Der Zweite Kongokrieg fand von 1998 bis 2003 auf dem Gebiet der Demokratischen Republik Kongo statt. Mehrere untereinander zerstrittene Rebellengruppen versuchten, die Regierung in Kinshasa zu stürzen, die selbst erst 1997 im ersten Kongokrieg an die Macht gekommen war. Beide Seiten wurden massiv von mehreren anderen afrikanischen Staaten unterstützt. 1999 wurde ein Waffenstillstand vereinbart, der aber erst ab 2001 tatsächlich eingehalten wurde. Nach weiteren langen Verhandlungen wurde 2002 ein Friedensvertrag unterzeichnet, und 2003 nahm eine Allparteienregierung ihre Arbeit auf, die 2006 freie Wahlen durchführte.

Im Kongo wurde der Krieg von Regierungsseite als „Angriffskrieg“ (französisch guerre d'aggression) bzw. „Besatzungskrieg“ (französisch guerre d'occupation) bezeichnet, von den Rebellen wurde er „Berichtigungskrieg“ (französisch guerre de rectification) genannt.Johnson 2009, S. 86. Aufgrund der Verwicklung zahlreicher afrikanischer Staaten war international auch die Bezeichnung „Afrikanischer Weltkrieg“ oder „Afrikas (erster) Weltkrieg“ in Gebrauch.

Die genaue Zahl der Kriegsopfer ist unbekannt: Hochrechnungen gehen vage von mehr als drei Millionen Toten infolge des Kriegs aus, wobei nur eine kleine Minderheit davon tatsächlich Gewaltopfer waren. Unter der Annahme, dass die Hochrechnungen die Wirklichkeit korrekt abbilden, wäre der Zweite Kongokrieg der blutigste Krieg seit dem Koreakrieg und dem Vietnamkrieg.

Der Friedensvertrag von 2002 und die Wahlen von 2006 beendeten die Konflikte im Kongo nicht. Bereits seit 1994 findet in den Ostprovinzen Kivu und Ituri ein vom ersten und zweiten Kongokrieg weitgehend unabhängiger Milizenkrieg statt, der im Friedensvertrag nicht berücksichtigt wurde. Dieser Konflikt eskalierte 2007 zum dritten Kongokrieg, der 2009 beigelegt wurde, dennoch dauert der bewaffnete Konflikt im Ostkongo in verminderter Form bis heute (2025) an.

Vorgeschichte Innere und äußere Unzufriedenheit mit Kabila Bereits einige Zeit nach der Machtübernahme Laurent-Désiré Kabilas am 17. Mai 1997 im Zuge des Ersten Kongokrieges mehrte sich sowohl innerhalb als auch außerhalb der Grenzen der DRK die Unzufriedenheit mit der neuen Regierung.Ausführlich zur gesamten Thematik Prunier: Africa’s World War. 2009, Kapitel 5; Afoaku: Explaining the Failure of Democracy in the Democratic Republic of Congo. 2005, S. 157–167. Auf globaler Ebene stand Kabila über seine gesamte Amtszeit hinweg in einem Dauerkonflikt mit den Vereinten Nationen, welche (unter anderem) Vorwürfe klären wollten, wonach Teile von Kabilas AFDL (Alliance des Forces Démocratiques pour la Libération du Congo-Zaïre) während und unmittelbar nach dem Ersten Kongokrieg systematisch Massaker gegen Angehörige der Hutu verübt hätten. Kabila versuchte immer wieder, Untersuchungen in dieser Sache zu behindern, was neben diplomatischen Verstimmungen und Kritik in der eigenen Bevölkerung insbesondere auch den Rückbehalt dringend benötigter Geldmittel durch ausländische Geldgeber zur Folge hatte.Stearns: Dancing in the Glory of Monsters. 2011, S. 174 f.; Ngolet: Crisis in the Congo. 2011, S. 4 ff.; Carayannis/Weiss: The Democratic Republic of Congo, 1996–2002. 2003, S. 268 ff., die ergänzend darauf hinweisen, dass auch Ruanda aktiv auf die Verhinderung der Untersuchungen hinwirkte und in einigen Fällen eigene Soldaten auf kongolesischem Gebiet anwies, die Inspektoren nicht passieren zu lassen. Konkrete Beispiele für die Schwierigkeiten der UN-Mission finden sich in der Tagesberichterstattung, siehe exemplarisch Barbara Crossette: U.N. Says Congo Blocks Investigation of Reported Massacres. In: The New York Times. 2. Juli 1997 (online)

