mini|„Verschiedene Canones über die ersteren acht Fundamental=Noten vorheriger Arie. von J. S. Bach.“

Als Verschiedene Canones bezeichnete Johann Sebastian Bach eine Sammlung von instrumentalen Kanons (BWV 1087), die er 1741 oder später handschriftlich in sein Handexemplar des Erstdruckes der sogenannten Goldberg-Variationen eintrug. Dieses Handexemplar wurde 1974 von Olivier Alain bei Paul Blumenroeder in Straßburg wiederentdeckt und von der Bibliothèque nationale de France (Signatur: Ms. 17669) erworben, nachdem Bachs eigenhändige Eintragungen 1975 als authentisch erkannt worden waren.Olivier Alain: Un supplément inédit aux Variations Goldberg de J. S. Bach. In: Revue de Musicologie. T. 61e, No. 2e (1975), S. 244f. Olivier Alain nennt darin ausdrücklich Georg von Dadelsen, Alfred Dürr und Christoph Wolff als die Experten, die 1975 seine Hypothese von der Echtheit der bachschen Eintragungen verifizieren konnten.Christoph Wolff, JAMS 29, 1976, S. 225Rolf Dammann, Mainz 1986, S. 246

Geschichtlicher Hintergrund Johann Sebastian Bach veröffentlichte im Herbst 1741 die sogenannten Goldberg-Variationen als Clavier Ubung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Verænderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen im Druck. Ein Autograph Bachs blieb nicht erhalten. Die Entdeckung seines Handexemplares des Erstdruckes im Jahre 1974 warf ein neues Licht auf dieses Variationenwerk, da Bach einerseits kleine Änderungen im Notentext vornahm, andererseits auf der letzten leeren Seite des Bandes mit der Überschrift „Verschiedene Canones über die ersteren acht Fundamental-Noten vorheriger Arie“ einige Kanons in Reinschrift eintrug, von denen bisher nur zwei bekannt waren. Möglicherweise wollte Bach damit eine zweite Auflage dieser Clavier Ubung vorbereiten, in der auch die Kanons untergebracht werden konnten.Christoph Wolff, JAMS 29, 1976, S. 226f

Bisher kannte man bachsche Kanons aus vier zyklischen Werken – den Goldberg-Variationen, den Canonischen Veränderungen, dem Musikalischen Opfer und der Kunst der Fuge – sowie als Einzelkanons zu meist außermusikalischen Anlässen. Diese finden sich beispielsweise in Stammbucheinträgen und als Demonstration „wissenschaftlicher“ Fähigkeiten für die Correspondierende Societät der musicalischen Wissenschaften Lorenz Christoph Mizlers.Nicht einbezogen werden hier kanonische Stimmführungen wie beispielsweise im 6. Brandenburgischen Konzert oder in der Invention F-Dur. Dass den Einzelkanons ähnliche Kanons und zwei der bereits bekannten Einzelkanons im Handexemplar als zusammengehörige Sammlung erscheinen und damit in einen Zusammenhang mit den Goldberg-Variationen geraten, wird als bedeutend angesehen.Christoph Wolff, JAMS 29, 1976, S. 225f u. 229

Bach notierte die Kanons ohne ausgeschriebene Auflösung (Resolutio) der zu vervielfältigenden Stimmen als geschlossene Kanons. Anders als bei einem ausgesprochenen Rätselkanon gab er einige, für die Ausführung notwendige Hinweise im Titel, durch mehrfache Schlüsselung und durch Einsatzzeichen (signum congruentiae). Die Kanons verschließen sich aber dennoch den im Titel der Goldberg-Variationen angesprochenen Musikliebhabern; einige machen es selbst Musikkennern schwer, sie aufzulösen.Rolf Dammann, Mainz 1986, S. 248.

Mit diesen geschlossenen Kanons befindet sich Bach in einer nie unterbrochenen Tradition, die von den Niederländern – besonders bei Pierre de la RueHeinrich Besseler und Peter Gülke: Schriftbild der mehrstimmigen Musik. 2. Auflage, Leipzig 1981, S. 126f – bis ins 20. Jahrhundert – beispielsweise Arnold SchönbergSchönberg: Untextierte Kanons und kontrapunktische Sätze – reicht.Siehe beispielsweise auch entsprechende Kanons von Johannes Ockeghem, Josquin Desprez, Ludwig Senfl, Gottfried Heinrich Stölzel, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Felix Mendelssohn Bartholdy, Carl Friedrich Weitzmann, Igor Strawinski, Paul Hindemith

