mini|Etwa 140 Jahre altes Firmenschild, abgespitzt und lange übergeputzt, heute wieder freigelegt und in der Vergrößerung noch zu lesen mini|Firma „Gebrüder Ziller“ um 1900 mini|Firma „Gebrüder Ziller“ beim Umbau der Kirche zu Kaditz, 1887/1888
Die Baumeisterfamilie Ziller stellte vier Generationen lang, vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, Baumeister, Architekten und weitere mit dem Baugeschehen Verbundene, wobei die Zeit ihres größten Einflusses in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lag.
Dazu gehören der Baumeister des griechischen Königs Georg I. und Professor an der Nationalen Technischen Universität Athen, Ernst Ziller, der das Grabmal seines Freundes Heinrich Schliemann baute, sowie seine Brüder, die in der Lößnitz bei Dresden wirkenden Gebrüder Moritz und Gustav Ziller, deren Villenbebauungen des Sächsischen Nizza heutige Bauunternehmen noch beeinflussen. Alle drei werden bei Dehio beispielhaft erwähnt. Dabei hatte sich Gustav bereits vor seiner Zeit in der Lößnitzheimat einen Namen als Entwerfer bei seinem dänischen Lehrer Theophil von Hansen in Wien gemacht. Deren jüngster Bruder Paul Ziller entwarf, nach seiner Zeit in Griechenland beim ältesten Bruder Ernst, in der Heimat unter anderem das Grabmal für Karl May. Zur Familie gehört auch der in Potsdam wirkende Schinkel-Schüler und Regierungsbaurat Christian Heinrich Ziller.
Leben und Wirken Gemeinsamer Vorfahr der hier relevanten drei Familienstämme ist Johann Christian Ziller (1728–1812), ein Bauerngutsbesitzer wie viele seiner Vorfahren, Gerichtsschöppe und Kirchvater aus dem sächsischen Oberebersbach nahe Radeburg.
Dessen Familienname lässt sich in Ebersbach bis in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts nachweisen, ab der Mitte jenes Jahrhunderts auch in der Gegend von Freiberg und Nossen. Da nicht nachweisbar ist, ob sich dieser Familienname von Zille (Bootstyp) oder von Cella wie im nahegelegenen Kloster Altzella, eventuell aber auch von den Vornamen Cylius oder Cäcilie herleitet,Horst Naumann (Hrsg.): Familiennamenbuch. Bibliographisches Institut, Leipzig 1987, ISBN 3-323-00089-7 verbleibt die frühere Herkunft der Familie im Unklaren.
Erste Generation Johann Gottfried Der älteste Sohn Johann Gottfried (1762–1831) ging aufgrund schwägerlicher Familienbande nach Kaditz nordwestlich der Residenzstadt Dresden, wo er 1785 Substitut (Hilfskraft) bei dem dortigen Schulmeister und Kantor Martin Bruchhold (1722–1792) wurde, dem er später in dessen Ämtern nachfolgte. Im Jahr 1786 heiratete er in erster Ehe dessen jüngste Tochter Rahel Gottliebe (1753–1802).
Johann Christian mini|Bauerngut Nr. 8 in Radebeul, Rückseite heute Dreiseithof Kaditzer Straße 9: Haupthaus aus dem Jahr 1898 Johann Christian (1773–1838) hatte bereits eine Ausbildung zum Zimmermann abgeschlossen, als er 1799 zu seinem älteren Bruder nach Kaditz ging. Im Jahr 1800 kaufte er im nahegelegenen Radebeul, das zu Kaditz gepfarrt war, das von einer jungen Witwe zum Kauf angebotene Bauerngut Nr. 8. Anfang 1801 heiratete Johann Christian auch die Witwe, Anna Elisabeth verw. Gepphardt geb. Barth, die von ortsansässigen Zimmermeister- und Maurermeisterfamilien abstammte (siehe auch Carl Gottlieb Barth).
Der Bauerngutsbesitzer war Zimmermeister und gründete auf seinem neu erworbenen Bauerngut ein Baugeschäft. Mit diesem bekam er viel zu tun, da die umliegenden Lößnitz-Orte nicht nur in den Napoleonischen Kriege Zerstörungen erlitten, sondern auch öfters niederbrannten, so beispielsweise Radebeul 1813 und Kaditz am Abend des Gründonnerstags 1818. Nachweise über Johann Christians Bauten sind spärlich, lediglich die Kirchenbücher berichten über Arbeiten an der Kirche, dem Pfarr- und Diakonatsgebäude sowie an der Schule seines Bruders. Auch baute er die Räucherkammer sowie das Taubenhaus der Pfarrei.
