mini|Chorstuhlwange aus dem Trierer Kartäuserkloster mit Darstellung von Erzbischof Balduin von Luxemburg, Eichenholz, um 1340. Museum am Dom Trier. Foto: Markus Groß-Morgen mini|Die Kurfürsten bei der Königswahl 1308: von links Peter von Mainz, Balduin und Rudolf I. Pfalzgraf bei Rhein (Bilderchronik des Kurfürsten Balduin von Trier, Trier um 1340. Landeshauptarchiv Koblenz, Bestand 1 C Nr. 1 fol. 3b) Balduin von Luxemburg oder Balduin von Trier (* um 1285 in Luxemburg; † 21. Januar 1354 in Trier) aus dem Geschlecht der Luxemburger war von 1307 bis 1354 Erzbischof und Kurfürst von Trier, von 1328 bis 1336 (mit Unterbrechung) Administrator des Erzbistums Mainz und von 1331 bis 1337 Administrator der Bistümer Worms und Speyer. Balduin war einer der einflussreichsten Reichsfürsten in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts und gilt als der unternehmensfreudigste Kurfürst von Trier.
Das 14. Jahrhundert war für Europa ein Ende der mittelalterlichen Warmzeit, der Hungersnöte (bereits seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts) und des Schwarzen Todes, deren Auswirkungen in der modernen Forschung allerdings unterschiedlich bewertet werden,Forschungsüberblick bei Ulf Dirlmeier/Gerhard Fouquet/Bernd Fuhrmann: Europa im Spätmittelalter 1215–1378. München 2003, S. 164ff. zumal das Spätmittelalter nach Ansicht der neueren Forschung keine „Niedergangszeit“ war. Die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts war politisch auch eine Zeit des Streits der Fürsten mit den Päpsten um das Vorrecht, den jeweils eigenen Kandidaten für einen Thron oder Bischofsstuhl bestimmen zu können. Balduin beteiligte sich an diesen Auseinandersetzungen und wurde 1328 von den Päpsten Johannes XXII. und 1336 Benedikt XII. wegen Verstoßes gegen kanonisches Recht exkommuniziert.
Viele Aktionen Balduins zeigen einen politischen Gestaltungswillen, der das Bistum Trier nur als einen Teil seines Bestrebens erscheinen lässt, der Familie Luxemburg eine Führungsrolle im Heiligen Römischen Reich zu sichern. Er unterstützte seinen Bruder Heinrich, seinen Neffen Johann von Böhmen und seinen Großneffen Karl, ihre Herrschaft zu erringen und zu sichern. Balduin vertrat dabei in den Auseinandersetzungen zwischen Papst und König das Recht der Kurfürsten des Reiches auf die alleinige Königswahl und somit gegen den päpstlichen Approbationsanspruch. Er soll die bestimmende Person gewesen sein, die das ausschließliche Recht auf eine unbehinderte Wahl formulierte, wie es schließlich 1356 die Goldene Bulle festlegte.
In mehreren Landfriedenseinungen mit seinen regierenden Nachbarn schuf er für sein Territorium Rechtssicherheit und sichere Straßen für den Handel. Das selbstherrliche Fehdewesen des Landadels schränkte er ein. Seine wirtschaftliche Macht machte es ihm möglich Städte, Burgen und Ritter seinem Primat unterzuordnen – mit Geld oder mit Militär. Seinem legendenreichen RufAnton Neugebauer Balduin-Erinnerung im 19. u. 20. Jahrhundert und Franz-Josef Heyen B. v. L. Versuch einer Zwischenbilanz in Festschrift Balduin... ein machtbewusster, auch gewaltbereiter Landesfürst gewesen zu sein, stehen Zeugnisse gegenüber, die Balduin als frommen Kirchenmann schildern. So unterwarf er sich z. B. in mehrmaligen "Auszeiten" demütig den Ritualen des besonders strengen Karthäuserordens.Johannes Simmert, Solitariam vitam diligens…., in Festschrift Balduin…, S. 213 ff.