Datierung

Die Kanons können frühestens nach dem Erscheinen des Erstdruckes der Goldberg-Variationen im Herbst 1741 in das Handexemplar eingetragen worden sein. Weitere Anhaltspunkte liefern die Kanons 11 und 13. Kanon 11 findet sich mit geringen Unterschieden auf einem Stammbuchblatt vom 15. Oktober 1747 (BWV 1077), desgleichen Kanon 13 auf dem Bachporträt Haußmanns von 1746 und auf einem Einzelblattdruck für die Mitglieder der Correspondierende Societät der musicalischen Wissenschaften Lorenz Christoph Mizlers von 1747 (BWV 1076).Siehe :Datei:Canon triplex 3.png Hält man die Fassungen im Zyklus der Kanons für die früheren, müssen sie zwischen 1741 und 1746, hält man sie für die späteren, dagegen erst nach 1747 aufgeschrieben worden sein.Datierung vor 1746: Rolf Dammann, Mainz 1986, S. 260 u. 264 und Christoph Wolff, JAMS 29, 1976, S. 134; Datierung nach 1747: Peter F. Williams, Cambridge 2001, S. 32Elise Crean: The Fourteen Canons (BWV 1087): Foundation or Culmination? - A re-evaluation of their position among Bach's latest works in: Understanding Bach 5, 2010, S. 67–75, ()

Thematischer Bezug zu den Goldberg-Variationen In der Überschrift zu der Kanonsammlung schreibt Bach, dass die „ Canones über die ersteren acht Fundamental-Noten vorheriger Arie“ gehen. Diese acht „Fundamental-Noten“ entsprechen einem schon vor Bach viel verwendeten Ostinato-Bass, der eben auch die ersten acht der 32 „Fundamental-Noten“ der „Arie“ bildet:Rolf Dammann, Mainz 1986, S. 27–35

Fundamentalnoten 1–8

Damit stehen sie in direktem Zusammenhang nicht nur mit den neun Kanons der Goldberg-Variationen, sondern auch mit allen anderen Sätzen einschließlich der Aria. In den „verschiedenen Canones“ kommen sie meist im Bass als „Fundamentalnoten“ in Originalgestalt und Umkehrung sowie in deren Krebs vor. Sie bestimmen zudem die melodische Gestalt nahezu aller anderen Kanon-Stimmen.

Bedeutung der Kanonsammlung innerhalb von Bachs späten kontrapunktischen Werken Die Kanons des Handexemplares gelten eher als theoretisch-demonstrative denn als musikalisch-praktische Kompositionen. Bach gab keinerlei Hinweise auf die instrumentale Ausführung.

Sind sie vor 1746 eingetragen worden, dann vermitteln sie zwischen den Goldberg-Variationen von 1741 und der um 1742 entstandenen Frühfassung der Kunst der Fuge (BWV 1080) einerseits und den Canonischen Veränderungen über das Weihnachtslied „Vom Himmel hoch da komm ich her“ (BWV 769) von 1746/47 und dem Musikalischen Opfer (BWV 1079) von 1747 andererseits. Dementsprechend werden sie für eine systematische Erprobung unterschiedlichster Kanontechniken vor der Komposition der musikalisch ausgereiften Kanons in BWV 769 und BWV 1079 gehalten.Christoph Wolff, JAMS 29, 1976, S. 229 u. 239

Sind sie dagegen erst nach 1747 eingetragen, können sie zumindest als eine zusammenfassende Demonstration von Bachs „kontrapunktisch höchsten Kombinationsleistungen“ betrachtet werden.Rolf Dammann, Mainz 1986, S. 249

Beschreibung der Kanons Die folgenden Überschriften entsprechen den Überschriften und den Anweisungen für die Ausführung aus Bachs Handexemplar. Für lateinischen und italienischen Text verwendete Bach die lateinische Schreibschrift, sonst fast stets die deutsche Kurrentschrift, die hier kursiv gesetzt wird. Die Nummerierung entspricht der Bachs, der die Zahlen manchmal mit und manchmal ohne Punkt geschrieben hat.

Das linke Bild zeigt jeweils die handschriftliche Fassung; das rechte Bild zeigt jeweils eine gesicherte oder mögliche Auflösung des Kanons, geschrieben in Schlüsseln, die von Bach vorgegeben sind oder seiner Praxis entsprechen. Alle Kanons gehören zum Typ des gleichsam unendlichen „Zirkelkanons“ („Canon perpetuus“).Rolf Damman, Mainz 1986, S. 252 Auf mögliche Schlüsse weisen die in den Auflösungen in Klammern gesetzten Fermaten hin. Auf Hinweise zu einer möglichen Besetzung der Kanons wird verzichtet, da Bach selbst keine Angaben dazu gemacht hat.Aufführungshinweise und Besetzungsvorschläge in J. S. Bach: Vierzehn Kanons über die ersten acht Fundamentalnoten der Aria aus den „Goldberg-Variationen“. Urtext der Neuen Bach-Ausgabe, 5. Auflage, Kassel 2005, Vorwort S. 7

1. Canon simplex mini|zentriert|HandschriftKanon 1 wurde einstimmig im Bassschlüssel notiert und ist zweistimmig auszuführen. Die zweite Stimme ist von rechts zu spielen, erkennbar am vertikal gespiegelten Bassschlüssel am Ende der Notenzeile.

