mini|Deutscher Tag in Osterode in Ostpreußen (1920) Im engeren Sinn waren die Deutschen Tage jährliche Großveranstaltungen von 1920 bis 1922 in der Weimarer Republik, die hauptsächlich vom Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund ausgerichtet wurden. In einem weiteren Sinn sind auch andere so bezeichnete Veranstaltungen verschiedener völkischer, nationalistischer oder paramilitärischer Verbände in den 1920ern gemeint, die in Kontinuität zu den Schutz-und-Trutzbündnis-Veranstaltungen standen. Darüber hinaus gab und gibt es auch Deutsche Tage als Veranstaltungen von Auslandsdeutschen.

Am bekanntesten wurde der Deutsche Tag in Coburg, der am Wochenende des 14. und 15. Oktobers 1922 stattfand: Hier hatte die Sturmabteilung (SA) der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) ihren ersten öffentlichen Massenauftritt und lieferte sich in der sozialistischen (später nationalsozialistischen) Hochburg Straßenschlachten mit linken Gegnern. Später wurden diese Ereignisse in der NS-Propaganda zum schicksalshaften Meilenstein der sogenannten Kampfzeit der Nationalsozialisten verklärt.

Eisenach 1913 Der erste Vorläufer der späteren Deutschen Tage des Schutz- und Trutzbundes war der Deutsche Tag, der am 5. Oktober 1913 in Eisenach stattfand. Ziel dieser von Wilhelm Schäfer-Karlshorst und Adolf Bartels (der sich später der Gesamtorganisation des Deutschen Tages als Obmann für die Abteilung „Deutsches Schrifttum“ zur Verfügung stellteLohalm 1970, S. 386.) organisierten Versammlung war die „Durchführung einer umfassenden Organisation der völkischen Arbeit“.Lohalm 1970, S. 31. Bedingung der Teilnahme war die Abgabe eines „Blutsbekenntnisses“.Lohalm 1970, S. 340.

Obwohl in Eisenach ein „Mahnruf an das deutsche Volk!“ erlassen wurde und es zur Gründung einer Deutschvölkischen Vereinigung als Dachverband mit Hauptsitz in Berlin kam, der zahlreiche Verbände beitraten, blieb diese praktisch ohne längerfristige Folgen. In seiner Eigenschaft als Mitglied des alldeutschen „Judenausschusses“ forderte Alfred Roth dessen Mitglieder am 25. November 1918 mit einer Eingabe (Titel: „Gedanken zur Judenfrage“) dazu auf, an die Erfahrungen der Eisenacher Tagung anzuknüpfen und eine völkische Zentralorganisation zu schaffen.Lohalm 1970, S. 65. Dennoch äußerte sich Roth rückblickend 1922 zum Eisenacher Deutschen Tag, dieser sei ausgegangen „wie’s Hornberger Schießen“, wofür er die „Unklarheit der Ziele“ und eine mangelnde Beteiligung „führender Persönlichkeiten“ verantwortlich machte.Lohalm 1970, S. 341.

Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund Ursprünglich sollte der Deutsche Tag in der Weimarer Republik eine gemeinsame Organisation des Agitationsverbandes Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund und des Forums völkischer Führer Gemeinschaft deutschvölkischer Bünde als auf Rassentheorien basierende „Kammer für deutsches Volkstum“ und „Lebensfragen des deutschen Volkes“ werden, kam aber dahingehend über Ansätze nicht hinaus.Lohalm 1970, S. 80. So fungierte der Deutsche Tag beginnend mit seinem ersten Stattfinden in Weimar als Vertretertagung des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes sowie als Gesamttagung der Gemeinschaft deutschvölkischer Bünde.Lohalm 1970, S. 98.

Darüber hinaus hatten die Deutschen Tage des Schutz- und Trutzbundes auch die Funktion feierlicher und würdevoller Demonstrationen völkischer und nationaler Gesinnung, zu dem sich Tausende von Teilnehmern aus allen Teilen des Deutschen Reichs versammelten. Zum Repertoire in diesem Sinne gehörten unter anderem Gottesdienste, Theaterspiele, Rezitationsabende, Reden, Aufmärsche und Fahnenweihen.Lohalm 1970, S. 128 f.

