Die Lichtwarkschule war eine 1914 gegründete reformpädagogische Schule in Hamburg-Winterhude. Sie wurde nach Plänen Fritz Schumachers errichtet. Zwischen 1920 und 1937 war sie nach Alfred Lichtwark benannt, einem der Begründer der Museumspädagogik und der Kunsterziehungsbewegung sowie erstem Direktor der Hamburger Kunsthalle. Im Zuge nationalsozialistischer Gleichschaltung wurde das Profil der Schule nach 1933 schrittweise verändert, bis diese 1937 endgültig von der Landesunterrichtsbehörde aufgelöst und mit dem Heinrich-Hertz-Realgymnasium zur Oberschule am Stadtpark für Jungen zusammengelegt wurde. Heute befindet sich in dem Schulgebäude die Heinrich-Hertz-Schule. mini|Lichtwarkschule (1929) mini|Heinrich-Hertz-Schule, Grasweg 72
Pädagogik und Schulprofil Die Lichtwarkschule ging aus der 1914 gegründeten Realschule in Winterhude hervor. Die Idee zu ihr entstand in der Folge des Weimarer Schulkompromisses, der dem Gedanken an eine Einheitsschule zwar eine Absage erteilte, dennoch aber die Einrichtung von Versuchsschulen erlaubte.
Ein Kreis von Pädagogen an der Winterhuder Realschule, dem Erich Jänisch, Georg Jäger, Peter Petersen, Rudolf Kappe und Gustav Heine angehörten, erbat im März 1920 von der Hamburger Oberschulbehörde die Möglichkeit, „auf einen neuen Typ der höheren Schule hinzuarbeiten“. Der Hamburger Senat stimmte dem Vorhaben zu und bestätigte im Februar 1921, dass die neue Oberschule den von Lehrern und Eltern gewünschten Namen Lichtwarkschule tragen dürfe.Ursel Hochmuth: Lichtwarkschule/Lichtwarkschüler: »Hitler führt ins Verderben – Grüßt nicht!«, S. 84 Haubfleisch zählt die Lichtwarkschule neben der von Fritz Karsen initiierten Karl-Marx-Schule in Berlin-Neukölln und der von Wilhelm Blume gegründeten Schulfarm Insel Scharfenberg zu den „wichtigsten und interessantesten (höheren) öffentlichen Versuchsschulen der Weimarer Republik“.Dietmar Haubfleisch: Die Schulfarm Insel Scharfenberg (Berlin) und ihre vielfältigen Vernetzungen mit Personen und Institutionen der Reformpädagogik der Weimarer Republik. Einige Beispiele und Funktionen
Als Versuchsschule war die Lichtwarkschule nicht an Lehrpläne gebunden, durfte Schüler außerhalb des eigentlichen Schulbezirks aufnehmen und konnte über die Zusammensetzung ihres Kollegiums selber entscheiden. Der Schulleiter wurde vom Kollegium gewählt. Doch der reformpädagogische Eifer scheint auch seine Schattenseiten gehabt zu haben, wie unter anderem die Erinnerungen von Fritz C. Neumann zeigen, der sich im Herbst 1922, mitten in seiner Referendarzeit, auf eigenen Wunsch an die Lichtwarkschule versetzen ließ: „Niemand gab der ganzen Schule Form und Richtung. Jeder Sekundarlehrer an einer der Hamburger Sekundarschulen, der etwas Neues ausprobieren wollte, konnte sich den Mitarbeitern der Lichtwarkschule anschließen, und das taten sie auch. So wurde sie zu einem Sammelbecken verschiedener Ideen und Trends.“Fritz C. Neumann: Memoirs of a contemporary, S. 112. „No one gave shape and direction to the whole school. Every secondary teacher in any one of the secondary Hamburg schools who wanted to try something new could join the staff of the Lichtwarkschule, and they did. So it became a hodgepodge of different ideas and trends.