mini|Von Thomas Schöpf gibt es kein zeitgenössisches Bild. 1917 stellte sich Rudolf Münger den Stadtarzt bei einem Pestkranken so vor. Thomas Schöpf (* 1520 in Breisach; † 1577 in Bern) war Stadtarzt von Bern und angeblicher Kartograf.

Leben Thomas Schöpf studierte von 1541 bis 1543 an der Universität Basel die Freien Künste (Abschluss: Bakkalaureat).Anne-Marie Dubler: Leben und Sterben in Bern zur Zeit des Stadtarztes Thomas Schöpf (1520-1577), ein Zeit- und Sittenbild aus dem reformierten Bern der Frühen Neuzeit. (Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 82, Nr. 2, 2020), . Im Fokus dieser Publikation steht Stadtarzt Thomas Schöpf, darin Kurzbiografie, S. 8–10; Biografie, Kap. II und III, S. 23–79; Stammtafeln der Familien, S. 35, 38. Er setzte sein Studium in Wittenberg fort und schloss 1546 mit dem Magister Artium ab. Basel anerkannte 1547 die Wittenberger Promotion. Als Magister zu St. Peter heiratete er 1547 Anna Suracher (1529– um 1554), Tochter des Gastwirts «Zur Blume». Das Paar bekam drei Kinder, von denen nur das älteste, Anna (* 1548), überlebte. 1552 begann Schöpf ein Medizinstudium in Basel, das er in Montpellier 1552–1553 fortsetzte (Bakkalaureat); in seiner Reisegesellschaft nach Montpellier war der junge Felix Platter.Felix Platter: Tagebuch (Lebensbeschreibung) 1536–1567, ed. Valentin Lötscher, Basel 1976, Seiten 73, 129–141, 148, 168, 195 und 243. Auf der Rückreise nach Basel promovierte Schöpf 1553 in Valence zum Doktor der Medizin. 1554–1564 war er Stadtarzt im elsässischen Colmar.Felix Platter: Tagebuch (Lebensbeschreibung) 1536–1567, ed. Valentin Lötscher, Basel 1976, S. 195 und 262. Im Dezember 1564 wurde er vom bernischen Rat als Stadtarzt nach Bern berufen; im Januar 1565 trat er die Stelle an. Schöpf wohnte mit seiner zweiten Ehefrau Elsbeth Hoffmann († 1606) im Doktorhaus «Zum Schützen» zusammen mit ihren vier Kindern und Tochter Anna Schöpf († nach 1600) aus erster Ehe. Schöpf war Angehöriger der Gesellschaft zu Mittellöwen in Bern.Alfred Zesiger: Die Stube zum roten/guldinen Mittlen-Löüwen. Ein Rückblick auf die Geschichte der ersten fünf Jahrhunderte. Zur Einweihung der neuen Zunftstube im Falken am 10. März 1908, Bern 1908, S. 178.

Schöpf starb am 16. Juni 1577 in Bern an der Pest. Sein Testament wurde am 16. September 1577 bestätigt, ist jedoch nicht erhalten.Anne-Marie Dubler: Leben und Sterben in Bern zur Zeit des Stadtarztes Thomas Schöpf (1520-1577), ein Zeit- und Sittenbild aus dem reformierten Bern der Frühen Neuzeit; (Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 82 Nr. 2, 2020), S. 116–119.

mini|Exemplar der Karte von 1578 (B): Ausschnitt um Bern Schöpf galt lange als Urheber einer handschriftlichen LandesbeschreibungInclitae Bernatum Urbis delineatio chorographica (Kommentar zur Karte des Staates Bern) Band 1: Deutsche Vogteien Band 2: Welsche Vogteien sowie einer Wandkarte des bernischen Staatsgebiets, die 1577 als Manuskript vorlag und erst nach seinem Tod 1578 im Kupferstichdruck erschien. Ein zweiter Druck wurde 1672 von Albrecht Meyer in Bern herausgegeben. Der mittlere Massstab liegt bei 1:115'000.Markus Oehrli: Planimetrische Genauigkeit der Schöpfkarte. – In: Thomas Schöpf: Die Schöpfkarte des bernischen Staatsgebiets von 1578, Hrsg.: Michael Schläfli und Hans-Uli Feldmann; Cartographica Helvetica Nr. 60, 2020, S. 57–60, bes. Tabelle 1 S. 58 Die Karte wurde von der bernischen Obrigkeit gefördert, sie entstand jedoch nicht in deren Auftrag. Neben derjenigen von Jos Murer handelt es sich um die bedeutendste Gebietskarte des 16. Jahrhunderts in der Schweiz. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts blieb sie die beste Karte des Berner Gebiets. Sie diente auch dem bernischen Stadtbaumeister Joseph Plepp als Grundlage für seine Karte des bernischen Staatsgebietes von 1638.

Landesbeschreibungen: Karte des Staates Bern (1578) und Chorographie (1577)

Karte Digitalisierte Karte des Erstdrucks der Schöpfkarte durch Bernhard Jobin, Strassburg 1578.

