mini|Ismail Bej Gasprinskij Ismail Bej Gasprinskij (, krimtatarisch İsmail Gaspıralı, ; geb. in Avcıköy bei Bachtschyssaraj; gest. in Bachtschyssaraj) war ein krimtatarischer Bildungsreformer, Journalist und Politiker. Er war einer der wichtigsten Vermittler der westlichen Moderne für die Muslime Russlands und erkannte als einer der ersten muslimischen Intellektuellen im Russischen Kaiserreich den Bedarf der türkischstämmigen und muslimischen Völker Russlands nach Erziehung, kultureller Reform und Modernisierung. Durch die Einführung der neuen Unterrichtsmethode Usul-i Jadid zählt er zu den Begründern des Jadidismus. Von 1882 bis zu seinem Tod gab er die zweisprachige russisch-türkische Zeitung Perewodtschik/Tercüman heraus. Von 1905 bis 1908 betätigte er sich als Organisator von muslimischen Kongressen. Der ab 1907 verfolgte Plan für einen islamischen Weltkongress, der in der ägyptischen Hauptstadt Kairo stattfinden sollte, scheiterte jedoch. Gasprinskij gilt auch als einer der Mitbegründer des Panturkismus. Nach Hakan Kırımlı war er „die bedeutendste Persönlichkeit in der Geschichte der Krimtataren vor 1917, und vielleicht auch aller Türken des Russischen Reiches“.Kırımlı: National Movements and National Identity Among the Crimean Tatars (1905-1916). 1996, S. 32.
Familiärer Hintergrund Sein Vater, Mustafa Aga, ebenfalls ein Adliger, wurde in dem Dorf Gaspra auf der Krim geboren.Nachruf auf Ismail Bey Gasprinskij veröffentlicht in Shura 1. November 1914. Übersetzt von Alan W. Fisher. In: Allworth: The Tatars of Crimea: Return to the Homeland. 1998, S. 130. Mustafa Aga hatte dem russischen General-Gouverneur des Kaukasus in der Zeit der Aufstände von Imam Schamil als Übersetzer gedient.Kramer: Islam Assembled. The Advent of the Muslim Congresses. 1986, S. 36. Im Jahre 1848 kehrte er auf die Krim zurück. Ein Jahr später heiratete er Fatma Hanım, die Tochter von İlyas Mırza Kaytazof, einem Adligen von der Krim. Aus dieser Verbindung ging 1851 als erste Kind Ismail hervor. Nach dem Dorf seines Vaters erhielt er den Beinamen Gaspıralı bzw. Gasprinskij.Kırımlı Cafer Seydahmet: Gaspıralı İsmail Bey (dilde, fikirde, işte birlik). Matbaacılık ve Neşriyat Türk Anomim Şirketi, Istanbul 1934.
Leben Kindheit und Jugend Ismail Bej Gasprinskij wurde am 21. März 1851 im Dorf Avcıköy geboren. das zwei Stunden von Bachtschyssaraj entfernt war. Während der Belagerung von Sewastopol 1854 ließ sich seine Familie in Bachtschyssaraj nieder. Dort lebte Gasprinskij bis zu seinem zehnten Lebensjahr.
mini|hochkant|Der panslawische Publizist Michail Katkow Ismail Bej besuchte zunächst die Zindschirli-Medrese in BachtschyssarajTogan: “Gaspralı (Gasprinski), Ismāʿīl”. 1959, S. 979b. und ging danach auf das Gymnasium in Aqmescit (Simferopol).Kırımlı: Gaspıralı, İsmâil Bey. 1996, S. 392a. Zwei Jahre später trat er in die Militär-Akademie in Woronesch ein. Von dort wechselte er in das Höhere Militär-Lyzeum in Moskau.Nachruf auf Ismail Bey Gasprinski veröffentlicht in Shura 1. November 1914. Übersetzt von Alan W. Fisher. In: Allworth: The Tatars of Crimea: Return to the Homeland. 1998, S. 131f. Hier lernte er den Lipka-Tataren Mustafa Mirza Davidovič kennen, mit dem er lebenslang freundschaftlich verbunden blieb. Zusammen gewannen sie die Aufmerksamkeit ihres wichtigsten Lehrers, des panslawistischen Publizisten Michail Katkow, der die beiden jede Woche zu sich nach Hause einlud. Bei ihm verbrachte Ismail Bey auch einmal die Sommerferien. Genau zu dieser Zeit war Katkow eine zentrale Figur im Moskauer Slawischen Wohltätigkeitskomitee, das 1867 einen panslawischen Kongress organisierte, und es gibt Hinweise darauf, dass Gasprinskij von den organisatorischen Anliegen der Moskauer Panslawisten beeindruckt war.Kramer: Islam Assembled. The Advent of the Muslim Congresses. 1986, S. 37.