Dem Paar wurden in seinem Bauerngut Nr. 8 im Jahr 1807 Christian Gottlieb als viertes Kind und 1810 ein Christian Heinrich als sechstes Kind geboren, womit dieses Anwesen zur „Wiege“Friedbert Ficker; Gert Morzinek; Barbara Mazurek: Ernst Ziller – Ein sächsischer Architekt und Bauforscher in Griechenland; Die Familie Ziller. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg i. Allgäu 2003, S. 24 der Lößnitz-Baumeister Ziller wurde. Das dort heute in der Kaditzer Straße 9 stehende Haupthaus des denkmalgeschützten Dreiseithofs wurde 1898 für den Besitzer Friedrich Hermann Ziller (1853–1936), den Sohn von Christian Heinrich, durch seine Vettern Moritz und Gustav errichtet und gilt als stattlichstes Gehöft der Dorflage Radebeul.
Sowohl Johann Gottfried als auch Johann Christian Ziller sind mit ihren Familien auf dem Kirchhof der Emmauskirche in Dresden-Kaditz beerdigt, wo ihre Grabsteine stehen.
Johann Gottlob Da der elterliche Hof ein Minoratsbesitz war, übernahm ihn der jüngste Sohn Johann Gottlob (1778–1838), während seine älteren Brüder in die Fremde ziehen mussten.
Zweite Generation Potsdam, Berlin mini|hochkant|Neuendorfer Kirche von 1850-1853 in Potsdam-Babelsberg, Bauausführung durch Chr. H. Ziller nach Ideen König Friedrich Wilhelms IV. und Entwürfen L. F. Hesses
Johann Gottfrieds Sohn Christian Heinrich Christian Heinrich Ziller (1791–1868) wurde als zweiter Sohn des Schulmeisters Johann Gottfried während dessen erster Ehe in Kaditz geboren. Nach Erhalt des Elementarunterrichts bei seinem Vater besuchte er die Höhere Bürgerschule in Dresden-Neustadt und studierte dann an der Dresdner Kunstakademie bei Gottlob August Hölzer. Nach anfänglicher Arbeit als Vermessungsconducteur ging Christian Heinrich 1815 nach Preußen, um dort bei den Grenzberichtigungen sein Auskommen zu finden. Kurze Zeit später gelang es ihm, in Berlin seine Architekturstudien fortzusetzen.
Dort lernte er den einflussreichen Baumeister und Architekten Karl Friedrich Schinkel kennen. Dieser übertrug Christian Heinrich 1819/1820 die Bauleitung der neogotischen Kirche in Großbeeren und 1821–1823 diejenige des Potsdamer Zivilkasinos. Zu seinen weiteren Bauten zählen die Ratswaage am Neuen Markt in Potsdam, die Neuendorfer Kirche in Potsdam-Babelsberg, der Umbau am Potsdamer Kommandantenhaus in den Jahren 1852 bis 1854 sowie zahlreiche vornehme Wohnhäuser.Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler Bezirke Berlin/DDR und Potsdam. Akademie-Verlag, Berlin 1988, Inhaltsverzeichnis
Christian Heinrich Ziller war ab 1828 mit Charlotte Böhm verheiratet, die ihm zwei Söhne gebar, die ebenfalls Architekten wurden: Carl Ernst Heinrich und Hermann. Im Jahr 1829 wurde Christian Heinrich zum Regierungsbauinspektor in Potsdam ernannt, darüber hinaus wurde er an die Königlich Preußische Bauschule berufen. Infolge seiner Verdienste erhielt er 1860 die Ernennung zum Regierungsbaurat.
Lößnitz Johann Christians Sohn Christian Gottlieb Christian Gottlieb Ziller (1807–1873), der ältere Sohn des Zimmermeisters Johann Christian, erlernte bei seinem Vater das Handwerk des Zimmermeisters. Anfang der 1830er Jahre studierte er nach dem Vorbild seines älteren Vetters, der inzwischen in Potsdam Regierungsbauinspektor war, Architektur an der Akademie der Bildenden Künste Dresden, unter anderem bei dem Landbaumeister Carl August Benjamin Siegel und bei Joseph Thürmer. links|mini|Entwurf Christian Gottlieb Zillers zu seinem Landhaus
Ab 1834 errichtete sich der Baumeister Christian Gottlieb für seine Familie und sein Baugeschäft auf dem großen Grundstück Augustusweg 4 einen durch seine klassizistische Ausbildung geprägten, für die Region neuen „italienischen“ Haustyp, ein Landhaus im Toskanastil. Er war mit diesem südlichen Bautyp fünf Jahre früher als Gottfried Semper, der 1839 in Dresden die richtungsweisende Villa Rosa baute. Das Haupthaus wurde rechts und links von zwei eingeschossigen Nebengebäuden mit Satteldach eingefasst, von denen heute das linke, westliche noch vorhanden ist. Nach Abschluss der Arbeiten am Haus, 1836, verlegte er das von seinem Vater Johann Christian um 1800 in Radebeul gegründete und von ihm übernommene Baugeschäft nach Serkowitz (ab 1839 Oberlößnitz) auf sein neuerrichtetes Anwesen. mini|Das Landhaus heute mit polygonalem Vorbau, ohne rechtes Nebengebäude
Das Grundstück lag zu dieser Zeit auf Serkowitzer Weinbergsflur und kam mit der Gemeindegründung im Jahr 1839 zu Oberlößnitz. Von den zehn Kindern, die Christian Gottlieb und seiner Frau Johanna Sophie geb. Fichtner in diesem Haus geboren wurden, kamen die erstgeborenen Ernst Moritz Theodor (1837) und Moritz Gustav Ferdinand (1838) noch in Serkowitz zur Welt, alle anderen in Oberlößnitz. Zwei der Töchter verstarben früh, Sophia Alwina Johanna mit drei Jahren und Sophie Eugenia mit 21 Jahren. Auf diesem Anwesen verlebten die Kinder ihre Kindheit und erhielten sie ihre erste Lehrzeit.
