mini|Gunnar Heinsohn (2013)

Gunnar Heinsohn (* 21. November 1943 in Gotenhafen, Deutsches Reich; † 16. Februar 2023 in Danzig, Polen) war ein deutscher Professor für Sozialpädagogik an der Universität Bremen, der sich vor allem als Soziologe und freier Publizist betätigte. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er durch Chronologiekritik und umstrittene Thesen zu Bevölkerungspolitik und Demographie bekannt.

Leben Heinsohn war der dritte Sohn des U-Boot-Kommandanten Heinrich „Henry“ Heinsohn (1910–1943) und der Roswitha Heinsohn (1917–1992), Tochter Hermann Maurers. Heinrich Heinsohn war in Gdingen (damals eingedeutscht „Gotenhafen“) stationiert und kam noch vor der Geburt des Sohnes bei der Versenkung seines U-Bootes U 438 ums Leben.Eintrag Heinrich Heinsohn auf: Deutsche U-Boote 1935–1945 (ubootarchiv.de). Im Juni 1944 kam die Familie nach Blankenhagen in Pommern. Im Januar 1945 folgte die Flucht nach Schashagen, 1950 zog die Familie dann nach Pützchen bei Bonn.

Heinsohn studierte ab 1964 an der Freien Universität Berlin einige Semester Jura, danach Publizistik, Soziologie, Psychologie, Geschichte, Wirtschaftswissenschaft und Religionswissenschaft. 1971 erlangte er sein Diplom in Soziologie mit einer Arbeit über Vorschulerziehung und Kapitalismus und wurde 1974 mit summa cum laude mit einer Dissertation über Vorschulerziehung in der bürgerlichen Gesellschaft: Geschichte, Funktion, aktuelle Lage promoviert.

Von 1973 bis 2009 lehrte er an der Universität Bremen Sozialpädagogik. Von Oktober 1976 bis März 1978 ließ er sich für einen Forschungsaufenthalt in den israelischen Kibbuzim (Adamit, HaSoreʿa und Jahel) beurlauben.

1982 wurde Heinsohn zum zweiten Mal mit dem besten Prädikat promoviert, diesmal in Wirtschaftswissenschaften, seine Dissertation befasst sich mit dem Kibbutz-Modell: Bestandsaufnahme einer alternativen Wirtschafts- und Lebensform nach 7 Jahrzehnten.

Von 1982 bis 1993 verbrachte er jährlich mehrere Monate in Toronto, um dort im Lesesaal der Robarts Research Library an seinen Projekten zu arbeiten.

1984 wurde Heinsohn als Professor für Sozialpädagogik an die Universität Bremen berufen.

Ab 1993 war er Sprecher des von ihm gegründeten Instituts für vergleichende Völkermordforschung (Raphael-Lemkin-Institut für Xenophobie- und Genozidforschung).Jürgen Plieninger: Rezension zum Lexikon der Völkermorde, in: Informationsmittel für Bibliotheken 7 (1999).

Heinsohn lehrte Eigentumsökonomie in den Masterkursen am Managementzentrum St. Gallen und am Institut für Finanzdienstleistungen Zug, einem der fünf Institute der Hochschule Luzern, sowie Kriegsdemographie an der Bundesakademie für Sicherheitspolitik und am NATO Defense College.

Er publizierte Beiträge in verschiedenen Zeitungen wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Zeit und dem Schweizer Monat, ferner in Onlinemedien wie der Achse des Guten.Profil und Beitragsliste von Gunnar Heinsohn bei der Achse des Guten.

Arbeitsfelder und Rezeption Mehrere Monografien Heinsohns stießen in den Medien auf starke Resonanz. So wurde Warum Auschwitz? im Februar 1995 unter den Sachbüchern des Monats von der Süddeutschen Zeitung und dem NDR auf den dritten Platz gewählt; Die Erschaffung der Götter kam 1997 auf den ersten Platz der Bestenliste der Gegenwart.Nr. 35, 4. Quartal 1997. Von den Fachwissenschaften wurden Heinsohns Publikationen teilweise positiv rezipiert, teilweise auch kritisch. Letzteres galt besonders für seine Untersuchung zum Verhältnis von Hexenverfolgung und Demographie (Die Vernichtung der weisen Frauen, 1985, insgesamt 14 Auflagen) oder sein Infragestellen verschiedener Chronologien (Wann lebten die Pharaonen? 1990).

Ökonomie

Privateigentum, Patriarchat, Geldwirtschaft, 1984 Die Werke zur Ökonomie publizierte Heinsohn meist gemeinsam mit Otto Steiger. In ihrem Werk Privateigentum, Patriarchat, Geldwirtschaft. Eine sozialtheoretische Rekonstruktion zur Antike (1984) kritisieren die Autoren die „herrschende Lehre“ (nach Carl Mengers Österreichischer Schule), dass es sich schon in den antiken Wirtschaften um arbeitsteilige Marktwirtschaften gehandelt habe, in denen Geld als universelles Tauschmittel für den Austausch von Gütern eingesetzt wurde. Dieses Geld sei dann auch für den Landkauf eingesetzt worden, wodurch das Privateigentum entstanden sei.

