Konkrete Poesie (; ) bezeichnet in der Dichtung eine bestimmte Herangehensweise an die Sprache. Die Sprache dient nicht mehr der Beschreibung eines Sachverhalts, eines Gedankens oder einer Stimmung, sondern sie wird selbst zum Zweck und Gegenstand des Gedichts. Die Sprache stellt sich also selbst dar. Dabei wird allerdings sehr viel Wert auf die Gestaltung gelegt.
Definition + Fisches Nachtgesang(Christian Morgenstern) — ‿ ‿ — — — ‿ ‿ ‿ ‿ — — — ‿ ‿ ‿ ‿ — — — ‿ ‿ ‿ ‿ — — — ‿ ‿ ‿ ‿ — — — ‿ ‿ — Die Konkrete Poesie verwendet die phonetischen, visuellen und akustischen Dimensionen der Sprache als literarisches Mittel. Diese Form der Literatur möchte sich nur noch auf ihre eigenen Mittel beziehen: Wörter, Buchstaben oder Satzzeichen werden aus dem Zusammenhang der Sprache herausgelöst und treten dem Betrachter „konkret“, d. h. für sich selbst stehend, gegenüber. Diese sprachliche Demonstration soll ein Gegenpol zur sprachlichen Reizüberflutung sein. Sprache hat im „konkreten Gedicht“ keine Verweisfunktion mehr. Die Methode der Konkreten Poesie ist eine antipoetische Meditation über die Bedingung der Möglichkeit der poetischen Gestaltungsweise. Es gibt kein „Gedicht über“, sondern nur noch eine Realität des sprachlichen Produkts an sich.
Geschichte Der Begriff Konkrete Poesie entstammt der Bildenden Kunst, von Theo van Doesburgs Zeitschrift Art concret (1930), nach der die Konkrete Kunst benannt ist. Als das Konkrete eines Bildes bezeichnete er die Bildelemente Punkt, Linie, Fläche, Farbe. Diese Definition von „konkret“ wurde auf Dichtung und Fotografie übertragen. Davon unabhängig prägte Pierre Schaeffer den Begriff Musique concrète. Allen konkreten Kunstrichtungen gemein ist das Herauslösen der (postulierten) Elemente der Künste und ihre Darstellung als eine eigene Realität.
Eugen Gomringers Aufruf vom vers zur konstellation (1954)In: Neue Zürcher Zeitung, 1. August 1954. gilt als das Gründungsmanifest der konkreten Dichtung, allerdings war der Künstler, Kunsttheoretiker und Schriftsteller Öyvind Fahlström bereits auf den Begriff gekommen.Öyvind Fahlström: Hätila ragulpr på fåtskliaben: Manifest för konkret poesi. In: Odyssé, Nr. 3–4, 1954. Geschrieben 1953. Auf Fahlströms Webseite wird der Titel so übersetzt: Hipy Papy Bthuthdth Thuthda Bthuthdy: Manifesto for Concrete Poetry
Die Wörter sind für Gomringer nicht mehr Bedeutungsträger, sondern sie werden als visuelle (d. h. das Sehen betreffende) und phonetische Gestaltungselemente eingesetzt. So soll mit der graphischen Anordnung des Textes seine inhaltliche Bedeutung unterstrichen oder ironisiert werden. Die entscheidende poetische Tätigkeit ist dabei die Konstruktion, die neuartige Zusammensetzung der einzelnen Sprachelemente. Gomringer nennt seine Gedichte „Konstellationen“. Diese Herangehensweise löst Wörter, Buchstaben oder Satzzeichen aus dem Zusammenhang der Sprache heraus.
Viele deutschsprachige Vertreter der Konkreten Poesie gehörten dem Umkreis der Wiener Gruppe und der Stuttgarter Gruppe/Schule um Max Bense an.
Spiel mit der inhaltlichen Bedeutung:
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Brasilien In São Paulo entstand die Konkrete Poesie weitgehend unabhängig von europäischen Entwicklungen im Rahmen der Künstlergruppe Noigandres: Augusto de Campos, Décio Pignatari und Haroldo de Campos beriefen sich allerdings auf die Autorität der Avantgarde von Mallarmé bis James Joyce, Ezra Pound und E. E. Cummings. Wichtig waren die konkrete Malerei, Piet Mondrians Boogie-woogie Bildserie und Alexander Calders Mobiles, Anton Weberns Klangfarbenmelodie und Ezra Pounds Theorie des Ideogramms, mit der er Ernest Fenollosas verwegener Theorie des chinesischen Schriftzeichens folgte. Max Bill erhielt 1951 den Internationalen Preis der ersten Biennale von São Paulo und saß zwei Jahre später in der Jury. Als sich Designer Pignatari im Jahr 1955 die Hochschule für Gestaltung Ulm ansah, lernte er Max Bills Sekretär Eugen Gomringer kennen.