A. Leicht kolorierte Wandkarte des Staatsarchivs des Kantons Bern (Signatur StABE, AA 1759).

B. Schöpfkarte von 1578 aus der Ryhiner-Kartensammlung in der Universitätsbibliothek Bern, von Ryhiner stark koloriert (Signatur: MUE Ryh 3211 : 6–14).

In der Karte von 1578 in Tafel 7: Mit einem separat mit Bleilettern gedruckten und eingeklebten lateinischen Text widmet «Thomas Schepffius, D. M.» die Karte dem Berner Rat mit Datierung «pridie Calend. Septemb. anni M.D.LXXVII» (31. August 1577)Anne-Marie Dubler: Leben und Sterben in Bern zur Zeit des Stadtarztes Thomas Schöpf (1520-1577), ein Zeit- und Sittenbild aus dem reformierten Bern der Frühen Neuzeit; (Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 82 Nr. 2, 2020), S. 135, Abb. 18, Tafel 7.

Digitalisierte Karte des 2. Drucks des Albrecht Meyer, Bern 1672, Exemplar der Universitätsbibliothek Basel online.

Liste der bekannten Exemplare: 6 Exemplare des Erstdrucks von 1578 und 15 Exemplare des 2. Drucks von 1672.Michael Schläfli und Martin Koller: Variationen einer Wandkarte. – In: Thomas Schöpf: Die Schöpfkarte des bernischen Staatsgebiets von 1578, Hrsg.: Michael Schläfli und Hans-Uli Feldmann; (Cartographica Helvetica Nr. 60, 2020), S. 4–8, und Tabellen S. 5 und 6.

Die Karte ist südorientiert und beruht auf einer längentreuen normalachsigen Zylinderprojektion. Der mittlere Massstab der Karte liegt bei 1:115'000; ihre planimetrische Genauigkeit ist nach Markus Oehrli von hoher Qualität.Markus Oehrli: Planimetrische Genauigkeit der Schöpfkarte. – In: Thomas Schöpf: Die Schöpfkarte des bernischen Staatsgebiets von 1578, Hrsg.: Michael Schläfli und Hans-Uli Feldmann; Cartographica Helvetica Nr. 60, 2020, S. 57–60, bes. S. 59. Chorographie von 1577 und Karte von 1578 sind eng verknüpft: Die Chorographie enthält die älteste erhaltene schriftliche Fassung des seit dem 14. Jahrhundert bei jeder Gebietserweiterung weiterentwickelten bernischen Rekrutierungsnetzes mit Distanzangaben zwischen Orten in Marschzeiten in Stunden, Minuten und Sekunden. Der Karte wurde dieses Rekrutierungsnetz als Mittel der Distanzmessung zugrunde gelegt.Georges Grosjean: Karte des Bernischen Staatsgebietes von 1577/78 von Thomas Schoepf, Stadtarzt zu Bern. Dietikon: Verlag Josef Stocker, in drei Lieferungen 1970–1972, Abschnitt Heraldik, Blatt 2.

Demgegenüber vertritt der Geograf Hans-Rudolf Egli die Ansicht, dass die Distanzen auf der Karte gemessen und in den Text der Chorographie eingetragen wurden.Hans-Rudolf Egli: Zum Verhältnis von Chorographie und Erstdruck der Schöpfkarte. – In: Thomas Schöpf: Die Schöpfkarte des bernischen Staatsgebiets von 1578, Hrsg.: Michael Schläfli und Hans-Uli Feldmann; Cartographica Helvetica Nr. 60, 2020, S. 28–33. In der Publikation von Anne-Marie Dubler werden auch die Nachwirkungen der Karte und der Chorographie vom 16. bis ins 19. Jahrhundert dargestellt. Im Bereich der Landesverteidigung waren es Militärreformen und der Befestigungsbau, bei der Chorographie deren Fortsetzung durch Johann Friedrich von Ryhiner (1732–1803) und Karl Jakob Durheim (1780–1866).

Landesbeschreibung (Chorographie) Digitalisat der zweibändigen Originalhandschrift der Chorographie im Staatsarchiv des Kantons Bern (mit der Signatur StABE, DQ 725 und DQ 726): Band 1 und Band 2.

Deutsche Übersetzung von Theresa Rothfuß, digital abrufbar auf der Seite des Ludwig Boltzmann-Institutes für neulateinische Studien in Innsbruck.„Chorographischer Abriss der berühmten Stadt Bern samt allem unter ihrer Herrschaft stehendem Gebiet und ihren Amtsbezirken“: Übersichtsseite in Internet Archive, Stand 30. November 2017

Die ausschliesslich für die Staatsverwaltung bestimmte Originalhandschrift von 1577 blieb im bernischen Archiv. Erst vom Jahr 1600 an wird sie in Auszügen abgeschrieben, häufiger erst nach 1640.Florian Mittenhuber: Handschriftliche Grundlagen der Textzeugen der Chorographie und ihrer Abschriften 1580-1790. – In: Thomas Schöpf: Die Schöpfkarte des bernischen Staatsgebiets von 1578, Hrsg.: Michael Schläfli und Hans-Uli Feldmann; Cartographica Helvetica Nr. 60, 2020; S. 9–16, bes. S. 5–6 Listen mit den Provenienzen.

