Unternehmen Hubertus war eine militärische Operation der deutschen 6. Armee während der Schlacht um Stalingrad im Zweiten Weltkrieg. Ziel des Unternehmens war es, durch Pioniertruppen den letzten Widerstand der sowjetischen 62. Armee im Häuserkampf zu brechen und die Stadt vollständig zu erobern. Die Operation wurde vom 9. bis zum 18. November 1942 durchgeführt und blieb erfolglos.
Gliederung der Sturmpioniere Einsatz der Sturmpioniere in Stalingrad EinheitStammeinheitDavid M. Glantz: Armageddon in Stalingrad: September-November 1942 (The Stalingrad Trilogy, Volume 2). University of Kansas Press, Lawrence 2009, S. 612.AufstellungsortKommandeurMannschaftsstärkeManfred Kehrig, Stalingrad. Analyse und Dokumentation einer Schlacht, Stuttgart 1979, S. 41.Ankunft in Stalingrad Pionier-Bataillon 45 6. Armee Ulm Hauptmann Drewitz 9 Offiziere, 30 Unteroffiziere, 246 Mannschaften 4. November 1942 Panzerpionier-Bataillon 50 22. Panzer-Division Hamburg-Harburg Hauptmann Gast 10 Offiziere, 44 Unteroffiziere, 405 Mannschaften 6. November 1942 Pionier-Bataillon 162 62. Infanterie-Division Breslau Major Krüger 7 Offiziere, 31 Unteroffiziere, 281 Mannschaften 6. November 1942 Pionier-Bataillon 179 79. Infanterie-Division Idar-Oberstein Hauptmann Welz 17. Oktober 1942 Pionier-Bataillon 294 294. Infanterie-Division Weißenfels Hauptmann Weimann 4 Offiziere, 29 Unteroffiziere, 275 Mannschaften 6. November 1942 Pionier-Bataillon 305 305. Infanterie-Division Ravensburg Hauptmann Traub Pionier-Bataillon 336 336. Infanterie-Division Bielefeld Hauptmann Lund 8 Offiziere, 38 Unteroffiziere, 336 Mannschaften 6. November 1942 Pionier-Bataillon 389 389. Infanterie-Division Milowitz bei Prag Hauptmann Pfitzner
Die Waffenuntergattung der Sturmpioniere entwickelte sich hauptsächlich im Krieg gegen die Sowjetunion 1941–1945 aus dem Aufgabenfeld der Infanterie. Zunächst nur gegen Bunkerstellungen der Roten Armee eingesetzt, erfuhren die Sturmpioniere eine zunehmende Spezialisierung als Grenadier oder Panzer-Nahkämpfer. Leutnant Josef Trausnitz vom Heeres-Gebirgspionier-Bataillon 85 war einer der ersten Sturmpioniere, die Bunker mit Sprengladungen und Minen eroberten und somit zum Ruf der Sturmpioniere als Spezialisten des Infanteriekampfes beitrugen. Im Laufe des Krieges erhielten Pioniere vielfältige Aufgaben: Einsatz gegen feindliche Befestigungen, Errichten von Brückenköpfen, Stoßtruppbildung bei Gegenangriffen und Panzerabwehr.home.arcor.de Die Bewaffnung bestand in der Regel aus Flammenwerfern, Maschinenpistolen und Sprengladungen. (englisch) In der Schlacht um Stalingrad bildeten oft auch abgeurteilte Soldaten und Strafgefangene Sturmpioniereinheiten zur Bewältigung besonders gefährlicher Aufgaben.
Ausgangssituation mini|hochkant=1.2|Ausgangslage für das Unternehmen Hubertus am 1. November 1942
Nachdem es der 6. Armee im Spätherbst 1942 nicht gelungen war, die verbliebenen Stellungen der Roten Armee in Stalingrad zu erobern, die sich auf etwa 10 Prozent der Stadtfläche zurückgezogen hatte, befahl Hitler, die Sturmpioniereinheiten als Spezialisten für den Häuserkampf zusammenzuziehen und nach Stoßtrupptaktik in Stalingrad einzusetzen.
Bereits im Vorfeld äußerte Generalmajor Arthur Schmidt, Generalstabschef der 6. Armee, gegenüber General der Infanterie Georg von Sodenstern, dem Generalstabschef der Heeresgruppe Süd, große Bedenken, dass die von den Pionieren im Nahkampf freigekämpften Geländeabschnitte angesichts der großen zahlen- und materialmäßigen Überlegenheit der Sowjetarmee von den schwachen Infanteriekräften unmöglich nachhaltig behauptet werden können.Herbert Selle: Wofür? – Erinnerungen eines Führenden Pioniers bis Stalingrad. Neckargemuend 1977, S. 49.