Weimar 1920 Beim Deutschen Tag, der in Weimar vom 1. bis zum 3. Oktober 1920 stattfand, blieben die Völkischen weitgehend unter sich und klärten organisatorische Fragen. So traten die Gauleiter des Schutz- und Trutzbundes geschlossen in dessen bis dato eher elitären, aber unbedeutenden Beirat ein, der fortan zusammen mit dem Bundesvorstand des Schutz- und Trutzbundes dessen Gesamtvorstand bildete. Hierdurch sollte eine stärkere Anbindung der regionalen Gaue an die Bundesleitung gewährleistet werden, die nunmehr durch den Beirat zu Vorstandssitzungen gerufen wurden.Lohalm 1970, S. 98. Die Bundesleitung verzichtete darüber hinaus zugunsten der Gaue und Ortsgruppen fortan auf die zentrale Einziehung der Mitgliedsbeiträge.Lohalm 1970, S. 105. Des Weiteren wurde festgesetzt, dass alle Mitglieder von der Bundesleitung durch die Bundesleitung mit den Deutschvölkischen Blättern beliefert werden sollten.Lohalm 1970, S. 261.

Ein weiteres Thema, das auf der Weimarer Tagung zur Sprache kam, waren die Attacken aus den Reihen des Berliner Deutschvölkischen Arbeitsrings. Deren Vorsitzender Bernhard Koerner sowie der Hauptgeschäftsführer Major a. D. Voigt hatten gegen die Führung des Schutz- und Trutzbundes, Roth und Hertzberg, den Vorwurf erhoben, freimaurerisch-jesuitisch beeinflusst zu sein, weswegen sich der Gesamtvorstand des Schutz- und Trutzbundes veranlasst sah, in Weimar eine öffentliche Erklärung abzugeben, dass sich keines der Vorstandsmitglieder auf diese Weise beeinflusst fühle und ebenfalls keines Mitglied in einer Loge sei.Lohalm 1970, S. 259. Hierdurch konnte sich die Bundesleitung gegenüber den bayerischen Vertretern, allen voran Gauleiter Ernst Mik aus Nürnberg, behaupten, die in ihren Sezessionsbestrebungen auf die Attacken des Arbeitsringes aufgebaut hatten.

Weitere Themen in Weimar waren die „Brechung der Zinsknechtschaft“, von der Karl Maerz durchsetzen konnte, dass sie hier zur allgemeinen Forderung des Schutz- und Trutzbundes erhoben wurde,Lohalm 1970, S. 370 f. sowie „Deutschvölkische Kulturpolitik“ (Vortrag von Thomas Westerich).Lohalm 1970, S. 375. Friedrich Andersen, der im Deutschen Tag als Organisation als Sachverständiger für „Deutsche Religion“ fungierte,Lohalm 1970, S. 173. trug deutschvölkische Predigten vor.Lohalm 1970, S. 392.

Bremen 1921

In Bremen fand am 27. November 1921 ein „Deutscher Tag“ statt, organisiert vermutlich von Richard Rüthnick und seinem im Februar 1920 gebildeten Gau NordwestdeutschlandLohalm 1970, S. 93. des Bundes. Illustrationen und Umschriften des aus diesem Anlass herausgegebenen Notgeldes weisen darauf hin, dass bei dieser Veranstaltung antisemitische Hasskampagnen im Fokus standen.

Detmold 1921 Der Deutsche Tag in Detmold (14. bis 17. Oktober 1921) war wiederum eine größtenteils interne Angelegenheit der Völkischen. Ein Hauptthema war die finanzielle Misslage, in der der Schutz- und Trutzbund sich durch unterschlagene bzw. nicht überführte Mitgliedsbeiträge aus mehreren Gauen und Ortsgruppen schon seit Frühjahr befand. Zur Abhilfe wurde in Detmold beschlossen, die Mitgliedsbeiträge ab 1922 wieder über die Hauptgeschäftsstelle in Hamburg einzuziehen, darüber hinaus wurden Aufnahmegebühren und Mitgliedsbeiträge erhöht.

Artur Dinter hielt eine Rede vor dem Hermannsdenkmal . Darin griff er den Friedensvertrag von Versailles, die Alliierten und die „Erfüllungspolitik“ an und führte aus:

Zwar war Adolf Hitler, der schon öfter auf Versammlungen des Schutz- und Trutzbundes als Redner hervorgetreten war, bereits zur Detmolder Tagung vom Schriftführer des Schutz-und-Trutzbund-Gaues Niedersachsen Gustav Seifert eingeladen worden, hatte aber die Einladung genauso abgelehnt wie die Vorstellung, andere NSDAP-Politiker zu entsenden.Lohalm 1970, S. 289. Seifert, der gleichzeitig an der Spitze der NSDAP-Ortsgruppe in Hannover stand, war dann seinerseits auf dem Deutschen Tag in Detmold gegen „die Lauheit und Gleichgültigkeit der Schutzbund-Anhänger“ aufgetreten, wozu er von Hitler nachträglich ermuntert worden war:Lohalm 1970, S. 323.