“ Und auch der Kursunterricht als Gegenmodell zum klassischen Klassenunterricht wurde schnell wieder abgeschafft, wie Georg Jäger schon im Mai 1923 bei einem Besuch der Schulfarm Insel Scharfenberg seinen dortigen Kollegen zu deren Verwunderung erläuterte: „Dr. Jäger erzählte von seinen Erfahrungen, und wir schilderten ihm unsere gegenwärtige Unterrichtslage. Überrascht waren wir zu hören, daß die Kurse dort so gut wie aufgegeben sind, nur noch ein prinzipiell geändertes Dasein im fakultativen Zusatzstunden führen; als Begründung führte der Gast an, die Kurseinteilung habe zu einer Auflösung der Gemeinschaft geführt; über der Spezialisierung sei das Gemeinsame verloren gegangen und das, was man im guten Sinne Klassengeist nenne, ganz verflüchtigt. Bei uns ist das nicht zu befürchten, da man sonst den ganzen Tag gemeinsam verlebt; die Lichtwarkschule ist eine Tagesschule. Ferner gibt die Kulturwoche mit ihren 30 gemeinsamen Stunden dem Gemeinsamkeitsgefühl das nötige Übergewicht auch in unterrichtl. Beziehung. Es scheinen dort in Hamburg außerdem noch andere Gründe mitgesprochen zu haben, ein sachliches Erlahmen. Wir sehen das Problem weit optimistischer an als Dr. Jäger. Zum mindesten sind der Mathematik- und der Deutschkurs auf dem Wege zum uns vorschwebenden Ideal. Die Kurse aufgeben, hieße Scharfenberg einen Lebensnerv abschneiden! Dr. Jäger blieb noch bis zum Spätnachmittag bei uns; der gegenseitige Gedankenaustausch war sehr fördernd.“Wilhelm Blume, zitiert nach: Dietmar Haubfleisch: Die Schulfarm Insel Scharfenberg (Berlin) und ihre vielfältigen Vernetzungen mit Personen und Institutionen der Reformpädagogik der Weimarer Republik. Einige Beispiele und Funktionen
Das passt zu der Feststellung Füssls, der die Zeit nach Peter Petersens Berufung an die Friedrich-Schiller-Universität Jena als eine Zeit des Umbruchs und der Neuorientierung beschreibt: „Seit dem raschen Weggang PETER PETERSENS nach Jena 1923 verfügte die Schule über keine Leitfigur mehr, die eine Richtung für die Ausgestaltung des Versuchs hätte weisen können. Sie entwickelte sich zum Sammelbecken unterschiedlichster Reformansätze und zum Konfliktfeld, aber auch zum Modell für die Definition und Spannweite reformpädagogischer Möglichkeiten. In der Praxis kehrte sie sogar zum System des Klassenunterrichts zurück.“Karl-Heinz Füssl: Fritz C. Neumann (1897–1976), S. 231 In dieser Situation ergriff eine Gruppe junger Lehrer die Initiative.
Heinrich Landahl wurde zum Gegenspieler von Neumann und seinen Freunden. Das sozialistische Experiment wurde beendet, Georg Jäger musste als Schulleiter zurücktreten und wurde durch Fritz Wiesner ersetzt, „der konsequent eine Pädagogik vom Kinde aus vertrat, aber die offene Politisierung ablehnte“. Die Verabschiedung eines verbindlichen Leitbildes für die Schule unterblieb und jeder konnte weiterhin seine eigenen Ziele verfolgen. Noch mehr als zuvor aber, so Neumann, wurde die Schule zu einer Ansammlung hoch interessierter und befähigter Pädagogen, und es gab curriculare Weiterentwicklungen: Das Fach Kulturkunde, das die Fächer Geschichte, Deutsch, Geographie und Philosophie integrieren sollte, wurde eingeführt. Als Ergänzung der Kulturkunde fanden fortan jährlichen Studienreisen statt. Englisch wurde als erste Fremdsprache etabliert und ebenfalls in einen kulturkundlichen Rahmen gestellt. Tägliche Turnstunden waren obligatorisch. Koedukation wurde Zug um Zug weiter ausgebaut. Es gab eine Schulbühne, einen Chor und ein Orchester. Neumann freute sich darüber, dass für die Oberstufe der erste Band des Kapitals Teil des Curriculums wurde.Fritz C. Neumann: Memoirs of a contemporary, S. 114
Arbeiter-Abiturientenkurs Die Lichtwarkschule verfolgte einen egalitären Ansatz und wollte offen für Kinder aus allen sozialen Schichten sein. Nach Ursel Hochmuth betrug „der Anteil der Schüler aus Arbeiterfamilien […] im Durchschnitt fast 11 %“.Ursel Hochmuth: Lichtwarkschule/Lichtwarkschüler: »Hitler führt ins Verderben – Grüßt nicht!«, S. 85 Prägend für das schulische Milieu scheinen sie nicht gewesen zu sein, wie Hermann E. Hinderks bemerkte:
Die Sicht, aus der Hinderks hier resümiert, ist die der Arbeiter-Abiturienten („AK-Leuten“). „Das war eine Gruppe von jungen Arbeitern – alle Jungen –, die nach mehrjähriger Arbeit in diesen Kurs aufgenommen wurden, um so geschult zu werden, dass sie nach einigen Jahren die Hochschulaufnahmeprüfung ablegen konnten. Die Idee war, einen Stamm von Söhnen der Arbeiterklasse und der Sozialdemokraten zu schaffen, die für wichtige Positionen im Staat zur Verfügung stehen würden, was dringend notwendig war, da die Weimarer Republik zu ihrem großen Unglück die alte reaktionäre Bürokratie der Kaiserzeit übernommen hatte. Und diese Männer sabotierten die Demokratie, wo immer sie konnten und auch sehr erfolgreich.“Fritz C. Neumann: Memoirs of a contemporary, S. 116. „Another interesting feature was added to the school by the creation of the „Arbeiterkurs“ (Workers' Course). This was a group of young workers – all boys – who, after working for several years, were enrolled in this course to be trained in such a way that after several years they could pass the university entrance examination. The idea was to create e body of sons of the working class and Social Democrats who would be available for important positions in the state, something sorely needed since the Weimar Republic, to its great misfortune, took over the old reactionary bureaucracy of the Kaiser' days lockstock and barrel. And these men sabotaged democracy wherever they could and very successfully too.“
Auch hiermit beschritt die Lichtwarkschule einen Weg, den auch die Karl-Marx-Schule in Berlin mit ihren Berliner Arbeiter-Abiturientenkursen zu einem wichtigen Bestandteil ihres Lernangebots gemacht hatte. Wann die Lichtwarkschule damit anfing, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen. Hochmuth datiert den ersten Kurs auf das Jahr 1927Ursel Hochmuth: Lichtwarkschule/Lichtwarkschüler: »Hitler führt ins Verderben – Grüßt nicht!«, S. 85, während Neumann erwähnt, auch der „heutige Hamburger Oberbürgermeister ist ein ehemaliger Absolvent dieses Arbeiterkurses“. Zur Zeit der Abfassung von Neumanns Manuskript war Paul Nevermann Hamburger Oberbürgermeister. Der hatte allerdings bereits ab 1923 einen Arbeiter-Abiturientenkurs besucht und diesen erfolgreich im Jahr 1926 beendet.
Zeit des Nationalsozialismus, Ende der Lichtwarkschule Vermutlich 1932 tauchte erstmals das auf die Lichtwarkschule gemünzte Schimpfwort vom „roten Mistbeet am Stadtpark“ auf.Ursel Hochmuth: Lichtwarkschule/Lichtwarkschüler: »Hitler führt ins Verderben – Grüßt nicht!« S. 86. Doch auch vorher schon stand die Schule unter Beschuss – auch seitens der Behörden, wie Fritz C. Neumann und andere am eigenen Leib erfahren mussten. „Nach dem nationalsozialistischen Wahlsieg von 1930 beschloss die Hamburger Schulbehörde, die Lichtwarkschule von kommunistischen Lehrern zu reinigen. Drei von uns (Kappe, Lewalter und ich) wurden an andere Schulen versetzt, wo wir völlig isoliert voneinander sein würden. Sobald meine Klasse ihre Abschlussprüfung im Herbst 1930 abgeschlossen hatte, wurde ich auf die Oberrealschule am Kaiser Friedrich Ufer versetzt, eine reguläre Sekundarschule des gleichen Typs wie die, die ich selbst als Junge besucht hatte.“Fritz C. Neumann: Memoirs of a contemporary. S. 131. After the Nazi electoral success of 1930 the Hamburg Ministry of Education decided to purge the Lichtwarkschule of communistíc teachers. Three of us (Kappe, Lewalter and I) were transferred to other schools where we would be utterly isolated from each other. As soon as my class had completed their final examination in the fall of 1930 I was transfarred to the Oberrealschule am Kaiser Friedrich Ufer, an ordinary secondary school of the same type as the one I had attended myself as a boy.