Die Sturmpioniere waren dem Kommandeur des LI. Armeekorps, Walther von Seydlitz-Kurzbach, unterstellt. Der vom PiBtl. 672 abgestellte Major Josef Linden erhielt den Auftrag, die sowjetischen Brückenköpfe westlich der Wolga im Stalingrader Innenstadtbereich und in den nördlichen Industriekomplexen endgültig zu vernichten. Linden war dem Armeepionierführer Oberst Herbert Selle unterstellt, welcher wiederum Einsatzbefehle direkt von Generalleutnant Erwin Jaenecke, dem Kommandeur der 389. Infanterie-Division erhielt.Hans Wijers: Der Kampf um Stalingrad, die Kämpfe im Industriegelände, 14. Oktober bis 19. November 1942, Brummen 2001, S. 164.
1. November 1942 mini|Seydlitz-Kurzbach und Paulus bei Gefechtsfeldbeobachtung Am 1. November 1942 wurde der vorerst letzte größere Angriff der 79. Infanterie-Division im Stahlwerk „Roter Oktober“ durch starkes sowjetisches Artilleriefeuer östlich der Wolga abgewehrt und die Gefechtskraft der dort operierenden Division dadurch empfindlich geschwächt.Antony Beevor: Stalingrad. Niedernhausen 2002, S. 249. Das LI. Armeekorps beschloss aufgrund dieser Erfahrung, keine größeren Kampfverbände mehr einzusetzen.
In der Nacht vom 1. auf den 2. November 1942 wurde die 95. Schützen-Division an das westliche Wolgaufer gebracht, um die Verteidiger des Industriekomplexes zu verstärken und den Gegner daran zu hindern, am Steilufer Fuß zu fassen.David Glantz: The Struggle for Stalingrad City: Opposing Orders of Battle, Combat Orders and Reports, and Operational and Tactical Maps. Part 2: The Fight for Stalingrad’s Factory District-14 October–18 November 1942, S. 431.
Als Angriffsziele für die Offensive der neu eintreffenden Sturmpionier-Bataillone wurden zunächst die Geschützfabrik „Barrikaden“ (russ. Красные Баррикады – Krasnyje Barricady) und die östlich des Mamajew-Hügels gelegene Eisenbahnschleife „Tennisschläger“ mit der Chemischen Fabrik „Lazur“ ausgegeben. Paulus hatte die Einnahme der Fabrik „Lazur“ bereits Ende September als Hauptziel formuliert, um die 62. Armee an einer taktisch bedeutsamen Stelle zu spalten. Verteidigt wurde das stark befestigte Werk von der 284. SD., da auch Tschuikow „Lazur“ als eine seiner bedeutendsten Festungen ansah.David M. Glantz: Armageddon in Stalingrad: September-November 1942 (The Stalingrad Trilogy, Volume 2). University of Kansas Press, Lawrence 2009, S. 270, S. 611, S. 614–617, S. 632. Weitere Haupteinsatzziele waren das Stahlwerk „Roter Oktober“ (russ. Красный Октябрь – Krasny Oktjabr) und das östlich der Geschützfabrik gelegene Kommissarshaus (ein massives zur Festung ausgebautes U-förmiges Gebäude) und die Apotheke. Die Pionierbataillone 50, 162, 294 und 336 wurden aus ihrem Frontabschnitt abgezogen, in Millerowo und Rossosch bei Woronesch am Don zusammengefasst und am 6. November 1942 mit Transportmaschinen nach Stalingrad eingeflogen. Alle fünf Bataillone hatten bereits Kampferfahrung an der Ostfront und waren nach Meinung des Oberkommandos der Wehrmacht gut für ihren bevorstehenden Einsatz und dem Gefecht auf engstem Raum geeignet.Die deutsche Gefechtsdichte an der 4–5 km breiten Front war dichter als vor Verdun in Wassili Iwanowitsch Tschuikow: Die Schlacht des Jahrhunderts, Militärverlag der DDR, Berlin 1988, S. 272.