Nach Heinsohns und Steigers debitistischer Auffassung war im Gegensatz dazu das Privateigentum an Land Grundlage der Geldwirtschaft der Antike. Dieses neue rechtliche Eigentum, unterschieden vom tatsächlichen Besitz, sei historisch erstmals im Zuge der Sklavenaufstände der Antike beim Untergang von Mykene entstanden. Durch Eigentumstitel lässt sich Grundeigentum belasten, verpfänden und verkaufen. Die Vertragsverhältnisse zwischen Gläubigern und Schuldnern benötigen Geld und Zins als Mittel. Geld in Form von übertragbaren Schuldscheinen sei nicht durch Tauschakte, sondern durch Verpfändung von Eigentum gegen Zins entstanden.

Geld im Sinne von Schuldscheinen wird demnach nicht als Tauschmittel gesehen, sondern als Ausdruck eines Eigentumsanspruchs: Der Besitz von Geld stelle auch heute noch eine Forderung nach der Rückgabe oder den Erhalt von Gütern dar, obwohl der Anspruch selbst nicht durch Werthaltigkeit des Geldes oder ein bestehendes Gut gedeckt sein muss, sondern lediglich aus dem abstrakten, gedachten und geglaubten Eigentumstitel im Vermögen der Emissionsbank entstehen kann. Dieser Anspruch auf Eigentum werde von der emittierenden Bank vergeben, ohne dass die Bank selbst einen Gegenwert dazu besitzen noch weitergeben müsse. Diese vergebenen Ansprüche würden zum Vermögen der Bank gerechnet, das sie für weitere Kreditschöpfung nutzt.Dietmar Herz und Veronika Weinberger: Lexikon ökonomischer Werke, Wirtschaft und Finanzen, Düsseldorf 2006, S. 186–190.

Eigentum, Zins und Geld, 1996 1996 legte Heinsohn gemeinsam mit Otto Steiger (1938–2008) den Band Eigentum, Zins und Geld vor, der zuletzt in achter Auflage 2018 herauskam (Ergänzungsband 2002). Darin vertreten sie die These, Geld entstehe, „sobald ein Eigentümer Ansprüche gegen sein Eigentum einem anderen Eigentümer kreditiert, wofür dieser Zins und Tilgung verspricht sowie einen Teil seines Eigentums verpfändet.“

Geldschöpfung aus dem Nichts bezeichneten die Autoren als „Willkürgeld“. Nur belast- und verpfändbares Eigentum stelle eine verlässliche Basis für die Geld- wie für die Kreditschöpfung dar.Heinsohn und Steiger: Eigentum, Zins und Geld, S. 247 und 441;. Dietmar Herz und Veronika Weinberger: Lexikon ökonomischer Werke, Wirtschaft und Finanzen, Düsseldorf 2006, S. 186–190

Der Ökonom Bernd Senf kritisierte 1999, damit sei die Möglichkeit gegeben, von der Forderung nach Anbindung an Bodenbesitz abzuweichen, wenn auch mit gravierenden Folgen. „Man könnte diese Sicherung allenfalls als eine notwendige Bedingung für die Stabilität des Geldes formulieren, aber doch nicht als eine Beschreibung der Wirklichkeit.“Bernd Senf: Die kopernikanische Wende in der Ökonomie? Eine Würdigung und Kritik des Buches „Eigentum, Zins und Geld“ von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger. in: Zeitschrift für Sozialökonomie (1999) hier online von der Homepage Bernd Senfs, S. 16.

Eigentumsökonomik, 2008 12 Jahre nach der Erstausgabe ihres Buches Eigentum, Zins und Geld erschien eine Neudarstellung ihrer Theorie der Eigentumsökonomik. Dieses Werk berücksichtigt die Debatten seit der Erstausgabe, an denen die Autoren mit vielen Aufsätzen teilgenommen hatten, die in zwei Sammelbänden erschienen waren.

Rezeption der ökonomischen Theorie Der Ökonom Christoph Deutschmann lobte Heinsohn und Steiger 1998 dafür, dass sie Geld als Thema ernst nehmen, das in der neoklassischen Theorie als bloßes Tauschmittel angesehen werde und daher keiner eigenen ökonomischen Betrachtung bedürfe. Gleichzeitig kritisiert er die zirkuläre Struktur des Arguments von Heinsohn und Steiger, der Zins sei eine Prämie auf das Eigentum, Eigentum sei gegen Zinsen belastbar und verpfändbar. Dies sei eine Tautologie.Christoph Deutschmann: Der Euro und die Utopie des Geldes: Ein Kommentar zu Gunnar Heinsohn / Otto Steiger und Jochen Hörisch (in Heft 4/1997). In: Leviathan 26, Heft 1 (1998), S. 5–11, hier S. 5 f.

