mini|hochkant|Ein Glas Kuhmilch mini|Allergische Reaktion vom Typ I

Kuhmilchallergie, auch Kuhmilchproteinallergie, ist eine Nahrungsmittelallergie vom Typ I (Soforttyp). Kuhmilch ist in Mitteleuropa aufgrund der hiesigen Ernährungsgewohnheiten in der Regel das erste Fremdprotein, mit dem ein Säugling in Form der Säuglingsmilchnahrung in Kontakt kommt. Die Sensibilisierung findet meist über den oralen Weg mit der Ernährung statt.

Die Erkrankung wird häufig mit einer Laktoseintoleranz verwechselt. Beide Erkrankungen ähneln sich in vielen Symptomen, haben jedoch gänzlich verschiedene Ursachen.

Häufigkeit/Inzidenz Die Häufigkeit einer Kuhmilchproteinallergie liegt im Säuglings- und Kleinkindesalter bei ca. 2 bis 3 % der Bevölkerung. Sie manifestiert sich meist in den ersten Lebensmonaten, häufig nach dem Abstillen des Säuglings mit der Einführung der Säuglingsmilchnahrung oder mit Einführung von Milch im Rahmen der Beikost. In seltenen Fällen entwickeln auch voll gestillte Kinder eine Kuhmilchallergie, da Kuhmilchallergene aus der mütterlichen Ernährung in die Muttermilch übertreten und den Säugling auf diesem Weg sensibilisieren können.

Prognose Die Prognose ist günstig, etwa 75 % der betroffenen Kinder weisen mit zwei Jahren und 90 % bis zum Schulalter eine Toleranzentwicklung auf. Erwachsene sind seltener von einer Kuhmilchproteinallergie betroffen.

Ursachen Bei einer Allergie stuft das kindliche Immunsystem das Milchprotein als „fremd“ bzw. „gefährlich“ ein. Bei Kontakt mit dem vermeintlichen Fremdstoff (= Allergen) wird eine immunologisch vermittelte Überreaktion des Abwehrsystems ausgelöst, die zu Symptomen einer Allergie führt. In der Milch sind 25 verschiedene Proteine enthalten, die als Allergen fungieren können, wobei vor allem verschiedene Caseine, β-Laktoglobulin (β-LG) und α-Lactalbumin allergische Reaktionen auslösen.Matthias Besler, Philippe Eigenmann, Robert H. Schwarzt: Cow’s Milk (Bos domesticus). In: Internet Symposium on Food Allergens. 4(1), (2002), S. 19–106. food-allergens.de (PDF; 1,4 MB) Seltener treten schwere Herz-Kreislauf-Beschwerden auf, die mit lebensgefährlichen Asthmaanfällen und Anaphylaxie einhergehen können. Dabei werden unter einer Kuhmilchallergie alle immunologischen Mechanismen zusammengefasst, die über IgE-vermittelte Reaktionen (IgE-Kuhmilch-/Kuhmilchproteinallergie) und andere Immunglobuline (non-IgE-Kuhmilch-/Kuhmilchproteinallergie), in seltenen Fällen T-Lymphozyten, ablaufen. Allergische Reaktionen können verschiedene Organe betreffen. Dazu gehören die Haut, der Magen-Darm-Trakt sowie die Atemwege.

Einer neuen Vermutung zufolge könnten Störungen des Mikrobioms im Darm die Kuhmilchallergie verursachen oder fördern.

Allergene Bestandteile des Kuhmilchproteins Kuhmilchprotein ist eine Mischung aus verschiedenen Proteinfraktionen. Dazu gehören u. a.

Kasein β-Laktoglobulin α-Laktalbumin Rinder-Serum-Albumine Laktoferrin Immunglobuline.

Jede einzelne Fraktion kann potentiell allergen wirken, wobei die meisten Allergien durch Kasein, β-Laktoglobulin und α-Laktalbumin und seltener durch die anderen Proteinstrukturen ausgelöst werden. Kuhmilch ist mit der Milch anderer Tierarten eng verwandt und aufgrund ähnlicher Proteinstrukturen reagieren die meisten Betroffenen mit einer Kuhmilchallergie auch auf Ziegen-, Schaf- und Stutenmilch. Diese sind daher nicht für die Ernährung von Kindern mit einer Kuhmilchallergie geeignet.

Allergieformen Hinsichtlich der Reaktionszeit unterscheidet man sogenannte Sofort-Typ-Allergien bzw. Allergien vom Spät-Typ.

Sofort-Typ-I-Allergien sind dadurch gekennzeichnet, dass die Symptome sofort oder innerhalb von zwei Stunden nach Allergenkontakt auftreten.

