Orso II. Particiaco oder Ursus II. Particiacus, später auch Partecipazio, auch Orso II. Badoer (* 2. Hälfte 9. Jahrhundert; † nach 932 in Ammiana), war nach der staatlich gesteuerten historiographischen Tradition der 18. Doge von Venedig. Über seine Regierungszeit, die Jahre 912 bis 932, ist wenig bekannt.
Sein Sohn Petrus wurde auf der Rückreise von Konstantinopel ausgeraubt und an Zar Simeon von Bulgarien ausgeliefert, der ihn, wohl gegen Lösegeld, wieder freiließ. Mit zwei der nachkarolingischen Herrscher kam es zu Erneuerungen der bis in die Zeit Karls des Großen zurückreichenden Handelsprivilegien. In einem Fall wurde Venedig das Recht eingeräumt, eigene Münzen zu prägen. Mangels gegenteiliger Nachrichten gelten die Jahre 912 bis 932 als ungewöhnlich friedlich, bei einigen Historikern als Jahre friedlicher wirtschaftlicher Expansion.
Familie, Verhältnis zwischen Particiaco und Badoer Die Particiaco gehörten zu den mächtigsten und einflussreichsten tribunizischen Familien Venedigs. Zusammen mit den Candiano und den Orseolo war es die Familie Particiaco-Badoer, die nach traditioneller Betrachtung von 810 bis zur Verfassungsreform von 1172 die meisten Dogen Venedigs stellte. Der erste Doge eines von Byzanz de facto unabhängigen Venedig war Agnello Particiaco (810–827), ihm folgten seine Söhne Giustiniano und Giovanni (829–836). Nach der fast dreißigjährigen Regierung Pietro Tradonicos kehrten die Particiaco mit Orso I. auf den Dogenthron zurück. Ihm folgte sein Sohn Giovanni II. Als letzter Particiaco, bzw. Partecipazio, so die spätere Geschichtsschreibung, kam sieben Jahre nach dem Tod Orsos II. dessen Sohn Pietro Badoer (939–942) aus einem Seitenzweig der Familie Particiaco auf den Dogenthron. Außerdem gingen mehrere Bischöfe und Patriarchen aus den Familien der Particiaco und der Badoer hervor.
Die Zugehörigkeit zu den Particiaco wird in der Chronik des Johannes Diaconus behauptet, der etwa 80 Jahre nach dem Tod des Dogen schrieb.La cronaca veneziana del diacono Giovanni, in: Giovanni Monticolo (Hrsg.): Cronache veneziane antichissime, Rom 1890, S. 132 (Digitalisat). Das Chronicon Altinate gibt ihm den Beinamen Paureta.Roberto Cessi (Hrsg.): Origo civitatum Italiae seu Venetiarum (Chronicon Altinate et Chronicon Gradense), Rom 1933, S. 118. Johannes Diaconus nennt ihn als Vater des Pietro Badoer, der von 939 bis 942 herrschteLa cronaca veneziana del diacono Giovanni, in: Giovanni Monticolo (Hrsg.): Cronache veneziane antichissime, Rom 1890, S. 133., das Chronicon Altinate identifiziert die Badoer mit den Particiaco.Roberto Cessi (Hrsg.): Origo civitatum Italiae seu Venetiarum (Chronicon Altinate et Chronicon Gradense), Rom 1933, S. 157. Als eher schwacher Hinweis auf eine Gleichsetzung gilt Badoer der Bruder Giovannis II. Particiaco, der vor 886 starb, nachdem er bei seiner Gefangennahme durch den Grafen Marino von Comacchio schwer verletzt worden war. Unter der Annahme, dass dieser Badoer der Vater Orsos II. war, könnte dessen Sohn als Cognomen den Taufnamen des Großvaters übernommen haben.Zu den Badoer/Particiaco vgl. Marco Pozza: I Badoer. Una famiglia veneziana dal X al XIII secolo, Francisci, Padua 1982.
Dogenamt mini|links|Das Bulgarenreich zur Zeit Simeons I. um 925 Ursus wurde erst mehrere Monate nach dem Tod seines Vorgängers von der Volksversammlung zum Dogen gewählt. Kurz nach der Wahl schickte er seinen Sohn Petrus nach Konstantinopel zu Kaiser Leo VI., der dem Dogensohn, wie seit geraumer Zeit Usus, den Titel eines Protospatharios verlieh. Auf der Rückreise fiel Petrus – wohl 911 oder 912 – in die Hände des Herrschers von Zahumlje (Herzegovina) Michael, eigentlich Mihailo Višević, der ihn an den bulgarischen Zaren Simeon auslieferte, mit dem er gegen Byzanz verbündet war. Dieser ließ den Dogensohn gegen Lösegeld wieder frei. Später erschien der Freigelassene in einer diplomatischen Mission unter Führung Domenicos, des zukünftigen Bischofs von Metamaucum (häufig und fälschlich mit Malamocco bezeichnet).
