mini|hochkant|Alexander Dugin (2023)

Alexander Geljewitsch Dugin (; * 7. Januar 1962 in Moskau) ist ein russischer ultranationalistischer politischer Philosoph, Publizist, Universitätslehrer und Politiker. Er war von 1994 bis 1998 Co-Vorsitzender der 2005 verbotenen Nationalbolschewistischen Partei Russlands (NBP); von 2010 bis 2014 leitete er den Lehrstuhl für Soziologie der Internationalen Beziehungen an der Soziologischen Fakultät der Lomonossow-Universität Moskau, heute lehrt er an der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität.

Dugin ist Ideengeber der extremen Neuen Rechten in Russland und gilt allgemein als Neofaschist und Vertreter eines eurasischen Imperialismus als aggressiver Gegenentwurf zum liberal geprägten westlichen Kulturraum.

Werdegang Frühe Jahre Dugin entstammt einer Soldatenfamilie.Atkins (2004), S. 81 f. Über den Vater existieren unterschiedliche Angaben, zu denen auch Dugin selbst beitrug.Andreas Umland: Aleksandr Dugin’s transformation from a lunatic fringe figure into a mainstream political publicist, 1980–1998: A case study in the rise of late and post-Soviet Russian fascism. In: Journal of Eurasian Studies 1 (2010) 2, S. 144–152. doi:10.1016/j.euras.2010.04.008 So sei dieser Oberst oder General gewesen und arbeitete für KGB oder GRU. Nach einem mittelmäßigen Schulabschluss besuchte Dugin in den 1970ern das Staatliche Luftfahrtinstitut in Moskau und wollte ursprünglich eine militärische Laufbahn einschlagen. Seit den 1980er Jahren war er Antikommunist. Aufgrund seiner Aktivitäten wurde er vom KGB beobachtet und schließlich vom Staatlichen Luftfahrtinstitut exmatrikuliert oder er schloss aufgrund seiner ungenügenden Leistungen sein Studium nicht ab. Ein biographischer Abriss behauptet, dass Dugin dann für den KGB tätig war, jedenfalls verdiente er sich seinen Lebensunterhalt vor allem als Straßenreiniger. Er gehört den altgläubigen Jedinowerzy an.zitiert nach:

Dugin spricht mehrere Sprachen, darunter Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch.

Politische Aktivitäten Parallel beschäftigte er sich mit rechtsradikalen und neofaschistischen Theorien. Er las mit oder ohne Zugang zum KGB-Archiv Werke von René Guénon, Ernst Jünger und Julius Evola.Shenfield (2001), S. 190 ff. In dieser Zeit, vielleicht auch schon eher, wurde er Mitglied des kleinen esoterischen Golowin-Zirkels („Schwarzer Orden der SS“Sokolov (2006), S. 112.) um Jewgeni Golowin, einem bekennenden faschistischen Mystiker. Dieser war einer seiner wichtigsten Mentoren. Von 1983 bis 1989 soll Dugin Vorsitzender des Zirkels gewesen sein. 1987 wurde Dugin Mitglied der radikal-nationalistischen und antisemitischen Gruppierung Pamjat, wo er auch in das Leitungsgremium aufrückte. Dort wurde er jedoch 1989 ausgeschlossen, wegen anti-sowjetischer Absichten und „Satanismus“, womit wohl seine Nähe zum Nazi-Okkultismus des Zirkels gemeint war. Aufgrund der nach seinem Empfinden geringen Intellektualisierung der Gruppe reiste er 1989 ins westeuropäische Ausland und traf verschiedene Ultranationalisten. Er begegnete u. a. Alain de Benoist und Jean-François Thiriart, die ihn zum russischen Traditionalismus zurückführten.

mini|Parteiflagge der von Dugin mitbegründeten Nationalbolschewistischen Partei Russlands