Neben Sofortreaktionen treten bei etwa 50 % der betroffenen Kinder deutlich verzögerte Reaktionen (Spätreaktionen) auf. Bei den Spätreaktionen treten Beschwerden erst bis zu 48 Stunden nach Aufnahme des Allergens auf. Sehr selten kommt es zum Ausbrechen der betreffenden Beschwerden nach Ablauf einer Woche. Sofortreaktionen sind meist durch sogenannte IgE-Antikörper (Immunglobulin E) vermittelte allergische Reaktionen. Bei Kontakt mit dem Allergen bildet der Organismus spezifische Proteine (Immunglobuline), deren Aufgabe darin besteht, Fremdstoffe zu erkennen, um diese zu binden und zu bekämpfen. Bei allergischen Reaktionen gegen Nahrungsmittelallergene bildet der Körper spezifische IgE-Antikörper. Daraufhin werden Entzündungsbotenstoffe freigesetzt, welche Entzündungsreaktionen auslösen, die sich in Form allergischer Reaktionen an verschiedenen Organsystemen, wie z. B. Haut, Magen-Darm-Trakt, und Atemwege manifestieren.

Die Erfassung des Gesamt IgE und der spezifischen IgE-Antikörper im Blut ist ein wichtiger Bestandteil der Allergiediagnostik.

Allergien vom Spättyp kommen unter den allergischen Reaktionen eine Sonderstellung zu. Diese Allergien werden in der Regel nicht durch Antikörper, sondern durch andere zelluläre Immunmechanismen vermittelt. Daher sind im Blut keine IgE-Antikörper nachweisbar. Sie werden als non-IgE-vermittelte Allergien bezeichnet und sind nur mittels einer milchfreien Auslassdiät mit anschließender Provokation nachweisbar.

Bluttests sind bei dieser Form in der Regel negativ und auch mittels Hautprick-Tests werden diese Spätreaktionen nicht erfasst. Der Atopy Patch Test, der erst nach 48 Stunden abgelesen wird, ist für die Praxis nicht mehr empfohlen.

Insgesamt werden unter einer Kuhmilchallergie alle immunologischen Mechanismen zusammengefasst, die über IgE-vermittelte Reaktionen (IgE-Kuhmilch-/Kuhmilchproteinallergie) sowie andere zelluläre Immunmechanismen, wie bei den non-IgE-vermittelten Allergien (non-IgE-Kuhmilch-/Kuhmilchproteinallergie) ablaufen.

Symptome Beschwerdebild, Ausmaß und Schweregrad der Symptome können sehr vielfältig sein. Betroffen sind in der Regel die Haut, der Verdauungstrakt, der Atemtrakt und in akuten Fällen das Herz-Kreislauf-System. Beschwerden können einzeln auftreten, häufig liegen aber kombinierte Beschwerdeformen vor.

Die Beschwerden können mild bis heftig sein. Die schwerste Form der allergischen Reaktion ist der anaphylaktische Schock. Dabei kommt es binnen Sekunden und Minuten zu lebensbedrohlichen Beschwerden, die ein sofortiges Eingreifen erforderlich machen.

Die meisten Allergien sind jedoch nicht lebensgefährlich oder lebensverkürzend, aber sie schränken die Lebensqualität sowie das Befinden der Betroffenen deutlich ein.

Zu den führenden Hautbeschwerden zählen:

Urtikaria (Nesselsucht) Erythem (Hautrötung) Juckreiz Ekzembildung, Ekzemverschlechterung nach Allergenkontakt

Charakteristische Magen-Darm-Beschwerden sind:

Übelkeit Erbrechen Bauchschmerzen Orale und periorale Schwellung Wiederkehrende Durchfälle mit Zeichen einer Malabsorption Enteropathien Blutig-schleimiger Stuhlgang als Hinweis auf eine allergische Kolitis Vermehrtes Spucken Nahrungsmittelverweigerung Gedeihstörungen Koliken Obstipation Gastroösophagealer Reflux Eosinophile Ösophagitis

Mögliche Atemwegsbeschwerden sind:

Bronchiale Obstruktion Larynxödem (Kehlkopfschwellung) Allergische Rhinitis Asthma bronchiale Unspezifische Symptome: Untröstliches Schreien Müdigkeit/Abgeschlagenheit Unruhe

Systemische Reaktionen:

Herz-Kreislauf-Probleme Atemprobleme Anaphylaxie

Abgrenzung zu Milchzuckerintoleranz (Laktoseintoleranz) Aufgrund ähnlicher Beschwerden (Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall, Völlegefühl) wird die Kuhmilchallergie häufig mit einer Laktoseintoleranz (=Milchzuckerunverträglichkeit) verwechselt. Beide Erkrankungen können ähnliche Beschwerden verursachen, haben jedoch verschiedene Ursachen und erfordern demzufolge verschiedene diätetische Behandlungsformen.

