miniatur|Zentrale der NRA in Fairfax, Virginia (2007) Die National Rifle Association („Nationale Gewehr-Vereinigung“), kurz NRA, wurde 1871 in den USA als Organisation für das Sportschießen und Training an Schusswaffen gegründet. Sie entwickelte sich bis 1977 zur Waffenlobby, die als eine der größten Interessengruppen zahlreiche politische Wahlen in den USA finanziell und propagandistisch beeinflusst. Seit 2021 ist die NRA in einem Prozess verwickelt, in dem der Führung schwere Fälle von Betrug und Unterschlagung vorgeworfen werden und in dem auf eine mögliche Auflösung der Organisation geklagt wird. Im Rahmen des Prozesses trat der langjährige Geschäftsführer der NRA, Wayne LaPierre, im Januar 2024 zurück.

Organisation Ziele Als ihr Ziel gibt sie an, die Verfassung der Vereinigten Staaten zu verteidigen, besonders deren 2. Zusatzartikel. Diesen interpretiert sie als „garantiertes individuelles Recht aller US-Bürger auf Erwerb, Besitz, Tragen, Transport, Weitergabe und legitimen Gebrauch von Waffen, damit sie jederzeit ihre legitimen individuellen Rechte zur Selbsterhaltung und Verteidigung ihrer Familie, Person und ihres Eigentums ausüben und ebenso in einer angemessenen Miliz der allgemeinen Verteidigung der Republik und individuellen Freiheit ihrer Bürger dienen können“.Foundation for Public Affairs (Hrsg.): Public interest profiles, 1988–1989. Congressional Quarterly, Washington D.C. 1988, ISBN 0-87187-461-X, S. 166 Daraus leitet die NRA die politische Opposition gegen fast jede Form gesetzlicher Waffenkontrolle ab. Sie bekämpft jede Lizenzierung, Registrierung und Wartefrist beim Kauf von Schusswaffen, das Verbot halbautomatischer Schusswaffen und jede Kapazitätsbegrenzung von Waffenmagazinen. Sie hat beansprucht, damit das Interesse nicht nur ihrer Mitglieder, sondern aller Jäger und Schusswaffenbesitzer in den USA zu vertreten.Douglas S. Weil, David Hemenway (Harvard School of Public Health, Violence and Victims, Band 8, Nr. 4, 1993) (PDF; 833 kB)

Mitglieder 2010 gehörten zur NRA 9900 Schützenvereine und 51 Vereinigungen.Carter Gregg Lee: Guns in American Society. ABC-CLIO, 2. Auflage 2012, S. 466 2013 stieg die Zahl der eingetragenen NRA-Mitglieder nach zwischenzeitlichen Rückgängen auf fünf Millionen.usatoday.com: Post-Newtown, NRA membership surges to 5 million Bis 2023 sank sie wieder auf nunmehr 4,3 Millionen.

Struktur Rechtlich ist die NRA eine gemeinnützige Körperschaft (Association), steuerbefreit gemäß § 501(c)(4) im Titel 26 des United States Code.

Der NRA-Vorstand (Board of Directors) besteht aus 75 Mitgliedern, von denen sich je 25 beim Jahrestreffen der NRA zur Ab- oder Wiederwahl stellen. Wahlberechtigt sind alle, die seit mindestens fünf Jahren feste NRA-Mitglieder sind. Etwa 140.000 von 2,6 Millionen Mitgliedern (~ 4 %) nahmen Anfang der 1990er Jahre an diesen Wahlen teil. Kandidaten, die Kompromissbereitschaft gegenüber gesetzlicher Waffenkontrolle zeigten, hatten in der Regel keine Wahlchancen.New York Times, 12. März 1992: Hurt in Gun-Control War, N.R.A. Rejects Retreat

Die eigentliche Führung oblag bis 1977 dem Management Committee, zu dem der für je ein Jahr gewählte Präsident und weniger als zehn Vorstandsmitglieder gehörten. Dieser Führungskreis bestimmte ein Nominating Committee, das die NRA-Mitglieder auswählte, die sich jährlich zur Wieder- oder Neuwahl stellen mussten. Beim Jahrestreffen in Cincinnati 1977 wurden diese vom Vorstand vorgeschlagenen Kandidaten durch von der Mitgliederversammlung ausgewählte Kandidaten ersetzt, und das Management Committee wurde aufgelöst. Der bisherige Vizepräsident wurde direkt von der Versammlung gewählt und erhielt exekutive Vollmachten (Executive Vice President, EVP). Die politische Lobbyarbeit obliegt dem Institute for Legislative Action (ILA), das 1975 gegründet wurde. Dessen Direktor wurde 1977 direkt dem Vizepräsidenten unterstellt und erhielt damit dieselben Rechte wie der Chef der General Operations, dem er zuvor rechenschaftspflichtig gewesen war. Wesentliche Vereinsstatuten konnten seither nur noch durch eine Mitgliedervollversammlung geändert werden.Chris Knox (Hrsg.): Neal Knox – The Gun Rights War. MacFarlane Press, 2009, ISBN 0-9768633-0-8, S. 298–300. Nach der Entlassung des damaligen ILA-Direktors Neal Knox 1982 erreichte der Vorstand bei einer Mitgliederabstimmung eine Satzungsänderung, die ihm erneut das Recht gab, den Exekutiven Vizepräsidenten (EVP) selbst zu wählen.Ronald J. Hrebenar: Interest Group Politics in America. M E Sharpe Inc, 1997, ISBN 1-56324-703-8, S. 50.