Der Finanzwissenschaftler Jürgen Backhaus bezeichnete 1999 Heinsohns und Steigers Annahmen als zutreffend und äußerte, dass sie in wirtschaftswissenschaftlichen Seminaren eine Rolle spielen könnten. Gleichzeitig zeigte er sich durch ihren Anspruch irritiert, etwas Neues entdeckt zu haben: Ihre Eigentumstheorie finde sich bereits in den Werken mehrerer anderer Wissenschaftler, so bei Svetozar Pejovic und Harold Demsetz. Jürgen G. Backhaus: Money and Its Economic and Social Functions: Simmel and European Monetary Integration. In: The American Journal of Economics and Sociology 58, Heft 4 (1999), S. 1075–1090, hier S. 1079 f.

Weitere kritische Auseinandersetzungen mit Heinsohns und Steigers Thesen finden sich 1998 bei Nikolaus K. A. Läufer,Nikolaus K. A. Läufer: , 26. Juni 1998. in dem 1999 von Karl Betz und Tobias Roy herausgegebenen Sammelband,Karl Betz, Tobias Roy (Hrsg.): Privateigentum und Geld. Kontroversen um den Ansatz von Heinsohn und Steiger, Metropolis, Marburg 1999. in Veröffentlichungen des Geldmuseum der Deutschen Bundesbank, hrsg. von der Deutschen Bundesbank. und 2012 bei Axel Paul.Axel Paul: Die Gesellschaft des Geldes. Entwurf einer monetären Theorie der Moderne, Springer-Verlag, zweite erweiterte Auflage 2012, insbes. S. 164ff.

Im angelsächsischen Raum ist die Rezeption positiver: Ingo Sauer vermerkte 2015, dass angelsächsische Autoren, zuweilen ohne Kenntlichmachung der deutschsprachigen Diskussionen, die Betrachtungsweise von Heinsohn und Steiger adaptierten, wie etwa David Graeber, der die beiden Autoren in einer Fußnote nenne,David Graeber: Debt. The First 5,000 Years, Melville House, New York, S. 396, auf Deutsch: Schulden. Die ersten 5000 Jahre, Klett-Cotta, Stuttgart 2012. oder Felix Martin, der die beiden Autoren nicht zu kennen scheine.Felix Martin: Money. The Unauthorised Biography, Bodley Head, London 2013. Fredmund Malik lobte 2016 in einer Festschrift für Heinsohn, dass sein Ansatz „der praktischen Sichtweise der Unternehmen und insbesondere jener der Finanzchefs von Wirtschaftsunternehmen“ entspreche. Das Werk sei damit von „unschätzbar praktischem Wert für eine wirksame Führung, Steuerung und Gestaltung der Organisationen unserer Komplexitätsgesellschaft“.Fredmund Malik: Eigentumsökonomische Unternehmensführung, in: Jan Beaufort, Frank Decker (Hrsg.): „Eigentum, Zins und Geld“ nach 20 Jahren: Festschrift für Gunnar Heinsohn, Metropolis, Marburg 2016, 199-225, hier S. 200 und 223. Nach Auffassung von Rolf Steppacher, Genf, hat die neoklassische Ökonomie „not even understood the logic of private property, the money logic, and its difference to possession logic. Understanding this was the contribution of Heinsohn and Steiger“.Andrew Mearman, Sebastian Berger, Danielle Guzzo: What is Heterodox Economics? Conversations with Leading Economists, Routledge, London 2019, S. 104.

Kritik der Euroeinführung Zwischen 1997 und 2003 kritisierten Heinsohn und Steiger in etwa dreißig Aufsätzen die Einführung des Euro, weil eine Einheitswährung nur bei gleicher Qualität der Eigenkapitale der nationalen Zentralbanken und bei identischen Sicherheitsanforderungen an das von ihnen akzeptierte Kollateral der Geschäftsbanken funktionieren könne. Beide Bedingungen seien unerfüllt geblieben.Siehe Gunnar Heinsohn, Otto Steiger: The Euro Debate: A Weak Bank Means a Weak Euro, in: The Wall Street Journal Europe, 1. Juli 1997; dies.: Drei Achillesfersen des Euro: Mängel der neuen monetären Ordnung n Europa, in: Neue Zürcher Zeitung Nr. 50, 2. März 1999; dies.: The Eurosystem and the Art of Central Banking, in: Studi economici 76 (2002) 5–30.

Genozidforschung