fröbelschen Werk kein sonderlicher Erfolg vergönnt war, fanden sich in der Folgezeit immer wieder Nachfolger, die neue Ausgaben (z. B. Wichard Lange, Friedrich Seidel sowie Johannes Prüfer) oder Bearbeitungen (z. B. Lina Morgenstern, Therese Focking oder Henriette Goldschmidt) vorlegten. Beispielsweise nahm Letztgenannte in ihrer 1904 herausgegebenen Neuauflage der Mutter- und Koselieder bewusst erhebliche Straffungen und Streichungen vor und ersetzte die sphärephilosophische Basis der Fröbelschen Kleinstkindpädagogik durch eine kulturgeschichtliche UmdeutungRamin 1998, S. 125. Henriette Goldschmidts Neubearbeitung wurde seinerzeit in der renommierten Fachzeitschrift Kindergarten überwiegend positiv bewertet. Anna Pappenheim war der Ansicht: