Paul Albrecht Gruner (* 9. Januar 1890 in Gollschau, Kreis Nimptsch/Schlesien; † 27. April 1947 in Dresden) war ein deutscher Politiker (KPD, später SED) und Gewerkschaftsfunktionär des FDGB. mini|Grab auf dem Dresdner Heidefriedhof
Leben Kindheit und Jugend Paul Gruner wurde als erstes Kind des Steinmetz und Landwirts Hermann Gruner und dessen Frau Ernestine, geb. Gröschel, geboren. Er besuchte 1896–1904 die Volksschulen in Gollschau und Striege. 1904–1908 erlernte er den Beruf des Maschinenbauers in Strehlen und besuchte die dortige Handwerker-Fortbildungsschule sowie die Gewerbliche Zeichenschule. 1909 arbeitete er kurze Zeit als Maschinenbauer in Liegnitz und leistete anschließend 1909–1911 seinen Militärdienst bei der Feldartillerie in Breslau.Lebensläufe von 1909 und 1947, in: StadtA Dresden, Bestand 16.2.47 Gruner, Paul, Nr. 1
Tätigkeit bei der Dresdner Straßenbahn Im Oktober 1911 begann er als Schlosser bei der Städtischen Straßenbahn zu Dresden in Tolkewitz (bis 1931). Er trat dem Deutschen Metallarbeiterverband bei und wurde wenig später zum Vertrauensmann in der Straßenbahnwerkstatt gewählt. Im Ersten Weltkrieg musste er 1914–1918 Kriegsdienst leisten.Lebensläufe von 1909 und 1947, in: StadtA Dresden, Bestand 16.2.47 Gruner, Paul, Nr. 1 1918 wurde er in Laon/Frankreich in den Soldatenrat gewähltZum höchsten der Menschheit emporgestrebt – kurze Lebensbeschreibungen Dresdner Arbeiterfunktionäre und Widerstandskämpfer, Dresden 1959, S. 42 und schloss sich im selben Jahr der USPD an.
Nach der Entlassung aus dem Militärdienst nahm er 1919 seine Tätigkeit bei der Dresdner Straßenbahn wieder aufHStA Dresden, Bestand 12456, FDGB-Bezirksvorstand Dresden, Archiv: Ausgewählte Lebensdaten und Angaben zur politischen Tätigkeit von Paul Gruner, 10. März 1988 und heiratete Ella Hennig. Noch 1919 wurde die ältere Tochter Marianne geboren, und man wählte ihn zum Betriebsrat der Straßenbahnwerkstatt Tolkewitz sowie in den Zentralarbeitsausschuss der wichtigsten städtischen Betriebe.HStA Dresden, Bestand 12456, FDGB-Bezirksvorstand Dresden, Archiv: Ausgewählte Lebensdaten und Angaben zur politischen Tätigkeit von Paul Gruner, 10. März 1988 Er beteiligte sich im März 1920 während des Kapp-Putsches am Generalstreik und schloss sich im Dezember 1920 mit dem linken Flügel der USPD der KPD an.Geschichte der SED – Abriss. Dietz-Verlag, Berlin 1978, S. 47 In der KPD war er zunächst Zellenleiter im Stadtteil und Mitglied der Ortsgruppenleitungen Dresden, dann wurde er in die Bezirksleitung der KPD Ostsachsens bzw. Sachsens gewählt.Lebenslauf von 1947, in: StadtA Dresden, Bestand 16.2.47 Gruner, Paul, Nr. 1
1920 wurde er zum Betriebsratsvorsitzenden der Dresdner Straßenbahnbetriebe und zum Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrates sämtlicher städtischer Betriebe gewählt (bis 1928), und trat in zahlreichen Betriebsratsversammlungen, Sitzungen und Konferenzen als Redner auf. Bis 1923 war er 2. Vorsitzender des Schlichtungsausschusses für städtische, kommunale und staatliche Angelegenheiten der dort beschäftigten Arbeiter und Angestellten.HStA Dresden, Bestand 12456, HStA Dresden, Bestand 12456, FDGB-Bezirksvorstand Dresden, Archiv: Ausgewählte Lebensdaten und Angaben zur politischen Tätigkeit von Paul Gruner, 10. März 1988
Politische Betätigung 1921 beteiligte sich die KPD in Dresden erstmals an den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung, und Paul Gruner zog als einer von vier KPD-Mitgliedern ins Stadtparlament ein.Dresden in Zahlen 1931, Dresden 1932, S. 43/44 1922 wählte ihn die Stadtverordnetenversammlung zum Stadtrat.StadtA Dresden, Bestand 16.2.47 Gruner, Paul: Unvollendetes Typoskript einer biografischen Arbeit von Marlies Strauß, Dresden, über Paul Gruner, die zu seinem 100. Geburtstag erscheinen sollte, 1990, S. 26/27, auch: Lebenslauf vom 21. Februar 1947, Ausgewählte Lebensdaten und Angaben zur