rechts|mini|alt=Igor Panarin|Igor Nikolajewitsch Panarin

Igor Nikolajewitsch Panarin (; * 30. Oktober 1958) ist ein russischer Politologe und ehemaliger Analyst des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Seit 1999 lehrt er an der Diplomatischen Akademie des russischen Außenministeriums.

Internationale Bekanntheit erlangte Panarin während der Finanzkrise 2008 durch seine bereits Ende der 1990er Jahre formulierte Prognose eines Zerfalls der USA im Jahr 2010. Die Vorhersage wurde international breit rezipiert, später jedoch überwiegend kritisch bewertet.

Leben

Panarin absolvierte eine Ausbildung an der Höheren Militärischen Fernmeldeschule des KGB in Orjol sowie ein Studium der Psychologie an der Lenin-Militärpolitischen Akademie.

1993 wurde er Kandidat der psychologischen Wissenschaften. 1997 promovierte er an der Russischen Akademie für Staatsdienst mit einer Dissertation zur informationspsychologischen Unterstützung der nationalen Sicherheit Russlands in Politikwissenschaft.

Panarin begann seine Laufbahn 1976 beim sowjetischen Geheimdienst KGB. Nach dem Zerfall der Sowjetunion arbeitete er für die russische Kommunikations- und Nachrichtenbehörde FAPSI, die im Wall Street Journal mit der US-amerikanischen National Security Agency verglichen wurde. Dort war er nach eigenen Angaben im Bereich strategische Analyse tätig und erreichte den Rang eines Obersts.

Von 1999 bis 2003 leitete er die analytische Abteilung der Zentralen Wahlkommission Russlands. Von 2006 bis 2007 war er Pressesprecher der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos.

Seit 1999 lehrt Panarin an der Diplomatischen Akademie des russischen Außenministeriums. Darüber hinaus lehrte er unter anderem an der Lomonossow-Universität Moskau und am Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen.

Positionen

Prognose des Zerfalls der Vereinigten Staaten

Panarin prognostizierte auf der Grundlage von Daten der Bundesbehörde für Regierungskommunikation und Information (FAPSI) den Zerfall der USA in sechs Nachfolgegebilde bis zum Jahr 2010, ausgelöst durch Masseneinwanderung, wirtschaftlichen Niedergang und einen von ihm konstatierten Werteverfall. Erstmals öffentlich vorgetragen hatte er die These im September 1998 auf einer Fachtagung zum Informationskrieg in Linz. Den vorhergesagten Nachfolgegebilden – darunter eine „Californian Republic“ unter chinesischem, eine „Texas Republic“ unter mexikanischem und ein „Atlantic America“ unter EU-Einfluss sowie Alaska unter russischer Kontrolle – lag nach Panarins Vorstellung eine ethnische und geopolitische Neuordnung zugrunde. Die Prognose trat nicht ein.

Informationskrieg

Panarins wissenschaftlich eher rezipierter Schwerpunkt ist seine Konzeption des Informationskriegs (). Er versteht darunter den gezielten Einsatz von Information zur Manipulation gegnerischer Entscheidungsprozesse in drei Stufen: Analyse, Beeinflussung und Abwehr. Nach Einschätzung des Kriegswissenschaftlers Ofer Fridman (King's College London) haben diese Konzepte die russische Fachdiskussion zur hybriden Kriegführung mitgeprägt.

Einordnung

In der Fachliteratur wird Panarin dem Neo-Eurasismus zugeordnet. Die Politikwissenschaftlerin Marlène Laruelle (George Washington University) behandelt ihn als eigenständige Figur neben Lew Gumiljow und Alexander Dugin, dessen Positionen sich von einer liberal-westlichen zu einer kulturalistisch-konservativen Haltung entwickelt hätten. Gemeinsam mit Dugin teilt er die Grundannahme eines unauflöslichen Antagonismus zwischen Russland und dem „atlantischen“ Westen. Der Global Trends 2025-Bericht des National Intelligence Council (NIC) prognostizierte zwar ebenfalls einen relativen Machtverlust der USA bis 2025, jedoch keinen politischen Zerfall – eine inhaltliche Gleichsetzung mit Panarins Thesen ist daher nicht gerechtfertigt.

Rezeption

Panarins Zerfallsprognose blieb nach ihrer Erstpräsentation 1998 zunächst unbeachtet. Im Kontext der Finanzkrise 2008 erfuhr sie breite Aufmerksamkeit, nachdem das Wall Street Journal am 29. Dezember 2008 auf der Titelseite darüber berichtete. Russische Staatsmedien, darunter Rossija und Russia Today, griffen die Thesen auf; das russische Außenministerium lud im März 2009 internationale Medien zu einem Vortrag Panarins an der Diplomatischen Akademie ein. Der Atlantic Council ordnete die Medienpräsenz als Teil russischer Informationspolitik ein.

Die Prognose wurde von Fachleuten beider Seiten abgelehnt. Sergei Rogov vom Institut für USA- und Kanadastudien (Moskau) und der Fernsehjournalist Wladimir Posner wiesen sie als Ausdruck des damals verbreiteten Antiamerikanismus zurück; Alexei Malaschenko vom Carnegie Moscow Center hielt entgegen, eher Russland befinde sich am Rand der Desintegration. Amerikanische Kommentatoren kritisierten Panarins mangelnde Kenntnis US-amerikanischer Regionalrealitäten. In der Forschung zu russischer Geopolitik gilt Panarin als relevanter Akteur im Informationskriegs-Diskurs, nicht jedoch als seriöser Geopolitikanalyst.

Schriften (Auswahl)

Qualifikationsschrift Informazionno-psychologitscheskoje obespezenije nazionalnoj besopasnosti Rossii (Информационно-психологическое обеспечение национальной безопасности России; dt.: „Informationspsychologische Sicherstellung der nationalen Sicherheit Russlands“). Dissertation (Doktor der Politikwissenschaften). Russische Akademie für öffentliche Verwaltung beim Präsidenten der Russischen Föderation, Moskau 1997.

Monographien (Auswahl) Informazionnaja vojna i mir (Информационная война и мир; dt.: „Informationskrieg und Frieden“; gemeinsam mit L. G. Panarina). OLMA-Press, Moskau 2003, ISBN 5-224-04397-2, 384 Seiten. Informazionnaja vojna i diplomatija (Информационная война и дипломатия; dt.: „Informationskrieg und Diplomatie“). Gorodez, Moskau 2004, ISBN 5-9584-0032-0, 528 Seiten. Informazionnaja vojna i geopolitika (Информационная война и геополитика; dt.: „Informationskrieg und Geopolitik“). Pokolenie, Moskau 2006, ISBN 5-9763-0001-4, 533 Seiten. Pervaja mirowaja informazionnaja vojna: razwal SSSR (Первая мировая информационная война: развал СССР; dt.: „Der erste Weltinformationskrieg: der Zerfall der UdSSR“). Piter, Sankt Petersburg 2010, ISBN 978-5-49807-753-6, 255 Seiten. SMI, propaganda i informazionnyje wojny (СМИ, пропаганда и информационные войны; dt.: „Medien, Propaganda und Informationskriege“). Pokolenie, Moskau 2012, ISBN 978-5-9763-0133-7.

Einzelnachweise

Weblinks

Offizielle Website der Diplomatischen Akademie des russischen Außenministeriums

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