Das Quäkertum ist eine religiöse Gemeinschaft mit christlichen Wurzeln im England der 1650er Jahre. Als Gründer gilt George Fox, aber auch Margaret Fell, Francis Howgill und James Nayler waren von zentraler Bedeutung in der Gründungsphase. Heute ist das Quäkertum als christliche Denomination zu bezeichnen, wenngleich sich nicht alle Quäker als Christen sehen und es diesbezüglich eine minderheitliche Interpretation des Quäkertums als einer Universalreligion gibt.
Das Wort Quäker ( „Zitterer“) war ein früher Spottname, der für die Mitglieder der Religiösen Gesellschaft der Freunde (), so der formelle Name der Organisation der Quäker, verwendet wurde. Jedoch wurde der Begriff bald von den Mitgliedern selbst adaptiert und ist heute normaler Sprachgebrauch. Das Quäkertum bezeichnet die Gesamtheit der quäkerischen Weltanschauung, Organisationen und Bräuche.
Das religiöse Leben bewegt sich um verschiedene Pole. Eine Grundlage der Weltanschauung der Quäker ist der Glaube, dass das Licht Gottes in jedem Menschen wohne. Die religiöse Wahrheit wird insofern in inneren Erfahrungen gesucht, womit auch die Bedeutung des menschlichen Gewissens und der Menschenwürde betont wird. Demzufolge habe jeder einzelne Mensch einen einzigartigen Wert, woraus sich die intensiven Bemühungen der Quäker verstehen lassen, Erniedrigung und Diskriminierung von Individuen und Gruppen zu verhindern. Andererseits ist man teils streng bibelgläubig bis hin zu wörtlichen Auslegungen und predigt Ehrfurcht und Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes. Da die persönliche religiöse Erfahrung und der direkte Gottesbezug im Zentrum stehen, spielen Riten und Klerus eine vergleichsweise nachrangige Rolle. Religiosität und Alltag sind eng verbunden.
Während sich in Ländern wie dem Vereinigten Königreich und Deutschland die ursprüngliche Einheitsgemeinde erhalten hat, kam es in den Vereinigten Staaten zu einer Spaltung des Quäkertums in die drei Hauptströmungen liberal, konservativ und evangelikal, die auch andernorts teilweise Schule gemacht hat. Weltweit gibt es ca. 380.000 Mitglieder. 49 % davon leben heute in Afrika, 22 % in Nordamerika, 14 % in der Karibik und Lateinamerika, 9 % in Europa und dem mittleren Osten; in Asien leben 6 %.
1947 wurde den Quäkern, vertreten durch das American Friends Service Committee (Philadelphia) und das Friends Service Council (London), der Friedensnobelpreis für ihre Hilfsleistungen verliehen.
Namensgebung Ursprünglich war das Quäkertum eine eschatologische Erweckungsbewegung,Dass die frühen Quäker (nicht nur in Deutschland) als „eschatologische Erweckungsbewegung“ eingestuft werden können, weist Claus Bernet in seinem Buch Gebaute Apokalypse ISBN 3-8053-3706-X nach. die sich nach Ende des Englischen Bürgerkriegs 1649 aus Dissenters und Seekers herausbildete. In den Anfängen des Quäkertums waren eine ganze Reihe von anderen Namen gebräuchlich, die auch zum Teil den eschatologischen Erweckungsbewegungs-Charakter der Bewegung erkennen lassen. Dies waren unter anderem:
Friends Friends Among Friends of the Truth Publishers of Truth Quiet Helpers Saints Seekers of Truth Society of Friends
Zu der Entstehung des Namens „Quaker“ (bzw. „Quäker“) gibt es keine gesicherte Erkenntnis. George Fox gibt in seiner Biographie die folgende Erklärung dazu:
Oft liest oder hört man die Behauptung, die Quäker wären für ihr ekstatisches Verhalten bei den Zusammenkünften so benannt worden. Dieser Mythos scheint auf eine Fußnote der Übersetzerin der deutschen Ausgabe der Tagebücher von George Fox zurückzugehen. Dort heißt es:
An einer anderen Stelle seiner Autobiographie gibt George Fox den Inhalt eines Briefes wieder, den er aufgrund der Spötteleien verfasste:
Voltaire beschreibt diese Art der Namensgebung in seinem 3. Brief über die Quäker in seinen Lettres philosophiques (1778).
