miniatur|Die Hofapotheke Stuttgart befindet sich in der Alten Kanzlei am Schillerplatz (hinten links)
Die Hof-Apotheke in Stuttgart wurde spätestens im Jahr 1645, möglicherweise auch schon 1551 gegründet und ist damit eine der ältesten Apotheken Stuttgarts.
Geschichte Vorgeschichte Ein „gräflicher Apotheker“ in Stuttgart ist erstmals im Jahre 1412 urkundlich belegt,Gustav Wais: Alt-Stuttgart. Die ältesten Bauten, Ansichten und Stadtpläne bis 1800. Mit stadtgeschichtlichen, baugeschichtlichen und kunstgeschichtlichen Erläuterungen. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1954, S. 103. der „ehrbare und fürsichtige Mann Meister Heinrich Glatz, zurzeit Apotheker der gnädigen Herrschaft zu Wirtemberg“.Adolf Rapp: Urkundenbuch der Stadt Stuttgart. W. Kohlhammer, Stuttgart 1912 (Württembergische Geschichtsquellen 13), Nr. 218 (S. 95), Nr. 221 (S. 96) Aus der zweiten Hälfte des 15. und dem Beginn des 16. Jahrhunderts sind weitere Bestallungen überliefert.Adolf Rapp: Urkundenbuch der Stadt Stuttgart. W. Kohlhammer, Stuttgart 1912 (Württembergische Geschichtsquellen 13), Nr. 396a (S. 224), Nr. 497 (S. 275), Nr. 667 (S. 303), Nr. 667b (S. 398) In allen diesen Fällen handelte es sich um die Betreiber der öffentlichen Apotheke in der Stadt Stuttgart, die zugleich, „gewissermaßen im Nebenamt“, als gräfliche bzw. herzogliche Apotheker fungierten und dafür eine Vergütung erhielten.Armin Wankmüller: Die Geschichte der Stuttgarter Apotheken von den Anfängen bis 1600. In: Beiträge zur Württembergischen Apothekengeschichte. Band 1, Heft 2, Mai 1951, S. 33–50, hier: S. 36–37. Herzog Christoph von Württemberg verlieh dem herzoglichen Apotheker Cyriakus Horn am 30. November 1551 erstmals den Titel „Hofapotheker“. Dieser seitdem regelmäßig vergebene Titel bezeichnete aber keine exklusive Dienststellung des Trägers; die Hofapotheker betrieben weiterhin ihre Stadtapotheke und versorgten daneben die herzogliche Familie und die Hofbediensteten mit Arzneien.Armin Wankmüller: Die Gründung der Hofapotheke in Stuttgart im Jahre 1645 und ihre ersten Inhaber. In: Beiträge zur Württembergischen Apothekengeschichte. Band 1, Heft 3, Dezember 1951, S. 90–93, hier: S. 90–91.
Die Apotheke der Herzogin Anna Maria Insbesondere in älterer Literatur findet sich häufig die Angabe, die Stuttgarter Hofapotheke sei von Herzogin Anna Maria gestiftet worden. Für diese Gründung gibt es keinen urkundlichen Nachweis; überliefert ist sie jedoch in zwei lateinischen Leichenpredigten des 16. Jahrhunderts für Anna Maria und ihren Gemahl, Herzog Christoph. Dietrich Schnepf rühmt in seiner 1570 gedruckten Leichenpredigt auf Herzog Christoph dessen große Wohltätigkeit und schreibt in diesem Zusammenhang: „Die Fürstin hat in Nachahmung der Mildtätigkeit des Herrn im Stuttgarter Schloss unter großen Kosten eine Apotheke eingerichtet und ausgestattet, die allen armen Untertanen, die von schlechter Gesundheit sind, immer offen steht und sie bereitwilligst mit Arzneien versorgt.“Theodor Schnepff: Oratio de vita et morte illustrissimi principis et domini, Domini Christophori Ducis Wirtenbergici & Teccij […]. Tubingae, 1570 (Digitalisat), S. 61: Principissa Domini clementiam imitata, Pharmacopolium in arce Studtgardiana magnis sumptibus construxit, & adornavit, quod omnibus subditis pauperibus, qui adversa valetudine sunt, semper patet, & promptissime medicinas suppeditat. Erhard Cellius, der in seiner 1592 gedruckten Leichenpredigt für die Herzogin Anna Maria deren überschwängliches Lob als „Schöpferin und Bewahrerin“ dieser Apotheke über zwei Seiten ausbreitet, schreibt, dass die Apotheke vom Herzog auf Bitten seiner Gemahlin für die Armen eingerichtet worden sei, und betont, dass dort nichts verkauft werde, alle Arzneien kostenlos seien und es keine Apothekentaxe gebe. Sie stehe außer den Armen auch anderen in Notfällen offen, wenn etwas anderswo nicht oder nicht in derselben Qualität vorhanden sei, wie er bei einer Krankheit seines kleinen Sohnes selbst erfahren habe. Zudem berichtet er, dass die Offizin (officina) zwar einem eigenen Meister (proprio magistro) anvertraut worden sei, die Herzogin selbst aber die Oberaufsicht geführt und gleichsam als Vorsteherin (quasi praefectam) fungiert habe, sich auch selbst um die Arzneien gekümmert und sie verwaltet habe.Erhard Cellius: Oratio funebris: De vita, et morte illustrissimae principis ac dominae, D. Annae Mariae, […]. Georg Gruppenbach, Tübingen 1592 (Digitalisat), S. 25–26.