Diagnose Jeder Verdacht auf eine Kuhmilchallergie sollte von einem Kinderarzt überprüft werden. Um eine optimale Nährstoffzufuhr nicht zu gefährden bzw. die Nahrungsmittelauswahl nicht unnötig einzuschränken, sollte die Ernährung nicht auf bloßen Verdacht hin umgestellt werden. Für einen sicheren Befund sind verschiedene Untersuchungen erforderlich. Dazu gehören:

Ausführliches Gespräch (Anamnese)Darin geht es um die bisherige Entwicklung des Kindes, die Ernährungsweise, familiäre Allergiedisposition. Sind Familienmitglieder (Eltern, Geschwister) von einer allergischen Erkrankung, wie z. B. Neurodermitis, Asthma oder Heuschnupfen betroffen, ist das Allergierisiko des Kindes erhöht. ErnährungstagebuchDarin notieren Eltern, über 5–7 Tage alle verzehrten Lebensmittel und Getränke sowie Art, Ausmaß und Zeitpunkt der beobachteten Beschwerden. Anhand dieser Aufzeichnungen können verdächtige Auslöser weiter eingegrenzt werden. Hauttest, z. B. Pricktest.Dabei wird die Haut mit einer kleinen Lanzette angeritzt und das Allergen wird so in die Haut eingebracht und eine Reaktion in Form von roten Quaddeln beobachtet. Diese Ergebnisse liefern erste Hinweise, die durch weitere Untersuchungen abgesichert werden müssen. Bluttests, z. B. ein RAST-Test.Dabei wird der Gesamt IgE Wert und das Vorliegen von spezifischen IgE Antikörpern im Blut bestimmt. Ob es sich bei positiven Werten um eine klinische relevante Allergie handelt, wird durch eine milchfreie Eliminationsdiät mit anschließender Provokation bestätigt. Diese Ergebnisse helfen verdächtige Auslöser einzugrenzen, jedoch ist immer das Vorliegen non-IgE-vermittelter Allergien zu berücksichtigen, die auf einem anderen zellulären Mechanismus basieren. Daher sind zur weiteren Abklärung weitere Untersuchungen angezeigt. Die Bestimmung des IgG hat keinerlei diagnostischen Aussagewert und ist zur Abklärung eines Verdachts nicht relevant. Milchfreie Eliminationsdiät mit anschließender ProvokationAuf der Basis der oben genannten Voruntersuchungen erlaubt die milchfreie Auslassdiät eine sichere Abklärung des Verdachts auf Kuhmilchallergie. Grundlage dieses Untersuchungsbausteins ist das gezielte und strikte Meiden des verdächtigen Auslösers, um festzustellen, wie sich die Beschwerden während der probeweisen Nahrungsumstellung verändern. Stillende Mütter ernähren sich zu diesem Zweck für bis zu zwei Wochen komplett ohne Milch und Milchprodukte. Nicht gestillte Kinder erhalten anstelle der herkömmlichen Säuglingsnahrung eine milchfreie non-allergene Spezialnahrung. Der Arzt entscheidet, welche Nahrung für das Kind am besten geeignet ist und legt die Ernährungsweise für jedes Kind einzeln fest. Die Eltern notieren jegliche Reaktion oder Veränderung ihres Kindes während der Nahrungsumstellung in einem Tagebuch. Bessern sich die Beschwerden oder verschwinden auch ganz, ist eine Kuhmilchallergie wahrscheinlich.

Für eine sichere Bewertung sollte anschließend immer eine orale Provokation erfolgen. Dazu werden wieder kleine Mengen an Milch wieder in die Diät der Mutter eingeführt bzw. kleine Mengen der ursprünglichen Kuhmilchformula erneut unter ärztlicher Aufsicht gefüttert. Treten dabei die bekannten Beschwerden wieder auf, gilt der Verdacht als gesichert und die milchfreie Ernährung wird nach Einschätzung des Arztes für die nächsten 6–18 Monate konsequent fortgesetzt. Bei schweren Reaktionen in der Vergangenheit, kann auf die erneute Belastung mit dem Allergen verzichtet werden, um unnötige Belastungen des Kindes zu vermeiden. Über die genaue Vorgehensweise entscheidet der behandelnde Arzt. Da man nicht mit Sicherheit einschätzen kann, mit welchen Reaktionen bei erneutem Allergenkontakt zu rechnen ist, sollte die Provokation immer unter ärztlicher Aufsicht erfolgen. Je nach bisherigem Ausmaß und Schweregrad der aufgetretenen Beschwerden kann die Provokation ambulant in der Kinderarztpraxis durchgeführt werden. Bei hohem Anaphylaxierisiko ist eine Testung unter stationärer Aufsicht angezeigt. Die genaue Vorgehensweise legt der behandelnde Kinderarzt fest. Wenn sich die Symptome während der Eliminationsdiät nicht bessern, ist eine Kuhmilchallergie unwahrscheinlich. Hier erfolgt eine weiterführende Diagnose. Bei Bedarf erfolgt die Überweisung zu einem Spezialisten.