Daraus ist zu sehen, dass die Quäker in erster Linie dafür verspottet wurden, dass sie andere vor dem Gericht Gottes und seinem Urteil warnten, das sie als Sünder zu fürchten hätten. Hier spielen auch die eschatologischen Einflüsse hinein, unter denen die frühen Quäker standen. Das Gericht Gottes wurde nicht in ferner Zukunft erwartet, sondern in absehbarer Zeit. Die Frage, ob ein Mensch zu Lebzeiten, nach seinem Tod oder an einem Jüngsten Tag zur Rechenschaft gezogen werde, wird von Fox nicht dogmatisch beantwortet. In dem Brief wird außerdem das Konzept des Sufferings sehr deutlich, also des Leidens der gerechten Sache wegen.
Geschichte
mini|Swarthmoor Hall, von Thomas Fell der Quäkerbewegung als erster Versammlungsort zur Verfügung gestellt
Nachdem der Quaker Act 1662 die Versammlungen von Quäkern in England verboten hatte, ermöglichte der Toleration Act von 1689 eine nachhaltige Konstituierung. Schon 1676 formulierte die Apology von Robert Barclay theologische Grundsätze auf akademischem Niveau und trug so zur Profilbildung bei. Im selben Jahr wurde das Meeting for Sufferings von dem ein Jahr zuvor gegründeten London Yearly Meeting organisiert, um Maßnahmen gegen die Verfolgungen zu koordinieren. Bis dahin wurden die regen Missionstätigkeiten von Margaret Fell in Swarthmoor Hall organisiert. Schon 1657 reichten die Missionsreisen bis zum Sultan von Konstantinopel. Und ein Jahr später wurde sogar versucht, den Papst Alexander VII. in RomPink Dandelion: An Introduction to Quakerism. 2007, ISBN 0-521-60088-X, S. 29. selbst zu bekehren (was für einen der zwei Missionare tödlich endete, während der zweite nur mit Mühe und Not über diplomatische Wege befreit werden konnte).Bei dem überlebenden Missionar handelte es sich um John Perrot und bei dem getöteten um John Luffe (Love). Siehe Ein wichtiger Meilenstein war das sogenannte Heilige Experiment, als William Penn von König Karl II. im Jahre 1681 zur Begleichung einer größeren Geldschuld ein riesiges Gebiet in der nordamerikanischen Wildnis vermacht bekam und zum dortigen Gouverneur ernannt wurde. In der später als Pennsylvania bekannt gewordenen Kolonie galt nun die Religionsfreiheit, nicht nur für Quäker.
Erste Spaltung
Um das Jahr 1827 kam es in Nordamerika zur ersten großen Spaltung zwischen den sogenannten Hicksites und den orthodoxen Quäkern. Im Laufe der Zeit ergaben sich weitere Spaltungen und Wiedervereinigungen.
Heute kann man drei Hauptströmungen unterteilen: evangelikal, konservativ und liberal. Diese Gruppen unterscheiden sich in ihren Ansichten zum Teil erheblich. Das zeigt die folgende tabellarische Übersicht:
+Heutige Hauptströmungen des QuäkertumsPink Dandelion: The Quakers: A Very Short Introduction. Oxford University Press, Oxford 2008, ISBN 0-19-920679-1, S. 108. Evangelikal Konservativ Liberal Spirituelle Erfahrung ist gleichrangig mit der Bibel. Spirituelle Erfahrung ist wichtiger als die Bibel. Spirituelle Erfahrung ist allein ausschlaggebend. definiert sich durch Glauben definiert sich durch Glauben und Form definiert sich durch Methoden/Form Man versteht sich primär als Christ. Man versteht sich primär als Quäker. christlich christo-zentrisch christlich, post-christlich und non-theistisch Biblische Heilsgeschichte gilt als komplett und unumstößlich wahr. dem Einzelnen überlassen, ob er biblische Texte (teils) wörtlich versteht oder nicht Es gibt im Gottesdienst eine Liturgie oder ein Programm. Keine Liturgie oder Programm Es gibt ein personelles Pastoren-Amt zur Leitung der Gemeinde. Priestertum aller mit unsichtbarer Führung (durch den Heiligen Geist) Christliche Mission wird als Pflicht verstanden. Begrenzte Öffentlichkeitsarbeit wird als Pflicht verstanden. Öffentlichkeitsarbeit wird als verzichtbar erachtet. traditionelle christliche Einstellung zur Sexualmoral teils traditionelle, teils liberale Ansichten zur Sexualmoral liberale Ansichten zur Sexualmoral
Säkulare Quäker
Im heutigen Quäkertum gibt es Mitglieder, die sich nicht mehr als christlich verstehen oder als gläubig bezeichnen. Dies ist vor allem im liberalen Quäkertum anzutreffen. Sie bilden keine eigene in sich geschlossene Gruppe, sondern sind eine größer werdende Strömung innerhalb des Quäkertums. Sie werden zum Teil als Nontheistisch Quäker, Universalistisch Quäker, Humanist Quaker, Post-Christian Quakers oder Liberal-Liberal QuakersBen Dandelion, Quakerism: An intruduction, Cambridge University Press, 2007, S. 134 bezeichnet.