6. November 1942 Am 6. November 1942 erteilte Hitler der 6. Armee den Befehl, zunächst den sowjetischen Widerstand östlich der Geschützfabrik „Barrikaden“ und des Stahlwerks „Roter Oktober“ zu brechen und das gesamte nördliche Wolgaufer zu säubern, bevor das Angriffsziel Chemische Fabrik „Lazur“ wieder aufgenommen werden sollte.David Glantz: The Struggle for Stalingrad City: Opposing Orders of Battle, Combat Orders and Reports, and Operational and Tactical Maps. Part 2: The Fight for Stalingrad’s Factory District-14 October–18 November 1942. S. 440. Schwerpunkt der Großoffensive sollte die 305. Infanterie-Division bilden, deren Infanterieregimenter mit jeweils einem Sturmpionierbataillon an der Spitze verstärkt wurden. Geplant war ein Angriff mit verbundenen Waffen und Artillerieunterstützung in einem schmalen Frontabschnitt.Major Josef Linden: Noch nie waren bisher im Kriege so viele Pionierbataillone zu einem geschlossenen Angriff auf einem so schmalen Raum eingesetzt. in Hans Wijers: Der Kampf um Stalingrad; die Kämpfe im Industriegelände, 14. Oktober bis 19. November 1942, Brummen 2001, S. 166.
8. November 1942 mini|Stalingrad, Häuserkampf Bereits am 8. November 1942 erlitt das Pionier-Bataillon 336 den Verlust von 18 Mann, als sich das Bataillon im Bereitstellungs- bzw. Verfügungsraum, einer verminten Halle der Geschützfabrik „Barrikaden“, sammelte und organisierte. Das PiBtl. 336 sollte mit 600 Soldaten die vier Kompanien (37 Überlebende von 400 Mann) von Major Eugen Rettenmaier auffüllen und die Sowjets aus ihren Unterständen und Gängen am Wolga-Steilufer werfen. Eine Einweisung in die besonderen Kampftechniken der Stalingradschlacht durch Rettenmaier wurde von den erfahrenen Pionieren abgelehnt, da sie der Meinung waren, nur eine weitere Routineaufgabe ähnlich dem Einsatz bei Woronesch (Woronesch-Woroschilowgrader Operation: Übersetzen der Pioniere über den Don und Kampfeinsätze unter Major d.R. Gerhard Konopka) vor sich zu haben. Diese Fehleinschätzung der Lage war teilweise auch ein Grund für den Misserfolg der Unternehmung.William Craig: Die Schlacht um Stalingrad. München 1991, S. 144–145. Rettenmaier, Kommandeur des IR 578/305. ID, erhielt als Einsatzraum die sich teilweise noch im Rohbau befindlichen Häuserzeilen zwischen der Geschützfabrik „Barrikaden“ und dem Wolgaufer.
Das LI. Armeekorps sollte am 8. November 1942 das Wolgaufer östlich der Geschützfabrik einschließlich der Öltanks sowie die Südwestecke der Ziegelei nehmen. Dazu mussten die 305. ID und der Südflügel der 389. ID bei Tagesanbruch einen überraschenden Angriff mit verstärkten Grenadierregimentern auf das Wolgaufer durchführen. Durch tief gestaffelten Aufmarsch und Bereitstellung starker Reservekräfte sollte auf vorderster Linie sichergestellt werden, dass einerseits die Kampfstärke beibehalten würde und außerdem genügend Kräfte vorhanden sein würden, um umliegende Widerstandsnester zu bekämpfen und die Keller der eroberten Gebäude zu säubern. Die Sturmpionier-Bataillone sollten nicht als Regiment zusammengefasst operieren, sondern die gewöhnliche Infanterie verstärken, um mit ihren schweren Waffen im Nahkampf zu kooperieren. Die 71. ID, 295. ID, 100. JD einschließlich der Gruppe Schwerin (79. ID) mussten gut vorbereitete Stoßtruppunternehmen ausführen, um den Gegner bei der Ausweitung der Frontlinie zu täuschen. Die Gruppe Schwerin erhielt zusätzlich den Auftrag, nach Angriffsbeginn flankierende Infanterie- und Artillerieangriffe abzuwehren.David Glantz: The Struggle for Stalingrad City: Opposing Orders of Battle, Combat Orders and Reports, and Operational and Tactical Maps. Part 2: The Fight for Stalingrad’s Factory District-14 October–18 November 1942. S. 442.
Man nahm an, dass die Rote Armee schwerpunktmäßig Elitetruppen in den Brückenköpfen positioniert hatte und dass Offiziere und Politkommissare mit harter Disziplin Desertation oder mögliche Kapitulationsbestrebungen sofort unterbinden würden. Ein großflächiger Panzereinsatz war in der Trümmerlandschaft nicht möglich. Die 62. Armee unterhielt ein Netz an Laufgräben und Tunneln, das es ihr ermöglichte, an unterschiedlichen Orten Feuerüberfälle zu starten und sich unbemerkt wieder zurückzuziehen.Hans Wijers: Der Kampf um Stalingrad, die Kämpfe im Industriegelände, 14. Oktober bis 19. November 1942. Brummen 2001, S. 165.
Angriffsgliederungen und Angriffsziele