Im Jahr 1956/57 wurde die Erste nationale Ausstellung konkreter Kunst in São Paulo und Rio de Janeiro gezeigt.1. Exposição Nacional de Arte Concreta, Museu de Arte Moderna, São Paulo, 4.–18. Dezember 1956, Kultur- und Erziehungsministerium, Rio de Janeiro, Februar 1958. Das Museum für Moderne Kunst in Sao Paulo wurde 1948 eröffnet, das Kunstmuseum der Stadt 1947. 1958 veröffentlichte Noigandres das Manifest Plano-piloto para poesia concreta.Augusto de Campos, Décio Pignatari, Haroldo de Campos: Plano-piloto para poesia concreta. In: Noigandres, Nr. 4, März 1958. Die erste Nummer der Zeitschrift, mit Versgedichten, erschien 1952. Die zweite Ausgabe vom Februar 1955 brachte die radikaleren Poetamenos Gedichte (geschrieben von Januar bis Juli 1953) und theoretische Aufsätze, in denen der Ausdruck Konkrete Poesie zum ersten Mal benutzt wird. Das Wort sollte nicht mehr als bloßen Träger von Bedeutung wahrgenommen werden, sondern in seiner Gesamtheit. Es sollte als Artefakt poetisch werden (die Trennung von Signifikat und Signifikant sollte in der Dichtung aufgehoben werden).
Die Konkrete Poesie führte zu einer Umwälzung der brasilianischen Dichtung. Allerdings gab es bereits im Vorfeld der Militärdiktatur (1964–1985) Kritik an ihrer vordergründigen Indifferenz gegenüber gesellschaftlichen Ereignissen, vor allem die politische Linke forderte stattdessen eine Dichtung, die auf die sozialen Missstände im Land aufmerksam macht. Großen Einfluss entwickelte die Konkrete Poesie auf die Künstler des Tropicalismo (Caetano Veloso, Gilberto Gil, Gal Costa, Chico Buarque, José Carlos Capinam, Jards Macalé u. a.) Ende der 1960er Jahre. Mit dem Tropicalismo gelang eine Überwindung der ideologischen Grabenkämpfe unter den Dichtern. Gleichzeitig floss die Konkrete Poesie in die moderne brasilianische Musik ein.
Die brasilianische Konkrete Poesie führte vor allem seit den 1970er Jahren zu einer grafischen Erneuerung des Wortes auf allen Ebenen der Gesellschaft, ihre Innovationen wurden ebenso in der Werbung wie in der politischen Propaganda genutzt. Der Einfluss der Konkreten Poesie ist bis in die Gegenwart spürbar, Künstler wie Arnaldo Antunes setzen die Tradition fort.
Gegenwart Poèmes à Lou(Guillaume Apollinaire 1914) 200px Die Trichter (Christian Morgenstern 1905) Zwei Trichter wandeln durch die Nacht. Durch ihres Rumpfs verengten Schacht fließt weißes Mondlicht still und heiter auf ihren Waldweg u.s. w. Apfel (Reinhard Döhl 1965) 200px Idee des Döhl (Joseph Felix Ernst 2011) Freiheitlich-demokratische Grundordnung (Wolfgang Lauter 1978) 200px
Gruppen oder „die Vertreter“ der Konkreten Poesie gibt es heute nicht mehr so wie in den letzten Jahrzehnten. An die Stelle der Gruppen sind sehr wenige Einzelvertreter getreten, die – begünstigt durch die Entwicklung der Medien und auch der Werbung – kühner in ihren Entwürfen und Werken geworden sind. An die Stelle von starren Dogmen dieser gestalterischen Literatur (z. B. Konkrete Poesie stellt ausschließlich sich selbst dar) ist das Spiel mit dem Wort und den Buchstaben getreten. Es geht vor allem um das Spiel mit Bedeutungen das Spiel mit der räumlichen Dimension der Schrift (z. B. verschiedenen Schriftgrößen) das Spiel mit der räumlichen Positionierung der Buchstaben/Worte
Es gibt inzwischen auch den Begriff des „Wortbildes“ als Bezeichnung für dieses Sprachprodukt – neben der Bezeichnung „visuelle“ oder „konkrete“ Poesie. Gomringer hat sein Museum, andere Vertreter dieser Poesie haben beachtete Anthologien gemacht (siehe E. Williams), die Entwicklung des visuellen Aspektes in der Schriftsprache aber geht weiter. Das spricht für ihre Dynamik – auch wenn sie im Literaturbetrieb fast unbeachtet bleibt. Konkrete Poesie ist die Leidenschaft der Intellektuellen unter den Poeten. Die Zeiten, in denen großartige Anthologien Konkreter Poesie publiziert wurden, scheinen allerdings vorerst vorüber zu sein.