T. Vail Palmer nennt als frühes Beispiel den Quäker Arthur Ernest Morgan (1878–1975), der seiner Ortsgemeinde (engl. monthly meeting) erklärte, dass er keinen Beweis für die Existenz Gottes gefunden habe und die Frage auch als irrelevant betrachte.T. Vail Palmer, 'A long road', 2017, Barcly Press, Seite 34. Laut einer Untersuchung der Universität Birmingham, sagen 14 % der britischen Quäker von sich, Atheisten zu sein. 43 % sagen, dass sie sich „nicht in der Lage fühlten, ihren [/einen] Glauben an Gott zu bekennen“.Simon Jenkins, "The Quakers, are right. We don't need God", 4.5. 2018, The Guardian,
Von Seiten der theistisch-konservativen Quäker befassten sich in letzterer Zeit die Quäker-Autoren Benjamin Wood und Mark Russ in ihren Büchern intensiv mit diesem Phänomen.
Gemeinsame Schnittmenge
Aufgrund des breiten Spektrums an theologischen Auffassungen ist es schwer, Allgemeingültiges über das Quäkertum auszusagen. Der kleinste gemeinsame Nenner dürfte das sein, was als Quäkerzeugnisse bezeichnet wird. Das „Historische Friedenszeugnis“ ist das einzige, was davon auch schriftlich fixiert wurde. Als weitere Zeugnisse sind unter Quäkern das „Zeugnis der Einfachheit“, das der Gleichheit und das der Wahrhaftigkeit allgemein anerkannt. Da diese Zeugnisse keine theologischen Aussagen machen (bis auf das historische Friedenszeugnis von 1660), können sich auch säkulare Quäker damit identifizieren.
Quäkerzeugnis
Die Ursache für die kaum ausgeprägte Dogmatik im Quäkertum ist in der Betonung und Gewichtung der persönlichen Erfahrung/Offenbarung zu sehen. Ein (unter Quäkern) oft zitierter Ausspruch soll das verdeutlichen:
Die Bibel steht bei den frühen und den konservativen Quäkern an zweiter Stelle nach der persönlichen Offenbarung. Bei den liberalen Quäkern ist die Bibel zum Teil optional neben der eigenen spirituellen Erfahrung. Bei evangelikalen Quäkern ist die Bibel der persönlichen Erfahrung gleichgestellt und darf dieser auch nicht widersprechen.
Theologie
Identitätsstiftende Wirkung haben auch die sogenannten Ratschläge und Fragen,Die „Ratschläge und Fragen“ online durch die die Mitglieder und Versammlungen aufgefordert werden, sich und ihr Handeln zu prüfen. Diese Ratschläge und Fragen sind aber nicht einheitlich unter den verschiedenen Flügeln des Quäkertums. Und sie werden auch ständig weiterentwickelt. Ursprünglich, zu den Zeiten der heftigen Verfolgungen, wurden die Ratschläge und Fragen vom Meeting of suffering vom London Yearly Meeting erstellt und landesweit verschickt. Im Vordergrund der Fragen stand damals, ob die Mitglieder trotz der Verfolgung an den Zeugnissen festhielten. Es wurde auch erfragt, wie viele in Gefängnissen saßen oder erschlagen worden waren, ob Güter konfisziert worden waren und ob Geld gebraucht wurde, sei es wegen Händler-Boykotten,Irgendwann schlug die Situation in das Gegenteil um, und die Quäker wurden sehr beliebt als Handelspartner, da sich herumsprach, dass sie nicht betrögen. George Fox – Aufzeichnungen und Briefe des ersten Quäkers. Übersetzerin: Margrit Stähelin, Verlag I.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1908, Kapitel 7, S. 83. sei es für Gerichtsverfahren oder Hinterbliebene. Als die Verfolgung für die meisten Quäker – für sie persönlich – nicht mehr im Vordergrund stand, wurden die Fragen und Ratschläge angepasst.