miniatur|Der Geistliche Leclerc, ehemaliger Flossenbürg-Häftling, sagt am 21. Juni 1946 im Flossenbürg-Hauptprozess aus. Rechts sitzt der Dolmetscher Fred Stecker. Der Flossenbürg-Hauptprozess war ein Kriegsverbrecherprozess der United States Army in der amerikanischen Besatzungszone am Militärgericht in Dachau. Dieser Prozess fand vom 12. Juni 1946 bis zum 22. Januar 1947 im Internierungslager Dachau statt, wo sich bis Ende April 1945 das Konzentrationslager Dachau befunden hatte. In diesem Prozess waren 52 Personen angeklagt, denen Kriegsverbrechen im Zusammenhang mit dem KZ Flossenbürg und dessen Nebenlagern zur Last gelegt wurden. Das Verfahren endete mit 40 Schuldsprüchen. Offiziell wurde der Fall als United States of America vs Friedrich Becker et al. – Case 000-50-46 bezeichnet. Dem Flossenbürg-Hauptverfahren schlossen sich 18 Nebenverfahren mit 42 Angeklagten an, die ebenfalls im Rahmen der Dachauer Prozesse stattfanden.Vgl. Robert Sigel: Im Interesse der Gerechtigkeit. Die Dachauer Kriegsverbrecherprozesse 1945–1948. Frankfurt am Main 1992, S. 107f.Flossenbürg-Hauptprozess: Review and Recommendations of the Deputy Judge Advocate for War Crimes: United States of America v. Friedrich Becker et al. – Case 000-50-46, 21. Mai 1947.

Rechtsgrundlagen und Anklage Die rechtliche Basis des Verfahrens bildeten die „Rules of Military Gouverment Courts“ ausgehend von den Erlassen des Military Government.Vgl. Robert Sigel: Im Interesse der Gerechtigkeit. Die Dachauer Kriegsverbrecherprozesse 1945–1948. Frankfurt am Main 1992, S. 36.

Inhalt der Anklageschrift war die „Verletzung der Kriegsgebräuche und -gesetze“, die während des Zeitraums vom 1. Januar 1942 bis zum 8. Mai 1945 in Flossenbürg und den Außenlagern an nicht-deutschen Zivilisten und Kriegsgefangenen verübt worden war. Verbrechen von deutschen Tätern an deutschen Opfern blieben lange ungesühnt und wurden in der Regel erst später vor deutschen Gerichten verhandelt. Die Angeklagten wurden zudem beschuldigt, im Rahmen eines gemeinsamen Vorgehens (Common Design) an Misshandlungen und Tötungen nicht-deutscher Zivilisten und Kriegsgefangener rechtswidrig und vorsätzlich teilgenommen zu haben.Vgl. Flossenbürg-Hauptprozess: Review and Recommendations of the Deputy Judge Advocate for War Crimes: United States of America v. Friedrich Becker et al. – Case 000-50-46, 21. Mai 1947.

Der Prozess wurde am 12. Juni 1946 vor dem Militärgericht eröffnet. Die Anklagevertretung unter dem Hauptankläger William D. Denson bestand aus mehreren amerikanischen Offizieren und stützte sich auf die Untersuchungsergebnisse amerikanischer Ermittler, die im Rahmen des War Crimes Program Verbrechen im Zusammenhang mit dem KZ Flossenbürg dokumentiert hatten. Den Angeklagten wurden Rechtsbeistände gestellt. Da die Gerichtssprache Englisch war, mussten Dolmetscher auf Englisch und Deutsch zwischen dem Gericht und den Angeklagten übersetzen. Nach Verlesung der Anklageschrift plädierten die Angeklagten sämtlich auf „nicht schuldig“.Vgl. Flossenbürg-Hauptprozess: Review and Recommendations of the Deputy Judge Advocate for War Crimes: United States of America v. Friedrich Becker et al. – Case 000-50-46, 21. Mai 1947, S. 2f.

