Allerseelen (niederländisch: Allerzielen) ist ein Roman des niederländischen Schriftstellers Cees Nooteboom, der 1998 veröffentlicht wurde. Der erste Roman nach Nootebooms Erfolgsnovelle Die folgende Geschichte wurde insbesondere in Deutschland mit besonderer Beachtung aufgenommen, da sein Handlungsort das wiedervereinigte Berlin war und er das Verhältnis von Niederländern und Deutschen und ihre unterschiedliche Mentalität thematisierte. miniatur|Berlin, Unter den Linden im Winter

Inhalt

Arthur Daane, ein niederländischer Dokumentarfilmer von 44 Jahren, lebt seit dem Tod seiner Frau Roelfje und des gemeinsamen Sohnes Thomas bei einem Flugzeugunglück allein. Die Unstetigkeit seines Berufes führt dazu, dass er auf der ganzen Welt in Hotels und Appartements internationaler Kollegen logiert. Seine eigene, spärlich möblierte Wohnung in Amsterdam dient ihm hauptsächlich als Büro. Eine besondere Anziehung übt Berlin auf Daane aus. Die geschichtsträchtige Melancholie der deutschen Hauptstadt harmoniert mit seinen eigenen Stimmungen, und Daane meint in Berlin die Weite des Ostens zu spüren. Hier leben auch seine Freunde: der ebenfalls niederländische Bildhauer Victor Leven, der deutsche Philosoph Arno Tieck und die russische Physikerin und Galeristin Zenobia Stejn. Mit ihnen diskutiert Daane nächtelang in dem Pfälzer Weindorf des Heinz Schultze über Hildegard von Bingen, Hegel und Nietzsche, deutsche Geschichte, Lebensart und Hausmannskost. Neben diesem Dreigestirn besitzt nur noch Erna eine starke Bedeutung für Daane. Sie, die Daanes älteste und beste Freundin ist, holt ihn mit ihrer direkten Art in regelmäßigen Telefongesprächen stets wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Seine Arbeit ist für Daane in erster Linie Broterwerb. Er sperrt sich gegen die Gesetze des Marktes, die nach der Auffassung der Fernsehredakteure Aktion statt Reflexion verlangen. So arbeitet er in seinen Mußestunden an seinem eigenen Filmprojekt, seiner „Sammlung“ aus scheinbar unzusammenhängenden Szenen und Filmfragmenten, die nach seiner Hoffnung irgendwann ein großes Ganzes ergeben werden. Er will die Dinge festhalten, die eigentlich nicht der Mühe wert seien, aufgenommen zu werden: „Das Rauschen. Das, womit kein Mensch sich befaßt.“Nooteboom: Allerseelen (2000), S. 228 Erna nennt seine Arbeit dagegen kurz und bündig „Rumwurschteln“.Nooteboom: Allerseelen (2000), S. 126

Als Daane in einem kalten Winter der späten neunziger Jahre wieder einmal in Berlin eintrifft, begleitet seine Ankunft eine ungewöhnliche Häufung von Unglücks- und Todesfällen. Eine Heilsarmistin ruft ihn im Schneegestöber zur Versorgung eines am Straßenrand liegenden Betrunkenen zur Hilfe. An einer verwaisten Bushaltestelle führt er das letzte Gespräch mit einer vergeblich wartenden alten Frau, die noch am gleichen Tag stirbt. Eine Polizistin, die Daane das Filmen auf einer Baustelle untersagen will, verursacht mit dem Polizeiwagen einen Unfall. Am Abend stirbt der ehemalige Stehgeiger Galinsky im Beisein Daanes und seiner Freunde still sitzend auf seinem Stammplatz in Schultzes Weinlokal.

miniatur|Café Einstein in der Kurfürstenstraße Doch Daane begegnet auch einer jungen Frau mit „Funkelaugen“ und „Berberkopf“,Nooteboom: Allerseelen (2000), S. 67 der er im Café Einstein beim Griff zur Tageszeitung El País zuvorkommt, was sie mit einem bösen Blick quittiert. Als er sie später in den Straßen Berlins wiedertrifft, folgt er ihr bis zur Staatsbibliothek, in der er sie anspricht. Er erfährt, dass sie Elik Oranje heißt, in Spanien geboren wurde als Kind einer Alkoholikerin und eines unbekannten Vaters aus dem Maghreb. Mit zehn Jahren kam sie in die Niederlande, wo sie von ihrer Großmutter aufgezogen wurde. Jetzt studiert sie Geschichte und arbeitet an ihrer Dissertation über die spanische Königin Urraca. Doch auch als sie sich näherkommen, verschweigt Elik Arthur ihre Verletzungen, die sie zur Einzelgängerin werden ließen, die Herkunft ihrer Gesichtsnarbe und teilt ihm weder Adresse noch Telefonnummer mit. Wenn sie zu ihm in Kontakt tritt, taucht sie unvermittelt in seiner Wohnung auf, an deren Tür sie kratzt wie eine Katze. Bei einem Abend in den Hackeschen Höfen gibt Elik Arthur einen Einblick in den verborgenen Teil ihres Wesens. Sie sucht die Herausforderung in einer Kellerkneipe, in der Skinheads verkehren, tanzt wütend zu der gegen sie als Ausländerin gerichteten Musik, bis sie eine Schlägerei provoziert, bei der auch Daane verletzt wird, ehe sie flüchten.

