mini|Heiliger Kilian, Kopie der Riemenschneider-Holzfiguren von Heinz Schiestl aus dem Jahr 1910 in der Neumünster-Kirche, Würzburg mini|300px|Die drei Holzfiguren in einer Gesamtansicht: Kilian, Kolonat und Totnan. mini|Die drei Frankenapostel Kilian, Kolonat und Totnan am Scherenbergtor der Festung Marienberg in Würzburg Der heilige Kilian oder St. Kilian (* um 640, nach später und unzuverlässiger Tradition in Mullagh, County Cavan, Irland; † der Legende nach 689 in Würzburg) war ein irischer Wanderprediger und gemäß der Überlieferung ein iro-schottischer Missionsbischof. Er wird zusammen mit seinen angeblich ebenfalls als Märtyrer gestorbenen beiden Wegbegleitern Kolonat und Totnan als Frankenapostel verehrt, der die iroschottische Mission um die Wende vom 7. zum 8. Jahrhundert in Franken begonnen haben soll. Die Genehmigung zur Verehrung der Märtyrer erteilte im Jahr 751 der Papst Zacharias.
Die Bedeutung des Namens Kilian ist nicht endgültig geklärt.
Legende mini|300px|Ermordung des hl. Kilian; links hinten Herzog Gosbert. Darstellung aus einem Straßburger Codex, um 1418 Der Passio Kiliani zufolge kam Kilian 686 n. Chr. mit seinen elf Begleitern (zusammen also die Zwölfzahl der Apostel) bzw. nach der jüngeren Vita mit zwei Gefährten (ein Topos der asketischen Tradition), Kolonat und Totnan, nach Würzburg. Er soll hier und in der Umgebung gepredigt und missioniert haben und dann (ca. 689) gemeinsam mit seinen Begleitern ermordet oder hingerichtet worden sein, nach dem Martyrologium des Hrabanus Maurus vom Herzog; die Passiones dagegen legen die Ermordung Gailana, der Frau des fränkischen Herzogs Gosbert, zur Last. Sie war die Witwe von dessen Bruder, und ihre Heirat mit Gosbert war daher nach christlichem Kirchenrecht verboten und ungültig. Kilian soll den bereits getauften Herzog gedrängt haben, die Verbindung aufzulösen. Gailana nutzte eine Abwesenheit ihres Mannes, den Bischof und seine beiden Gefährten ermorden zu lassen. Die Leichen sollen im Pferdestall der Herzogsburg (an der Stelle der heutigen Neumünsterkirche) verscharrt und die Gebeine der Heiligen durch Burkard, Würzburgs ersten Bischof, in die Marienkirche auf den BurgbergChristine Demel u. a.: Leinach. Geschichte – Sagen – Gegenwart. Gemeinde Leinach, Leinach 1999, S. 59 f. (Die Christianisierung der Mainlande). überführt worden sein.
Kult mini|Schädel-Reliquie von Kilian, Kolonat und Totnan im Würzburger Dom Kilian gehört zu den nördlich der Alpen tätig gewesenen Wanderbischöfen und Missionaren des 7. Jahrhunderts, die – seit dem im 8. Jahrhundert bekräftigten Bestreben der Kirche, jeden ihrer Altäre mit Heiligenreliquien auszustatten – relativ schnell zu Heiligen erklärt wurden.Johannes Gottfried Mayer: Die Heiligen Emmeram und Kilian: Beobachtungen zu den ältesten Viten. In: St. Emmeram in Regensburg, Geschichte – Kunst – Denkmalpflege. In: Thurn-und-Taxis-Studien. Band 18, 1992, S. 33–40.Johannes Gottfried Mayer: Unversehrtheit des Leibes. Zur Leib-Seelevorstellung in Spätantike und Mittelalter. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 18, 1999, S. 75–85, hier: S. 82. Im Jahr 752 wurde, wohl auf Initiative des Bonifatius, die Auffindung der Reliquien durch den Bischof Burkard inszeniert und wahrscheinlich durch das nach späterer Tradition angeblich im Grab erhalten gebliebene Kiliansevangeliar (Würzburg, Universitätsbibliothek, M.p.th.q.1a), eine in Unziale geschriebene Evangelienhandschrift des frühesten 7. Jahrhunderts aus Nordfrankreich (mit einer das Martyrium der drei Frankenapostel erstmals bildlich darstellenden Elfenbeintafel des 11. Jahrhunderts und einem Prachteinband aus dem 15. JahrhundertGottfried Mälzer: Würzburg als Bücherstadt. In: Karl H. Pressler (Hrsg.): Aus dem Antiquariat. Band 8, 1990 (= Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel – Frankfurter Ausgabe. Nr. 70, 31. August 1990), S. A 317 – A 329, hier: S. A 321 f.), beglaubigt.Vgl. Kiliansevangeliar auf der Seite der Universität Würzburg; Kilian. Mönch aus Irland aller Franken Patron (s. unten Literatur) Nr. 227, S. 239, dazu Becht-Jördens (s. unten Literatur)
In Analogie zu anderen Memorialbauten und in Anspielung auf den Petersdom in Rom wurde ab 1711 für das Neumünster ein neuer Kuppelbau über der legendären Todes- und Grabstätte der drei Frankenapostel begonnen, der dann, initiiert durch den Fürstbischof, ähnlich wie der vatikanische Petersdom eine ansehnliche Fassade an der Westseite bekam.Stefan Kummer: Architektur und bildende Kunst von den Anfängen der Renaissance bis zum Ausgang des Barock. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände; Band 2: Vom Bauernkrieg 1525 bis zum Übergang an das Königreich Bayern 1814. Theiss, Stuttgart 2004, ISBN 3-8062-1477-8, S. 576–678 und 942–952, hier: S. 630–632. Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Reliquien des hl. Kilian in die Stadtpfarrkirche Heilige Maria vom Rosenkranz und Heilige Regiswindis in Gerolzhofen in Sicherheit gebracht. 1949 kehrten sie nach Würzburg zurück.Oskar Neisinger: Julius Cardinal Döpfner. Erinnerung. Bildnotizen – Zitate. Echter, Würzburg 1976, ISBN 3-429-00501-9, S. 91.