Innenpolitisch blieb er entgegen anfänglichen Hoffnungen, die Machtübernahme der AFDL würde zugleich die Abkehr von Mobutus autoritärem Herrschaftsstil markieren, die versprochenen, weitreichenden demokratischen Reformen schuldig. Stattdessen ließ die politische Entwicklung für viele Beobachter Züge einer Fortsetzung der Mobutu’schen Kleptokratie erkennen. So erließ die Regierung beispielsweise im Mai 1997 ein Verbot sämtlicher oppositionspolitischer Aktivitäten und öffentlicher Demonstrationen in der Hauptstadt; zudem wurde regierungskritische Berichterstattung unter Strafe gestellt.Reyntjens: The great African war. 2009, S. 154; James C. McKinley Jr: Kabila Bans Party Activity In Kinshasa. In: The New York Times. 27. Mai 1997. Gleichzeitig blieben wirtschaftspolitische Anstrengungen der Regierung weitgehend erfolglos. Es gelang nicht, die prekäre ökonomische Situation – weitgehend ein Relikt aus jahrzehntelanger Misswirtschaft unter Mobutu – merklich zu verbessern. Dies wiederum trug zu der zunehmenden Erosion der präsidialen Machtbasis bei, von der Kabilas gesamte Amtszeit durchzogen war.Prunier: Africa’s World War. 2009, S. 161 ff.; Carole Collins: Congo/Ex-Zaire: through the looking glass. In: Review of African Political Economy. 25, Nr. 75, März 1998, , S. 112–123, doi:10.1080/03056249808704296. Zur ökonomischen Entwicklung unter Kabila auch dies.: Reconstructing the Congo. In: Review of African Political Economy. 24, Nr. 74, Dezember 1997, , S. 591–600, doi:10.1080/03056249708704284.

Umgang mit den Kivu-Provinzen und Verhältnis zu Ruanda Präsident Kabila befand sich in einem kontinuierlichen Spannungsverhältnis zwischen der Honorierung ruandischer Interessen und denjenigen der eigenen Bevölkerung. Besonders in den östlichen Kivu-Provinzen sahen ihn viele als verlängerten Arm Ruandas, was sie zum Widerstand gegen die Regierung veranlasste. Dabei konnten sie beispielsweise auf die fortbestehende ruandische Truppenpräsenz im Land verweisen, die die Kabila-Regierung Ruanda (und auch Uganda) sogar vertraglich zugesichert hatte;Clark: Explaining Ugandan intervention in Congo: evidence and interpretations. 2001, S. 271. ferner auch auf den Einsatz mehrerer hochrangiger Ruander in strategisch wichtigen Posten, konkret zum Beispiel die Berufungen von James Kabarebe als Generalstabschef und von Jackson Nzinza als Sicherheitschef, die zuvor der Republikanischen Garde bzw. dem Geheimdienst Ruandas vorgestanden hatten.Afoaku: Congo’s rebels. 2009, S. 111 f. Auch in der Hauptstadt wurden vermehrt Stimmen laut, die dem militärischen Einfluss Ruandas kritisch gegenüberstanden.Stearns: Dancing in the Glory of Monsters. 2011, S. 177.