Tätigkeit als Lehrer, Reisen nach Westeuropa und in die Türkei Als 1867 auf Kreta ein Aufstand ausbrach, löste die Feindseligkeit, die Katkow gegenüber der Türkei zeigte, bei Ismail Bej und seinem Freund eine heftige emotionale Gegenreaktion aus, und zusammen begaben sich die beiden nach Odessa, um auf Kreta als Freiwillige auf türkischer Seite zu dienen. Da die beiden jedoch keine Pässe hatten, wurden sie verhaftet und in ihre Heimat auf der Krim zurückgeschickt. 1868 wurde Ismail Bej mit erst 17 Jahren zum Lehrer für Russisch an der Zindschirli-Medrese ernannt und erhielt ein Gehalt von 400 Rubel. Im Jahr 1869 wurde sein Gehalt auf 600 Rubel erhöht, und er wurde zum Lehrer an der Schule von Dereköy bei Jalta ernannt und erhielt vom Bildungsamt Auszeichnungen. Während er dieser Lehrtätigkeit nachging, beschäftigte er sich intensiv mit russischer Literatur, unter anderem auch mit den Werken der Westler Dmitri Iwanowitsch Pissarew und Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski.Kırımlı: National Movements and National Identity Among the Crimean Tatars (1905-1916). 1996, S. 33. Außerdem verfolgte er den Plan, in die Türkei zu gehen und Offizier zu werden. Als er feststellte, dass dafür Französisch-Kenntnisse Voraussetzung waren, widmete er sich dem Studium dieser Sprache. 1871 beschloss er, nach Istanbul zu gehen; um sein Französisch zu perfektionieren, wollte er jedoch zunächst nach Paris reisen. Mit 200 Rubel in der Tasche brach er 1872 von Jalta aus auf und reiste mit kurzen Zwischenaufenthalten in Wien, München und Stuttgart nach Paris.
mini|hochkant|Ismail Gasprinski 1872 in Paris In Paris fand Gasprinskij eine Anstellung in der Anzeigenabteilung des Verlags Hachette.Rorlich: “Introduction”. 2008, S. 15. Er hielt Kontakt zur russischen Emigrantengemeinschaft und verdiente seinen Lebensunterhalt eine Zeitlang auch als persönlicher Sekretär von Iwan Sergejewitsch Turgenjew. Außerdem unternahm er Reisen durch England, Spanien und weitere europäische Länder. Seine Beobachtungen schilderte er später in den Broschüren und literarischen Werken Avrupa medeniyetine bir nazar-i muvazene („Eine ausgewogene Bewertung der europäischen Zivilisation“), Medeniyet-i islamiye („Islamische Zivilisation“) und Dar al-rahat Müslümanları („Muslime der friedlichen Wohnstätte“).Abdirashidov, Zaynabidin. Gasprinski, İsmail. In: Encyclopaedia of Islam, THREE. (hrsg.) Kate Fleet, Gudrun Krämer, Denis Matringe, John Nawas, Devin J. Stewart. Veröffentlicht 2015.
Ende 1874 reiste Gasprinskij schließlich über Marseille nach Istanbul. Dort unternahm er große Anstrengungen, in die türkische Kriegsakademie aufgenommen zu werden, doch als der russische Botschafter Ignatjew davon erfuhr, übte er Druck auf den Großwesir Mahmud Nedim Pascha aus, um dies zu verhindern. Während seines Aufenthalts in Istanbul sammelte Gasprinskij Informationen über Bildungseinrichtungen, Kultur und Geschichte, beobachtete das Alltagsleben der osmanischen TürkenRorlich: “Introduction”. 2008, S. 16. und schrieb für einige russische Zeitungen in St. Petersburg und Moskau unpolitische Artikel über das Leben im Orient. Nachdem er ein Jahr vergeblich auf Eintritt in die Kriegsakademie gewartet hatte, kehrte er 1875 auf die Krim zurück.
