Die ehemals selbständige Gemeinde Waldensberg ist heute, neben Wittgenborn und Leisenwald, einer der drei am Rande der Hochebene der Spielberger Platte liegenden Ortsteile der Stadt Wächtersbach im hessischen Main-Kinzig-Kreises. Hinzu kommen die Taldörfer Aufenau, Hesseldorf, Neudorf und Weilers.
Geografie Geografische Lage Das Dorf liegt am südlichen Rand des Vogelsberges und am nordöstlichen Rand des Büdinger Waldes 9,2 km nordwestlich von Wächtersbach, und gemeinsam mit zwei weiteren Stadtteilen Wächtersbachs Wittgenborn und Leisenwald auf der Spielberger Platte. Eine der wenigen, kleinen Erhebungen ist der am südlichen Rand des Ortes gelegene Arnoldsberg mit 393 m ü. NHN. In seiner Umgebung liegen die ehemaligen Braunkohleaufschlüsse der Gruben Hedwig, Ida-Elisabeth und Maria„Wie es damals war“, Peter Tauber, Verlag der Buchhandlung Dichtung und Wahrheit, Wächtersbach, 2000; ISBN 3-9805957-2-2, S. 19.
Nachbargemeinden Durch den Ort verläuft die Landesstraße 3194, die den Ortsteil nördlich über Leisenwald mit der Nachbargemeinde Kefenrod, und südlich über Wittgenborn mit der Kernstadt Wächtersbach verbindet.
Geschichte Gründung des Dorfes durch Waldenser Vertreibung und Ankunft der Waldenser mini|hochkant|Das Wappen der Waldenser: Leuchter mit Umschrift Lux lucet in tenebris „Das Licht leuchtet in der Finsternis“ Der Name Waldensberg geht auf die Waldenser zurück, eine frühe, bereits im 12. Jahrhundert von Petrus Waldes, einem Lyoner Kaufmann gegründete, protestantische Glaubensrichtung in Südfrankreich. Sie wurde insbesondere unter König Ludwig XIV. stark verfolg. Ende des 17. Jahrhunderts erreichte die Verfolgung auch das damals französische Piemont und die dort siedelnden Waldenser. Die Aufhebung des Ediktes von Nantes 1685 leitete die Verfolgung der Hugenotten in ganz Frankreich ein „Zu Fuß über die Alpen in die Freiheit – Die Waldenser mussten wegen ihres Glaubens flüchten – ihr Spuren blieben erhalten“, Blick in die Kirche, MAGAZIN, Juni 2026 . Schon unmittelbar danach fand sich eine erste Gruppe von 346 vertriebenen Waldensern in Deutschland ein. Zwei Jahre vergeblicher Suche von Siedlungsraum bei Erlangen und ein erfolgloses Gesuch in Ysenburg-Büdingen zwangen die Gruppe „…mit einer militärischen Aktion, unter Führung ihres Pfarrers Henri Arnaud … zu einer „glorreiche Rückkehr“ in die Heimat 1689“.Manfred Steinberger, „Seht, da kommen meine Waldenser über den Berg“, Zwischen Vogelsberg und Spessart, Gelnhäuser Heimat-Jahrbuch 1999, S. 54–56 Doch schon 9 Jahre später, am 1. Juli 1698 erließ Viktor Amadeus II., Herzog von Savoyen, einen neuen Vertreibungsakt gegen seine Hugenotten. Dieser zwang die in den Ortschaften Mentoulles, Fenestrelle und Usseaux, im Chisone-Tal, lebenden Protestanten zum Exodus. 69 Familien, bestehend aus 348 Personen erreichten, über Genf und Basel kommend, als Zwischenetappe Nauheim und Ginsheim bei Darmstadt.
Durch Vermittlung des Holländers Pieter Valckenier wurde Kontakt zu Graf Ferdinand Maximilian I. zu Ysenburg-Büdingen in Wächtersbach aufgenommen. Dieser lud die Glaubensflüchtlinge in seine Grafschaft ein. Am 21. August 1699 wurde ein Siedlungsvertrag unterzeichnet, der in zwei Sprachen abgefasst war. In 29 Punkten wurden Rechte und Pflichten der neuen Siedler festgelegt. Dazu gehörten: 10 Jahre Steuerfreiheit, „freies Holz und Steine aus dem Büdinger Wald, Beholzungs- und Weiderecht daselbst, Schlacht- und Braurecht,…“ und Anderes mehrMartin Schäfer, Heimatbuch des Kreises Gelnhausen, Hrsg. Kreisverwaltung Gelnhausen, 1950, S. 221.
Auf der Spielberger Platte, zwischen den Ortschaften Wittgenborn und Leisenwald war eine Siedlungsfläche für die Flüchtlinge bestimmt worden. Jeder Familie wurde unter anderem „25 Arpent Boden“, entsprechend etwa 8,5 ha zugesagtCollet, Jacques, „Châtillon, Wächtersbach et le protestantisme“. Zu den Formalien der Einbürgerung gehörte auch, wie zu dieser Zeit üblich, dass die neuen Bürger dem Grafen Ferdinand Maximilian I. den Treueeid schwören mussten.