In Moskau gründete er in den Zeiten des Aufbruchs einen Verlag bzw. Buchladen namens Arktogeja und einen geopolitischen Thinktank. Die bei Arktogeya erschienenen Bücher sollten eine „Konservative Revolution“ im Sinne von Autorität, Kollektivismus, Hierarchie, Spiritualität und Tradition unterstützen. Er verlegte die Zeitschrift Giperborejez (für den Wortsinn siehe Hyperborea) und den Almanach Milyi angel sowie Werke von Autoren der Neuen Rechten aus Westeuropa. Eng arbeitete er ab 1991 mit Juri Mamlejew zusammen, dessen Bücher bei Dugin erschienen. Noch in den 1980er Jahren erfolglos, propagierte er in den 1990er Jahren seine Ideologie in verschiedenen Sendungen über den Hör- und Fernsehfunk und erreichte so auch die Studentenschaft. 1999 erschien dann das Zeitungsprojekt Jewrasijskoje wtorschenije (deutsch: „Eurasische Invasion“).

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1992/93 wurde er auch politischer Weggefährte von Eduard Limonow. 1993/94 war er Mitbegründer der Nationalbolschewistischen Partei Russlands (NBP), der er als Cheftheoretiker zur Verfügung stand. Von 1994 bis 1998 war er Co-Vorsitzender. 1998 verließ er diese Partei aufgrund des mangelnden Interesses an seinen Ansichten wieder. Wegen verfassungsfeindlicher Bestrebungen wurde die Partei später verboten.

1996 begann er unregelmäßig in der Zeitung Nesawissimaja gaseta zu schreiben, die ihm ein Forum für seine Ideologie bieten sollte. Dugin profilierte sich im Bereich Geopolitik, gab u. a. Seminare an der Militärakademie des Generalstabes der Russischen Streitkräfte und soll weitere Kontakte in Militärkreise gepflegt haben. Er näherte sich ferner der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF) an und wurde Berater von Gennadi Selesnjow, dem Sprecher der Duma (1996–2003), der ihn in die russischen Machtzirkel einführte. Außerdem wurde er Autor der nationalistischen Zeitschrift Den (heute: Sawtra). Heute gehört er dem Editorial Board an. 2001 initiierte er die eurasische Bewegung, die um die Unterstützung von religiösen Führern wie etwa Talgat Tadschuddin und Awrom Schmulewitsch wusste. Am 21. Juni 2002 gründete er die globalisierungsfeindliche, radikal-„zentristische“ Eurasische Partei, deren Vorsitzender er ist.Saunders & Strukov (2010), S. 153.Rede Dugins zur Vorbereitung der Parteigründung, Memento vom 8. April 2002 im Internet-Archiv abrufbar; abgerufen am 12. Juni 2022. Dugin sagte: »During its nine months existence the movement EURASIA has reached the maturity required for becoming a Party.«, Zitat kopiert von der englischsprachigen Seite der Eurasischen Bewegung (engl. »Eurasia Movement«). Am 26. Februar 2005 gründete Dugin die Eurasische Jugendunion als Jugendorganisation der Eurasischen Partei.Erster Snapshot der Website vom 3. März 2005 im Internet-Archiv, abgerufen am 10. Juni 2022. Er gilt als Unterstützer der Eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft.

Dugin ist Mitglied der rechtsextremen Denkfabrik Isborsk-Klub.Andreas Umland: Analyse: Neue rechtsextreme Intellektuellenzirkel in Putins Russland: das Anti-Orange Komitee, der Isborsk-Klub und der Florian-Geyer-Klub. Dossier Russland, Bundeszentrale für politische Bildung, 3. Mai 2013. Laut dem russischen Oligarchen Konstantin Malofejew ist Dugin Chefredakteur des von Malofejew gegründeten Senders Zargrad und des ebenfalls von Malofejew ins Leben gerufenen Thinktanks Katehon.Nach Anschlag unter Verdacht: AfD-Netzwerker kämpft für ein russisches Europa. www.t-online.de, 30. Januar 2019

Lehrstuhl Obwohl Dugin erst spät an eher unbedeutenden Bildungseinrichtungen (Nowocherkassk State Melioration Academy, North-Caucasian Higher School Scientific Center/Rostov-on-Don, Juristisches Institut des Innenministeriums der Russischen Föderation/Rostow)Andreas Umland: Fascist Tendencies in Russian Higher Education: The Rise of Aleksandr Dugin and the Faculty of Sociology of Moscow State University. In: Demokratizatsiya, Spring 2011. Abschlüsse erwarb, wurde er 2010 Professor an der renommierten Lomonossow-Universität, wo er den Lehrstuhl für Soziologie der Internationalen Beziehungen an der Soziologischen Fakultät leitete. Im Juni 2014 gab er bekannt, dass sein Vertrag wegen seiner „politischen Position zu Noworossija“ nicht mehr verlängert werde.