Seit 2003 werden die NRA-Präsidenten für je ein Jahr gewählt und können für maximal ein weiteres Jahr wiedergewählt werden. Sie haben anders als der jeweilige Vizepräsident und der ILA-Direktor nur repräsentative Aufgaben und Befugnisse. Folgende Personen hatten oder haben diese Führungspositionen in der NRA inne: Präsident Exekutiver Vizepräsident Direktor der ILA Ambrose Burnside (1871) William Conant Church (1872–1882) Ulysses S. Grant (1883) Philip Sheridan (1884–1888) George Wood Wingate (1888–1913) Alexander Shaler (1913ff.) Winfield S. Hancock E. L. Molineaux Karl Frederick (1920ff) – Franklin L. Orth (1959–1970) – – Maxwell Rich (1970–1977) Harlon Carter (1975–1977) – Harlon Carter (1977–1985) Neal Knox (1977–1982) Howard Wallace Pollock (1984–1988) G. Ray Arnett (1985–1986) J. Warren Cassidy (1982–1986) Joe Foss (1988–1990) J. Warren Cassidy (1986ff) Wayne LaPierre (1986–1991) Marion P. Hammer (1995–1998) Gary L. Anderson (bis 1991) Tanya Metaksa (1994–1998) Charlton Heston (1998–2003) – James Jay Baker (1998–2002) Kayne Robinson (2003–2005) Wayne LaPierre (seit 1991) Chris W. Cox (seit 2002) Sandra Froman (2005–2007) John C. Sigler (2007–2009) Ron Schmeits (2009–2011) David Keene (2011–2013) James W. Porter II (2013–2015) Allan D. Cors (2015–2017) Pete Brownell (2017–2018)Oliver North (2018–2019)Carolyn D. Meadows (2019–2021)Charles L. Cotton (seit 2021)

Die NRA hat neben dem ILA weitere Unterorganisationen, darunter die NRA-Foundation, die Sponsorenorganisation Friends of the NRA und die Wahlkampforganisation Political Victory Fund (PVF). Durch regelmäßige Spendenaufrufe und E-Mail-Kampagnen all dieser Unterorganisationen nahm die NRA 1994 70 Millionen US-Dollar ein. Hinter gestückelten Einzelspenden stehen auch industrielle Großspender, darunter 20.000 Waffenhändler und Waffenhersteller sowie einige reiche konservative Finanziers. Weitere 8,6 Millionen Dollar nahm die NRA 1993 durch Anzeigen der US-Waffenindustrie in ihren Vereinszeitungen ein. Die Waffenhändler warben ihrerseits bei Waffenkäufern für Spenden an die NRA; daraus stammen weitere Millionen jährlich. Durch Aufrufe an ihre Mitglieder, zweckbestimmte Spenden eines festgelegten Betrags direkt an den PVF zu überweisen, erhielt dieser von 1988 bis 1994 über 16,5 Millionen Dollar, die er legal als Wahlkampfspenden ausgeben durfte. Damit umging die NRA die damaligen gesetzlichen Höchstgrenzen für Einzelspenden an politische Interessengruppen. 1993/94 gab die NRA über ein Drittel aller von Parteien unabhängigen Wahlkampfgelder aus. Sie galt damit als die größteJan E. Dizard, Stephen P. Andrews, Robert Merrill Muth: Guns in America: A Historical Reader. New York University Press, 1999, ISBN 0-8147-1879-5, S. 239–242 und effektivste Lobbygruppe der USA.Steffen W. Schmidt, Barbara A. Bardes: American Government and Politics Today. Wadsworth Inc Fulfillment, 2011, ISBN 0-495-91066-X, S. 250

