mini|hochkant=1.5|Blick auf den oberen Ortsteil von Bockau Bockau, in der lokalen Mundart „Bucke“Interaktives Wörterbuch der erzgebirgischen Mundart Erzgebirgisch.de und auch „Wurzelbucke“ genannt, ist eine Gemeinde im Erzgebirgskreis in Sachsen. Der Ort ist als Kräuter- und Laborantenort bekannt und führt den werbewirksamen Beinamen Laborantendorf des Erzgebirges. Durch den jahrhundertelangen und auch ersten Anbau im Erzgebirge von Angelika, deren Wurzeln in der Arznei- und Likörherstellung verwendet werden, wird Bockau im näheren Umkreis auch „de Wurzelbucke“ genannt.

Lage und Nachbargemeinden Der Ort liegt im westlichen Erzgebirge in einer geschützten Talsenke in einem Nebental der Zwickauer Mulde, das sich bis zum 823 m hohen Ochsenkopf bei Jägerhaus hinaufzieht.

Geschichte Entstehung des Ortes im 13. Jahrhundert und die Tätigkeiten seiner Bewohner Zahlreiche Einzelfunde und Grabungselemente lassen den Schluss zu, dass Bockau um 1200 angelegt worden ist. Seinen Namen verdankt es dem Fluss Bockau, der in verschiedenen Schreibweisen wie Bockaw (1470), Puckaw (1495), Buckaw (1534), Pughawe (1541) oder Bockaw (1579) in alten Dokumenten vorkommt und auf das altsorbische bukava (Buchenwasser) zurückgeführt wird. Eine andere Namenserklärung sieht das slawische Wort für Buche bukowina als Herkunft. Dabei sei wahrscheinlich im Zuge der Entwicklung aus der Endung wina ein au geworden. Möglich sei auch die Ableitung aus bukowy (für Buch-).Robert Immisch: Die slavischen Ortsnamen im Erzgebirge, in Commission von Schmaler und Pech, Bautzen 1866, S. 8 Digitalisat

Fünfzehn Vollbauern siedelten sich hier zunächst an. Neben der Landwirtschaft, der Viehhaltung und der Waldnutzung war zu Beginn des 16. Jahrhunderts der freie Bergbau entstanden. Angelockt vom großen Berggeschrey des Erzgebirges im 16. Jahrhundert (Funde und Abbau von Silber, Zinn, Kobalt, weißer Erde und kiesigem Erz) fanden zahlreiche Bergleute aus dem Harz hier eine neue Heimat, so siedelten sich nun vor allem Zinnseifner in Bockau an. Sie errichteten einfache Wohnhäuser, die nur aus einem Raum bestanden und Seifenhäuschen genannt wurden. Ihre Zahl wurde im Jahr 1568 mit 55 angegeben, bis 1612 wurden bereits 85 Häuser gezählt.Siegfried Sieber: Um Aue, Schwarzenberg und Johanngeorgenstadt, (Werte unserer Heimat), Akademie-Verlag Berlin 1974, S. 60ff. Bockau bekam den Status eines Bergfleckens, was vergleichbar war mit dem Status einer Bergstadt, nur war Bockau eben keine Stadt. Die Blütezeit des Bergbaus erstreckte sich bis in das 19. Jahrhundert. Erzgänge von Kobalt-Nickel-Silber oder Zinn in Granit wurden erschlossen und ausgebeutet. Weitere Bodenschätze wie Weißerde, Gelberde oder Schmirgel gehörten bald zu den Abbauprodukten, die erfolgreich in andere deutsche Länder verkauft wurden.

Die Bockauer erhielten vom sächsischen Landesfürsten außerdem das Recht, Pech zu sieden (1450), Vieh zu schlachten, Bier zu brauen, Fischfang im Dorfbach und in Abschnitten der Mulde zu betreiben. Auch die Jagd auf Niederwild war ihnen erlaubt. Wichtige Nebenerwerbsquellen der Bauern waren der Holzeinschlag, die Köhlerei, die Harzweide und die Flößerei.

Der Dreißigjährige Krieg forderte auch in Bockau Opfer. 1632 wurde Bockau von Holk’schen Truppen geplündert. 1633 kamen von 500 Einwohnern 108 durch die Pest um. Auch die schwedischen Truppen brachten 1640 Bockauer um oder plünderten ihre Wohnhütten.

