mini|Giacomo Leopardirahmenlos Giacomo Leopardi (Giacomo Taldegardo Francesco Salesio Saverio Pietro Leopardi; * 29. Juni 1798 in Recanati; † 14. Juni 1837 in Neapel) war ein italienischer Dichter, Essayist und Philologe. Neben Alessandro Manzoni kam ihm eine entscheidende Rolle bei der Erneuerung der italienischen Literatursprache im 19. Jahrhundert zu.
Klischees und Wirklichkeit Der Kritiker Benedetto Croce hat das Wort von Leopardis vita strozzata, seinem „erdrosselten Leben“, geprägt. Tatsächlich erscheint Leopardis kurzes Leben von knapp 39 Jahren, in dem es nie eine feste Anstellung, dafür ständige Geldnot, viel Sehnsucht, aber keine einzige erfüllte Beziehung und nur wenige verlässliche Freunde gab, wie ein Klischee des Unglücks, das von Leopardis Äußerem (klein, bucklig, kränklich) und seinem verschlossenen Wesen noch unterstützt wird. Auf der anderen Seite steht die ungeheure Gelehrsamkeit, die sich in ungewöhnlichem Grad mit Witz und Klugheit verband, weshalb Friedrich Nietzsche Leopardi als „das moderne Ideal eines Philologen“Friedrich Nietzsche, Notiz zu Wir Philologen Nr. 3/23 (März 1875), zitiert nach: ders., Kritische Studienausgabe, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, dtv: München, Neuausgabe 1999, Bd. 8, S. 22. bezeichnete und ihn als einen von nur vier „Meister[n] der Prosa“Die drei anderen sind Prosper Mérimée, Ralph Waldo Emerson und Walter Savage Landor. Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, 2. Buch Abschnitt 92, zitiert nach: ders., Kritische Studienausgabe, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, dtv: München, Neuausgabe 1999, Bd. 3, S. 448. im 19. Jahrhundert anerkennt. Und ebenso steht dem Klischee Leopardis poetisches und essayistisches Werk entgegen, aufgrund dessen man zumindest sein inneres Leben als alles andere als „erdrosselt“, vielmehr als überaus reich und fruchtbar bezeichnen muss.
Die Grundstimmung von Leopardis Werk ist zwar melancholisch, aber aus jedem Gedicht spricht so viel Leben und Gefühl, aus jeder seiner Operette morali so viel Witz und Geist, dass Leopardis Melancholie alles andere als grau und trüb erscheint; sein vielzitierter Pessimismus erscheint heute aus dem Abstand von 200 Jahren eher als kluge Skepsis gegenüber dem im 19. Jahrhundert aufkommenden Fortschrittswahn, leichtgläubigen Positivismus und Nationalismus. Francesco De Sanctis schrieb über ihn:
Kurz, so praktisch die übliche Trennung von Leben und Werk ist, bei Leopardi führt sie leicht zu einem falschen Bild. Der folgende Abriss von Leopardis Leben nennt daher zwischen den biographischen Ereignissen stets auch die in der jeweiligen Zeit entstandenen Werke; die Darstellung wird dadurch zwar etwas unübersichtlicher, ermöglicht aber eine Vorstellung von der ungeheuren dichterischen, literarischen und wissenschaftlichen Leistung des jung verstorbenen Genies.
Leben Kindheit und Jugend in Recanati (1798–1816) mini|Leopardis Geburtshaus, die Casa Leopardi, heute Museum mini|Die Bibliothek der Casa Leopardi mini|Leopardis Schwester Paolina im Alter
Giacomo Leopardi wurde am 29. Juni 1798 als ältestes von fünf Kindern des Grafen Monaldo Leopardi und der Gräfin Adelaide, geborene Antici, in Recanati geboren. 1799 kam sein Bruder Carlo und 1800 seine Schwester Paolina zur Welt; beide Geschwister wurden die engsten Vertrauten des jungen Giacomo. Er wuchs in bedrückter und reaktionärer Atmosphäre auf: Sein Vater war gebildet und nachgiebig, doch erzkonservativ, seine Mutter hart und bigott, und Recanati zählte zu den rückständigsten Provinzstädten des Kirchenstaates. Symptomatisch ist etwa, dass der Vater 1832–1835 eine ultrakonservative Zeitung namens La voce della ragione („Die Stimme der Vernunft“) herausgab, bis das Blatt von der Kurie als zu radikal unterdrückt wurde. Als Giacomo fünf Jahre alt war, wurde das Haus Leopardi zahlungsunfähig; der Mutter gelang es zwar, die Finanzen zu retten, während sich der Vater nur mehr seiner Privatbibliothek und der Kindererziehung widmete, aber die Familie war in sich heillos zerstritten.