Christian Gottlieb errichtete ab 1835 in Oberlößnitz zwischen dem alten Haus Steinbach und Haus Sorgenfrei die Villa Zembsch. Im Jahr 1854 erneuerte er in Kaditz die Alte Schule, wo sein Onkel 35 Jahre lang gewirkt hatte. Neben weiteren Villen und Landhäusern war er an den Kirchenbauten in Lomnitz und in Lichtenberg in der Lausitz beteiligt.
Johann Christians Sohn Christian Heinrich Johann Christians jüngster Sohn Christian Heinrich (1810–1857) übernahm in Minoritätsfolge das Bauerngut Nr. 8. Nach der Änderung der Gemeindeverfassung aufgrund der Sächsischen Landgemeindeordnung von 1838 wurde er von 1851 bis 1856 Gemeindevorstand der Landgemeinde Radebeul. Dessen Ururenkel Rudolf (1911–2001) bewohnte das sich seit 1800 im Familienbesitz befindliche Anwesen bis zu seinem Lebensende.
Johann Gottlobs Sohn Gottlob Adam Gottlob Adam Ziller, der 1817 geborene älteste Sohn des Hofbesitzers Johann Gottlob in Oberebersbach, heiratete in Radebeul die Witwe eines Maurermeisters. Vermutlich ist er es, der in den Bauakten zum Kirchenbau in Lomnitz durch seinen Vetter Christian Gottlieb als der „Ziller aus Ebersbach“ erwähnt wird.Friedbert Ficker; Gert Morzinek; Barbara Mazurek: Ernst Ziller – Ein sächsischer Architekt und Bauforscher in Griechenland; Die Familie Ziller. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg i. Allgäu 2003, S. 30
Dritte Generation Potsdam, Berlin Christian Heinrichs Söhne Carl Ernst Heinrich und Hermann mini|Hermann Ziller: Berliner Stadtschloss; Abriss der Häuser der Schlossfreiheit: perspektivische Ansicht mit Schlossfassade von der Schlossbrücke aus. Handzeichnung eines Entwurfs, 1886. Carl Ernst Heinrich (Ernst) Ziller (1832–1866), der erstgeborene Sohn des seinerzeitigen Regierungsbauinspektors Christian Heinrich, wurde ebenfalls Architekt. Seine künstlerischen Fähigkeiten zeigte der früh Verstorbene in Zeichnungen und Aquarellen einer italienischen Studienreise, die 1998 durch die Winckelmann-Gesellschaft in Stendal mit einer Ausstellung gewürdigt wurden.Winckelmann-Gesellschaft Stendal: Die italienischen Zeichnungen und Aquarelle von Carl Ernst Heinrich Ziller. Ausstellungskatalog, Stendal 1998. Er war ein Vetter 2. Grades des hauptsächlich in Griechenland wirkenden Baumeisters, Bauforschers und Archäologen Ernst Ziller (1837–1923).
Hermann August (Hermann) Ziller (1848–1915), sein jüngerer Bruder, wurde gleichermaßen Architekt. Hermann ist der Architekt des 1887/1888 errichteten Berliner Wohn- und Kaufhauses Kurfürstendamm 227, das Herbert Noth 1950/1951 wiederaufbaute. Von ihm sind einige Pläne bekannt, die Umbauten des Berliner Stadtschlosses sowie Umgestaltungen des Schlossplatzes zeigen, jedoch nicht realisiert wurden. Darüber hinaus stammt von Hermann Ziller eine umfassende Künstlermonografie über Karl Friedrich Schinkel.Hermann Ziller: Schinkel. Knackfuß Künstler-Monographien XXVIII. Velhagen & Klasing, Bielefeld und Leipzig 1897.