politischen Tätigkeit von Paul Gruner, 25. Juli 1986 und 10. März 1988, in: Hauptstaatsarchiv Dresden, Bestand 12465 FDGB-Bezirksvorstand Dresden, Nr. 2286, sowie: FDGB-Lexikon (http://library.fes.de/FDGB-Lexikon/) Er wurde Mitglied des Finanz-, des Straßenbahnausschusses und des Ausschusses für den Vieh- und Schlachthof. Bei den Kommunalwahlen im Januar 1924 wurde er wiedergewählt. Die KPD-Fraktion umfasste jetzt 10 Abgeordnete und war damit berechtigt, einen ehrenamtlichen Stadtrat zu stellen. Paul Gruner wurde im Mai 1924 als erster und einziger Kommunist zum Mitglied des Stadtrats gewählt. Als Stadtrat war ihm u. a. die Verwaltung des Versorghauses übertragen (einer Anstalt für Alte und Wohnungslose), er war Mitglied des Fürsorgeausschusses, des Fachausschusses für Gesundheits- und Krankenfürsorge und weiterer Gremien. Er wurde im November 1926, November 1929 und November 1932 als Stadtverordneter der KPD und anschließend als ehrenamtlicher Stadtrat wiedergewählt und bekleidete diese Funktionen bis Anfang 1933.StadtA Dresden, Bestand 16.2.47 Gruner, Paul: Unvollendetes Typoskript einer biografischen Arbeit von Marlies Strauß, Dresden, über Paul Gruner, die zu seinem 100. Geburtstag erscheinen sollte, 1990, S. 27
Während des KPD-Verbots ab November 1923 wurde er erstmals verhaftet und saß 14 Tage im Gefängnis.FDGB-Bezirksvorstand Dresden, Archiv: Ausgewählte Lebensdaten und Angaben zur politischen Tätigkeit von Paul Gruner, 25. Juli 1986 1924 folgte seine Wahl zum Leiter der kommunistischen Betriebszelle im Straßenbahnhof Tolkewitz (bis 1931). 1926 wurde er Mitglied der Roten Hilfe, 1927 der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH). 1927 wurde er zum Mitglied des Verwaltungsrates der Straßenbahn und des Ältestenausschusses gewählt, 1930 zum Mitglied des Ausschusses zur Bekämpfung der Erwerbslosigkeit. 1927 wurde die jüngere Tochter Anita geboren.
Paul Gruner war mehrere Jahre Kassierer und Mitglied der Bezirksleitung Ostsachsen der KPD. 1928 wurde er aus dem Verband der Gemeinde- und Stadtarbeiter ausgeschlossen und Mitglied der von Arno Lade gegründeten Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO). 1930 wählte man ihn zum Vorsitzenden der RGO in Dresden und in die erweiterte Reichsleitung der RGO. Im August 1930 nahm er als Delegierter der RGO in Ostsachsen am V. Weltkongress der Roten Gewerkschaftsinternationale (RGI) in Moskau teil.StadtA Dresden, Bestand 16.2.47 Gruner, Paul: Unvollendetes Typoskript einer biografischen Arbeit von Marlies Strauß, Dresden, über Paul Gruner, die zu seinem 100. Geburtstag erscheinen sollte, 1990, S. 16ff.
An der Vorbereitung des Straßenbahnerstreiks im August 1931 war Paul Gruner wesentlich beteiligt, weswegen er am 25. August entlassen und 4 Tage später verhaftet wurde. Der Prozess wegen Hochverrats vor dem IV. Strafsenat des Reichsgerichts in Leipzig endete jedoch am 17. Juni 1932 mit Freispruch. Sein Verteidiger war der bekannte Dresdner Rechtsanwalt Rolf Helm, der ebenfalls KPD-Stadtverordneter war.Kreschnak, Werner: „Die Lage der Arbeiter und Angestellten der Straßenbahn in Dresden und der Kampf der Dresdner Straßenbahner um die Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen in der Zeit von der Jahrhundertwende bis zum Ende der Weimarer Republik“. Diss., Dresden, 1969, S. 183ff. Nach dem Freispruch folgte eine Zeit der Arbeitslosigkeit.
1932 würdigte Oberbürgermeister Wilhelm Külz die zehnjährige Tätigkeit von Paul Gruner im Stadtparlament.StadtA Dresden, Bestand 16.2.47 Gruner, Paul: Unvollendetes Typoskript einer biografischen Arbeit von Marlies Strauß, Dresden, über Paul Gruner, die zu seinem 100. Geburtstag erscheinen sollte, 1990, S. 33 Ab etwa 1932 wurden allerdings auch die Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Nazis in Dresden immer heftiger, Paul Gruner organisierte Protestaktionen, Demonstrationen und Massenkundgebungen.