Aufbau und Entwicklung von Waldensberg Ein Überbrückungsquartier fanden die Flüchtlinge zunächst in den Nachbarorten Leisenwald, Spielberg, Wittgenborn und Wolferborn. Der mit dem Grafen ausgehandelte Vertrag wurde nur schleppend umgesetzt, die Gegend war unwirtlich und windig, Wasserquellen fehlten in der Nähe, die ortsnahen, kleinen Teiche waren nur als Viehtränken geeignet, das Trinkwasser dagegen „… musste aus dem eine Viertelstunde entfernten Bubenborn geholt werden“.Martin Schäfer (nach A. Heilmann und H. Gärtner) Gründung des Dorfes Waldensberg durch die Waldenser. In: Heimatbuch des Kreises Gelnhausen, 3., erweiterte Auflage, Kreisverwaltung Gelnhausen (Hrsg.), 1950, S. 221 Eine weitere Schwierigkeit war auch, dass … die Zugezogenen, die eine fremde Sprache (Nordokzitanisch) sprachen, … von der einheimischen Bevölkerung nicht immer akzeptiert … wurden. Hinzu kam, dass die Neusiedler eher Handwerker waren, die landwirtschaftliche Tätigkeit daher erst erlernen mussten. Dadurch entmutigt, zogen etwa 200 der ursprünglich angekommenen Flüchtlinge am 14. Juni 1700 nach Württemberg weiter. Dort gründeten sie einen Ort, das heutige NordhausenJacques Collet Châtillon, Wächtersbach et le protestantisme.
Für die am neuen Ort Verbliebenen entwickelten sich die Dinge nur langsam. Zunächst wurde noch eine sehr hohe Sterblichkeit verzeichnet (1699 waren es 23 von 330 Personen, 1700 noch 10 Personen). 1701 wird der erste Friedhof in Waldensberg erwähnt. Zunächst waren die Siedler in 44 barackenähnlichen Hütten untergebracht. Die Planung fester Behausungen datiert auf 1702. Darin wurde jeder Familie für das Domizil 625 m² zugestanden. 1715 waren 36 Gebäude errichtet. 1739 konnte die Kirche eingeweiht werden. Die Neubürger, die früher Hanf-, Woll- und Leinenkämmer waren, engagierten sich zunächst als Saisonarbeiter in der Wetterau. Eine Wende kam 1710 mit dem Eintreffen des Hugenotten Verjac im Dorf. Er gründete, gemeinsam mit Etienne Névache, eine Strumpfwirkerei. Diese Neuerung fand Interesse und Zustimmung bei vielen im Dorf, sodass schon bald die Hälfte der Neubürger in diesem Gewerbe tätig war.
Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts sprach man in Waldensberg Okzitanisch, eine früher im Süden Frankreichs gesprochene, dem Französischen ähnliche Sprache. Ab 1813 wurde die Amtssprache und der Schulunterricht von der Französischen auf die deutsche Sprache umgestellt. Dies geschah auch im kirchlichen Bereich. Der letzte französische Geistliche war Pierre Mulot, er wirkte bis 1800 in der Gemeinde.
Zerstörung des Dorfes am 2. April 1945 Am 2. April 1945, als das Ende des Zweiten Weltkrieges längst absehbar war, lieferten sich um Waldensberg amerikanische Einheiten und Einheiten der Waffen-SS, der 6. SS-Gebirgs-Division „Nord“, unter SS-Gruppenführer Karl Brenner schwere Kämpfe, bei denen zwei Drittel des Dorfes zerstört wurden. Am 1. April (Erster Osterfeiertag) hatte die SS-Division den Raum Altenstadt erreicht. Dort wurde sie in schweren Kämpfen in den Erbstädter Wald abgedrängt. Am 2./3. April wurden die Reste der Division nach heftigen Kämpfen im Büdinger Wald südwestlich von Wittgenborn in einer Zangenbewegung von amerikanischen Infanterie- und Panzereinheiten zerschlagen. Die Kämpfe fanden in den Dörfern Leisenwald und Waldensberg, sowie auf dem Weiherhof statt, die stundenlang unter Artillerie-Feuer lagen. Bei den Kämpfen fielen über 400 US-Soldaten, 140 SS-Leute und mehr als ein Dutzend Dorfbewohner.Michael Keller: Das Ende, das der Anfang war. Anmerkungen zur öffentlichen und privaten Erinnerung an das Kriegsende wie an SS-Staat, 2. Weltkrieg und den Wandel in der Wetterauer Gesellschaft zwischen 1939 und 1949 in: Andreas Wiedemann: Zwischen Kriegsende und Währungsreform Politik und Alltag in den Landkreisen Friedberg und Büdingen 1945–1949, Verlag der Bindernagelschen Buchhandlung, Friedberg 1994 als Sonderausgabe der Wetterauer Geschichtsblätter 43/1994 Teil II, Seite XXII f., ISBN 3-87076-079-6.Heinrich Kreß OSTERN 1945 – Waldensberg sank in Schutt und Asche Zwischen Vogelsberg und Spessart, Heimat-Jahrbuch des Kreises Gelnhausen 1964. Der Landrat des Landkreises Gelnhausen, Gelnhausen 1963, S. 33–38.