Ein Datum für die Gründung nennen beide Autoren nicht; die in der Literatur genannten Jahreszahlen 1544Walter Dörr: Stuttgarts Hofapotheke im Alten Schloß, S. 24, 1551Uwe Bogen: Stuttgarts erste Apotheke. In: Stuttgarter Nachrichten, 23. Januar 2014, abgerufen am 3. März 2023. und 1559Johann Daniel Georg von Memminger: Die Arzneykunde im sechszehnten Jahrhundert. In: Morgenblatt für gebildete Stände, Nro. 139 vom 11. Juni 1817, S. 553 (Digitalisat). Hier wird zudem aus der Darstellung bei Christian Friedrich Sattler: Geschichte des Herzogthums Würtenberg unter der Regierung der Herzogen, Band 4, Stuttgart und Ulm 1771, S. 239 (Digitalisat), ein wörtliches Zitat der Herzogin gemacht, was später häufiger übernommen wurde. sind sämtlich spekulativ. 1544 regierte Herzog Christoph noch gar nicht;Die fehlerhafte Angabe „im März des Jahres 1544“ bei Dörr beruht auf Julius Hartmann, Chronik der Stadt Stuttgart, Greiner und Pfeiffer, Stuttgart 1886 (Digitalisat), S. 57, wo die Gründung der Apotheke im Eintrag zum 4. März 1544 erwähnt wird, allerdings mit dem von Dörr übersehenen Hinweis „später“. das Datum 1551 ist von der Ernennung des Cyriakus Horn zum Hofapotheker übernommen,Das wird besonders deutlich bei Albert Moll: Jakob Degen und Oswald Gabelchover. Zwei ärztliche Lebens- und Charakterbilder aus der Vergangenheit Würtembergs. In: Medicinisches Correspondenz-Blatt des Würtembergischen Ärztlichen Vereins, Band XXVI, Nr. 13 vom 12. April 1856, der auf S. 101 behauptet, Anna Maria habe die Hofapotheke am 30. November 1551 gestiftet. das Datum 1559 von der Einrichtung der ersten vier „Landapotheken“ im Herzogtum Württemberg durch die Große Kirchenordnung. Dass mit der Ernennung Horns zugleich die Leitung der von der Herzogin eingerichteten Apotheke im Schloss verbunden war, wie Walter Dörr annimmt,Walter Dörr: Die Geschichte der Stuttgarter Apotheken. In: Süddeutsche Apothekerzeitung 76 (1936), Nr. 48, S. 510–513, hier S. 511 (Digitalisat) er also der von Cellius erwähnte magister war, ist naheliegend, aber aufgrund fehlender Quellen letztlich nicht beweisbar.
Der wesentliche Unterschied zwischen Anna Marias Gründung und der vorher bestehenden Arzneimittelversorgung des Hofes war offenbar, neben einer erheblichen Vergrößerung der Einrichtung, dass nunmehr außer dem herzoglichen Hof auch die Armen von der Apotheke im Schloss kostenlos mit Arzneien versorgt wurden. Armin Wankmüller nimmt allerdings an, dass es sich auch weiterhin nur um eine „Arzneikammer“ und nicht um eine voll eingerichtete Apotheke gehandelt habe.Armin Wankmüller: Die Geschichte der Stuttgarter Apotheken von den Anfängen bis 1600. In: Beiträge zur Württembergischen Apothekengeschichte. Band 1, Heft 2, Mai 1951, S. 33–50, hier: S. 35, 44.