Für Kabila stellt sich eine Lossagung von Ruanda allerdings als äußerst schwierig dar (abgesehen davon, dass sie ihm zunächst auch nicht notwendig erschien). Dem Präsidenten fehlte von Beginn an eine nennenswerte politische oder militärische Machtbasis, weshalb er auf ausländische Militärs als Machtgaranten angewiesen war. Gleichzeitig hatte Ruanda selbst ein starkes Interesse an der Befriedung der Ostprovinzen und der Eindämmung von Übergriffen durch Interahamwe-(Hutu-)Milizionäre und Ex-FAR-Kräfte (Mitglieder der ehemaligen Hutu-Armee Ruandas – Forces Armées RwandaisesBegrifflichkeiten aus dem Umfeld des ruandischen Militärs: Die FAR (Forces Armées Rwandaises) war die Armee des früheren ruandischen Hutu-Regimes, das 1994 im Gefolge des Völkermordes in Ruanda gestürzt wurde. Viele der FAR-Soldaten setzten sich danach im Kongo ab (und werden als Ex-FAR bezeichnet). Die FAR ist zu unterscheiden von der RPF (Rwandese Patriotic Front). Die RPF wurde Ende der 1980er von ruandischen Tutsi, die sich nach Uganda ins Exil zurückzogen, als politische Bewegung gegen das ruandische Regime gegründet. Sie übernahm 1994 nach dem Völkermord in Ruanda die Macht. Nach der Machtübernahme bildete die (Tutsi-)Regierung als neue nationale Armee die RPA (Rwandese Patriotic Army), während der politische Arm weiterhin als RPF firmierte.) auf kongolesische wie ruandische Tutsi, zumal mit Kabilas Installation im Ersten Kongokrieg gerade auch dieses Ziel bezweckt werden sollte. Denn seit der Niederlage der ruandischen Hutu-Führung gegen die Ruandische Patriotische Front (RPF) im Sommer 1994, die den Völkermord in Ruanda beendete, zogen etwa eine Million Hutu in die benachbarten Kivuprovinzen, wo sie sich in Flüchtlingscamps zusammenfanden, organisierten und Angriffe auf Tutsi sowie grenzübergreifende Anschläge gegen ruandische Ziele verübten.Carayannis, Weiss: The Democratic Republic of Congo, 1996–2002. 2003, S. 257. Kabila musste insofern beständig befürchten, dass Ruanda ihm die Unterstützung entzieht und selbst in den Ostprovinzen interveniert. In der Tat behielt sich Präsident Kagame eine solche Möglichkeit stets vor und spielte darauf sogar öffentlich an.Renaud Girard: Un entretien avec l'homme fort du Rwanda; Quand la France jetait Kagamé en prison. In: Le Figaro. 22. November 1997. Darin Kagame auf den Hinweis des Interviewers, dass einer seiner Berater eine Militäroperation im Ostkongo erwägt: «Pour le moment, je ne vois pas la nécessité de traverser la frontière. Mais, certainement, nous allons coopérer avec les autorités congolaises sur cette question.» mini|Hutu-Flüchtlingscamp in der Nähe von Goma an der ruandischen Grenze (1994) Hinzu trat, dass es in den Kivus fortwährende Konflikte zwischen den Tutsi-Teilen der kongolesischen Armee FAC (Forces Armées Congolaise) und der einheimischen Bevölkerung gab, die sich am herrischen Auftreten der Soldaten entzündeten; so versahen diese zum Beispiel die (übrige) kongolesische Bevölkerung vielfach mit abfälligen Bezeichnungen, begingen kriminelle Handlungen und weigerten sich, traditionelle Stammesführer zu respektieren.Reyntjens: The great African war. 2009, S. 147. Beteiligt hieran waren neben den ruandischen RPA-Truppen auch Angehörige der Banyamulenge, die in den Kivus große Teile der FAC ausmachten.Es gab primär drei Rekrutierungspools der neuen FAC-Armee. Hauptsächlich handelte es sich um loyale Katanger (oft aus den Reihen der ehemaligen FNLC Front national de libération du Congo, die in den 1970er-Jahren gegen Mobutu gekämpft hatte), zum anderen um kadogo (Kindersoldaten ostkongolesischer Abstammung) sowie, in Südkivu, um Banyamulenge. Vgl. Prunier: Africa’s World War. 2009, S. 176; Afoaku: Congo’s Rebels. 2009, S. 113. Hierdurch vermengte sich der Nationalitätskonflikt zugleich mit einem ethnischen, indem sich den Banyamulenge und RPA-Soldaten – teilweise unterstützt von Soldaten der burundischen ArmeePrunier: Africa’s World War. 2009, S. 176, insbesondere Fußnote 134. – (Hutu-)Interahamwe-Milizionäre und Ex-FAR-Truppen entgegenstellten. Eine Verschärfung erfuhren diese Konflikte durch die Gründung bzw. Reaktivierung zahlreicher Mai-Mai-Milizengruppen in den beiden Kivu-Provinzen,Die Gründungswelle solcher „Selbstverteidigungsmilizen“ setzte bereits im Juni 1997 in Südkivu ein; diese aus Babembe bestehenden Gruppierungen unterstellten sich Charles Simba, der noch im Ersten Kongokrieg an der Seite der AFDL gegen das Mobutu-Regime gekämpft hatte. Vgl. Prunier: Africa’s World War. 2009, S. 173. die sich ebenfalls gegen die wahrgenommene „Kolonialisierung“ durch Ruanda zur Wehr setzten und immer wieder Anschläge gegen ruandische und FAC-Soldaten verübten (die kongolesische Armee stand zu dieser Zeit eng an der Seite RuandasVgl. Weiss: War and Peace in the Democratic Republic of the Congo. 2000, S. 9.); auch waren sie für die heftigen Angriffe auf Bukavu im Dezember 1997 verantwortlich.AFP: Kinshasa reports attack on provincial capital. 11. Dezember 1997; Ngolet: Crisis in the Congo. 2011, S. 18. Die fortgesetzten Zusammenstöße veranlassten tausende Tutsi aus Nordkivu zur Flucht über die Ostgrenze nach Ruanda. Dies wiederum beförderte zwischen Ende 1997 und Anfang 1998 sowohl grenzübergreifende Angriffe hutu-naher Milizen aus den Kivu-Provinzen, als auch Angriffe auf die Flüchtlingscamps der Tutsi in Ruanda durch Soldaten der (ruandischen) Armee.