Anlässlich des russischen Kriegs in der Ukraine 2014 rief Dugin in einem Interview zum Mord an Unterstützern der ukrainischen Regierung auf. „Töten, töten, töten, das ist meine Meinung als Professor“, so Dugin.Spiel im Schatten – Putins unerklärter Krieg gegen den Westen. In: ARD, 4. Juli 2016, ab ca. Minute 24:00. Außerdem seien die „schrecklichen Leute“, die in Kiew an der Macht seien, zu töten und tote Russen seien „mit dem Blut der Kiewer Junta“ zu vergelten. Eine Petition mit mehr als 10.000 Unterzeichnern forderte seine Entlassung. . In: Russian News. 29. Juli 2014.Catherine A. Fitzpatrick: . In: The Interpreter. 29. Juni 2014Fred Weir: With Ukraine rebels on the ropes, some Russians ask: Where is Putin?. In: Christian Science Monitor. 7. Juli 2014Julia Smirnova: Putins Vordenker, ein rechtsradikaler Guru. In: Die Welt. 11. Juli 2014 Die tatsächlich erfolgte Entlassung Dugins interpretierte Herwig Höller von der Wiener Zeitung als Zeichen von dessen schwindendem Einfluss.Herwig G. Höller: Kriegsfraktion in Russland verliert an Einfluss. In: Wiener Zeitung. 14. Juli 2014 Dugin ist bereits seit 2007 die Einreise in die Ukraine verboten.

Dugin leitet heute die Iwan-Iljin-Schule für Politik an der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität.

Philosophie und Geopolitik mini|Parteiflagge der von Dugin 2002 gegründeten „Eurasischen Partei“. Es enthält das Chaossymbol, das den Elric-Romanen von Michael Moorcock entstammt. Dugin vertritt antiwestliche und antiliberale Positionen und propagiert über internationale Netzwerke das „geopolitische Konzept eines Neo-Eurasismus“ auf der Basis eines in Opposition zu den Vereinigten Staaten stehenden „großrussischen Reiches von Dublin bis Wladiwostok“ unter der Führung Russlands.Stefan Wiederkehr: »Kontinent Evrasija« – Klassischer Eurasismus und Geopolitik in der Lesart Alexander Dugins. In: Markus Kaiser (Hrsg.): Auf der Suche nach Eurasien. Politik, Religion und Alltagskultur zwischen Russland und Europa. Transcript, Bielefeld 2004, ISBN 3-89942-131-0, In Politikwissenschaft und Medien wird er als „Vordenker“ (Der Spiegel), „Einflüsterer“ (FAZ) oder „Lehrmeister“ (Focus Online) des russischen Präsidenten Wladimir Putin oder auch als „Rasputin“ bezeichnet.

Die Entstehung von Dugins Anschauungen weist exzentrische Züge auf. Als Mitglied des Kreises um Golowin war er mit okkulten Ideen konfrontiert, deren Sprache er nie ganz aufgab. Dugin beschäftigte sich zeitweise mit Aleister Crowley, über den er zwei Aufsätze verfasste. Er verstand ihn als einen „konservativen Revolutionär“ und beschrieb einen von Crowley erwarteten chaotischen Punkt des Umschwunges zum Besseren, zur Reinigung der Welt. Dieser Punkt liege zwischen den Äonen des Horus und des Osiris. Crowley habe zu seiner Zeit verschiedene Extremismen unterstützt, um gegen die falsche Ordnung subversiv vorzugehen.