miniatur|Couleurkarte mit Wappen vom Gründungskommers 18. Januar 1912 miniatur|Kollegiengebäude der Universität Freiburg: „Die Wahrheit wird euch frei machen“ Der Freiburger Wingolf ist eine christliche, überkonfessionelle Studentenverbindung und trägt als Mitglied des Wingolfsbundes Amadeus Mondschein, Student sein, 2015, 79ff die Farben schwarz-weiß-gold. Wie alle Wingolfsverbindungen lehnt der Freiburger Wingolf die Mensur ab. Er wurde am 7. November 1911Ernst Hans Eberhard: Handbuch des studentischen Verbindungswesens. Leipzig, 1924/25, S. 44. an der Albert-Ludwigs-Universität (Alberto Ludoviciana) in Freiburg im Breisgau gegründet. Gründungsort war das Gasthaus Zum Storchen. Zuvor war die Gründung durch den am 25. April 1911 gegründeten „Wingolfsverein“ mit Unterstützung durch den Wingolfsbund vorbereitet worden. Philistertag in Lahr Gründungsaufruf. „Wingolf in Freiburg“, in Wingolfsblätter 1911, Nr. 6 Die Verbindung nahm den Wahlspruch „Wahr und Frei“ in Anlehnung an das Bibelwort „die Wahrheit wird euch frei machen“ () an, das in goldenen Lettern an dem 1911 neu erbauten Universitätsgebäude (heutiges Kollegiengebäude I) angebracht ist. Theodor Uhrig „Wingolf in Freiburg“, in Wingolfsblätter 1912, Nr. 6

Geschichte Von der Gründung bis zum Ersten Weltkrieg Die Gründung wurde mit wesentlicher Unterstützung des Oberbadischen Philistervereines des Wingolf – eines 1876 gegründeten regionalen Zusammenschlusses Alter Herren verschiedener Wingolfsverbindungen – betrieben. Außerhalb Südbadens war sie zunächst heftig umstritten, weil erhebliche Zweifel daran bestanden, dass eine überkonfessionelle Wingolfsverbindung im katholischen Freiburger Umfeld und ohne evangelisch-theologische Fakultät, Bestand haben könne. Außerdem fürchteten die Wingolfe in Heidelberg und Straßburg eine aufkommende Konkurrenz in Freiburg. Aber der Oberbadische Philisterverband wollte endlich eine Verbindung vor Ort haben und ließ sich von der Kritik, die von außen kam, nicht irritieren. Der Öffentlichkeit stellte sich die Verbindung erstmals am 18. Januar 1912 anlässlich der Jubiläumsfeierlichkeiten der Universität zum Tag der Reichsgründung vor. Karl Sauer „Das Gründungsfest des Freiburger Wingolf“, in Wingolfsblätter 1912, Nr. 10

Kaum hatte sich der Freiburger Wingolf gegründet und am 2. Dezember 1911 seinen Antrag auf Aufnahme in den Wingolfsbund gestellt, brach über sein Prinzip ein Streit mit anderen Wingolfsverbindungen, namentlich mit dem Bonner, Greifswalder und Hallenser Wingolf aus. Denn der Freiburger Wingolf hatte sich ein theologisch liberales Prinzip gegeben. Ganz im Gedankengut der liberalen protestantischen Theologie des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, wie von Friedrich Schleiermacher, Albrecht Ritschl und Adolf von Harnack geprägt, wollte er seinen Mitgliedern nicht die Anerkennung der Gottessohnschaft Christi als Glaubensformel abverlangen. Er erwartete bloß, dass sie ihr Leben unter die Führung Jesu Christi stellten. So lautete der entscheidende zweite Satz des Prinzips: Die Mitglieder streben danach, ihr Leben auf dem Glauben an Christus zu gründen. Nach Auffassung der Gründer galt es keinesfalls ein kirchliches Dogma zu statuieren, sondern den Rahmen für ein christliches Verbindungsleben zu stecken. Bald folgte ein Bundesantrag dem anderen. Der damalige Erstchargierte Julius Mezger sah sich beinahe täglich genötigt, Entgegnungen auf Angriffe zu verfassen. Aber die Verbindung zeigte sich unnachgiebig und als sie den übrigen Verbindungen zu verstehen gab, dass sie notfalls auch bereit sei, auf eine Aufnahme in den Wingolfsbund vorläufig zu verzichten, erreichte man schließlich am 28. November 1912 die Anerkennung des Prinzips. Die endgültige Aufnahme erfolgte dann am 12. Dezember 1913. Das akademische Deutschland Band 2, 1931, 768