Heute werden die Gebeine der drei Heiligen in einem Reliquienschrein von Heinrich Gerhard Bücker, wie schon von einer 1851 gebildeten Kiliani-Bruderschaft gefordertWolfgang Weiß: Die katholische Kirche im 19. Jahrhundert. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände, Band I-III/2, Theiss, Stuttgart 2001–2007; III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9, S. 430–449 und 1303, hier: S. 439 in der Krypta („Kiliansgruft“) der Neumünsterkirche aufbewahrt, die Schädel hingegen befinden sich in einem von dem Goldschmied Josef Amberg (1900–1976) und Michael Amberg 1967 geschaffenen Schrein aus Bergkristall, der in den Hauptaltar des Kiliansdoms eingelassen ist.Klaus Wittstadt: Kirche und Staat im 20. Jahrhundert. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände, Band I-III/2, Theiss, Stuttgart 2001–2007; III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9, S. 453–478 und 1304 f., hier: S. 475–478: Die Entwicklung am Ende des 20. Jahrhunderts – die Amtszeit Bischof Paul-Werner Scheeles (1979–2003). S. 476. Während der Kiliani-Oktav (Woche um den 8. Juli, Festtag des Heiligen Kilian) wird der Schrein mit den Schädeln öffentlich gezeigt. Zu dieser Zeit findet auf dem Talavera-Festplatz in Würzburg das Kiliani-Volksfest und auf dem Marktplatz die Kiliani-Verkaufsmesse statt.
Im Dom von Paderborn liegt eine weitere Schädelkalotte von Kilian. Bereits 1019 wurde die Schädelkalotte von Kilian in Paderborn in einer Urkunde Kaiser Heinrichs II. genannt: Ein Schädel von Kilian in Würzburg, und ein Schädel von Kilian in Paderborn.Theodor Ruf: Die Reliquien der Heiligen Kilian, Kolonat und Totnan. Mainfränkisches Jahrbuch 2021, S. 171–195.
Es fällt auf, dass frühe irische Quellen zu Kilian oder seinem Kult fehlen und erst in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts einsetzen. Einzige Ausnahme ist das um 800 zu datierende Martyrologium Tamlachtense aus dem Kloster Tallaght, dessen Informationen jedoch zumindest größtenteils auf kontinentale Quellen zurückgehen müssen.Joachim Dienemann, Der Kult des heiligen Kilian im 8. und 9. Jahrhundert. Beiträge zur geistigen und politischen Entwicklung der Karolingerzeit. Schöningh, Würzburg 1955, S. 12–13; S. 193–209, bes. S. 197–208. Die frühesten sicheren Zeugnisse für die Verehrung Kilians finden sich im Kalender des Godescalc-Evangelistars (Paris, Bibl. nat., Nouv. Acq. lat. 1203) von 781 bis 783, in dem Altartitulus des Hrabanus Maurus für den Bonifatiusaltar in der Westapsis von St. Salvator zu Fulda von 819,Vgl. Gereon Becht-Jördens, Sturmi oder Bonifatius. Ein Konflikt im Zeitalter der anianischen Reform um Identität und monastisches Selbstverständnis im Spiegel der Altartituli des Hrabanus Maurus für die Salvatorbasilika zu Fulda. Mit Anhängen zur Überlieferung und kritischen Edition der Tituli sowie zu Textquellen zur Architektur und Baugeschichte der Salvatorbasilika. In: Marc-Aeilko Aris, Susanna Bullido del Barrio (Hrsg.): Hrabanus Maurus in Fulda. Mit einer Hrabanus Maurus-Bibliographie (1979–2009) (Fuldaer Studien 13). Josef Knecht, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-7820-0919-5, S. 123–187, hier S. 160; S. 163; S. 165. in einem auf vor 838 zu datierenden Nachtrag einer Würzburger Handschrift des Martyrologium des Beda Venerabilis (Würzburg, Universitätsbibliothek, M.p.th.f.49), und in dem Martyrologium des Hrabanus Maurus (842–856). Eine Fuldaer Handschrift der Passio minor aus dem letzten Viertel des 10. Jahrhunderts enthält den frühesten erhaltenen Bildzyklus der Kilianslegende und ist damit das früheste erhaltene Beispiel einer ausführlich illustrierten Heiligenvita überhaupt. Ikonografisches Modell waren vermutlich entsprechende Bonifatiuszyklen.