Giacomo wurde von 1807 bis 1812 mit seinen Geschwistern von drei geistlichen Privatlehrern erzogen. Aus dieser zugleich streng katholischen und sehr anspruchsvollen Unterrichtung gingen schon bald einerseits eine selbstständige Beschäftigung mit der antiken Literatur, andererseits erste poetische Versuche hervor; die literarische Produktion allein der Jahre 1809/10 füllt einen ganzen Band und umfasst Sonette, Lieder und Epigramme. 1811/12 kommen dazu überdies Kurzepen sowie eine Tragödie Pompeo in Egitto („Pompeius in Ägypten“).
Schon 1812 konnte Giacomo von seinen Lehrern wortwörtlich nichts mehr lernen und vergrub sich in der Bibliothek seines Vaters, in der er sich in kurzer Zeit das gesamte philologische und historische Wissen seiner Zeit aneignete. Diesen Lebensabschnitt bezeichnete er später rückblickend als Jahre eines „wahnsinnigen Lerneifers voller Verzweiflung“. Neben den ihm bereits bekannten Sprachen Latein, Französisch und Spanisch erlernte er mit sechzehn Jahren autodidaktisch Griechisch, Hebräisch und Englisch, schrieb eine Storia dell’astronomia („Geschichte der Astronomie“) und erhielt endlich die Erlaubnis, auch Bücher zu lesen, die auf dem Index librorum prohibitorum standen. Erste Übersetzungen und philologische Arbeiten entstanden. Während er anfangs anscheinend noch etwas wahllos übersetzte und kommentierte, was sich in der väterlichen Bibliothek eben fand, folgt bereits 1814 eine bedeutsame wissenschaftliche Leistung, eine Übersetzung der Plotin-Biographie des Porphyrios mit Textemendationen und fortlaufendem Kommentar, auf den noch der Philologe Georg Friedrich Creuzer bei seiner Plotin-Edition zurückgriff.
1815 übersetzte Leopardi den damals noch Homer zugeschriebenen Froschmäusekrieg (zum ersten Mal, er sollte dieses Epyllion noch zwei weitere Male übertragen), im Jahr darauf den ersten Gesang der Odyssee sowie das zweite Buch der Aeneis und diverse Stücke aus Hesiod, Simonides u. a. antiken Autoren. In derselben Zeit entstanden auch philologische Aufsätze über Homer und Horaz, Leopardi 'fälschte' als Fingerübung altitalienische Übersetzungen sowie lateinische Götterhymnen und schrieb einen Saggio sopra gli errori popolari degli antichi („Untersuchung über die volkstümlichen Irrtümer der Alten“) sowie den Aufsatz Lettera ai compilatori della Biblioteca Italiana („Brief an die Herausgeber der Italienischen Bibliothek“), worin er den literarischen Klassizismus gegen die Romantik verteidigte.
Erste Veröffentlichungen und literarische Fluchten (1817–1822) mini|Michele Tripisciano: Gipsbüste von Giacomo Leopardi im Museum Tripisciano im Palazzo Moncada in Caltanissetta
Die letzten dieser Arbeiten und Übersetzungen brachten Leopardi endlich in Kontakt mit der literarischen Öffentlichkeit: Die Aeneis-Übersetzung, 1817 in der Zeitschrift Lo spettatore italiano e straniero des Mailänder Verlegers Antonio Fortunato Stella (1757–1833) erschienen, wurde von Pietro Giordani, Angelo Mai und Vincenzo Monti gelobt. Noch einige weitere philologische Arbeiten erschienen bei Stella, v. a. im Spettatore. Mit Giordani entstand daraufhin eine von Leopardis wichtigsten Freundschaften, Giordani besuchte ihn in Recanati, und beide führten einen intensiven Briefwechsel. 1817 begann Leopardi auch mit der regelmäßigen Niederschrift jener Ideen und Aphorismen, aus denen ab 1827 sein Zibaldone (etwa: „Sammelsurium“) hervorgehen sollte.