Für einige Wochen verreist Daane nach Kioto. Dort filmt er „Stille“ in den buddhistischen Tempelanlagen und kommt wieder zu sich. Doch als er zurückkehrt, ist Elik Oranje verschwunden. Lediglich einen Abschiedsbrief an seinen Freund Arno Tieck hat sie hinterlassen, der als Absender die Adresse ihrer Großmutter in De Rijp trägt. Arthur Daane folgt der Spur, die ihn weiter nach Madrid führt, wo er Elik im Nationalarchiv wiederfindet. Doch bereits ihr erster Blick macht ihm klar, dass er nicht hätte kommen dürfen. Er erfährt, dass Elik während seiner Japanreise bemerkt hat, dass sie schwanger war. Sie hat das Kind abgetrieben, das kein „Ersatzkind“ für Daanes Thomas werden sollte. Der aufgebrachte Daane entgegnet ihr, sie habe den Tod um sich, und sie gehen im Streit auseinander. Daane betrinkt sich an diesem Abend, und auf dem Heimweg wird er von Skinheads überfallen. Als er seine Kamera gegen den Raub verteidigt, wird er von ihnen brutal zusammengeschlagen.

Daane überlebt die Verletzungen. Unwillig erwacht er nach Nahtoderlebnissen in einem Madrider Krankenhaus. Dort besuchen ihn seine Berliner Freunde, bringen Schultzes pfälzische Wurst mit, und der schweigsame Victor tanzt einen Stepptanz an seinem Krankenbett, den Arthur als rituelle Aufforderung begreift, er solle wieder aufstehen. Er erfährt, dass auch eine junge Frau an seinem Bett gewacht hat, die angab nach Santiago abzureisen. Doch als Arthur, noch immer körperlich lädiert, aus dem Krankenhaus entlassen wird und mit seinem alten Volvo Madrid verlässt, fährt er an der Abzweigung nach Santiago vorbei und folgt der Straße Richtung Norden.

Form

Obwohl in Rezensionen vielfach als Historischer Roman, Künstlerroman, Liebesroman oder Großstadtroman bezeichnet, überwiegt in Allerseelen die Episodenform, in der Reflexionen und Beobachtungen miteinander verwoben werden und nur ein loses Handlungsgeflecht ergeben. Die filmischen Mittel des Protagonisten Arthur Daane finden auch ihren Niederschlag im Roman, der nicht nur mit dem Vokabular des Films spielt, sondern ebenso mit virtuellen Kameraeinstellungen. Roland H. Wiegenstein fasste Nootebooms Technik zusammen: „Er montiert Großaufnahmen und Halbtotalen in die Totalen. Ein Kameramann, der statt mit Objektiven und Filmen mit Worten arbeitet.“Roland H. Wiegenstein: Ein Buch vom Abschied. In: Frankfurter Rundschau, 6. März 1999Vgl. zum Abschnitt: Keidel: Die Wiederkehr der Flaneure, S. 170–172

Der auktoriale Erzähler, der den Roman in der dritten Person, doch aus Sicht Arthur Daanes erzählt, wird an mehreren Stellen durchbrochen von einem Chor in der ersten Person Plural. Er bietet eine zweite Erzählperspektive und beobachtet die Menschen aus einer nichtmenschlichen Warte, allerdings in einer bloßen Zuschauerrolle, ohne eingreifen zu können: „Und wer wir sind? Sagen wir vielleicht, der Chor. Irgendeine registrierende Instanz, die etwas weiter schauen kann als ihr, allerdings ohne Macht zu besitzen, auch wenn es vielleicht so ist, daß das, was wir verfolgen, erst durch unser Hinschauen entsteht.“Nooteboom: Allerseelen (2000), S. 65 Der Chor verweist auf seine Vorbilder aus dem klassischen Theater von Sophokles und der Medea des Euripides bis zu Shakespeares Heinrich V. Gleichzeitig erinnert er an die modernen Engel aus Wim Wenders’ Film Der Himmel über Berlin.Vgl. zum Abschnitt: Keidel: Die Wiederkehr der Flaneure, S. 187–190 Dem Chor ist es vorbehalten den Roman zu beschließen mit bereits lange im Voraus angekündigten – „von unseren vier Worten dürft ihr euch nichts versprechen.“Nooteboom: Allerseelen (2000), S. 412 – vier Schlussworten: „Und wir? Ach wir …“Nooteboom: Allerseelen (2000), S. 437