Erdbeben im Jahr 1770 Im Jahr 1770 war auch Bockau von einem Erdbeben betroffen, über das sogar in einer Zeitung in Augsburg berichtet wurde: Von Leipzig wird gemeldet, daß zu Bockau, Schneeberg, Johann Georgenstadt, Eybenstock und in der ganzen gebürgischen Gegend ein Erdbeben, jedoch sonder Schaden, verspüret worden.Augsburgische Ordinari Postzeitung von Staatspolitischen und andern Neuigkeiten, Nr. 258 vom 27. Oktober 1770 Digitalisat Auch George Körner beschreibt das Erdbeben, das sich von Ende Oktober bis in den November mit verschiedenen Erdstößen hingezogen hat, so am 4. November so stark, daß der Grund von steinernen Stockwercken dadurch beweget ward und das Gesperre darauf mit Erschütterung desselben krachte, wie denn auch die Schlösser und eisernen Riegel an den Thüren platzeten und sich rüttelten; um 10 Uhr unter der Predigt etwas nachlassend, doch so, daß man es an der Fenstern verspührete. Das letzte Mal ist das Beben am 20. November 1770 zu spüren gewesen.George Körner: Altes und Neues von dem Bergflecken Bockau bey Schneeberg: zum Neuenjahre 1767 u.s.f. als eine Nachlese zur Chronik, Nr. 1, Verlag: mit Fulischen Schriften, Schneeberg (o. J., nach 1770), unpag. (Abteilung für 1770 am Ende, ca. S. 40) Digitalisat

Aufschwung und Ende des Arzneiwesens Die intensive Waldnutzung führte zur Herausbildung von Kräuter- und Wurzelsammlern und der Weiterverarbeitung mittels alkoholischer oder wässriger Auszüge oder des Eindampfens zu Heilextrakten. Vor allem Bärwurz, Liebstöckel, Angelika, Baldrian und Rhabarber wurden gesammelt. Aus den ätherischen Ölen der Pflanzenteile entstanden heilsame Tinkturen in verschiedener Darreichungsform. Nicht zuletzt brannte man Schnaps. Es entwickelte sich ab 1500 eine Art Arznei-Laboranten-Wesen. Die neu entstandenen Laboratorien verarbeiteten bald auch Rohstoffe aus anderen Gegenden und stellten Pillen, Salben, Balsame, Tropfen, Pulver oder Pflaster her. Eine Einwohnerliste aus dem Jahr 1767 gibt an, dass von 120 Erwerbstätigen die Hälfte Arzneiwaren herstellten oder damit handelten. Aufgrund von Beschwerden von Ärzten und Apothekern, die die Kräutermänner als „unlautere Konkurrenten“ ansahen, wurde die Herstellung immer mehr erschwert, so dass das Laborantentum im 19. Jahrhundert schließlich zum Erliegen kam. Noch im Jahr 1873 bezeichnet Meyers Handlexikon des Allgemeinen Wissens Bockau als „Hauptort des erzgebirgischen Medicinalkräuteranbaus und früheren Olitätenhandels“.Hermann Julius Meyer: Handlexikon des allgemeinen Wissens in einem Band, Verlag des bibliographischen Instituts, Hildburghausen 1873, S. 302 Digitalisat

Kirche

Die erste Kirche war schon im Jahr 1529 vorhanden. Bei der ersten Kirchenvisitation im Januar/Februar des Jahres 1529 wurde festgestellt, dass Bockau zwar noch keinen eigenen Pfarrer hatte und kirchlich zu Aue gehörte, aber bereits eine Kirche gebaut war.Karl August Hugo Burkhardt: Geschichte der sächsischen Kirchen- und Schulvisitatitionen von 1524 bis 1529, Neudruck der Ausgabe Leipzig 1879, Scientia-Verlag, Aalen 1981, S. 24f. Die heutige Barockkirche wurde nach einem grundlegenden Umbau des von 1429 stammenden Kirchenbaus am 6. November 1637 geweiht. Nach neueren Erkenntnissen wurde sie an den vorhandenen kleineren Kirchenraum angebaut. Der Turm entstand 1719 bis 1723. Dehios Handbuch der Kunstdenkmäler bewertet im Band Sachsen II das Innere der Kirche: „Reizvoller Saal mit flacher Felderdecke und umlaufenden Emporen“.Juliane Adler: Bockau, in: Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Sachsen II, Regierungsbezirke Leipzig und Chemnitz, bearbeitet von Barbara Becker, Wiebke Fastenrath, Heinrich Magirius u. a., München 1998, Seite 76. Der Altar von 1617 zeigt an den Wangen das kursächsische Wappen, der architektonische Rahmen ist mit Engelsköpfchen geschmückt, ein Gemälde des Abendmahls ist zentral. In „Sachsens Kirchen-Galerie“ stellt Bockaus Pfarrer Friedrich August Apfelstädt im Jahr 1842 heraus: „Dieser Altar enthält ein Gemälde, das jedenfalls das Werk eines großen Meisters, wo nicht des Lucas Cranach ist.“Sachsens Kirchen-Galerie. 8. Band. Die Inspektionen Chemnitz, Stollberg, Zwickau und Neustädtel. Dresden 1842. Seite 23. Richard Steche dagegen nennt es vierzig Jahre später „kunstlos“. Zwei Zinnleuchter aus der Zeit um 1677Homepage der Kirchengemeinde, abgerufen am 24. Januar 2015 mit dem Motiv von Bergleuten erinnern an die Zeit, als auch in Bockau Bergbau betrieben wurde. Die Leuchter sind ein Geschenk des Steigers Samuel Enderlein.George Körner: Alte und neue Nachrichten von dem Bergflecken Bockau, Schneeberg 1756, Digitalisat, abgerufen am 24. Januar 2014. Die Kanzel von 1658 mit umfangreichen Schnitzereien in den Farben weiß, gold und blau wird ebenfalls von Engelsköpfchen geziert, in die Felder der Brüstung sind Christus, Moses und Evangelisten als Relieffiguren gesetzt. Eine Reihe von Sargschilden, Grabplatten und Bildnissen auch im Vorraum aus verschiedenen Epochen lassen Teile der Kirchengeschichte erkennen. Eine Grabplatte aus Gusseisen des ersten Bockauer Pfarrers Ehrenfried Hain, der 1685 starb, bezeichnet Dehio als „ausgezeichnete“ Arbeit.