Ursus hielt zwar Venedig eher im Einflusskreis Konstantinopels, unterhielt aber auch gute Beziehungen zum Regnum Italicum. Dieses war das bedeutendste Einfallstor für venezianische Waren aus dem Orient. 924 verlieh Rudolf II., König von Burgund und Italien, Venedig das Recht, Münzen zu schlagen. Eine Delegation reiste nach Pavia an den Hof Rudolfs und erhielt am 28. Februar 925 ein weiteres Mal eine Erneuerung der Privilegien, die zuletzt 891 bestätigt worden waren. Am 26. Februar 927 erreichte die venezianische Diplomatie eine solche Bestätigung auch von Hugo von der Provence, der 926 König von Italien geworden war. Bei jeder dieser Erneuerungen, meist anlässlich eines Herrscherwechsels, erlangten die Venezianer günstigere Klauseln, konstatierte zuletzt Marco Pozza.
931 dankte Ursus ab und zog sich in das Kloster Santi Felice e Fortunato auf La Salina zurück (auch Santi Felice e Fortunato di Ammiana), das zu dieser Zeit noch ein Teil der später versunkenen Stadt Ammiana war. Dort, im Norden der Lagune von Venedig, starb der Doge zu einem unbekannten Zeitpunkt. Er wurde auch in der Stadt begraben. Die Ursache für seinen Rücktritt ist nicht bekannt, doch ein Hinweis auf interne Konflikte könnte sein, dass sein Nachfolger Pietro II. Candiano eine deutlich aggressivere Außenpolitik betrieb. mini|„B. Vrsvs Badvario Dux“, Öl auf Leinwand, 100 mal 74 cm, um 1622, Madonna dell’Orto, Kapelle S. Mauro Nach seinem Tod wurde er von den Venezianern als Seliger verehrt – daher beatus –, der Kult wurde aber von der Kirche nicht anerkannt. In der Capella S. Mauro der Kirche Madonna dell’Orto erinnert ein Idealporträt an den Dogen, dessen Aussehen unbekannt ist.
Jener freigekaufte Dogensohn Pietro Badoer oder Petrus Badoarius wurde 939 selbst Doge. Wenig ist über ihn bekannt, ähnlich wie über seinen Vater. Er verfolgte vermutlich eine friedliche Außenpolitik, während sein Nachfolger abermals ein Doge aus dem Hause Candiano wurde.
Rezeption Bis gegen Ende der Republik Venedig Für das Venedig des 14. Jahrhunderts war die Deutung, die man der Herrschaft des zweiten Ursus gab, in mehrerlei Hinsicht von symbolischer Bedeutung. Das Augenmerk der Chronik des Andrea Dandolo repräsentiert in vollendeter Form die Auffassungen der längst fest etablierten politischen Führungsgremien, die vor allem seit diesem Dogen die Geschichtsschreibung steuerten. Dabei standen die Fragen nach der politischen Unabhängigkeit zwischen den sich zersetzenden Kaiserreichen, des Rechts aus eigener Wurzel, mithin der Herleitung und Legitimation ihres territorialen und Seeherrschafts-Anspruches, stets im Mittelpunkt, denn Venedig war in dieser Zeit gezwungen, ausgesprochen eigenständig in einer politisch zersplitterten Umgebung zu agieren. Dabei spielte der Kampf zwischen Bulgarien und Byzanz eine wesentliche Rolle, aber auch das Verhältnis zu den Reichen, die in Italien entstanden waren. Dabei wissen die Chronisten über Ursus besonders wenig zu berichten. mini|Der bulgarische Zar Simeon, verfolgt von Ungarn, nimmt Zuflucht in Silistra, Bilderhandschrift des Skylitzes, ursprünglich in den 1070er Jahren angefertigt; illustrierte Kopie von etwa 1150 bis 1175, entstanden im Umkreis des normannischen Königshofs in Palermo, Biblioteca Nacional de España in Madrid, fol. 108v Die älteste volkssprachliche Chronik, die Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo aus dem späten 14. Jahrhundert, stellt die Vorgänge ebenso wie Andrea Dandolo auf einer in dieser Zeit längst geläufigen, von Einzelpersonen dominierten Ebene dar, was den Dogen noch einmal größere Macht zuwies. Dabei bleiben die Entscheidungsfindungsprozesse allerdings im Dunkeln.Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini–1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 41. Nach dieser Chronik schickte „Orso Badoer“ – die Abstammung der Badoer von den Particiaco hatte sich gleichfalls bereits etabliert – seinen Sohn Piero nach Konstantinopel, wo er „honorificentie et dignitade grandissime“ erhielt, also bedeutendste Ehrungen und Würden. Auf dem Rückweg jedoch wurde er von „Michiel bam, overo duxe“ „frauodolentemente“ gefangengesetzt und mitsamt seiner „bando“ – wohl seiner Begleitung – an den Bulgarenherrscher Simeon ausgeliefert. In dieser Chronik gelang dem Dogensohn die Flucht. Ansonsten berichtet die Chronik nichts über die Amtszeit des Dogen, außer, dass er 19 Jahr geherrscht hat, und wo er beigesetzt wurde.