Den gelegentlich geäußerten Vorwurf, die „Konkrete Poesie“ sei politisch indifferent, widerlegte Wolfgang Lauter 1977 mit seinem im Spiegel abgedruckten auf Leinwand gemalten Textbild Freiheitlich-demokratische Grundordnung.
Dichter und Dichterinnen der Konkreten Poesie (Auswahl) Friedrich Achleitner (1930–2019), Österreich Guillaume Apollinaire (1880–1918), Frankreich Alain Arias-Misson (* 1936), Belgien H. C. Artmann (1921–2000), Österreich Carlo Belloli, Italien Max Bense (1910–1990), Deutschland Chris Bezzel (1937–2015), Deutschland Bill Bissett (* 1939), Kanada Ivar Breitenmoser (1951–2014), Schweiz Claus Bremer (1924–1996), Deutschland Roman Brombosz, Polen Joan Brossa (1919–1998), Katalonien Augusto de Campos (* 1931), Brasilien Haroldo de Campos, Brasilien Safiye Can (* 1977), Deutschland Henri Chopin (1922–2008), Frankreich Carlfriedrich Claus (1930–1998), Deutschland Bob Cobbing (1920–2002), England Małgorzata Dawidek Gryglicka, Polen Caterina Davinio (* 1957), Italien Stanisław Dróżdż (1939–2009), Polen Paul de Vree (1909–1982), Belgien Reinhard Döhl (1934–2004), Deutschland Joseph Felix Ernst, Deutschland Öyvind Fahlström (1928–1976), Schweden Ian Hamilton Finlay (1925–2006), Schottland Heinz Gappmayr (1925–2010), Österreich Lisa Golze (* 1979), Deutschland Eugen Gomringer (1925–2025), Schweiz Ferreira Gullar (1930–2016), Brasilien Helmut Heißenbüttel (1921–1996), Deutschland Sylvester Houédard, England Ernst Jandl (1925–2000), Österreich Angelika Janz (* 1952), Deutschland Kitasono Katue (1902–1978), Japan Jiří Kolář (1914–2002), Tschechien Barbara Kozłowska, Polen Ferdinand Kriwet (1942–2018), Deutschland Wolfgang Lauter (* 1946), Deutschland Jackson Mac Low (1922–2004), USA Kurt Marti (1921–2017), Schweiz Kurt A. Mautz (1911–2000), Deutschland Hansjörg Mayer (* 1943), Deutschland Andreas Meier (* 1951), Schweiz Pedro Meier (* 1941), Schweiz Eugenio Miccini (1925–2007), Italien Franz Mon (1926–2022), Deutschland Edwin Morgan (1920–2010), Schottland Christian Morgenstern (1871–1914), Deutschland Maurizio Nannucci (* 1939), Italien Wsewolod Nikolajewitsch Nekrassow (1934–2009), UdSSR/Russland bp Nichol, Kanada Seiichi Niikuni, Japan Jürgen O. Olbrich (* 1955), Deutschland Ewa Partum (* 1945), Polen Tom Phillips, England Décio Pignatari (1927–2012), Brasilien Lamberto Pignotti, Italien Arne Rautenberg (* 1967), Deutschland Carl Frederik Reuterswärd, Schweden Diter Roth (1930–1998), Schweiz Gerhard Rühm (* 1930), Österreich Konrad Balder Schäuffelen (1929–2012), Deutschland Siegfried J. Schmidt (1940–2025), Deutschland Kurt Schwitters (1887–1948), Deutschland Carlo Stasi, Italien Witold Szwedkowski, Polen André Thomkins (1930–1985), Schweiz Timm Ulrichs (1940–2026), Deutschland Witold Wirpsza (1918–1985), Polen Wolf Wezel, Deutschland Emmett Williams (1925–2007), USA Jonathan Williams, USA
Ausstellungen 2016: Concerning Concrete Poetry, Badischer Kunstverein, Karlsruhe.Buchstaben zu Bildern. In: FAZ, 1. März 2016, S. 13. 2017: Art and the Alphabet, Hamburger Kunsthalle
Siehe auch Liste deutschsprachiger Dichter der konkreten und visuellen Poesie Poesie, Absolute Poesie, Experimentelle Poesie, Visuelle Poesie, Optische Poesie, Lautpoesie Konkretismus (Kunst & Literatur) Lettrismus, Experimentelle Typografie, Kalligrafie, Figurengedicht, Sprachspiel
Literatur Anthologien (Auswahl) Stephen Bann (Hrsg.): Concrete Poetry: An International Anthology. London Magazine Editions, London 1967* Max Bense, Elisabeth Walther (Hrsg.): konkrete poesie international. rot, Nr. 21, Stuttgart 1965. Ein zweiter Band erschien: rot, Nr. 41, Stuttgart 1970