Die Chorographie bietet Informationen zur Organisation des Staates sowohl bezüglich der Verwaltung als auch der militärischen Gebietssicherung. Sie bietet für die Lokalgeschichte teils älteste Hinweise auf den damaligen Zustand der Landschaften und Siedlungen, was sie zur Instruktion für Landvögte vor Antritt ihrer Vogteiverwaltung wertvoll machte. In ihrer Fülle von Namen kann sie auch als namenkundliches Werk bezeichnet werden.Anne-Marie Dubler: Leben und Sterben in Bern zur Zeit des Stadtarztes Thomas Schöpf (1520-1577), ein Zeit- und Sittenbild aus dem reformierten Bern der Frühen Neuzeit; (Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 82 Nr. 2, 2020), S. 129–131.Thomas Franz Schneider und Luzius Thöny: Deutungen von Ortsnamen in der Chorographie. – In: Thomas Schöpf: Die Schöpfkarte des bernischen Staatsgebiets von 1578, Hrsg.: Michael Schläfli und Hans-Uli Feldmann; Cartographica Helvetica Nr. 60, 2020, S. 61–65.

Schöpfs zweifelhafte Autorschaft Thomas Schöpf wird in der handschriftlichen Landesbeschreibung, der Chorographia von 1577 und in der grossformatigen gedruckten Wandkarte der Stadtrepublik Bern aus dem Jahr 1578 als Autor genannt. Gründliche archivalische Forschungen zeigen aber, dass Schöpf zwar seinen Namen für dieses Unternehmen hergegeben hat, dass er aber Strohmann war für ein Projekt, dessen Urheber verborgen bleiben sollten.

Die Historikerin Anne-Marie Dubler hat die familiären und beruflichen Lebensumstände von Thomas Schöpf als Stadtarzt von Bern von 1565 bis zu seinem Tod 1577 erforscht, ebenso mit Archivstudien seinen familiären und beruflichen Werdegang von Breisach über Basel und Colmar bis nach Bern.Anne-Marie Dubler: Leben und Sterben in Bern zur Zeit des Stadtarztes Thomas Schöpf (1520-1577), ein Zeit- und Sittenbild aus dem reformierten Bern der Frühen Neuzeit; (Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 82 Nr. 2, 2020), 199 S., ill., bes. S. 108–116, 128, 131–142 und 175–177; Sie stellt fest, dass Schöpf als Breisacher in Bern weder die Ortskenntnisse hatte noch, als vielbeschäftigter Arzt, die Zeit, neben seinem anstrengenden Beruf in Zeiten von Pestepidemien eine zweibändige Landesbeschreibung des bernischen Staates zu schreiben und die Herstellung einer grossformatigen Landkarte zu organisieren, die das bernische Staatsgebiet, das damals von Genf bis Brugg und vom Jurasüdfuss bis zu den Hochalpen reichte, abbilden sollte.

Als Autor, der den Stadtarzt für seine Zwecke als Strohmann einsetzte, nennt Anne-Marie Dubler Generalkommissär Niklaus Zurkinden (1506–1588). Er muss den Text der Landesbeschreibung (Chorographie genannt) in Latein verfasst und die Herstellung der Karte organisiert haben. Als Ratsherr und ehemaliger Generalkommissär des 1536 eingenommenen Waadtlandes hatte er Zugang zum Gewölbe, dem bernischen Archiv und zu allen Dokumenten. Er sorgte für Geheimhaltung des Unternehmens, bis zum Moment, da es vorzeigbar war. Diese älteste bernische Landesbeschreibung enthält alle Verwaltungsämter (Vogteien) und Privatherrschaften mit ihren Kirchgemeinden, Dörfern und Weilern, zur Distanzmessung zwischen Orten versehen mit den Marschzeiten aus dem alten militärischen Rekrutierungsnetz. Diese Informationen beruhen auf seinen historischen und topographischen Landeskenntnissen und auf seinem freien Zugang zum bernischen Archiv. Dem ersten Textband stellt er, ebenfalls unter dem Namen Schöpfs, ein staatsphilosophisches Vorwort in Latein voran, worin er als Erasmianer seine friedenstiftende Denkungsart zu erkennen gibt. Als Schreiber der Chorographie diente Schöpfs Schwiegersohn Jakob Bucher (1543–1616), damals Ratsschreiber von Bern und seit 1569 mit Schöpfs Tochter aus erster Ehe, Anna (1548 bis nach 1600), verheiratet. Dieses Einbinden von Verwandten in das Unternehmen erleichterte die Geheimhaltung.