Charles Allan Gerhardt (* 6. Februar 1927 in Detroit, Michigan; † 22. Februar 1999 in Redding, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Dirigent, Arrangeur, Toningenieur und Musikproduzent. Bekannt ist er vor allem durch seine Neueinspielungen klassisch-symphonischer Filmmusiken aus Hollywoods „Goldener Ära“ der 1930er und 1940er Jahre.

Leben Jugend und Ausbildung Charles Gerhardt verbrachte seine Kindheit in Little Rock in Arkansas. Schon früh zeigte sich seine musikalische Begabung: Im Alter von fünf Jahren spielte er bereits Klavier, und mit neun Jahren begann er zu komponieren und zu orchestrieren. Schließlich zog seine Familie nach Illinois, wo er seine Schulausbildung abschloss. Im Zweiten Weltkrieg diente er in der United States Navy bei den Aleuten als Assistent eines Militärseelsorgers. Später war er sein Leben lang Mitglied der Veteranenvereinigung Veterans of Foreign Wars of the United States (VFW).Robert E. Benson: Charles Gerhardt, 1927-1999. In: Film Score Monthly, Vol. 4, No. 4/1999, S. 48 Anschließend studierte Gerhardt Musik und parallel Ingenieurwissenschaften an verschiedenen Hochschulen, darunter am College of William and Mary, an der University of Illinois und der University of Southern California. Außerdem studierte er privat und an der Juilliard School, dem renommierten Konservatorium in New York, Klavier.

Als Toningenieur bei RCA Victor Nachdem Gerhardt seine Ausbildung abgeschlossen hatte, arbeitete er zunächst als Verkäufer bei dem Platten-Fachhändler The Record Hunter in New York; abgerufen am 15. Dezember 2008 und dann als Toningenieur. Seine ersten Tonaufnahmen betreute er für Westminster/Sonora. 1950 begann seine langjährige Zusammenarbeit mit RCA Victor, zunächst in New York, später in London. Seine erste Aufgabe bestand darin, ältere 78/min-Schellackaufnahmen von Enrico Caruso und Artur Schnabel für die Veröffentlichung auf der seinerzeit neuen Langspielplatte aufzubereiten. Während der nächsten Jahre betreute er als Toningenieur zahlreiche Aufnahmen einiger der wichtigsten RCA-Künstler, darunter Kirsten Flagstad, Vladimir Horowitz, William Kapell, Wanda Landowska und Zinka Milanov. Er machte aber auch Aufnahmen mit Mario Lanza, Eartha Kitt und Pérez Prado.Colin Butler: Obituary: Charles Gerhardt. In: The Independent, London, vom 2. April 1999; abgerufen am 15. Dezember 2008 1954 arbeitete er mit Leopold Stokowski und dem NBC Symphony Orchestra an einer experimentellen stereofonischen Aufnahme von Gian Carlo Menottis Sebastian und Sergei Prokofjews Romeo und Julia. Für Gerhardts weitere Berufslaufbahn am bedeutendsten war jedoch das Zusammentreffen mit Arturo Toscanini, dessen Aufnahmen er bei RCA betreute und mit dem er während seiner letzten sieben Lebensjahre eng zusammenarbeitete. Toscanini war es auch, der Gerhardt dazu ermunterte, selbst Dirigent zu werden.

Als Musikproduzent 1955 verließ Gerhardt RCA und begann für die American Westminster Company in London und Wien als Musikproduzent zu arbeiten. Als das Unternehmen 1959 seinen Bankrott erklärte, produzierte Gerhardt kurzzeitig bei Bell Sound Aufnahmen von Pop-Sängern wie Eddie Fisher.[ Biografie bei allmusic.com]; abgerufen am 15. Dezember 2008

Gerhardts große Chance als Plattenproduzent ergab sich Anfang 1960, als ihm der Leiter der RCA-Klassik-Abteilung, George Marek, anbot, Aufnahmen für RCA und Reader’s Digest in England zu produzieren. Dafür wurde ihm der Toningenieur Kenneth Wilkinson – einer der bedeutendsten Vertreter seines Fachs – zur Seite gegeben. Es war der Beginn einer Partnerschaft, die über 30 Jahre dauern und mehr als 4000 Aufnahmesitzungen umfassen sollte. Das erste große Projekt war ein zwölf Langspielplatten umfassendes Set für Reader’s Digest Recordings mit dem Titel „A Festival of Light Classical Music“. Ausgestattet mit einem Budget in Höhe von 250.000 Dollar hatte Gerhardt dabei freie Hand und konnte Orchester in London, Wien und Paris verpflichten sowie so bedeutende Dirigenten wie Sir Adrian Boult, Massimo Freccia, Sir Alexander Gibson, Josef Leo Gruber oder René Leibowitz. Das Album-Set, das sowohl in einer monofonen, als auch in einer stereofonischen Version in 15 Ländern ausschließlich über den Versand vertrieben wurde, erwies sich als durchschlagender Erfolg. Innerhalb weniger Jahre wurden von diesen Album-Sets mehr als zwei Millionen Exemplare abgesetzt – also insgesamt mehr als 24 Millionen Platten. Diesem Hit folgten während der nächsten Jahre dutzende nach ähnlichem Konzept gestrickte Zusammenstellungen, auch von Stimmungs- und Pop-Musik.