Die Originalgestalt der „Fundamental-Noten“ beginnt, der Krebs der Originalgestalt folgt als zweite Stimme im Kanon. Es können auch beide Stimmen gleichzeitig beginnen („simul incipiendo“).Rolf Dammann, Mainz 1986, S. 252Christoph Wolff, JAMS 29, 1976, S. 234mini|zentriert|Mögliche Auflösung

2. all' roverscio. mini|zentriert|HandschriftKanon 2 wurde einstimmig im Tenorschlüssel notiert und ist zweistimmig auszuführen. Die zweite Stimme ist von rechts zu spielen, erkennbar am vertikal gespiegelten Tenorschlüssel am Ende der Notenzeile.

Die Umkehrung der „Fundamental-Noten“ beginnt, der Krebs („all' roverscio“) der Umkehrung folgt im Kanon. Es können auch beide Stimmen gleichzeitig beginnen („simul incipiendo“).Rolf Dammann, Mainz 1986, S. 252fmini|zentriert|Mögliche Auflösung

3. Beede vorigen Canones zugleich. motu recto e contrario mini|zentriert|HandschriftKanon 3 wurde einstimmig im Bassschlüssel notiert und ist zweistimmig auszuführen. Die zweite Stimme ist im Baritonschlüssel zu spielen, der am Anfang der Notenzeile steht.

Die Originalgestalt („motu recto“) beginnt, die Umkehrung („motu contrario“) folgt ab dem Einsatzzeichen („signum congruentiae“) eine Oktave nach oben versetzt im Kanon.Rolf Dammann, Mainz 1986, S. 253mini|zentriert|Mögliche Auflösung

4 Motu contrario e recto. mini|zentriert|HandschriftKanon 4 wurde einstimmig im Tenorschlüssel notiert und ist zweistimmig auszuführen. Die zweite Stimme ist im Altschlüssel zu spielen.

Die Umkehrung der „Fundamental-Noten“ beginnt, die Originalgestalt folgt ab dem Einsatzzeichen eine Oktave nach oben versetzt im Kanon.Rolf Dammann, Mainz 1986, S. 254mini|zentriert|Mögliche Auflösung

5. Canon duplex à 4. mini|zentriert|HandschriftKanon 5 wurde zweistimmig notiert (Unterstimme im Bassschlüssel, Oberstimme im Altschlüssel) und ist ab den beiden Einsatzzeichen vierstimmig in einem Doppelkanon auszuführen.

Der Oberstimmenkanon enthält Sechzehntelfolgen mit kleinen Motivteilen der „Fundamental-Noten“. Die nachfolgende Stimme beginnt im Abstand von zwei Takten eine Quinte höher und ist die Umkehrung der unteren Stimme.

Der Unterstimmenkanon enthält nur Viertelnoten. Die untere Stimme entspricht den „Fundamental-Noten“. Die nachfolgende Stimme beginnt im Abstand von zwei Takten eine Quinte höher und ist die Umkehrung der unteren Stimme.Rolf Dammann, Mainz 1986, S. 254f

Dieser Kanon erinnert an Variatio 12 aus den Goldberg-Variationen.mini|zentriert|Mögliche Auflösung

6. Canon duplex. über besagtes Fundament. à 3. mini|zentriert|HandschriftKanon 6 wurde zweistimmig notiert (Unterstimme im Bassschlüssel, Oberstimme im Altschlüssel) und ist ab dem Einsatzzeichen dreistimmig auszuführen. Die Kanonstimme spielt einen Umkehrungskanon in der Untersekunde. Der Auftakt der Kanonstimmen entspricht den ersten vier Tönen der „Fundamental-Noten“ und wird mit einem Lamento-Motiv chromatisch weitergeführt. Das sorgt für einen traurigen Affekt.Rolf Dammann, Mainz 1986, S. 255fmini|zentriert|Mögliche Auflösung

7 Idem. a 3 mini|zentriert|HandschriftKanon 7 wurde zweistimmig notiert (Unterstimme im Bassschlüssel, Oberstimme im Altschlüssel) und ist ab dem Einsatzzeichen dreistimmig auszuführen. Er entspricht strukturell dem Kanon 6, daher die Überschrift „Idem“. Die Kanonstimmen beginnen mit den „Fundamental-Noten“ bzw. deren Umkehrung in Sechzehntelnoten.Rolf Dammann, Mainz 1986, S. 256mini|zentriert|Mögliche Auflösung

8 Canon simplex. il soggetto in Alto. à 3