Interpretation

Berlin

miniatur|Der abgesperrte Pariser Platz 1964 Das Berlin aus Allerseelen ist eine Stadt, die „einen Schlaganfall erlitten“ hat, dessen „Folgen […] noch immer sichtbar“ sind. Die Mauer wird zu einer „Narbe, die noch lange zu sehen sein würde“, und die später in der Narbe Elik Oranjes ihren Widerhall findet. „Wer dafür empfänglich war, konnte den Bruch fast körperlich spüren.“Nooteboom: Allerseelen (2000), S. 35 Doch gleichzeitig ist Berlin auch ein Kunstwerk, das auf Gestaltung wartet. Der Pariser Platz wird durch die Teilung „eine weite leere Fläche, […] wie bei einem frühen Mondrian“.Herbert Van Uffelen: Wo ist die Mauer? Berlin in der neueren niederländischsprachigen Literatur. In: Wilhelm Amann, Gunter Grimm, Uwe Werlein (Hrsg.): Annäherungen: Wahrnehmung der Nachbarschaft in der Deutsch-niederländischen Literatur des 19. Und 20. Jahrhunderts. Waxmann, Münster 2004, ISBN 3-8309-1408-3, S. 189–208 Die Weiten Berlins erinnern an Bilder von Caspar David Friedrich, die Daane im Schloss Charlottenburg besichtigt hat. Deren völligen Mangel an Ironie, der ihn gleichzeitig anzieht wie abstößt, ihr Pathos wird Daane zum Sinnbild der deutschen Seele, von der er gegenüber seinen niederländischen Freunden stets hervorhebt: „Ich bin gern da, es ist ein ernsthaftes Volk.“Nooteboom: Allerseelen (2000), S. 11Keidel: Die Wiederkehr der Flaneure, S. 192

Daane kann sich selbst nicht erklären, „weshalb diese geheime Liebe nun ausgerechnet Berlin galt und nicht Städten, in denen es angenehmer oder spannender war, wie zum Beispiel Madrid oder New York.“Nooteboom: Allerseelen (2000), S. 36–37 Er weiß nur: „Ich bin überall ein bißchen ungern.“ Und gerade diese Empfindung scheint ihm in besonderem Maße nach Berlin zu passen, denn in dieser Stadt „ging die eigene Melancholie scheinbar eine Verbindung mit einem anderen, widerspenstigeren und gefährlicheren Element ein, das man vielleicht auch als Melancholie bezeichnen konnte,“ das aber aus der Geschichte der Stadt stammte, „der breiten Straßen, durch die ganze Armeen marschieren konnten, der pompösen Gebäude und der leeren Räume zwischen ihnen“ sowie der zahlreichen Täter-Opfer-Beziehungen die in dieser Stadt entstanden waren, „ein Memento, in dem man Jahre umherstreifen könnte.“Nooteboom: Allerseelen (2000), S. 37 Diese Stimmung, die Daane mit Berlin verbindet, findet ihren Ausdruck in der Tageszeit der Dämmerung, des Zwielichts, in der große Teile des Romans spielen. „[D]er unaussprechliche Reiz von Licht im Dunkel“,Nooteboom: Allerseelen (2000), S. 74 verführt den Filmemacher, ihn für seine „Sammlung“ immer wieder auf Zelluloid zu bannen.Vgl. zum Abschnitt: Keidel: Die Wiederkehr der Flaneure, S. 190–193 In einem Interview bekannte Nooteboom über seine eigene Beziehung zu Berlin: „Mir gefällt das Provisorische. Ich bin ein Meister der Vorläufigkeit. Gerade das verbindet mich mit Berlin.“Volker Hage, Claudia Pai und Michael Schmidt-Klingenberg:

Berlin ist in Allerseelen auch die Stadt der Spannung zwischen Ost und West, Nord und Süd, Gegenwart und Vergangenheit und des Grenzgebiets zwischen diesen Gegensätzen. Die Gegensätze spiegeln sich in den unterschiedlichen Nationalitäten und Charakteren der Freundesrunde und in besonderem Maße in der Figur der Elik Oranje, einer Frau, die einen Männernamen trägt, einen Vornamen aus dem Balkan und den Nachnamen des Niederländischen Königshauses, die in Spanien geboren ist und nun in Deutschland studiert. Nooteboom zeigt in seinem Roman „[d]ie gesamte Menschheit, gesehen durch das Prisma Berlins“,Nooteboom: Allerseelen (2000), S. 151 einer Großstadt, die im Winter zu einem „Dorf in der Tundra“Nooteboom: Allerseelen (2000), S. 33 werden kann, eine „Nische“,Nooteboom: Allerseelen (2000), S. 9 in der man sowohl etwas aufbewahren als auch etwas Verborgenes entdecken kann.

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