Training und Erziehung Die NRA bietet viele verschiedene Kurse und Trainingsprogramme zum Umgang mit Schusswaffen aller Art an, die auf Zielgruppen zugeschnitten sind, darunter auf Kinder, Jugendliche, Frauen, Lehrkräfte, Jäger, Polizisten, Justizangehörige und Militärangehörige. Sie ist deshalb als gemeinnützige Organisation in den USA anerkannt und von Steuern befreit. Sie etablierte seit 1903 Schießwettbewerbe für Jugendliche, seit 1949 Training für Jäger und seit 1960 für Polizisten. Manche Bundesstaaten verpflichten Jäger zur Teilnahme an NRA-Kursen. 2012 nahmen bis zu einer Million Jugendliche jährlich NRA-Kursangebote wahr. 10.000 Mitglieder der Strafverfolgungsbehörden erhielten ein NRA-Zertifikat als Ausbilder an Schusswaffen. Insgesamt trainierten um das Jahr 2010 55.000 zertifizierte NRA-Ausbilder etwa 750.000 Schusswaffenbesitzer. Für Frauen gab es das Programm Refuse to be a Victim („Weigere dich ein Opfer zu sein“).Chris Miller, Steven Harmon: The U.S. Justice System 3 Volume Set: An Encyclopedia. ABC-Clio, 2011, ISBN 1-59884-304-4, S. 628f.

Die NRA gibt mehrere monatliche Zeitschriften für ihre verschiedenen Zielgruppen heraus, die Mitglieder kostenlos erhalten: American Rifleman, American Hunter, Americas First Freedom (1997 bis 2002 unter dem Namen American Guardian), Woman's Outlook.Brian Anse Patrick: Rise of the Anti-Media: In-Forming America's Concealed Weapon Carry Movement. Lexington Books, 2010, ISBN 0-7391-1886-2, S. 147

Für Kinder vom Vorschulalter bis zur sechsten Klasse bietet die NRA seit 1988 ein Programm mit dem Maskottchen Eddie Eagle an. Es soll Kinder zum vorsichtigen Umgang mit Schusswaffen erziehen, um Schussunfälle zu vermeiden. Das Programm ist als Werbung für die Waffenindustrie kritisiert worden; es solle eine Waffenkultur unter Jugendlichen etablieren und so zukünftige NRA-Mitglieder rekrutieren.John Boghosian Arden: America's Meltdown: The Lowest-Common-Denominator Society. Praeger Frederick, 2003, ISBN 0-275-97639-4, S. 83 Es mache Kinder für den sicheren Umgang mit Waffen verantwortlich, anstatt Erwachsene zu verpflichten, Waffen für Kinder unzugänglich aufzubewahren. Gleichzeitig bekämpfe die NRA alle gesetzlichen Schritte, die Kindern und Jugendlichen den Zugang zu Waffen erschweren oder verbieten.Deborah Homsher: Women and Guns: Politics and the Culture of Firearms in America. M E Sharpe, 2001, ISBN 0-7656-0679-8, S. 301

Geschichte Die Anfänge Der Journalist William Conant Church und der Jurist George Wood Wingate, zwei ehemalige Offiziere des US-Heeres im Sezessionskrieg (1861 bis 1865), gründeten die NRA der USA am 17. November 1871 im Bundesstaat New York nach dem Vorbild der 1860 gegründeten britischen NRA als Schützenverein. Sie wollten die Treffsicherheit von Reservisten der Milizen (der späteren US-Nationalgarde) und Zivilisten verbessern und den allgemeinen Schießsport fördern, um die Kriegsbereitschaft der US-Bürger auch in Friedenszeiten wachzuhalten. Sie reagierten damit auf die industrielle Massenproduktion von damals neuen Hinterlader- und Repetierwaffen, die schnelleres Abgeben mehrerer Schüsse über längere Entfernungen erlaubten und präzises Zielen erforderten. Sie warben für den privaten Kauf solcher Waffen, der nach dem Sezessionskrieg einen enormen Aufschwung nahm.Richard Bernstein, Michael A. Bellesiles: Arming America: The Origins of a National Gun Culture. Soft Skull Press, 2003, S. 580

Der erste NRA-Präsident, der ehemalige Oberbefehlshaber der Potomac-Armee Ambrose Burnside, erreichte 1872, dass die Regierung von New York der NRA 25.000 US-Dollar (drei Viertel des Preises) zum Kauf eines Schießübungsplatzes auf Long Island spendete. Dort fand 1874 vor etwa 8000 Zuschauern der erste NRA-Schießwettbewerb mit einer Auswahl von US-Milizen gegen eine Auswahl irischer Schützen statt. Waffenfabrikanten wie Remington Arms und Sharps bauten dazu eigens besonders zielgenaue Gewehre, stifteten die Hauptpreise, darunter ein hochwertiges vergoldetes Winchester-Gewehr und ein Gatling-Repetiergeschütz, und zahlten für NRA-Clubs die Eintrittspreise. Nachdem die US-Armee 1879 eine eigene Organisation für Schusswaffenübungen gegründet hatte, stellte der neue Gouverneur New Yorks Alonzo B. Cornell die Finanzhilfen für die NRA 1880 ein.Osha Gray Davidson: Under Fire: The NRA and the Battle for Gun Control. 1998, S. 23–26