Leben Stationen im Leben des Trierer Erzbischofs und Kurfürsten Balduin um 1304 Beginn der Kurienkarriere als Dompropst (Vorstand)des Domkapitels in Trier 7. Dezember 1307 Das Trierer Domkapitel wählt Balduin statt Emich von Sponheimzum Nachfolger von Diether von Nassau 11. März 1308 Wahlbestätigung und Weihe durch Papst Clemens V. in Poitiers 6. Januar 1309 Bruder Heinrich und Ehefrau Margarethe werden in Aachen gesalbt und gekrönt 28. April 1310 Erste Provinzialsynodemit der Ankündigung von Reformen 15. September 1310 Für die Dauer seines Romzugs setzt Balduin alsVertretung drei Generalvikare zur Bistumsverwaltung ein 18. Juli 1313 Übertragung der Reichsgüter Oberwesel undBoppard am Mittelrhein als Pfänder des Reichs 1320 Die Grafen von Sponheim werden zu dauerndenGegnern des Erzbischofs Mai 1323 In Reims zur Krönung seiner Nichte Maria zur französischen Königinund Paris zur Hochzeit seines Großneffen Karl mit Blanka von Valois vermtl. seit 1324 Finanzverwaltung des Bistums durchdie Trierer Juden Muskin und Jakob Daniel 1328 Erste Übernahme der Administration des Erzbistums Mainz 11. November 1328 Exkommunikation durch Papst Johannes XXII. vermtl. ab 1330 Aufzeichnung und Sammlung der Privilegien undRechte des Bistums (sog. Balduineen) 18. August 1331 Stiftung des Kartäuserklosters in Koblenz 1332 Stiftung des Kartäuserklosters in Trierab Mai 1332 Rudolf Losse wird Balduins Sekretär, Notar und Gesandter 22. September 1333 Aufrichtung des (Kaisers-)Lauterer Landfriedens ab 1336 Beginn von Judenverfolgungen. Um 1348 Ende derjüdischen Mitwirkung in der Finanzverwaltung des Trierer Erzstifts 1337 Rückgabe der Verwaltungen von Mainz, Worms und Speyer Juli/August/September 1338 Gründung des Rhenser Kurvereins. Reichstag in Koblenz 24. Mai 1346 Endgültiger Bruch mit Kaiser Ludwig dem Bayern 11. Juli 1346 Wahl des Großneffen Karl zum Römischen König (ab 1355 Kaiser) 1. Oktober 1346 Der Graf von Westerburg, einer der widerspenstigstenGegner Balduins, muss Burg Schadeck übergeben Zwischen 1356 und 1367 Balduins Taten werden inden Gesta Baldewini beschrieben und überliefert
Herkunft und Jugend Balduin entstammte einer der angesehensten Familien des westlichen Reichsgebiets. Ihre Abstammung wird von den westfränkischen Karolingern abgeleitet.Jean Schoos, Die Familie der Luxemburger, in Festschrift Balduin v. Luxemburg, Mainz 1985, S. 120 ff. Nach dem Tod des Vaters Heinrich VI. (nach anderer Zählart III.) von Luxemburg 1288 in der Schlacht von Worringen, nahm der Hof König Philipps IV. Einfluss auf die Erziehung Balduins und seines älteren Bruders Heinrich. Beide sprachen neben FranzösischDie Mutter, Beatrix von Avesnes-Beaumont, stammte aus dem französischsprachigen Hennegau. Ihre Kinder wuchsen dort nach der Katastrophe von Worringen auf. auch Deutsch, Latein und wohl auch die Sprachen der Niederrhein-Maas-Mosel Region.H. Koller, Die Familie…, in Kaiser Karl IV., S. 317. Bereits unter ihrem Großvater Heinrich V. war die französische Sprache, die schon seit Mitte des 12. Jahrhunderts vom Adel Luxemburgs als Umgangssprache gesprochen wurde, als Amts- und Urkundensprache, neben Latein, eingeführt worden. Vgl. Carl Dietmar, Luxemburg und der Limburger Erbfolgestreit, in Der Tag bei Worringen, 5. Juni 1288, Nordrhein-Westfälisches Hauptstaatsarchiv, Düsseldorf 1988, S. 300 ff. 1294 wurden Balduins älterer Bruder Heinrich mit dem Vertrag von Pontoise zu einem (ligischen) Vasallen des französischen Königs,Kurt-Ulrich Jäschke, Peter Thorau (Bearbeiter): Die Regesten des Kaiserreichs unter Rudolf, Adolf, Albrecht, Heinrich VII. 1273–1313. 