Die Homosexualität ist innerhalb des Christentums ein kontrovers und viel diskutiertes Thema. Praktizierte Homosexualität wird aufgrund biblischer Aussagen im Alten und im Neuen Testament von vielen Kirchen abgelehnt. Diese sehr breit formulierten biblischen Aussagen werden von vielen Theologen so ausgelegt, dass sie nur spezielle Situationen betrafen. Das Formulieren ethischer Richtlinien aufgrund von biblischen Aussagen ist eine Aufgabe der biblischen Hermeneutik und der christlichen Ethik. Hierbei werden mitunter biblische Prinzipien wie Liebe und partnerschaftliche Treue stärker gewichtet als einzelne Verbote.

Die römisch-katholische Kirche, die orthodoxen Kirchen, einige konservativere Kirchen der anglikanischen Gemeinschaft und die meisten evangelikalen und pfingstlerischen Freikirchen und Gemeinschaften sind der Meinung, gleichgeschlechtliche Sexualbeziehungen widersprächen dem Willen Gottes. Eine Reihe protestantischer Kirchen, vorwiegend in westlichen Ländern, haben sich akzeptierend gegenüber Homosexualität positioniert. Sie wird dort nicht als Sünde gesehen; teilweise werden gleichgeschlechtliche Partnerschaften akzeptiert und den Ehen von heterosexuellen Paaren gleichgestellt. Manche Kirchen haben zwar keine solche Gleichstellung, aber sie praktizieren kirchliche Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare.

Organisationen, die in Deutschland die Anliegen von Homosexuellen in den Kirchen vertreten, sind die Regenbogen-NAK, die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK e. V.), die christliche Initiative Zwischenraum (mit einem Fokus auf freikirchlichen Gemeinden) sowie die beiden ökumenischen Initiativen „Christlich-Sicher-Geborgen“ und „Kirche von unten“ (IKvu).

Aussagen der Bibel

In der Bibel werden an einigen Stellen gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen thematisiert. Dem Alten Testament zufolge verbietet Gott dem Volk Israel bestimmte sexuelle Beziehungen, darunter auch den Beischlaf von Männern bei Männern; : „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel“. In wird hinzugefügt, „dass man mit diesem Verhalten sein Leben verwirkt“.Klaus Haacker: Art. Homosexualität, IV. biblisch, in Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde, bearbeitete 2. Auflage, Bd. 2, 2019, Sp. 1266–1270 zu Lev 18 und 20: „Sexuelle Beziehungen zwischen Männern …“.

Das Verbot gleichgeschlechtlichen sexuellen Verhaltens steht in den beiden „Unzuchtskatalogen“So formuliert von in Lev 18 und 20. Dazwischen, in Lev 19, stehen zahlreiche ethische Regeln, etwa das Gebot der Nächstenliebe (). Manchmal wurde erwogen, ob die hier erwähnte Homosexualität im Rahmen eines bestimmten heidnischen Kults stand. Der Kontext bietet dafür jedoch keinen Anhaltspunkt.Haacker: Art. Homosexualität, IV. biblisch, in: ELThG, 2. Auflage, Bd. 2, Sp. 1266–1270: „Die gelegentliche Behauptung, dass ursprünglich nur die homoerotische Prostitution an heidnischen Tempeln gemeint sei, ist aus der Luft gegriffen.“ Der Einstieg zu diesen Unzuchtskatalogen besteht in der Warnung davor, die Lebensweise und die Regeln der Ägypter oder der Völker Kanaans zu übernehmen (). Hier ist kein Bezug speziell auf religiöse Kulte erkennbar.

Im Neuen Testament verurteilt Jesus in porneia („Prostitution“). Mit diesem Ausdruck wurde im Griechischen Geschlechtsverkehr mit mehreren Partnern außerhalb der heterosexuellen Beziehung bezeichnet, für die einer der Teilnehmer Geld entgegennahm, jedoch wird er von der katholischen und der orthodoxen Kirche als griechische Interpretation des hebräischen Unzuchtsbegriffs verstanden, der auch Sex, sogar in einer liebevollen Beziehung, vor der Ehe und homosexuellen Sex einschließt. Jesus hat in die Speise- und Zeremonialgesetze aufgehoben, demgegenüber aber in Mk 7,21f. betont, dass Geschlechtsverkehr außerhalb der Beziehung falsch sei.Bob Davies, Lori Rentzel: Coming Out of Homosexuality: New Freedom for Men and Women. Westmont (Il) 1993, S. 185.