Coburg 1922 Der Deutsche Tag in Coburg vom 14. bis 15. Oktober 1922 bedeutete einerseits einen propagandistischen Erfolg für die Völkischen, andererseits markierte er auch das Ende des Schutz- und Trutzbundes als dominante Organisation in diesem politischen Lager Deutschlands; diese Rolle übernahm fortan die NSDAP (und in geringerem Maße die Deutschvölkische Freiheitspartei).

In der Folge der Ermordung Walther Rathenaus am 24. Juni war der Schutz- und Trutzbund zu diesem Zeitpunkt bereits in den meisten Ländern des Deutschen Reichs unter Anwendung der Republikschutzgesetze verboten worden. Der Protest gegen die Verbote war ein Hauptthema der Veranstaltung, die von den bayerischen Verbänden des Schutz- und Trutzbundes unter der Leitung des Gauleiters für Nordbayern Hans Dietrich (in Bayern blieb der Schutz- und Trutzbund legal, da sich der Freistaat geweigert hatte, die Republikschutzgesetze anzuwenden) in Zusammenarbeit mit der von Roth geleiteten Gemeinschaft deutschvölkischer Bünde ausgerichtet worden war und zu der etwa viertausend Teilnehmer, darunter gesellschaftliche Größen wie Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha, erschienen.Lohalm 1970, S. 103, 264.

mini|Posierende Delegation der NSDAP mit Hakenkreuz-Armbinden am Deutschen Tag in Coburg auf der Veste, ganz links mit Pfeife und Hut Oskar Körner, 2. Vorsitzender der NSDAP, der beim Hitlerputsch starb. Die NSDAP erschien auf dem Deutschen Tag in Coburg mit Adolf Hitler, der Parteileitung und einem mehrere hundert Männer umfassenden Trupp der SA. Die Einladung erging von der noch amtierenden Führung des Schutz- und Trutzbundes, um deren eigenen Mitgliedern zu zeigen, „wie man Stoßtrupps aufzieht und durch eigene Kraft den Mob im Zaume hält“, so Hertzberg später.In einem Schreiben an Oskar Pennerstorfer, den Geschäftsführer der Schutz-und-Trutzbund-Ortsgruppe St. Pölten, hier zitiert nach Lohalm 1970, S. 289. Diese Einladung, vermittelt durch Max Amann, hatte ursprünglich nur „einigen Herren“ gegolten, war aber durch Dietrich erweitert worden, bei dem die NSDAP-Führung durch Amann nach Massenrabatt für den Fall des Eintreffens von 600 Mann angefragt hatte. Dietrich sagte unter der Bedingung zu, dass Hitler persönlich anreise. Tatsächlich traf Hitler dann mit einem Sonderzug mit circa 650 SA-Männern, einer Musikkapelle und engerer Begleitung ein; darunter Dietrich Eckart, Hermann Esser, Anton Drexler, Christian Weber, Ulrich Graf, Alfred Rosenberg, Kurt Lüdecke, Rudolf Jung, Ulrich Klintzsch und, in Nürnberg hinzugestiegen, Julius Streicher.Erdmann 1969, S. 99.

Schon kurz nach dem Eintreffen der Nationalsozialisten kam es in Coburg zu handgreiflichen Zusammenstößen mit Gegendemonstranten aus dem Coburger Arbeitermilieu und dem umliegenden Industriegebiet sowie aus Südthüringen, die sich an beiden Tagen und in der Nacht fortsetzten. Es kam zu mehreren Verletzten auf beiden Seiten und auch unter der Polizei (bestehend aus Coburger Stadtpolizei und Bayerischer Landespolizei), die im Hinblick auf den sogenannten Coburger Blutsonnabend vom 3. September 1921 eher zögerlich agierte. Insgesamt dominierte die SA den Deutschen Tag, u. a. mit Saalschutz für den Veranstaltungsort Hofbräuhaus und einem Marsch auf die Veste Coburg, den Hitler dem angekündigten Programm entgegen eigenmächtig vorgezogen hatte.

mini|Ortsgruppenfeier Coburg vom 14. bis 15. Oktober 1937, Altes Schützenhaus in der Schützenstraße, ehemaliges Standortquartier der Nationalsozialisten am 14. und 15. Oktober 1922 mini|NSDAP-Ortsgruppenfeier Coburg vom 14. bis 15. Oktober 1937, Wagenkolonne der „Alten Kämpfer“ in Sonneberg