Neugründung der Hofapotheke Über das weitere Schicksal der Apotheke oder Arzneikammer im herzoglichen Schloss lassen sich wegen fehlender Quellen keine gesicherten Aussagen treffen. Träger des Titels „Hofapotheker“ gab es in Stuttgart aber nur bis zum Jahre 1609.Armin Wankmüller: Die Geschichte der Stuttgarter Apotheken von den Anfängen bis 1600. In: Beiträge zur Württembergischen Apothekengeschichte. Band 1, Heft 2, Mai 1951, S. 33–50, hier: S. 50. Danach wurde erst wieder am 28. März 1639 der aus Tours stammende Apotheker Johann Gudrio (auch: Gudrion) von Herzog Eberhard II. als Hofapotheker angestelltWalther Pfeilsticker: Ergänzungen zu der Abhandlung: „Die Gründung der Hofapotheke in Stuttgart im Jahre 1645 und ihre ersten Inhaber“. In: Beiträge zur Württembergischen Apothekengeschichte. Band 1, Heft 4, Juni 1952, S. 118–120, hier: S. 118. und mit der Einrichtung einer eigenständigen Hofapotheke im Alten Schloss beauftragt. Da Gudrio erst 1645 als Hofapotheker vereidigt wurde und eine Dienstanweisung zur Führung der Apotheke erhielt, hat sich deren Neueinrichtung und Inbetriebnahme in dem durch den Dreißigjährigen Krieg verheerten und verarmten Württemberg vermutlich so lange hingezogen.
Die obigen Daten lassen auf eine zeitliche Lücke von mindestens dreißig Jahren zu der von Herzogin Anna Maria begründeten Apotheke schließen. Andererseits heißt es in einem Bericht des Innenministeriums an den König vom 18. Mai 1819, dass nach Auskunft des Finanzministeriums die Hofapotheke „ein selbstständiges Institut sey, welches von der Herzogin Anna Maria, Gemahlin des Herzogs Christoph, zu dem Endzwecke gestiftet worden, um den Hof und gewiße Arme unentgeldlich mit Arzneyen zu versorgen, zugleich aber durch Arzney-Verkauf seine Fonds zu vermehren“.Bericht des Ministers des Innern vom 18. Mai 1819, Hauptstaatsarchiv Stuttgart E 14 Bü 309, 3 Hier wird also von einem kontinuierlichen Bestehen der Hofapotheke seit Anna Maria ausgegangen.
Im Unterschied zu den mittlerweile drei öffentlichen Apotheken in der Stadt Stuttgart befand sich die Hofapotheke im Eigentum des Herzogs und wurde auf dessen Rechnung betrieben. Anders als die früheren „Hofapotheker“ waren Gudrio und seine Nachfolger „Hofdiener“, also mit einem festen Gehalt angestellt und weisungsgebunden. Gudrio durfte Arzneien nur auf Anweisung des „Hof-Medikus“ oder des Herzogs abgeben und nur an Angehörige des Hofes und der Kanzlei sowie städtische Arme. Auch die Visitation der Hofapotheke wurde, anders als bei den anderen Apotheken, gesondert durch die Hofärzte durchgeführt.Armin Wankmüller: Die Gründung der Hofapotheke in Stuttgart im Jahre 1645 und ihre ersten Inhaber. In: Beiträge zur Württembergischen Apothekengeschichte. Band 1, Heft 3, Dezember 1951, S. 90–93, hier: S. 91.
Weitere Entwicklung Der Ruf der Hofapotheke schwankte im Lauf der Zeit: 1708 galt sie als „edles Kleinod“, wohingegen ein Visitationsbericht von 1721 zu dem Ergebnis kam: „Die Hofapotheke ist unter den in Stuttgart vorhandenen 4 Apotheken die allerschlechteste.“ In einer 1815 erschienenen Veröffentlichung hieß es wiederum, sie „steht in einem vorzüglichen Rufe, der ihr mit Recht gebührt“.G. Cleß, G. Schübler: Versuch einer medizinischen Topographie der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Stuttgart. J. D. Sattler, Stuttgart 1815 (Digitalisat), S. 156 Kurzfristig beeinträchtigt wurde dieser Ruf, als der Apothekergehilfe Christian Gotthold Engelmann 1814 bei der Zubereitung einer Arznei Substanzen verwechselte, wodurch 14 Zöglinge des Waisenhauses erkrankten.Walter Dörr: Stuttgarts Hofapotheke im Alten Schloß, S. 25Armin Wankmüller: Apotheker Christian Gotthold Engelmann in Stuttgart. In: Beiträge zur Württembergischen Apothekengeschichte. Band 16, Heft 5, Juni 1990, S. 133–136, hier: S. 134. Aber schon 1822 galt die Hofapotheke wieder als „Muster-Anstalt für die übrigen Apotheken des Königreichs“. Anbringen der Königlichen Hof-Domainen-Kammer vom 31. Oktober 1822, Hauptstaatsarchiv Stuttgart E 14 Bü 309, 3