Die wiedererbaute Kirche konnte zum 250. Jubiläum der Gemeinde 1949 eingeweiht werden.
Braunkohle bei Waldensberg In mehreren Etappen wurde ab 1907 im nahen Wittgenborn Braunkohleabbau betrieben. Die letzte Abbauphase endete 1949. Eine erneute Nachfrage nach Braunkohle, infolge der Koreakrise, führte am 20. November 1950 zur Wiederaufnahme der Förderung in der zuletzt aktiven Grube „Maria“ in Wittgenborn, mit 16 Bergleuten. Die vorhersehbare Erschöpfung des Kohlefeldes löste den Aufschluss zweier weiterer Kohlefelder nahe bei Waldensberg aus. Hier begann im Oktober 1951 die Kohleförderung auf dem Grubenfeld „Ida-Elisabeth“. Bereits nach eineinhalb Jahren, am 31. März 1953 schloss in Wittgenborn die Grube „Maria“ endgültig. Der Stolleneingang wurde eingeebnet. Bei Waldensberg wurde noch weitere zwei Jahre, bis zum März 1955 Kohle gefördert. Dann „erlag die Grube „Ida-Elisabeth“ bei Waldensberg dem gleichen Schicksal“. Der letzte Betriebsleiter, der Oberschlesier Georg Ochmann hatte bereits 1947 die Leitung von Wilhelm Wagner übernommen gehabt.Jürgen Ackermann, „Braunkohleabbau bei Wittgenborn und Waldensberg (1945–1955)“
Hessische Gebietsreform 1971 Im Zuge der Gebietsreform wurde zum 1. März 1971, die bis dahin selbständige Gemeinde Waldensberg, gemeinsam mit der Gemeinde Leisenwald auf freiwilliger Basis als Stadtteil in die Stadt Wächtersbach eingemeindet. Für alle Stadtteile wurde je ein Ortsbezirk mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung eingerichtet.
Bevölkerung Einwohnerstruktur 2011 Nach den Erhebungen des Zensus 2011 lebten am Stichtag dem 9. Mai 2011 in Waldensberg 429 Einwohner. Darunter waren 12 (2,8 %) Ausländer. Nach dem Lebensalter waren 63 Einwohner unter 18 Jahren, 189 zwischen 18 und 49, 114 zwischen 50 und 64 und 60 Einwohner waren älter. Die Einwohner lebten in 183 Haushalten. Davon waren 48 Singlehaushalte, 60 Paare ohne Kinder und 60 Paare mit Kindern, sowie 9 Alleinerziehende und 3 Wohngemeinschaften. In 36 Haushalten lebten ausschließlich Senioren und in 132 Haushaltungen lebten keine Senioren.
Einwohnerentwicklung 1700: 28 Familien und 4 Einzelne
Historische Religionszugehörigkeit • 1885: 345 evangelische (= 98,85 %), vier katholische (= 1,15 %) Einwohner • 1961: 396 evangelische (= 94,29 %), 22 katholische (= 5,24 %) Einwohner
Politik Ortsbeirat Für Waldensberg besteht ein Ortsbezirk nach der Hessischen Gemeindeordnung. Der Ortsbeirat besteht aus fünf Mitgliedern. Ortsvorsteherin ist Anja Piston-Euler"Anja Piston-Euler ist neueOrtsvorsteherin - Ortsbeirat Waldensberg stellt sich mit Führungswechsel und Nachrückerin Kneipp neu auf", Gelnhäuser Neue Zeitung, 12. August 2022.
Städtepartnerschaft Die Städtepartnerschaft zwischen der Stadt Wächtersbach und Bobbio Pellice (Italien), entstand vor dem Hintergrund der Herkunft der Waldensberger aus dem Piemont. Die heutige piemontesische Gemeinde Bobbio Pellice liegt in einem Paralleltal zum Chisone-Tal, der Herkunftsregion der Waldensberger Einwanderer. Auch Bobbio Pellice hat eine waldensische Tradition.
Kultur und Sehenswürdigkeiten mini|Die Kirche in Waldensberg
Kirchengemeinden Evangelisch Im Jahr 2016 fusionierte die evangelische Kirchengemeinde Waldensberg mit der Kirchengemeinde Spielberg, zu der bereits auch Streitberg und Leisenwald gehörten, zur neuen evangelischen Kirchengemeinde Spielberg-Waldensberg. Seither besteht die Kirchengemeinde aus den vier Orten Leisenwald, Spielberg, Streitberg und Waldensberg. Das Pfarrhaus befindet sich in Spielberg. Es gibt jeweils eine Kirche in Spielberg und in Waldensberg Abgerufen im September 2019.
Katholisch