Paulus behandelt das Thema Homosexualität in , in ; auch im vermutlich deuteropaulinschen kommt es zur Sprache. Gleichgeschlechtliches Sexualverhalten wird scharf verurteilt. Das in 1.Kor und 1.Tim gebrauchte griechische Wort arsenokoites lässt sich am ehesten übersetzen als „einer, der mit Männern geschlechtlich verkehrt“. Dieser seltene Begriff dürfte von der Septuaginta abgeleitet sein, denn dort steht an den beiden Levitikus-Stellen (18,22 und 20,13): „meta arsenos koitēn gynaikos“ (deutsch: der bei einem Mann wie bei einer Frau liegt).

Römisch-katholische Kirche

Die römisch-katholische Kirche besteht darauf, dass „jeder Person dieselbe fundamentale Identität zukommt, Geschöpf zu sein und durch die Gnade Kind Gottes, Erbe des ewigen Lebens“ und weigert sich von daher, eine Person ausschließlich als „heterosexuell“ oder „homosexuell“ einzustufen. Sie unterscheidet klar zwischen homosexuellen Neigungen und homosexuellem Tun. Gemäß der römischen Glaubenskongregation ist die homosexuelle Neigung oder Tendenz zwar objektiv ungeordnet und nicht dem Schöpfungssinn von Sexualität entsprechend, aber als solche noch nicht sündhaft, während bewusst und frei vollzogene homosexuelle Akte als schwere Sünde angesehen werden. Grundsätzlich sind alle Christen dazu aufgerufen, ein keusches Leben zu führen; von homosexuellen Menschen wird darüber hinaus gefordert, sie sollen sich der gleichgeschlechtlichen Sexualität vollständig enthalten.

Innerhalb der Kirche wird diese Haltung jedoch nicht in allen Ländern von der Mehrheit der Laien getragen, vielmehr gibt es große Unterschiede zwischen verschiedenen katholischen Gebieten. Die Akzeptanz von Homosexualität ist in Brasilien und auf den Philippinen mit über 70 % gleich hoch wie in vielen westlichen Ländern. Eine ältere Umfrage vom Januar 2001, durchgeführt von der Utrechter Universität im Auftrag der Zeitschrift Gay Krant, ergab, dass von 339 befragten katholischen Priestern in Holland 56 % eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft in ihrer Kirche segnen würden, 83 % würden dies im Privaten tun. In den Vereinigten Staaten ergab eine Umfrage, dass nur eine knappe Mehrheit von 55 % der Katholiken gegen die gleichgeschlechtliche Ehe sind. So zeigt sich bei manchen katholischen Theologen eine andere HaltungBeispielsweise Wiedergegeben unter ; andere Strömungen halten freilich mit dem offiziellen Lehramt der Kirche fest an der traditionellen Ablehnung.

Eine Befragung des Vatikans aus dem Jahre 2013 ergab, dass 60 Prozent der Befragten sich eine Anerkennung und Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften wünschen. Allerdings zeige sich hier eine Polarisierung zwischen entschiedener Ablehnung und klarer Zustimmung.

Die Familiensynode 2014 in Rom hat unter anderem über die ethische und theologische Anerkennung homosexueller Paare beraten. Ergebnisse dieser Diskussion sollen erst auf einer zweiten Synode im Herbst 2015 verkündet werden. Eine der häufigsten Forderungen (seitens der Bischofssynode 2014) war die nach einer veränderten Sprache. „Menschen zu brandmarken, hilft nicht“, fasste Pater Thomas Rosica die Redebeiträge im vatikanischen Pressesaal zusammen. Formulierungen wie „in Sünde leben“, „objektiv ungeordnet“ im Bezug auf Homosexualität oder „Verhütungsmentalität“ seien zu vermeiden, hätten Bischöfe gefordert. Betont wurde auch, homosexuelle Partnerschaften seien nicht grundsätzlich zu verurteilen. Wenn eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft über Jahrzehnte treu gelebt werde, könne man nicht sagen, „das ist nichts“. Die Reformvorschläge fanden auf der Synode nur eine einfache Mehrheit unter den anwesenden Theologen und Kardinälen, aber nicht die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit.

Im Juni 2016 forderte Papst Franziskus seine Kirche auf, sich für die Ausgrenzung und Diskriminierung Homosexueller zu entschuldigen.

