Die Grammatik der gotischen Sprache ist die älteste so gut wie vollständig bezeugte Grammatik einer germanischen Einzelsprache, dazu noch die einzige Grammatik aus dem ostgermanischen Sprachzweig. Sie ist hauptsächlich aus der Wulfilabibel abgeleitet. Durch die frühe Überlieferung des Gotischen ist die Grammatik von besonderer Wichtigkeit, da das Gotische dem Urgermanischen sowohl im lautlichen wie im morphologischen Bereich deutlich näher steht als die anderen altgermanischen Sprachen.
Das gotische Nomen Das gotische Nomen wird nach Kasus und Numerus dekliniert.
Fundamentalrelationstyp Das Gotische ist eine morphologische Akkusativsprache.
Nominalflexion In der Nominalflexion (der Deklination) gibt es 4 bzw. 6 morphologische Kasus. Manchmal werden aufgrund ihres Schwindens Vokativ und die Instrumentalis(reste) nicht hinzugerechnet.
Nominativ Der Nominativ ist der am häufigsten gebrauchte der in der gotischen Sprache verwendeten Kasus. Das Subjekt (Satzgegenstand) steht im Nominativ und kommt fast in jedem vollständigen Satz vor. Es kann nur bei einem Verb stehen, das in Person und Zahl (lat. numerus) gebeugt ist (finites Verb). Der Nominativ ist ein Kasus, der entweder das Subjekt als Träger der Handlung bezeichnet (Aktivsatz) oder das Subjekt als Erleidender der Handlung (Passivsatz).
Beispielsätze Sa hunds ni beitiþ (dieser/der Hund beißt nicht). þai wulfos beitand (diese/die Wölfe beißen). Sa þiudans gibiþ máiþm (dieser/der König gibt (eine) Gabe). Sa mats gibada (das Fleisch wird gegeben).
Genitiv Der Genitiv wird normalerweise dafür benutzt, um den Besitz oder eine nahe Verwandtschaft zwischen Nomen darzustellen. Im Gotischen treten (wie im Deutschen) verschiedene Suffix-Morpheme auf, die den Genitiv kennzeichnen, abhängig von der Deklinationsklasse, dem Genus und dem Numerus:
Þiudanis barna (Kinder (eines) Königs).
Þiudane barna (Kinder (von) Königen).
Þis þiudanis barna (Kinder dieses/des Königs).
Þize þiudane barna (Kinder dieser/der Könige).
Þo barna þis þiudanis(Die Kinder dieses/des Königs).
Þo barna þize þiudane(Die Kinder dieser/der Könige).
Dativ Der Dativ wird wie im Deutschen verwendet, um ein indirektes Objekt zu benennen, z. B.:
Sa þiudans gaf þamma barna maiþm. (Der König gab den Kindern eine Gabe.) Þai þiudanos gebun þaim skalkam silubr. (Die Könige gaben den Dienern Silber.)
Manchmal kann er verwendet werden, um bei bestimmten Verben ein direktes Objekt zu benennen; dazu zählen die Verben tekan „berühren“ und waírpan „werfen“.
Sa skalks taítok þamma barna. (Der Diener berührte das Kind.) Þata barn warp þamma stáina. (Das Kind warf den Stein.)
Meistens wird er zusammen mit Präpositionen benutzt. Einige Präpositionen, die den Dativ erfordern sind:
af (von, seit) *afar (nach) *ana (an, auf, für) *at (an, bei, zu) *bi (an, bei, gemäß, um, wegen) du (zu, für) faura (vor (zeitl.)) fram (von, seit, von-her) in (in, an (zeitl.), auf, bei, zu, für) miþ (mit) *uf (auf) *ufar (über, jenseits) us (aus, seit, von, von-an)
Die Präpositionen, die mit einem Sternchen gekennzeichnet sind, können auch Akkusativ erfordern.
Akkusativ Der Akkusativ markiert in der gotischen Sprache die semantische Rolle, die nicht aktiv handelt, sondern etwas erleidet.
Þai Gumans saíhvand þans ƕaito stainans. (Die Männer sehen die weißen Steine.) Þai Barna ni saihvand þana giba. (Die Kinder sehen das Geschenk nicht.) sa skalks ni swariþ Aiþans. (Der Diener schwört keine (eig. nie) Eide.)
Instrumentalis Der Instrumentalis ist nur in Resten und festen Präpositionen erhalten. Damit ist dieser morphologische Kasus früher geschwunden als in den meisten anderen altgermanischen Sprachen (sogar im Althochdeutschen ist er mehr oder weniger erhalten). Siehe etwa þe[h] „damit, mit diesem“; he? „mit wem“; ni þeei „nicht, als…“.
