__NOTOC__ Die Liste der Partien der Schachweltmeisterschaft 1934 führt sämtliche Partien auf, die vom 1. April bis 14. Juni 1934 zwischen dem seit 1927 amtierenden Weltmeister Alexander Aljechin (Frankreich) und dem Herausforderer Efim Bogoljubow (Deutsches Reich) beim Wettkampf um den Weltmeistertitel im Schach gespielt wurden. Schiedsrichter war Albert Hild.Deutsche Schachblätter, Ausgabe 08/1934. S. 128–132.
Die Weltmeisterschaft war auf die Punktemehrheit in 30 Partien angesetzt, wobei der Sieger als zusätzliche Bedingung mindestens sechs Partien gewinnen musste. Aljechin hatte jedoch bereits nach 25 Partien mit acht Siegen und 15 Punkten seinen Titel verteidigt, da ihm laut Reglement ein Unentschieden genügte. Der Wettkampf wurde noch fortgesetzt, um einen Sieg Aljechins nach Punkten zu ermöglichen; nach dem Remis in der 26. Partie war dieser sichergestellt. Als Bedenkzeit standen zweieinhalb Stunden für 40 Züge zur Verfügung, wonach die Partie als Hängepartie abgebrochen und am nächsten Spieltag fortgesetzt wurde.
Bemerkenswert ist die hohe Anzahl an Schwarzsiegen (7), die die Anzahl der Weißsiege (4) überragt. Das gab es ansonsten nur noch bei den Weltmeisterschaften 1951 und 2013. Obendrein ist aber 1934 die einzige Weltmeisterschaft, bei der beide Kontrahenten mehr Partien mit Schwarz als mit Weiß gewannen (Aljechin 5:3 mit Schwarz, Bogoljubow 2:1).
Wiedergabe und Kommentierung der Partien erfolgen in algebraischer Notation, wobei die tatsächlich geschehenen Züge in Fettdruck und Varianten in Normalschrift dargestellt werden. In der Tabelle wird die normale Punktewertung angenommen, also ein Punkt für einen Sieg und ein halber Punkt für ein Remis. Durch einen Klick auf die Nummer in der oberen Tabellenzeile kann zur entsprechenden Partie gelangt werden.
+Partienübersicht 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 Siege Punkte Alexander Aljechin ½ 1 ½ 1 ½ ½ ½ ½ 1 0 1 ½ ½ ½ ½ 1 1 ½ ½ ½ 1 ½ 0 0 1 ½ 8 15½ Efim Bogoljubow ½ 0 ½ 0 ½ ½ ½ ½ 0 1 0 ½ ½ ½ ½ 0 0 ½ ½ ½ 0 ½ 1 1 0 ½ 3 10½
1. Partie
Die erste Partie begann am Ostersonntag, den 1. April 1934, gegen 14 Uhr, im Kurhaus Baden-Baden. Eine „große Zahl Schachfreudiger“, so wusste das Freiburger Sportblatt später zu berichten, war bereits eine Stunde zuvor anwesend. Nach einer Begrüßung durch den WettkampfleiterAlbert Becker: Vom Weltmeisterschaftskampf. In: Wiener Schachzeitung, Ausgabe 08/1934 (April 1934), S. 113–115. Ministerialrat Herbert Kraft gab Schiedsrichter Hild, während Zuschauer fotografierten, das Zeichen zum Start der ersten Partie. Während der Partie rauchte Aljechin 27 Zigaretten, so das Sportblatt.Freiburger Zeitung, Sportblatt vom 3. April 1934. S. 3 (Onlineansicht).