Die Zeit zwischen den Kriegen Während des Ersten Weltkrieges ruhte der Aktivenbetrieb, er wurde jedoch unmittelbar nach Kriegsende wieder aufgenommen. Im Jahre 1920 kam es auf dem 9. Stiftungskommers des Freiburger Wingolf zu einem großen Konflikt mit der Verbindung Schwizerhüsli Basel (früher Mitglied des Wingolfsbundes, dann Falkensteinerbund). Hintergrund war, dass ein Alter Herr (Philister (Studentenverbindung)) eine Ansprache auf dem Kommers hielt und mit dem Ausruf „Wir wollen Rache!“ endete. Die Vertreter des Schwizerhüsli aus Basel blieben beim folgenden Deutschlandlied sitzen, was die ebenfalls anwesende präsidierende Verbindung des Wingolfsbundes, den Hamburger Wingolf, erzürnte, der von Schwizerhüsli im Folgenden eine Entschuldigung forderte. Als diese nicht erfolgte, kam es zu erheblichen weiteren Verwicklungen und schließlich zur Aufkündigung des Freundschaftsverhältnisses zwischen Wingolfsbund und Falkensteinerbund in der Schweiz. Der Freiburger Wingolf, der bereits seit seiner Gründung intensive, freundschaftliche Kontakte zum Schwizerhüsli pflegte und deshalb von der Angelegenheit besonders berührt war, Bundesblatt der Studentenverbindungen Schwizerhüsli Basel, Zähringia Bern, Carolingia Zürich, Bern 1911 Nr. 2, Seite 1 und Bundesblatt Nr. 8 1912, Seite 1 und weitere süddeutsche Verbindungen stellten sich jedoch auf die Seite des Schwizerhüsli, weshalb die Angelegenheit auch zu starken Spannungen innerhalb des Wingolfsbundes führte.W. L. Meyer: „Zwischenfall im Wingolf“, in: „Festschrift zum Hundertjährigen Bestehen des Schwizerhüsli Basel“, Sondernummer des Falkenstein, Münsingen 1947, S. 100 ff

miniatur|Wingolfshütte 2008 Im Jahr 1922 erfolgte die Grundsteinlegung für die am Feldberg, die trotz der Inflationszeit bereits Ende 1923 fertiggestellt werden konnte. Das akademische Deutschland. Band 2, 1931, S. 768 Schon Mitte der 20er Jahre wurde es immer schwieriger neue Mitglieder zu werben, nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten wurde es für eine christliche Verbindung fast unmöglich. Hatte die Verbindung im Wintersemester 1933/34 noch acht Mitglieder, so verringerte sich die Zahl im Sommersemester 1934 auf sechs. Im Wintersemester 1934/35 versuchte der damalige Erstchargierte Gerhard Pfefferkorn durch einen Notruf in den Wingolfsblättern die hoffnungslose Lage noch einmal zu meistern, konnte aber nicht verhindern, dass die Zahl der Aktiven im Sommersemester 1935 auf zwei fiel. Im Wintersemester 1935/36 verblieb als letzter Aktiver Hermann Müller, der trotz der ausweglosen Lage nicht kapitulierte, sondern verzweifelt versuchte, die Korporation zu retten, bis am 26. Januar 1936 der Stellvertreter Hitlers, Rudolf Heß, in einer Grundsatzrede die Korporationen, die bis zum 30. Januar 1936 noch bestehen, als Staatsfeinde bezeichnete und damit ultimativ die Selbstauflösung einforderte. So fuhr Müller als letzter Aktiver der Verbindung zu einem Vertreterconvent des Wingolfsbundes nach Marburg und beschloss am 23. Februar 1936 mit den übrigen noch verbliebenen Wingolfsverbindungen die Selbstauflösung des Wingolfsbundes. Die Rinkenhütte wurde vom Altherrenverein im Jahre 1941 an die Bauunternehmung Olbricht als „Arbeitererholungsheim“ verkauft und konnte so dem Zugriff der SA entzogen werden.