4. Abteilung: Heinrich VII. 1288/1308–1313, 1. Lieferung: 1288/1308–August 1309. Wien 2006, S. 8f. der später Balduins Kirchenkarriere fördern sollte. Folgend der besonders vom französischen Adel geübten Kultur des Rittertums, erhielt Balduin wahrscheinlich auch eine Ausbildung für den ritterlichen Kampf. Balduins weitere Geschwister waren Walram, der 1311 bei der Belagerung von Brescia im Romzug Heinrichs fiel. Die Schwestern Margarete und Felicitas (als Witwe) waren beide Klostervorsteherinnen.Jean Schoos, Die Luxemburger, in Festschrift Balduin…, S. 143
Wie in herrschenden Familien üblich, war für den drittgeborenen, dem jüngsten Sohn Balduin, eine Laufbahn als Geistlicher vorgesehen. Er studierte (mit Unterbrechungen) von 1299 bis 1307 in Paris Theologie und kanonisches Recht. Eine umfassende Allgemeinbildung erhielt er durch die artes liberales, die aufkommenden Naturwissenschaften.
Erzbischof von Trier Balduins Kirchenkarriere, die er mit gerade einmal zwanzig Jahren begann, war seiner in Paris erworbenen Bildung, päpstlicher Diplomatie und vor allem seiner hochadligen Herkunft zu danken.Ernst Schubert, Kurfürsten und Wahlkönigtum, in Festschrift Balduin…, S. 106 1304 wurde er Dompropst in Trier. 1305 soll sein Bruder Graf Heinrich versucht haben, anlässlich der Papstkrönung Clemens V. in Lyon, für Balduin den Mainzer Bischofsstuhl zu erlangen. Im Alter von 22 Jahren wurde er 1307 vom Trierer Domkapitel zum Erzbischof gewählt – eine Wahl, die aus Altersgründen ungültig war. 1308 suchte Balduin vermutlich die Unterstützung König Philipps des Schönen und gelobte ihm und seinen Nachfolgern die Treue. Balduin galt damit, neben den Bischöfen von Köln und Mainz, mit schriftlich fixierten Eidesleistungen nach ligischem Recht, zu den „Parteigängern des Königs von Frankreich.“Heinz Thomas (Historiker): Das Reich um 1300. S. 36 ff. und Carl D. Dietmar: Heinrich VII., Graf von Luxemburg…., in Festschrift Balduin…, S. 44 Der französische Papst Clemens V. selbst weihte ihn im März 1308 in Poitiers zum Erzbischof von Trier. Das Bistum Trier war bereits zur Zeit seiner Vorgänger in eine schwere Krise geraten. Besitz und Einkünfte waren verschuldet und verpfändet. Sein Vorgänger Diether von Nassau war exkommuniziert und suspendiert worden. Mit Gewalt und Plünderungen trieb der regionale Adel seine Forderungen ein und berief sich auf mündlich gemachte Versprechen der Trierer Kirche. Das Domkapitel und der Erzbischof waren durch die Wahl des Gegenbischofs Emich von Sponheim untereinander zerstritten und „… die Masse des Klerus von dem all zu sehr angesammelten Hass verwirrt“.Rudolf Holbach, Balduin und das Domkapitel, in Festschrift Balduin…, S. 189 ff.; J. Mötsch, Die Balduineen. Einleitung, S. 1 ff.