Vokativ Umgekehrt verhält es sich beim Vokativ, der in allen anderen germanischen Sprachen verloren gegangen, im Gotischen aber noch erhalten ist (lediglich im Hinblick auf die deutsche Sprache wird diskutiert, ob dieser noch existent sei und nur vollkommen mit dem Nominativ zusammenfiel. Siehe hierzu Vokativ). Im Gotischen ist der Vokativ sowohl im Singular als auch im Plural vollständig erhalten, wobei der Plural aber seltener gebraucht wird. Er ist im Gotischen in seinen Endungen manchmal gleich dem Nominativ und manchmal gleich dem Akkusativ. Er hat jedoch keinen Artikel; als Artikel des Vokativs könnte man „o“ betrachten, der meist weggelassen wird. Zum Beispiel bei „Oh Sunu“ (O Sohn).
Genera (Geschlechter) Gotisch kennt drei Geschlechter, die jedoch keine natürlichen Geschlechter sind; d. h., das System entspricht dem des Deutschen: Feminin (Weiblich) z. B. So Giba (die Gabe/Geschenk). Maskulin (Männlich) z. B. Sa Stains (der Stein). Neutrum (Sächlich) z. B. þata Triu (das Holz).
Numeri In der Kategorie der Numeri wurde in zwei Kategorien unterschieden: Singular (Einzahl). Plural (Mehrzahl). Ein Sonderfall besteht beim Dual (Zweizahl), der sich in der Verbalflexion (der Konjugation) erhalten hat, aber nicht bei den Nomina.
Personalpronomen Die Deklination der Personalpronomina im Gotischen sieht wie folgt aus:
Numerus Person Genus Nominativ Akkusativ Genitiv Dativ Singular 1. ik mik meina mis 2. þu þuk þeina þus 3. Maskulinum is ina is imma Femininum si ija izos izai Neutrum ita ita is imma Dual 1. wit ugkis *ugkara ugkis 2. *jut igqis igqara ugkis Plural 1. weis uns, unsis unsara uns, unsis 2. jus izwis izwara izwis 3. Maskulinum eis ins ize im Femininum *ijos ijos izo im Neutrum ija *ija *ize im
Der Stern (*) kennzeichnet Formen, die nicht schriftlich belegt sind, sondern hergeleitet wurden.
Das Bemerkenswerte an den Pronomen des Gotischen ist ihr archaisches Aussehen, sie verbinden viele Elemente der lateinischen Pronomen (z. B. 3. Person Pl.) und westgermanischer Pronomen: Zum einen den Dual des Altenglischen, zum anderen besonders die 1. Person Singular (*k<*ch) des Althochdeutschen. Gotische Personalpronomen sind dadurch besonders sprachhistorisch interessant gewesen: So dienten sie z. B. als Ansatzpunkt für den Beginn der Rekonstruktion einer indogermanischen Ursprache im 19. Jahrhundert.
Relativpronomen
Im Gotischen gibt es noch kein echtes Relativpronomen; Relativsätze werden durch eine Kombination von Demonstrativpronomen/Artikel (sa, so, þata) und dem Partikel „ei“ eingeleitet. In den meisten Fällen ist das entstehende Wort simpel: sa+ei = saei „.., der“; þáim+ei = þáimei „zu denen, die..“.
In einigen Fällen gibt es jedoch „Sandhi“, eine Änderung dort, wo die Elemente zusammenkommen. Es gibt zwei Arten von Sandhi im Zusammenhang mit diesen Pronomen:
Wegfall des a am Anfang Vieler Stimmhaftmachen: das abschließende s wird zum z
Maskulin Neutrum Feminin Singular Plural Singular Plural Singular Plural Nominativ saei þaiei þatei þoei soei þozei Genitiv þizei þizeei þizei þizei þizozei þizoei Dativ þammei þaimei þammei þaimei þizaiei þaimei Akkusativ þanei þanzei þatei þoei þoei þozei
Interrogativpronomen Sie sind im Gotischen noch relativ stark ausgebildet (Singular). Das Althochdeutsche besaß eine ähnliche Konstellation (diese wurde in der Entwicklung zum Neuhochdeutschen allerdings stark reduziert).
Bei genauer Betrachtung zeigen die Interrogativpronomen des Neutrums eine Unregelmäßigkeit: Sie lauten nicht, wie zu erwarten, ƕata, sondern ƕa; im Vergleich dazu das Pronomen ita und der Artikel þata.