Die Wiedergründung nach dem Zweiten Weltkrieg Die Wiedergründung nach dem Zweiten Weltkrieg gestaltete sich zunächst sehr schwierig. Die französische Besatzungsmacht stand den Korporationen weit kritischer gegenüber, als das in der amerikanischen und britischen Besatzungszone der Fall war. Ab dem Jahre 1947 fanden wieder regelmäßige monatliche Philisterstammtische statt. Im Hause des Pfarrers Eugen Kammerer fanden sich schließlich im Jahre 1949 drei Studenten ein, die durch den eigenen Vater oder durch Bekannte mit dem Wingolfsgedanken in Berührung gekommen waren. Dieses Dreierkollegium erweiterte sich langsam um weitere Mitglieder. Angesichts des antikorporativen Kurses der Freiburger Universität hielt man sich zunächst jedoch noch abwartend zurück. Allerdings begann man ab dem Sommersemester 1950 regelmäßige wöchentliche Institute durchzuführen. Die förmliche Wiedergründung erfolgte dann am 23. Juli 1950, als Pfarrer Eugen Kammerer den sechs Neustiftern auf dem 39. Stiftungsfest an Stelle des erkrankten Gründungs-Seniors Uhrig die Burschenbänder überreichte. Der Erstchargierte bei der Wiedergründung Gerhard Altena schreibt in der Festschrift zum 50. Stiftungsfest 1961 über die Ziele: „Unsere Verbindung sollte nicht Selbstzweck sein, sondern ihre erste Aufgabe sollte in der Erziehung ihrer Mitglieder zu christlichen Akademikern bestehen, die in ihrer Bindung an Gott und ihrer dadurch gewonnenen Freiheit eine Persönlichkeit darstellen, wie sie unserem Ideal entsprach.“ Von Mitte der 1950er Jahre bis Mitte der 1960er Jahre stellte der Freiburger Wingolf die stärkste Verbindung am Ort mit zeitweilig über 120 Aktiven und Inaktiven, was schließlich den Erwerb der großzügigen Jugendstilvilla in Freiburg - Herdern ermöglichte. miniatur|Wingolfshaus (2008) ()

Die Jahre bis zur Wiedervereinigung In den Jahren 1962/63 erwarb die Verbindung von der Erbengemeinschaft nach Paul Gerhard Hosemann dessen Haus in der Weiherhofstraße in Freiburg-Herdern, das bis heute als Verbindungshaus dient. Im Jahre 1964 kam es zu einem ernsten Disput, nachdem der Fuxmajor in einer Rede im Namen der Aktivitas die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gefordert hatte. Diverse Ortskorporationen und einige Alte Herren forderten eine Entschuldigung. Der Redner relativierte daraufhin seinen Standpunkt, nahm die Forderung jedoch nicht zurück. Im selben Jahr trat der Geschäftsführer des Wingolfsbundes Gerhard Mähner, dessen Nähe zum Regime im Nationalsozialismus bekannt geworden war, im Anschluss an eine Diskussionsveranstaltung, zu der ihn der Freiburger Wingolf eingeladen hatte, zurück.

Im Jahre 1967 gab sich der Freiburger Wingolf ein neues Prinzip, dass bis zum heutigen Tag Gültigkeit behalten hat. Der entscheidende zweite und dritte Satz lauten: „Seine Mitglieder streben eine Gemeinschaft auf christlicher Grundlage an. Sie wollen sich mit den geistigen und gesellschaftlichen Fragen ihrer Zeit auseinandersetzen und zeitgemäße Formen des korporativen Studententums pflegen.“ Dieses neue Prinzip war besonders in der Philisterschaft zunächst sehr umstritten. Der Freiburger Dekan Otto Katz verteidigte es mit den Worten: „Jedes Prinzip trägt in seinem Inhalt das Geburtsdatum seiner Zeit. So sehe ich in dem vorgelegten Entwurf eine Notlösung in einer Zeit des Übergangs. Das entspricht der geistesgeschichtlichen Lage unseres Volkes.“ Bald darauf allerdings sollte sich der Wingolfsbund ein noch liberaleres Prinzip geben. Darin hieß es nur noch: „Die Mitglieder des Wingolf setzen sich mit den Fragen und Forderungen des christlichen Glaubens auseinander.“