Äußerst knapp berichtet auch Pietro Marcello. Er führte 1502 in seinem später ins Volgare unter dem Titel Vite de’prencipi di Vinegia übersetzten Werk den Dogen im Abschnitt „Orso Badoero, Doge XVII.“ Er herrschte dort ab „DCCCCIX“, also ab 909.Pietro Marcello: Vite de’prencipi di Vinegia in der Übersetzung von Lodovico Domenichi, Marcolini, 1558, S. 31 (Digitalisat). Marcello berichtet nur von der Gefangennahme des Dogensohnes und vom Rückzug Orsos ins Kloster im 11. Jahr seiner Herrschaft. Den Kroaten, der Pietro gefangen nahm, nennt er nicht beim Namen, sondern tituliert ihn nur mit „un certo Signorotto di Dalmatia“. mini|links|Domenico Tintoretto: Darstellung des Dogen im Dogenpalast aus dem späten 16. Jahrhundert, die in einem Spruchband seine Amtszeit umreißt, wie sie sich den Auftraggebern darstellte, nämlich: ‚Solange es mir gelang, dies in Ehren zu tun, setzte ich mich für Gerechtigkeit und Frieden ein; schließlich legte ich meine Gelübde ab und verbrachte meine letzten Tage im Kloster San Felice.‘: „QUOAD DECUIT IUSTITIAM ET PACEM COLUI TANDEM CONCEPTO VOTO IN MONASTERIO SANCTI FELICIS DIEM CLAUSI“. Das Bildnis ist eines der 38 Doppel-Dogenporträts im Saal des Großen Rates. Das Geschichtswerk des Gian Giacomo Caroldo, das er 1532 abschloss, berichtet vom neuen Dogen „Orso Badoaro 2°“ auch nur wenig, sondern erzählt zunächst verhältnismäßig ausführlich von der Gefangennahme seines Sohnes „Pietro“.Șerban V. Marin (Hrsg.): Gian Giacomo Caroldo. Istorii Veneţiene, Bd. I: De la originile Cetăţii la moartea dogelui Giacopo Tiepolo (1249), Arhivele Naţionale ale României, Bukarest 2008, S. 67. (online). „Per gratificarsi il Greco Imperatore“ schickte Orso seinen Sohn nach Konstantinopel, wo er neben Ehren und Geschenken auch den Titel eines Protospatharios erhielt, eines Schwertträgers. An der Grenze nach Kroatien wurde er gefangen genommen und nach Bulgarien verbracht. Um Pietro aus den Händen des bulgarischen Herrschers zu befreien, schickte Orso „Dominico Archidiacono di Malamocho“ mit vielen Geschenken an den Hof. Er erreichte die Freilassung und wurde nach der Rückkehr ‚als Ausgleich für seine Anstrengungen und seine sorgsame Vorgehensweise‘ zum Bischof von Malamocco erhoben. Dies geschah allerdings gegen seinen Willen. Er habe fortan mit seiner Familie in „castità“ (‚Keuschheit‘) gelebt. Schließlich sei er von seinem Amt zurückgetreten und nach Jerusalem gegangen. Unter dem Vorwand, die Chioggioten würden ihren Verpflichtungen nicht so zügig nachkommen, wie sie es sollten, „contro loro fece qualche innovatione“. Worin diese „innovatione“ bestand, führt der Chronist nicht aus. Doch der Blick in die Privilegien und auch der Wille des Dogen, sie zu beruhigen, führte wohl zu einer Erneuerung ihrer Vorrechte. Als König Hugo sich 927 in Pavia aufhielt, sandte Ursus „Ambassatori, Ioanni Flabanico et Stephano Caloprino“ dorthin, die die Erneuerung der früheren Privilegien erreichten. Der Doge, „poco prezzando le cose mondane“, zog sich aus dem ‚wenig geschätzten weltlichen Leben‘ nach 20 Jahren der Herrschaft zurück und ging als Mönch nach „San Felice d’i Mani“, das einst in Ammiana unter dem Namen „San Stephano“ bestanden hatte. Dort wurde er auch beigesetzt. Caroldo meint, Orso sei „di singular ingegno et religione, amator di giustitia, elemosinario et pieno di virtuosi costumi“ gewesen.