Gegen einen Beschuldigten wurde die Anklage zurückgezogen. Bei sechs weiteren Beschuldigten wurde am 17. Dezember 1946 auf die Fortführung des Strafverfahrens verzichtet (unter ihnen der Namensgeber des Prozesses Friedrich Becker); von diesen mussten sich jedoch vier, darunter der Lagerarzt Heinrich Schmitz, in den folgenden Nebenprozessen verantworten. Den verbleibenden 45 überwiegend deutschen Angeklagten wurde mehrheitlich die Vernachlässigung sowie Misshandlung und Tötung von Häftlingen, insbesondere auf den Todesmärschen, vorgeworfen. Unter den Angeklagten befanden sich überwiegend Angehörige der SS und Waffen-SS. Zudem waren über 15 Funktionshäftlinge bzw. ehemalige Insassen beschuldigt. Diese mehrheitlich „kriminellen“ Kapos füllten in Flossenbürg wichtige Funktionen innerhalb des Lagers aus, die in anderen Konzentrationslagern mit sogenannten „politischen“ Funktionshäftlingen besetzt waren.Vgl. Robert Sigel: Im Interesse der Gerechtigkeit. Die Dachauer Kriegsverbrecherprozesse 1945–1948. Frankfurt am Main 1992, S. 108.

Am 22. Januar 1947 verkündete der Vorsitzende des Militärgerichts die Urteile. Neben 15 Todesurteilen wurden elf lebenslange und 14 zeitliche Haftstrafen verhängt. Fünf der Angeklagten wurden freigesprochen. Nach Überprüfungsverfahren wurden vier Todesurteile auf lebenslange Haftstrafen reduziert und die anderen Urteile bestätigt. Die Verurteilten wurden ins Kriegsverbrechergefängnis Landsberg überführt. Die Todesurteile wurden am 3. und 15. Oktober 1947 durch den Strang in Landsberg vollstreckt.Flossenbürg-Hauptprozess/Urteile auf jewishvirtuallibrary.org

Die 45 Urteile im Einzelnen AngeklagterRangFunktionUrteilKonrad BlombergSS-Obersturmführer und KriminalobersekretärLeiter der Politischen AbteilungTodesurteil, hingerichtet am 3. Oktober 1947Christian MohrSS-UnterscharführerKommandoführerTodesurteil, hingerichtet am 15. Oktober 1947Ludwig SchwarzSS-HauptsturmführerLeiter des Außenlagers HersbruckTodesurteil, hingerichtet am 3. Oktober 1947Bruno SkierkaSS-UntersturmführerLeiter einer WachkompanieTodesurteil, reduziert auf lebenslange HaftstrafeArrest, Prison, and Execution of Sentence Case Records - Bruno SkierkaAlbert RollerSS-SturmscharführerLeiter des Außenlagers LengenfeldTodesurteil, hingerichtet am 3. Oktober 1947Erhard WolfSS-Rang unbekanntBlock- und Kommandoführer, Leiter des LagergefängnissesTodesurteil, hingerichtet am 3. Oktober 1947Josef WurstSS-RottenführerWachmannschaft AußenlagerTodesurteil, hingerichtet am 3. Oktober 1947Cornelius SchwannerSS-HauptscharführerKommandoführer der Außenlager Johanngeorgenstadt und ObertraublingTodesurteil, hingerichtet am 15. Oktober 1947Josef HauserFunktionshäftlingKapoTodesurteil, hingerichtet am 3. Oktober 1947Christian EisbuschFunktionshäftlingKapoTodesurteil, hingerichtet am 3. Oktober 1947Willi OlschewskiFunktionshäftlingKapoTodesurteil, hingerichtet am 3. Oktober 1947August GinschelFunktionshäftlingBlockältesterTodesurteil, hingerichtet am 15. Oktober 1947Wilhelm BruschSS-OberscharführerLeiter des Außenlagers WolkenburgTodesurteil, reduziert auf lebenslange HaftstrafeKarl KeilingSS-SturmscharführerWachmannschaftTodesurteil, reduziert auf lebenslange HaftstrafeAlois SchubertSS-ObersturmführerDirektor der MesserschmittfabrikTodesurteil, reduziert auf lebenslange HaftstrafeLudwig BuddensiegSS-HauptsturmführerKommandeur des Wachbataillonslebenslange HaftstrafeJohann GeisbergerSS-HauptscharführerBlockführerlebenslange HaftstrafeMichael GelhardSS-RottenführerBlock-, Kommando und Hundeführerlebenslange HaftstrafeErich MußfeldtSS-OberscharführerRapportführerlebenslange HaftstrafeHermann PachenSS-ObersturmführerLeiter eines Evakuierungsmarscheslebenslange HaftstrafeOtto PawliczekSS-OberscharführerBlock- und Kommandoführerlebenslange HaftstrafeErich PenzSS-SturmmannWachmannschaft, Hundeführerlebenslange HaftstrafeJosef PinterSS-RottenführerWachmannschaft, Hundeführerlebenslange HaftstrafeAlois JakubithFunktionshäftlingKapolebenslange HaftstrafeKarl MathoiFunktionshäftlingLagerältester und Kapolebenslange HaftstrafeGeorg WeilbachFunktionshäftlingzweiter Lagerältester und Kapolebenslange HaftstrafeRaimund MauererFunktionshäftlingKapo30 Jahre HaftstrafeGerhard HauboldSS-OberscharführerWachmann im Lagergefängnis20 Jahre HaftstrafeEduard LoschSS-Rang unbekanntKommandoführer20 Jahre HaftstrafeWalter ReupschSS-UnterscharführerLagerapotheker20 Jahre HaftstrafeKurt Erich SchreiberSS-HauptscharführerKommandoführer, Ausbilder der Rekruten20 Jahre HaftstrafeHermann SommerfeldSS-ObersturmführerLeiter eines Evakuierungsmarsches15 Jahre HaftstrafeAugust FahrnbauerSS-OberscharführerArbeitsdienstführer und stellvertretender Lagerleiter des Nebenlagers Plattling15 Jahre HaftstrafePeter BongartzFunktionshäftlingOberkapo im Nebenlager Hersbruck15 Jahre HaftstrafeWalter Paul Adolf NeyeFunktionshäftlingBlockältester15 Jahre HaftstrafeHans Johann LipinskiFunktionshäftlingKapo10 Jahre HaftstrafeGustav MatzkeFunktionshäftlingKapo Messerschmitt-Fabrik10 Jahre HaftstrafeKarl GräberSS-OberscharführerWachmannschaft10 Jahre HaftstrafeFranz BergerSS-SturmbannführerKommandant des Wachbataillons3,5 Jahre HaftstrafeJoseph BeckerSS-Rang unbekanntWachmannschaft Außenlager Wolkenburg1 Jahr HaftstrafeKarl ButtnerHäftlingBlockältesterFreispruchKarl Friedrich Alois GieselmannHäftlingunbekanntFreispruchGeorg HoinischHäftlingunbekanntFreispruchTheodor RetzlaffHäftlingunbekanntFreispruchPeter HerzunbekanntunbekanntFreispruch