Auf der vierten Synodalversammlung wurde schließlich am 9. September 2022 der Handlungstext „Lehramtliche Neubewertung von Homosexualität“ mit einer Mehrheit von 92 Prozent der Delegierten und 83 Prozent der Bischöfe angenommen, nachdem zuvor ein Grundsatztext zu derselben Thematik an der 2/3-Mehrheit der Bischöfe gescheitert war.Katholisch.de: Homosexualität und Arbeitsrecht: Synodaler Weg beschließt weitere Texte. Der Handlungstext hält fest (Nr. 6): „Verantwortete genitale Sexualität in Beziehungen zu einer anderen Person orientiert sich an der Achtung der Würde und der Selbstbestimmung, der Liebe und der Treue, der Verantwortung füreinander sowie den je spezifischen Dimensionen von Fruchtbarkeit. Sie vollzieht sich in Beziehungen, die auf Ausschließlichkeit und auf Dauer angelegt sind. Gleichgeschlechtliche – auch in sexuellen Akten verwirklichte – Sexualität ist damit keine Sünde, die von Gott trennt, und sie ist nicht als in sich schlecht zu beurteilen. Sie ist vielmehr an der Verwirklichung der genannten Werte zu messen.“Lehramtliche Neubewertung von Homosexualität, abgerufen am 19. April 2025.

Mit dem Dokument „Segnung gibt der Liebe Kraft“ ermöglichte die Deutsche Bischofskonferenz im April 2025 öffentliche Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare.Deutsche Bischofskonferenz: Segnung gibt der Liebe Kraft, April 2025

Orthodoxe Kirchen Nach der Lehre der orthodoxen Kirchen hat jeder Mensch böse Neigungen. Solche Neigungen an und für sich werden nicht als sündhaft angesehen, aber das Ausleben solcher Neigungen wird als Sünde betrachtet. Die Gläubigen sind angehalten, ihnen nicht nachzugeben, sondern sie ihr Leben lang zu bekämpfen. Aus orthodoxer Sicht ist praktisch niemand immer erfolgreich im Kampf gegen seine bösen Neigungen, aber es wird erwartet, dass die Gläubigen gegen sie ankämpfen, und dass Priester und Älteste sie dabei seelsorgerlich unterstützen und mit den Schwächen der Gläubigen Geduld haben. Da orthodoxe Christen aber dazu verpflichtet sind, volle Verantwortung für die Lehren und Praxis der Kirche zu tragen, kann jemand, der homosexuelle Handlungen gutheißt, nicht an der sakramentalen Gemeinschaft der orthodoxen Kirche teilhaben – das betrifft also nicht nur die Priesterweihe, sondern auch die Kommunion.Hopko: Christian Faith and Same-Sex Attractions, Kapitel 24 Same-Sex Attraction and Sacraments.

Während offen homosexuell lebende Schwule und Lesben nicht zu den Sakramenten zugelassen sind, vertritt die orthodoxe Kirche, dass sie bezüglich bürgerlicher Rechte nicht schlechter dastehen dürfen als andere Nicht-Orthodoxe, und ausdrücklich, dass es gegen die christliche Lehre ist, sie zu hassen oder zu verachten. Zum Zweck der bürgerlichen Gleichberechtigung werden von manchen Orthodoxen auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften befürwortet. Solche Partnerschaften werden jedoch nie als eheähnliche Verbindungen gesegnet. Wo gleichgeschlechtliche Partnerschaften gesetzlich als Ehe bezeichnet werden, wird das von orthodoxen Christen toleriert wie Gesetze über Abtreibung oder Scheidung toleriert werden, aber so wenig wie diese anerkannt oder befürwortet.Hopko: Christian Faith and Saime-Sex Attractions, Kapitel 19 Same-Sex Attraction and Civil Rights Inwieweit die Forderung nach gleichen bürgerlichen Rechten mit Nicht-Orthodoxen mit der Forderung der Russisch-Orthodoxen Kirche, dass Lesben und Schwule keine Berechtigung erhalten, sich in leitenden Militärfunktionen oder auf dem Gebiet der Bildung oder Erziehung beruflich zu betätigen, vereinbar ist, bleibt dahingestellt; ebenso wie die Teilnahme orthodoxer Christen an Gegendemonstrationen zu Lesben- und Schwulendemonstrationen, bei denen Lesben und Schwule mit Eiern beworfen und verprügelt worden sind, schwer mit der christlichen Lehre zu vereinbaren ist, dass Hass und Verachtung zu verurteilen seien.