Seit 1678 ist Bockau selbstständige Kirchgemeinde. Das Pfarrhaus von 1736 war früher Schule, ein Kreuzgratgewölbe wird dem Vorgängerbau von 1656 zugeschrieben.

1747 wurde Magister George Körner Pfarrer in Bockau. Er war Chronist und Sprachwissenschaftler sowie der Begründer der Reihe Bockauer jährliche Nachrichten. Sein Porträt hängt in der Kirche. Im Jahr 1768 wurde die musikalische Gesellschaft oder Cantorey gegründet „zur Ehre Gottes und Verherrlichung des öffentlichen Gottesdienstes“. Die 13 Gründungsmitglieder, alles Männer, führt George Körner in seiner Nachlese zur Chronik auf.George Körner: Altes und Neues von dem Bergflecken Bockau bey Schneeberg: zum Neuenjahre 1767 u.s.f. als eine Nachlese zur Chronik, Nr. 1, Verlag: mit Fulischen Schriften, Schneeberg (o. J., nach 1770), unpag. (Abteilung für 1768) Digitalisat.

Hungersnot im Jahr 1771/1772 George Körner schrieb in seinem wohl Anfang des Jahres 1772 erschienenen Buch „Altes und Neues von Bockau“ – Nachlese Nr. 6 aus dem Jahr 1772 – über die Hungersnot: Die Theurung drückt noch heute das Land und sonderlich auch uns an der böhmischen Gränze, wo man durch einen gezogenen militairischen Gürtel die Zufuhre gesperret hat, dergestalt daß aller Handel und Nahrung verfallen ist. Das Bergwerk ist, bis auf Neufund zur St. Johannis Fundgrube wieder eingegangen; die Braunahrung hat auch nachgelassen; der Miswuchs kam darzu, mit anhaltendem Regen zu 6 Wochen lang, und das Armuth mußte fast alles an Kleidungen und Meublen verstoßen, zu Kräutern, Beeren, Schwammen und Kleyenmehle seine Zuflucht nehmen, weil ein Brod zu 6 Pfunden für 7, 8 und 2te halb Groschen nicht bezahlen konnte, davon ihrer viele vermattet und etliche gestorben sind.George Körner: Altes und Neues von Bockau bey Schneeberg zum Neuenjahre 1772 als eine Nachlese zur Chronik, Verlag bey Karl Wilhelm Fulden, Schneeberg (o. J., nach 1772), unpag. (S. 80, Abteilung für 1772) Digitalisat in der Bayerischen Staatsbibliothek München

Pastor George Körner starb am 3. Mai 1772 in Bockau während der großen Hungersnot. Diese ließ die Einwohnerzahl von 1.015 im Jahr 1756 auf nur noch 973 im Jahr 1772 sinken.Pfarrer Heinrich von der Trenck: Die Parochie Bockau in: Georg Buchwald (Hrsg.): Neue Sächsische Kirchengalerie. Ephorie Schneeberg. Leipzig 1902. Spalte 256 (Digitalisat des Originals in der Universitätsbibliothek Dresden).

Bergbau und Industrie Christoph Gottlob Grundig beschreibt 1754 Bockau als einen „Bergflecken“: Daselbst ist eine mäßig gebaute Kirche mit einem Pastore. Die darzu gehörige Schule ist klein. … Auch sind hier schöne Bergwerke, aus welchen Silber, Zinn, Bley, Kupffer und Kobald gegraben wird. Ingleichen findet man daselbst diejenige weiße Erde, welche man in die Porcellain-Fabrique nacher Meisen in großer Quantität liefert. Der größte Theil der Einwohner sind Bergleute…Christoph Gottlob Grundig: Mit nützlichen Nachrichten und Anmerkungen erläuterte Beschreibung seiner im Jahr 1751 in das Kayser-Carls-Bad gethanen Reise, zu finden bey Carl Wilhelm Fulden, Schneeberg 1754, S. 165 Digitalisat Dies schrieb er fast wörtlich bei einem schon 1735 erschienenen Reisebericht ab.Biedermann: Curieuse Reisebeschreibung des Herrn Androphili, Leipzig, Hamburg, Breslau 1735, S. 356f. Digitalisat