Tätigkeit als Bürgermeister von Bachtschyssaraj und Publizist Auf der Krim betätigte sich Gasprinski wieder als Russisch-Lehrer, zunächst in Jalta, dann ab 1876 erneut in Bachtschyssaraj an der Zindschirli-Medrese. In dieser Phase befasste er sich gedanklich vor allem mit dem Dorfleben bei den Krim-Tataren. 1876 oder 1877 heiratete er in Dereköy Samura Hanim, die Tochter eines lokalen Händlers, die über keinerlei Bildung verfügte. Die Ehe wurde jedoch nach zwei Jahren schon wieder geschieden. Am 5. März 1879 wurde er zum Bürgermeister von Bachtschyssaraj gewählt. Nachdem er mit einigen seiner Reformvorschläge in der Stadtverwaltung auf heftigen Widerstand gestoßen war,Kırımlı: National Movements and National Identity Among the Crimean Tatars (1905-1916). 1996, S. 33f. trat er von diesem Amt am 5. März 1884 wieder zurück.
1879 stellte Gasprinskij einen Antrag zur Herausgabe einer Zeitung, der aber von den russischen Behörden abgelehnt wurde. Ende Februar 1881 begann er unter dem Pseudonym „Junger Mullah“ in der russischsprachigen Zeitung Tavrida, die in Simferopol erschien, politische Artikel über die Muslime des Russischen Reiches zu veröffentlichen. Sie erschienen 1882 in erweiterter Form als Buch mit dem Titel Russkoye Musulmanstwo („Russischer Islam“).Togan: “Gaspralı (Gasprinski), Ismāʿīl”. 1959, S. 979b–980a. 1881 erhielt Gasprinskij endlich die Erlaubnis zur Eröffnung einer Druckerei. Hier druckte in den folgenden Jahren mehrere seiner Artikelsammlungen in krimtatarischer Sprache. Die erste davon war Tonguç, die ab Mai 1881 erschien.
1882 lernte Ismail Gasprinskij die gebildete Kasan-tatarische Fabrikantentochter Zühre Aktschura kennen, die mit ihrem Onkel Ibrahim Bey zum Kuraufenthalt auf die Krim gekommen war. Die Familie Aktschurin war sehr wohlhabend und gehörte wahrscheinlich zu den Nachfahren der Herrscher des Kassim-Khanats. Ismail Bey führte Zühre und ihren Onkel durch Bachtschyssaraj, lud sie zu einem Festmahl im Haus seiner Mutter ein, überreichte ihnen die von ihm herausgegebenen Artikelsammlungen und sprach auch über seine nationalen Bestrebungen. Danach besuchte er die beiden in Jalta, blieb einige Tage bei ihnen. Nachdem sie von der Krim nach Hause zurückgekehrt waren, korrespondierte er mit Zühre. Ende 1882 reiste er in das Gouvernement Simbirsk, besuchte Zühres Vater auf seinem Landgut und hielt bei ihm um ihre Hand an.
Nach vier Jahren des Bemühens, in denen er sich an zwei Gouverneure und drei Minister wandte und zahlreiche Reisen nach St. Petersburg unternahm, gelang es ihm schließlich, 1883 die Erlaubnis zur Veröffentlichung einer Zeitung zu erhalten, unter der Bedingung, dass der türkische Teil wortgetreu ins Russische übersetzt würde. Ihr Titel wurde ebenfalls sowohl auf Türkisch als auch auf Russisch geschrieben: Tercüman/Perewodtschik, was „Dolmetscher“ bedeutet. Die erste Ausgabe erschien am 22. April 1883, dem hundertsten Jahrestag der Annexation der Krim. Produktion und Vertrieb der Zeitung waren nur möglich durch die finanzielle und moralische Unterstützung seiner Frau Zühre. Sie spendete ihre Mitgift für das Projekt und assistierte ihrem Mann täglich bei der redaktionellen Arbeit.Rorlich: “Introduction”. 2008, S. 17. Durch die Heirat mit ihr konnte Gasprinskij auch seine Verbindungen zu den Kasaner Tataren intensivieren, denn Zühre verstand die dortigen türkischen Dialekte besser und konnte für ihn die Korrespondenz mit den Lesern aus dieser Region führen.
Gasprinskij stand auch in ständigem Kontakt mit aserbaidschanisch-türkischen Schriftstellern. Mustafa Davidovič, der mit ihm am Moskauer Militär-Lyzeum studiert hatte, ließ sich in Bachtschyssaraj nieder, wo er zwanzig Jahre lang Bürgermeister war und Ismail Bey bei seinen Unternehmungen half. Außerdem versammelte sich in der ersten Hälfte der 1880er Jahre ein kleiner Kreis von Unterstützern aus Bachtschyssaraj um Gasprinskij, darunter Hasan Nuri, Bekir Emekdar, Habibullah Efendi und Bayburtlu Süleyman Efendi.Kırımlı: National Movements and National Identity Among the Crimean Tatars (1905-1916). 1996, S. 53.
Usûl-ü Cadid: Das Projekt der muslimischen Bildungsreform