Aljechin, der die schwarzen Steine führte, machte in der Eröffnung einen unerwarteten neuen Damenzug, nach dem Bogoljubow einen umstrittenen Abtausch herbeiführte. Über seinen 11. Zug dachte Bogoljubow eine Dreiviertelstunde nach, was als Ursache für seine spätere Zeitnot angesehen wird. Zu dieser Zeit hatte Aljechin eine volle Stunde Bedenkzeitvorsprung. Während im 16. Zug noch über den Sinn von 16. Sf4 diskutiert wurde, tauschte er stattdessen mit 16. Sxe7 seinen Springer gegen Aljechins Läufer. Im 22. Zug mündete die Partie in ein Schwerfigurenendspiel. Nach der ersten Zeitnotphase, in der beide Spieler ihre verbliebene Bedenkzeit verbrauchten, wurde das Spiel vertagt (siehe Diagramm), wobei Bogoljubow nach Ansicht Aljechins und der Analysten mit 41. Df6 einen stärkeren Abgabezug ins Kuvert hätte geben können. Nach der Wiederaufnahme am nächsten Tag verpasste Bogoljubow die Gewinnchance 50. Dxh6 und entschied sich für einen Bauerngewinn, der zum Damentausch führte. Bis zuletzt waren jedoch die Zuschauer von einem Sieg Bogoljubows überzeugt, als die Partie unerwartet endete: Nach fünf Schachgeboten seines Gegners reklamierte Aljechin bei Schiedsrichter Hild inkorrekt auf Remis durch Stellungswiederholung. Bogoljubow hatte trotz dazu ausreichender Zeit nicht mitgeschrieben und erkundigte sich somit bei Hild zweimal über die Stellungswiederholung. Dieser verstand die Fragen falsch und bestätigte das Remis. Erst als Aljechin bereits gegangen war, wurde durch Bogoljubow festgestellt, dass keine dreifache Stellungswiederholung vorlag. „Nun gab es lange Besprechungen wegen des Abschlusses der Partie. [...] Zum Schluss blieb es doch bei dem unentschiedenen Ergebnis der ersten Partie“, so die Deutschen Schachblätter. Kurz vor der Zeitkontrolle endete so die Partie unentschieden.Deutsche Schachblätter, Ausgabe 08/1934, S. 128–132. Bogoljubow legte Protest ein.The Chess Review, April 1934. S. 50. Sofort nach der Partie hatte er jedoch gemeint, er fühlte sich nicht geschädigt, da er ohnehin nur die Remisfortsetzung 66. Tb8 Kc2 67. f5 bedacht hatte. Für 15 Züge hatte er noch sieben Minuten Zeit und rechnete deshalb keine anderen Möglichkeiten durch.Hans Kmoch: Der Wettkampf Dr. Aljechin—Bogoljubow. In: Wiener Schachzeitung, Ausgabe 09/1934 (Mai 1934). S. 129–135.
Es wurde gemutmaßt, dass Bogoljubow mit 62. Tb8 hätte gewinnen können und auch die Endposition wurde von vielen als gewonnen eingeschätzt. So sahen beispielsweise Reinfeld und Fine einen weißen Sieg.Reinfeld & Fine, Dover Edition 1965, S. 9–13. Diese Ansicht wurde jedoch angeblich von F. L. Congress aus Washington D.C. widerlegt. Statt der Zugfolge 66. Tb8 b2 67. f5 Kc2 68. Ke4 Ta3 69. Txb2+ Kxb2 70. g4 Txh3 71. f6 Th1 72. g5 mit weißem Sieg wurde dort 68. … Ta4+ angegeben, was nach 69. Ke5 Ta5+ 70. Kf6 Ta3 71. Txb2+ Kxb2 72. g4 Txh3 remisiert.The Chess Review. Mai 1934, S. 86. Stattdessen hätte jedoch 70. Ke6 Ta6+ 71. Kf7 gewonnen.