Zu den bedeutenderen Projekten mit klassischer Musik aus dieser Periode gehören das 1961 veröffentlichte Reader's-Digest-Album-Set mit Sinfonien Ludwig van Beethovens, eingespielt vom Royal Philharmonic Orchestra unter der Leitung von René Leibowitz, sowie ein Platten-Set mit Werken von Sergei Rachmaninow für Klavier und Orchester, ebenfalls eingespielt durch das Royal Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Jascha Horenstein mit dem Pianisten Earl Wild. Eine Produktion, die Gerhardt selbst am meisten schätzte, war „Treasury of Great Music“, ein weiteres Zwölf-LP-Set für Reader's Digest, das 1964 veröffentlicht wurde. Es enthielt Aufnahmen des Royal Philharmonic Orchestras unter der Leitung von Sir John Barbirolli, Sir Malcolm Sargent, Antal Doráti, Jascha Horenstein, Rudolf Kempe, Josef Krips, Charles Münch, Georges Prêtre und Fritz Reiner.

Viele dieser Reader's-Digest-Aufnahmen wurden später wiederveröffentlicht, manche auch auf CD.

Dirigententätigkeit Das erste Mal zum Taktstock – es soll behelfsmäßig ein Bleistift gewesen sein – griff Gerhardt 1961, als ein Dirigent krankheitsbedingt auf die letzte Minute eine Aufnahmesitzung absagen musste und er somit einspringen musste, um das Royal Philharmonic Orchestra während der Aufnahme in der Walthamstow Assembly Hall zu dirigieren. Gerhardt verfügte jedoch über Training im Dirigieren und hatte ein wenig Anleitung durch Jascha Horenstein erfahren.

Da die Projekte für Reader's Digest eine Unmenge von Aufnahmen erforderten, reichte das Royal Philharmonic Orchestra nicht mehr aus und Gerhardt erkannte, dass ein weiteres Orchester samt Dirigenten in London erforderlich war, um den Aufnahmeumfang zu bewältigen. Zusammen mit Sidney Sax stellte er daher einen Klangkörper aus renommierten Londoner Orchestermusikern und freischaffenden Musikern zusammen. Mit diesem Orchester, das ausschließlich für die Plattenaufnahmen zusammentrat (Schallplattenorchester), nahm er im Januar 1964 die Arbeit auf und konzipierte mit ihm innerhalb der nächsten zwölf Jahre mehr als 600 Alben für Reader's Digest. Das Orchester wurde anfangs einfach „RCA Victor Symphony Orchestra“ genannt und erst 1970 als National Philharmonic Orchestra offiziell eingetragen und hatte 25 Jahre lang Bestand.vgl. [ Informationen zum National Philharmonic Orchestra]; abgerufen am 15. Dezember 2008

Gerhardt leitete es für Aufnahmen von klassischer, zeitgenössischer und Film-Musik. Für die unter seiner Leitung 1967 entstandene Aufnahme von Howard Hansons Symphony No. 2 „Romantic“, opus 30, erhielt er viel Lob von dem begeisterten Komponisten. Gerhardt erarbeitete sich ein recht breites Repertoire klassischer Musik, deren Aufführungen er sowohl für Plattenaufnahmen, gelegentlich aber auch im Konzertsaal dirigierte. Zu seinen Klassikaufnahmen zählen Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Richard Strauss, William Walton, Maurice Ravel, Claude Debussy und Richard Wagner.

Gerhardts eigentliche Bedeutung liegt jedoch darin, dass er der klassisch-symphonischen Filmmusik als künstlerisch ernst zu nehmende Musikgattung Anerkennung verschafft und damit gleichzeitig ein breites Publikum weltweit erreicht hat. Er hat wesentlich zur Wiederentdeckung klassischer Hollywood-Kompositionen der 1930er und 1940er Jahre beigetragen und damit dazu, dass schon fast vergessene Komponisten wie Erich Wolfgang Korngold wieder in das Bewusstsein und schließlich auch in die Konzertsäle zurückgekehrt sind.Allan Kozinn: Charles Allan Gerhardt, 72, Record Producer and Conductor. In: New York Times. 1. März 1999, abgerufen am 15. Dezember 2008 Gerhardt war der erste Dirigent, der Filmmusik genauso behandelte wie klassische Konzertmusik.