Singular Männlich Sächlich Weiblich Nominativ ƕas ƕa ƕō Akkusativ ƕana ƕa ƕō Genitiv ƕis ƕis *ƕizos Dativ ƕamma ƕamma ƕizaiInstrumental -ƕe -
der Plural ist nur in einem Pronomen bekannt: ƕanzuh. Bsp: ƕanzuh: insandida ins twans ƕanzuh (Er hat sie weitergeschickt/fort aus zwei und zwei)
Possessivpronomen Die Possessivpronomina sind besitzanzeigende Adjektive. Diese werden viel häufiger benutzt als der Genitiv der Personalpronomina in der ersten und zweiten Person. Sie folgen normalerweise dem Nomen, auf das sie sich beziehen, und stimmen mit diesem in Geschlecht, Numerus und Fall überein. Es sind:
1. Person Singular: m. meins, n. mein, meinata, f. meina 'mein'
2. Person Singular: þeins 'dein'
1. Person Dual: nicht belegt, möglicherweise *ugkar 'unser'
2. Person Dual: nicht belegt, möglicherweise *igqar 'euer' (vgl. bairisch „enker“ 'euer'!)
1. Person Plural: unsar 'unser'
2. Person Plural: izwar 'euer' 3. Person Plural: sein- 'ihr'
Diese Adjektive werden niemals schwach dekliniert. Bei ugkar, igqar, unsar und izwar fehlt das -s am Ende des Nominativ Singular Maskulinum. Weiterhin kann man niemals das -ata im Nominativ und Akkusativ Neutrum an diese vier Adjektive im Plural anhängen (unsarata, igqarata usw.). Die neutrale Form ist in diesen Fällen mit dem Nom. Sg. Mask. identisch, ohne Endung. Ansonsten werden die Adjektive genau wie jedes andere starke Adjektiv dekliniert: skalksos meinái „meine Diener“, in razn þeinamma „in deinem Hause“ usw.
Zu diesen Adjektiven können wir sein hinzufügen. Dieses Adjektiv ist selten, weil es keinen Nominativ hat, nur Akkusativ, Genitiv und Dativ. Sein bedeutet „sein, ihr“ (3. Person Sg. + Pl.) ohne Unterschied von Geschlecht oder Numerus. Es kann allerdings nur benutzt werden, um auf das Subjekt des Satzes zu verweisen. Man vergleiche:
Sa manna sahv hund seinana. Der Mann sah seinen (eigenen) Hund. Sa manna sahv hund is. Der Mann sah seinen Hund (von jemand anderem). Þái gumans drugkun wein seinans. Die Männer tranken ihren (eigenen) Wein. Þái gumans drugkun wein ize. Die Männer tranken ihren Wein (von anderen Leuten).
Beispieldeklination mein- Maskulin Neutrum Feminin Singular Plural Singular Plural Singular Plural Nominativ meins meinai meinata/mein meina meina meinos Genitiv meinis meinize meinis meinize meináizos meináizo Dativ meinamma meinaim meinamma meinaim meinai meinaim Akkusativ meinana meinans meinata/mein meinos meina meinos
Bestimmter Artikel
Im Gotischen gibt es nur einen bestimmten Artikel, der zugleich Demonstrativpronomen ist. Er ist dem deutschen bestimmten Artikel und auch dem Demonstrativartikel erstaunlich ähnlich in der Handhabung. Man kann an diesem bestimmten Artikel, der zugleich Demonstrativpronomen ist, besonders gut die Entwicklung von bestimmten Artikeln und Demonstrativpronomen im auslaufenden Urgermanischen bzw. im Althochdeutschen, Altenglischen und Altnordischen verstehen. Man kann immer noch besonders zu den isländischen Demonstrativpronomen Parallelen ziehen (vgl. Isl. þetta und got. þata)
Maskulin Neutrum Feminin Singular Plural Singular Plural Singular Plural Nominativ sa þai þata þo so þos Genitiv þis þize þis þize þizos þizo Dativ þamma þaim þamma þaim þizai þaim Akkusativ þana þans þata þo þo þos
Außerdem kann man nun dazu den altenglischen bestimmten Artikel und die altenglischen Demonstrativpronomen zum Vergleich aufführen.
Bestimmter Artikel
Singular Plural Männlich Sächlich Weiblich Nominativ Se þæt sēo þā Akkusativ þone þæt þā þā Genitiv þæs þæs þæs þāra, þǣra Dativ þǣm, þām þǣm, þām þǣre þǣm, þām
Demonstrativpronomen
Singular Plural Männlich Sächlich Weiblich Nominativ þes þis þēos þās Akkusativ þisne þis þās þās Genitiv þis(s)es þis(s)es þisse, þisre þissa, þisra Dativ þis(s)um þis(s)um þisse þis(s)um
Es gibt keinen unbestimmten Artikel im Gotischen.
Substantiv
Bei den Flexionsformen des Substantivs ist zwischen Stamm und Kasusendung zu unterscheiden. Da die Kasusendungen mit dem Stammauslaut assimilatorisch verschmelzen können, unterscheidet man nach dem Ausgang des Wortstamms im Gotischen mehrere vokalische (nach Jacob Grimm: starke) und eine konsonantische (nach Jacob Grimm: schwache) Deklination.