Efim Bogoljubow – Alexander AljechinBaden-Baden. 1.–2. April 1934Die Spieldaten für alle Partien außer 13, 14, 15, 18, 19 und 20 sind den Deutschen Schachblättern entnommen. Bei Partie 13, 14, 15, 18, 19 und 20 stammen sie aus der Wiener Schachzeitung. Verbesserte Tarrasch-Verteidigung, D50 1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sf3 Sf6 4. Sc3 c5 (Der von Siegbert Tarrasch eingeführte und früher als Hauptverteidigung gegen das Damengambit geltende Zug 4. … c5 hatte stark an Popularität verloren, wodurch der Einsatz bei der Schachweltmeisterschaft als überraschend galt.The Chess Review. Mai 1934, S. 80–83.) 5. Lg5 cxd4 6. Sxd4 dxc4 7. e3 Db6 (Dieser Zug war eine Neuerung) 8. Lxf6 gxf6 9. Lxc4 Ld7 10. 0–0 Sc6 11. Lb3 Le7 12. Tc1 Td8 13. Sxc6 Lxc6 14. Dh5 Dc5 15. Sd5 Dd6 16. Sxe7 (auf 16. Sf4 könnte Schwarz rochieren) 16. … Kxe7 17. Da5 Thg8 18. g3 Db8 19. La4 Tg5 20. Dc3 Lxa4 21. Db4+ Dd6 22. Dxa4 Db6 23. Tc3 Tb5 24. Tfc1 Td7 (Aljechin geht den unvorteilhaften Komplikationen nach 24. … Txb2 aus dem Weg) 25. Da3+ Dd6 26. Dxa7 Txb2 27. Tc8 Td2 28. e4 Td1+ 29. Txd1 Dxd1+ 30. Kg2 Dd3 31. Dc5+ Dd6 32. Dc3 (32. Dh5 empfahlen die deutschen Schachblätter) 32. … b5 (dieser Bauernzug wird von Reinfeld und Fine als Fehler betrachtet, da Weiß starken Angriff erhält. Stattdessen wird 32. … De5 empfohlen) 33. Tc6 Dd4 34. Dc2 b4 35. Tc4 Db6 36. Db2 Tb7 37. e5 fxe5 38. Dxe5 Dd6 39. Dg5+ Kd7 40. Tf4 f5 (siehe Diagramm) 41. Kh3 Kc6 42. Dg8 Kb5 43. De8+ Dd7 44. Df8 De7 45. Da8 Ta7 46. Db8+ Tb7 47. De5+ Ka6 48. Tc4 Tb5 49. Tc6+ Ka5 50. Dxe6 (Die Kommentatoren empfahlen 50. Dh8) 50. … Dxe6 51. Txe6 Td5 52. Te2 Td6 53. f4 Th6+ 54. Kg2 Kb5 55. h3 Tg6 56. Kf3 h5 57. Te5+ Kc4 58. Txf5 Ta6 59. Txh5 Txa2 60. Th8 b3 61. Tc8+ Kd4 62. Td8+ Kc3 63. Tc8+ Kd3 64. Td8+ Kc3 65. Tc8+ Kd3. Hier gab der Schiedsrichter inkorrekt remis. ½ : ½ (Stand: Aljechin ½ : ½ Bogoljubow)
2. Partie In der zweiten Partie erlitt Bogoljubow mit den schwarzen Steinen eine „katastrophale Niederlage“ (Deutsche Schachblätter) nach einer fehlerhaften Kombination, die durch das Zwischenschach im 29. Zug widerlegt wurde.
Alexander Aljechin – Efim BogoljubowBaden-Baden, 4. April 1934Halbslawische Verteidigung, Meraner Variante, D48 1. d4 Sf6 2. c4 c6 3. Sf3 d5 4. e3 e6 5. Ld3 Sbd7 6. Sc3 dxc4 7. Lxc4 b5 8. Ld3 a6 9. 0–0 c5 10. a4 b4 11. Se4 Lb7 12. Sed2 Le7 13. a5 0–0 14. Sc4 Dc7 15. De2 Sg4 16. e4 cxd4 17. h3 Sge5?! Die Zugbewertung ist der Aljechin-CD der Firma ChessBase GmbH entnommen 18. Sfxe5 Sxe5 19. Lf4 Ld6 20. Lxe5 Lxe5 21. Sb6 Ta7 22. Tac1 Dd6 23. Tc4 f5? 24. exf5 exf5 25. Te1 Dg6 26. f3 Te8 27. f4 Dg3 28. fxe5 Txe5 (Bogoljubow befand sich in dieser Phase in Zeitnot und konnte auf den ersten Blick an einen schwarzen Sieg glaubenReinfeld und Fine, Dover Edition 1965, S. 14–15.) 29. Tc8+ Kf7 30. Dh5+ g6 31. Dxh7+ Kf6 32. Tf8+ Kg5 33. h4+ Kf4 34. Dh6+ g5 35. Txf5+ Txf5 36. Dd6+ Kg4 37. Lxf5+ und Schwarz gab auf. 1 : 0 (Stand: Aljechin 1½ : ½ Bogoljubow)
3. Partie Die dritte Partie endete nach 27 Zügen remis. Bereits im dritten Zug folgte hier eine Neuerung Aljechins, die später einen eigenen Eröffnungsschlüssel Auf: sahovski.com, abgerufen am 29. Oktober 2008. erhielt. Zuvor hatte Aljechin laut Hans Kmoch noch nie in einer ernsten Partie ein Damengambit angenommen.