Als im Dezember 1817 Leopardis verheiratete Cousine Gertrude Cassi Lazzari seine Familie in Recanati besuchte, verliebte Leopardi sich heftig, aber ohne auf Gegenliebe zu stoßen, und schrieb darauf den ersten Canto („Gesang“, Nr. X der späteren Canti e frammenti), Il primo amore („Die erste Liebe“). Im Folgejahr entstanden die großen Canti All’Italia („An Italien“, Nr. I) und Sopra il monumento di Dante („Auf Dantes Denkmal“, Nr. II), die 1819 in Rom erschienen und mit ihren patriotischen, zur Einheit Italiens aufrufenden Aussagen Aufsehen erregten, zumal Leopardi damit viel Mut vor der Obrigkeit zeigte. In die gleiche Richtung wies auch der Discorso di un italiano intorno alla poesia romantica („Rede eines Italieners über die romantische Dichtung“, 1818), der sich erneut zugunsten des literarischen Klassizismus gegen die Romantik richtete. Mit diesen Arbeiten bekannte Leopardi sich einerseits als Republikaner und Demokrat, andererseits sagte er sich damit vollends von der konservativen Einstellung seiner Familie los.
1819 geriet Leopardi in eine tiefe physische wie psychische Krise. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide, so dass er seine Studien mehrere Monate unterbrechen musste; insbesondere ließ seine Sehkraft stark nach. Zugleich litt er zunehmend unter der Enge des Elternhauses und der konservativen Kleinstadt Recanati. Trotzdem gelang es ihm nicht, den Ort zu verlassen: ein Fluchtversuch, den er nach vielen vorangehenden Ausbruchsabsichten endlich im Juli wagte, wurde von seinem Vater bemerkt und vereitelt.
mini|Leopardis Handschrift des Canto L’infinito
Vielleicht als Zeichen einer inneren Flucht entstanden im gleichen Jahr dennoch die berühmten 'idyllischen' Canti L’infinito („Das Unendliche“, XII) und Alla luna („An den Mond“, XIV); 1820 folgte der große 'patriotische' Canto Ad Angelo Mai (III), der den Kustos der Vatikanischen Bibliothek für seine Wiederentdeckung der Palimpsest-Fragmente von Ciceros De re publica („Über den Staat“) feiert, sowie kleinere Gedichte (XIII, XV) und erste satirische Prosastücke, Vorläufer der späteren Operette morali. Diese dichterische Produktion setzte sich, mit längeren depressiven Unterbrechungen, auch 1821 fort: Im Oktober und November entstanden ein Gedicht zur Hochzeit seiner Schwester Paolina (IV) und ein weiterer Canto (V), am Ende des Jahres die Canti Bruto minore („Brutus der Jüngere“, VI) und La vita solitaria („Das einsame Leben“, XVI); letzteres gibt einen halb wehmütigen, halb idealisierten Eindruck von Leopardis Dasein, in dem der innige Naturbezug die fehlenden menschlichen Bindungen ersetzt. 1822 folgten drei weitere Canti (VII, IX, VIII).
Ausbruch aus Recanati und Reisen (1822–1830) Im November 1822 konnte der Dichter erstmals mit Einwilligung seiner Familie Recanati verlassen. Auf Einladung seines Onkels, Marchese Carlo Antici, reiste er nach Rom und wohnte dort bei ihm bis zu seiner Rückkehr nach Recanati im April 1823. Leopardis Eindruck von der Stadt wie von den römischen Intellektuellen und Literaten war jedoch insgesamt enttäuschend. Positiv gestalteten sich v. a. die Bekanntschaften mit Angelo Mai, dem Kustos der Vatikanischen Bibliothek, sowie dem großen Philologen und Historiker Barthold Georg Niebuhr, der Leopardis wissenschaftliches Genie in höchsten Tönen lobte. Auch mit dem Theologen, Archäologen und Diplomaten Christian Karl Josias von Bunsen entstand ein intensiver Umgang. Trotz des persönlichen Einsatzes aller drei Gelehrten gelang es Leopardi jedoch nicht, eine Anstellung beim Vatikan zu erlangen, um die er sich als fast einzig mögliche Arbeitsstelle für einen Gelehrten im Kirchenstaat bewarb: Das Misstrauen über den jungen Dichter, der so patriotische Töne anschlug und gar nicht dem legitimistischen Vater nacheiferte, war zu groß, und auch seine bekannte Freundschaft mit dem antiklerikalen Pietro Giordani (1774–1848) wurde ihm verübelt.
mini|Monument Tassos in der Kirche Sant’Onofrio al Gianicolo, Rom