Kampf gegen den Nationalsozialismus Wenige Tage nach dem Reichstagsbrand wurde Paul Gruner am 1. März gemeinsam mit den anderen kommunistischen Stadträten verhaftet und grausam misshandelt.Patrioten gegen Barbaren – Aus der Chronik des Kampfes gegen Faschismus und Krieg in Dresden in den Jahren 1933–1945, S. 20 Am 13. März folgte die offizielle Enthebung der kommunistischen Stadträte von ihren Ämtern.Kreschnak, Werner: „Die Lage der Arbeiter und Angestellten der Straßenbahn in Dresden und der Kampf der Dresdner Straßenbahner um die Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen in der Zeit von der Jahrhundertwende bis zum Ende der Weimarer Republik“. Diss., Dresden, 1969, S. 194 Am 14. März lieferte man Paul Gruner in das KZ Hohnstein ein,Patrioten gegen Barbaren – Aus der Chronik des Kampfes gegen Faschismus und Krieg in Dresden in den Jahren 1933–1945, S. 21 wo er am 5. Juli 1933 krank wieder entlassen wurde. Gerichtsurteile und Haftpapiere, in: StadtA Dresden, Bestand 16.2.47 Gruner, Paul, Nr. 2 Er fand wieder Arbeit und setzte seine illegale Tätigkeit fort. Er übte die Funktion des Gebietsinstrukteurs der Bezirksleitung der KPD Ostsachsens aus und agierte als Verbindungsmann der KPD zur RGO des Unterbezirks Dresden.StadtA Dresden, Bestand 16.2.47 Gruner, Paul: Unvollendetes Typoskript einer biografischen Arbeit von Marlies Strauß, Dresden, über Paul Gruner, die zu seinem 100. Geburtstag erscheinen sollte, 1990, S. 48–49
Am 15. Januar 1934 verhaftete man Paul Gruner wegen der Herstellung von Druckerzeugnissen. Im Untersuchungsgefängnis am Münchner Platz folgten Verhöre und Misshandlungen. Das Oberlandesgericht Dresden verurteilte ihn schließlich am 3. September 1934 zu 2 Jahren und 6 Monaten Zuchthaus sowie Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte für 3 Jahre. Die Zuchthausstrafe hatte er anfangs in Waldheim und ab 1935 auf Schloss Osterstein in Zwickau abzusitzen. Für den 4. September 1936 war seine Entlassung vorgesehen, jedoch überführte man ihn stattdessen in das Konzentrationslager Sachsenburg, wo er drei Wochen im Steinbruch zu arbeiten hatte. Die Entlassung erfolgte schließlich von dort am 25. September.Gerichtsurteile und Haftpapiere, in: StadtA Dresden, Bestand 16.2.47 Gruner, Paul, Nr. 2 Aufgrund der ausgesprochen schlechten Haftbedingungen kam er schwer krank zuhause an.Renate Kaczmarek: „Biographische Skizze über das Leben und Wirken des verdienten Gewerkschaftsfunktionärs Paul Gruner (von 1890-1947)“, Diplomarbeit an der Gewerkschaftshochschule "Fritz Heckert" beim Bundesvorstand des FDGB, 1988, Anl.1, S. 2 Nach seiner Genesung machte er sich jedoch erneut an die illegale Arbeit. 1937 fand er auch wieder Arbeit in der Dresdner Fasson- und Schraubendreherei.HStA Dresden, Bestand 12456, FDGB-Bezirksvorstand Dresden, Archiv: Ausgewählte Lebensdaten und Angaben zur politischen Tätigkeit von Paul Gruner, 25. Juli 1986 Den Rat seiner Parteigenossen, mit seiner Familie in die Emigration in die Sowjetunion zu gehen, lehnte er ab.Renate Kaczmarek: „Biographische Skizze über das Leben und Wirken des verdienten Gewerkschaftsfunktionärs Paul Gruner (von 1890-1947)“, Diplomarbeit an der Gewerkschaftshochschule "Fritz Heckert" beim Bundesvorstand des FDGB, 1988, Anl. 1. S. 3
Am Tag des Überfalls auf Polen, dem 1. September 1939, wurde er „in Sicherheitsgewahrsam“ genommen und in das KZ Buchenwald transportiert, von wo er im Januar 1940 wiederum schwer krank entlassen wurde, denn sein ohnehin schlechter Gesundheitszustand hatte sich durch die Haftbedingungen noch weiter verschlechtert.StadtA Dresden, Bestand 16.2.47 Gruner, Paul: Unvollendetes Typoskript einer biografischen Arbeit von Marlies Strauß, Dresden, über Paul Gruner, die zu seinem 100. Geburtstag erscheinen sollte, 1990, S. 56 Erst nach längerer Regenerationsphase konnte er 1942 seine Arbeit wieder aufnehmen, widmete sich daneben aber weiterhin der illegalen Tätigkeit. 1943 fanden auch mehrere Treffen mit Anton Saefkow aus Berlin statt.Patrioten gegen Barbaren – Aus der Chronik des Kampfes gegen Faschismus und Krieg in Dresden in den Jahren 1933–1945, S. 57