Efim Bogoljubow – Alexander AljechinBaden-Baden, 6. April 1934Angenommenes Damengambit, Aljechin-Variante, D22 1. d4 d5 2. c4 dxc4 3. Sf3 a6 (eine Neuerung) 4. e3 Lg4 5. Lxc4 e6 6. h3 Lh5 7. Sc3 Sf6 8. 0–0 Sc6 9. a3 Ld6 10. Le2 0–0 11. Sd2 Lxe2 12. Dxe2 e5 13. dxe5 Lxe5 14. Tb1 Te8 15. Sf3 De7 16. Sxe5 Dxe5 17. Dc2 Tad8 18. Ld2 De6 19. Tfd1 Dc4 20. Lc1 Se5 21. e4 h6 22. Le3 Td3 23. Txd3 Dxd3 24. Da4 Dc4 25. Dc2 Dd3 26. Da4 Dc4 27. Dc2 Dd3 und remis. ½ : ½ (Stand: Aljechin 2 : 1 Bogoljubow)
Am 8. April gab Aljechin eine Simultanrunde mit 47 Partien. Das Ergebnis für Aljechin: 41 Siege, drei Remis, drei Niederlagen.Deutsche Schachblätter, Ausgabe 09/1934, 1. Mai 1934, S. 136–141.
4. Partie
Die vierte Partie fand in Villingen statt. Erneut wählte Aljechin (Weiß) ungewöhnliche Eröffnungszüge, durch die diesmal Bogoljubow Vorteil erlangte. Aljechin stemmte sich geschickt gegen die drohende Niederlage. Bogoljubow, der vergeblich nach einer Gewinnfortsetzung Ausschau hielt, versuchte ins Endspiel abzuwickeln – und wurde Opfer einer Kombination, durch die Aljechin gewann.
Alexander Aljechin – Efim BogoljubowVillingen, 11.–12. April 1934Halbslawische Verteidigung, D31 1. d4 d5 2. c4 c6 3. Sc3 Sf6 4. e3 e6 5. Ld3 Sbd7 6. f4 dxc4 7. Lxc4 b5 8. Ld3 Lb7 9. Sf3 a6 10. a4 b4 11. Se2 c5 12. 0–0 Le7 13. a5 0–0 14. Sg3 g6 15. De2 cxd4 16. exd4 Sb8 17. Se5 Sc6 18. Sxc6 Lxc6 19. Lc4 Lb7 20. Le3 Dd6 21. Tad1 Tfe8 22. b3 Lf8 22. Td3 Dc7 24. Da2 Ld6 25. Ld2 Dc6 26. Le1 Tad8 27. Td2 Le7 28. Db2 Td7 29. Tc2 Dd6 (laut Hans Kmoch hätte Schwarz stattdessen mit 29. … Sg4 entscheidenden Vorteil erhalten) 30. Se2 Sd5 31. Dc1 Ld8 32. Lg3 De7 33. Ta2 Df6 34. Dd2 Df5 35. Ld3 Df6 36. Lc4 Le7 37. Dd3 Ted8 38. Le1 Df5 39. Dd2 De4 40. Ld3 De3+ 41. Lf2 Dxd2 42. Txd2 Tc8 43. Lc4 Kg7 44. g3 Tcd8 45. Tc1 h6 46. Ld3 f5 47. Tdc2 g5 48. g4 Sxf4 (Fritz SämischSämisch in der Nachtausgabe (Berlin), genannt in: Deutsche Schachblätter, Ausgabe 09/1934. S. 137. und Hans Kmoch empfahlen stattdessen 48. … gxf4 49. gxf5 Kf7 und wiesen darauf hin, dass Weiß nach 48. … fxg4 49. f5 starken Angriff erhalten hätte) 49. Sxf4 gxf4 50. gxf5 e5 51. Te1 exd4 52. Txe7+ Txe7 53. Lh4 Kf7 54. Lxe7 Kxe7 55. Tc7+ Td7 56. f6+ Ke8 57. Lg6+ Kd8 58. f7 Kxc7 59. f8D f3 60. Dxb4 Td6 61. Ld3 und 1 : 0 (Stand: Aljechin 3 : 1 Bogoljubow)
5. Partie In der fünften Partie stand Bogoljubow nach dem Damentausch besser, konnte jedoch den Vorteil nicht realisieren. Aljechin geriet gar noch in Vorteil, doch Bogoljubow hielt das entstandene Endspiel remis.
Efim Bogoljubow – Alexander AljechinVillingen, 13.–14. April 1934Angenommenes Damengambit, D26