Charles Gerhardt, der sich immer schon für Filmmusik interessiert hatte, nahm 1968 seine ersten Film-Score-Platten mit dem Titel Great Music from the Movies auf. Diese enthielten auch eine von Gerhardt arrangierte 17-minütige Suite von Erich Wolfgang Korngolds Musik für den 1942 gedrehten Hollywood-Klassiker Kings Row. Seinerzeit lernte er in London auch den Sohn des Komponisten, George Korngold, kennen, der 1966 als Produzent und Manager zu RCA gekommen war. Beide warben in der Folge engagiert und mit viel Überzeugungsarbeit darum, eine Schallplatte ausschließlich mit Filmmusiken von Korngolds Vater herausbringen zu dürfen. Erst 1972 gab RCA schließlich grünes Licht für einen Sampler, der unter dem Titel The Sea Hawk: The Classic Film Scores of Erich Wolfgang Korngold herausgebracht wurde. Dieses Pilotalbum erwies sich unvermutet als Bestseller und entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einer der meistverkauften Klassikplatten aller Zeiten.Olaf Kiener: Zum Tode von George Korngold. In: Filmharmonische Blätter, Nr. 8/1988, S. 37

Daraus resultierte die RCA-Serie Classic Film Scores, in der bis 1983 14 weitere Alben erschienen. Bei allen Einspielungen leitete Gerhardt das National Philharmonic Orchestra, während George Korngold den Part des Produzenten übernahm. Die technische Aufnahmeleitung in der wegen ihrer hervorragenden Akustik ausgewählten Kingsway Hall lag in den Händen von Kenneth Wilkinson. Die Alben der Serie waren zum Teil den Komponisten Max Steiner, Miklós Rózsa, Franz Waxman, Alfred Newman, Dimitri Tiomkin, Bernard Herrmann und später John Williams gewidmet, aber auch der Musik in Filmen von Bette Davis, Humphrey Bogart und Errol Flynn.

Die gesamte Serie bestach nicht nur durch ihre technische Ausführung, sondern vor allem auch durch Gerhardts sehr sorgfältige Arrangements und Interpretation der Filmmusiken. Wo sie fehlten, erarbeitete er selbst Suiten. Dazu traf er sich mit den Komponisten und diskutierte mit ihnen, wie die Arrangements aussehen sollten, um ihren Intentionen gerecht zu werden. Viele dieser Suiten sind seither für Konzertaufführungen in Gebrauch geblieben. Nicht nur die erste Platte, sondern auch die meisten Nachfolger erhielten vorzügliche Kritiken.vgl. ; abgerufen am 14. Dezember 2008vgl. dazu auch die Kritiken in Didier C. Deutsch (Hrsg.): Soundtracks. The Essential Album Guide to Film, Television and Stage Music. MusicHound. Visible Ink Press/Gale Group, Detroit, San Francisco, London, Boston, Woodbridge 2000, ISBN 1-57859-101-5, S. 220, 696 u. a.

Folgende Schallplatten entstanden in der Reihe The Classic Film Scores:

The Sea Hawk: The Classic Film Scores of Erich Wolfgang Korngold, 1972 Now Voyager: The Classic Film Scores of Max Steiner, 1973 Classic Film Scores for Bette Davis, 1973 Captain from Castile: The Classic Film Scores of Alfred Newman, 1973 Elizabeth and Essex: The Classic Film Scores of Erich Wolfgang Korngold, 1973 Casablanca: Classic Film Scores for Humphrey Bogart, 1974 Gone with the Wind, 1974 – enthält alle wichtigen Musikelemente des Max-Steiner-Soundtracks zu Vom Winde verweht (1939) Citizen Kane: The Classic Film Scores of Bernard Herrmann, 1974 Sunset Boulevard: The Classic Film Scores of Franz Waxman, 1974 Spellbound: The Classic Film Scores of Miklós Rózsa, 1975 Captain Blood: Classic Film Scores for Errol Flynn, 1975 Lost Horizon: The Classic Film Scores of Dimitri Tiomkin, 1976 Star Wars and Close Encounters of the Third Kind, 1978 The Spectacular World of Classic Film Scores, 1978 Star Wars: Return of the Jedi, 1983