Nebenprozesse Auf dem Flossenbürg-Hauptverfahren basierten weitere 18 Nebenprozesse, in denen sich 42 Beschuldigte, darunter mindestens elf Funktionshäftlinge, wegen Kriegsverbrechen im KZ Flossenbürg und dessen Nebenlagern verantworten mussten. Diese Nebenprozesse, in denen gegen einen bis zu sieben Beschuldigte verhandelt wurde, fanden von Juni 1947 bis Dezember 1947 ebenfalls im Internierungslager Dachau statt. Neben 24 Haftstrafen, darunter acht lebenslängliche, und sieben Freisprüchen wurden elf Todesurteile ausgesprochen, von denen sechs vollstreckt wurden.Vgl. Flossenbürg-Hauptprozess und NebenprozesseRobert Sigel: Im Interesse der Gerechtigkeit. Die Dachauer Kriegsverbrecherprozesse 1945–1948. Frankfurt am Main 1992, S. 109.

Literatur Robert Sigel: Im Interesse der Gerechtigkeit. Die Dachauer Kriegsverbrecherprozesse 1945–1948. Campus, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-593-34641-9. Ute Stiepani: Die Dachauer Prozesse und ihre Bedeutung im Rahmen der alliierten Strafverfolgung von NS-Verbrechen. In: Gerd R. Ueberschär: Die alliierten Prozesse gegen Kriegsverbrecher und Soldaten 1943–1952. Fischer, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-596-13589-3. Review and Recommendations of the Deputy Judge Advocate for War Crimes: United States of America v. Friedrich Becker et al. – Case 000-50-46 Originaldokument Flossenbürg-Hauptprozess 21. Mai 1947 (englisch, PDF-Datei; 9,71 MB)

Weblinks Flossenbürg-Hauptprozess und Nebenprozesse auf jewishvirtuallibrary.org (englisch) Flossenbürg-Hauptprozess/Urteile auf jewishvirtuallibrary.org

Einzelnachweise

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