Johannes Cremerius (* 16. Mai 1918 in Moers; † 15. März 2002 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher Psychiater und Psychoanalytiker in der Tradition Freuds, zugleich „einer der engagiertesten Kritiker der institutionalisierten Psychoanalyse“Ein psychoanalytischer Aufklärer, Rezension von Ludger Lütkehaus und ein Vorkämpfer für Psychosomatische Medizin und Interdisziplinarität. Er war ordentlicher Professor für Psychosomatik und Ärztlicher Direktor der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Freiburg im Breisgau.

Cremerius’ Aufsatz Die Verwirrungen des Zöglings T. und sein Buch Vom Handwerk des Psychoanalytikers wurden in die Liste der 100 Meisterwerke der Psychotherapie aufgenommen.Alfred Pritz (Hrsg.): Einhundert Meisterwerke der Psychotherapie. Wien, New York 2008, S. 42–46

Kindheit und Jugend Johannes Cremerius, im Rheinland geborener Sohn von Hertha Cremerius, geborener Jahnm, und des Johann Cremerius, Maschinist im Eisenhüttenwerk Rheinhausen, wuchs in Uerdingen in einem streng evangelischen Elternhaus auf. Bereits im Krefelder Realgymnasium interessierte er sich besonders für Deutsch, Geschichte, Religion und Sprachen. Er hatte zeitweise Kontakt zum Nerother Wandervogel, der 1933 verboten wurde. Der junge Cremerius war belesen und wandte sich schrittweise so der Freudschen Psychoanalyse zu. Cremerius wurde bei Kriegsbeginn 1939 nicht sofort eingezogen, sondern konnte mehrere Semester von seinem in Gießen, Leipzig und Freiburg im Breisgau begonnenen Medizinstudium bis 1941 an der Universität Pavia in Italien nachgehen. Dort hatte er Kontakt zum Italienischen Widerstand. Der Abschluss des Studiums erfolgte mit dem Medizinischen Staatsexamen 1944 in Freiburg im Breisgau. Im Oktober 1944 wurde er an die Ostfront abkommandiert, wo er als Lazarettarzt den Rückzug miterlebte. Über Danzig gelang ihm die Flucht nach Kiel, wo er in englische Gefangenschaft geriet, die er als freiwilliger Militärarzt auf einem Minensuchboot unter englischer Flagge auf der Ostsee verbrachte. Im Oktober 1945 wurde er aus der Gefangenschaft entlassen und kehrte nach Uerdingen zurück. 1946 heiratete er seine langjährige Studienfreundin Annemarie Stolz (1919–2014) aus Freiburg im Breisgau; aus der Ehe ging die Tochter Janine hervor.

Berufliche Entwicklung Im Jahr 1946 begann er eine Facharztausbildung in der Klinik Düsseldorf-Grafenberg. Beruflich erweiterte Cremerius in der Zeit zwischen 1946 und 1948 seinen Horizont durch den Besuch der Vorlesungen von Franz Sioli und das Studium der psychiatrischen Literatur. 1948 beendete er seine Facharztausbildung und erhielt das Angebot, die Leitung der Psychosomatischen Beratungsstelle an der Universitäts-Poliklinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München unter dem Poliklinik-Direktor Walter Seitz zu übernehmen. Von 1950 bis 1960 wirkte er dann als Leiter der Beratungsstelle. In der Psychosomatischen Beratungsstelle richtete er ein Zentrum zur Begutachtung für Verfolgte des Nazi-Regimes ein, deren Verfolgungsschäden damals insbesondere von deutschen Psychiatern nicht anerkannt worden waren.

Cremerius war Mitglied der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung und der Deutschen Gesellschaft für Psychotherapie und Tiefenpsychologie.

Neben seiner beruflichen Laufbahn interessierten Johannes Cremerius und seine Frau sich für Kunst und pflegten Kontakt und Freundschaften zu namhaften Künstlern wie Ewald Mataré, Otto Dix, Hermann Teuber, Karl Hofer und Ferdinand Macketanz.Ein Leben als Psychoanalytiker in Deutschland, ISBN 3-8260-3295-0.

Der Aufstieg der psychoanalytisch orientierten psychosomatischen Medizin nach dem Krieg ist eng mit seinem Namen verbunden. Er habilitierte sich 1965 und begann seine Lehrtätigkeit an der Universität Gießen in Zusammenarbeit mit Thure von Uexküll und Horst-Eberhard Richter. In Gießen wurde er 1968 Wissenschaftlicher Rat und Professor. 1972 wurde er ordentlicher Professor für Psychosomatik in Freiburg im Breisgau und lehrte dort als erster Direktor der neu gegründeten Psychosomatischen Universitätsklinik bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1993. Zusammen mit Gaetano Benedetti gründete er 1970 in Mailand das Institut für psychoanalytische Therapie, ein alternatives Ausbildungsinstitut frei von hierarchischen Strukturen und institutionellen Vorgaben, in dem er über seine Emeritierung hinaus tätig war. Er bemühte sich um innovative Weiterentwicklung der Psychoanalyse sowie um interdisziplinäre Zusammenarbeit. Cremerius vertrat eine Psychoanalyse, die an Freuds aufklärerischem Ethos orientiert und von starkem politischem Engagement geprägt war. Gleichzeitig kritisierte er ab den 1980er Jahren die institutionalisierte psychoanalytische Ausbildung als unanalytisch und durch Machtinteressen korrumpiert.

Seine Schriften umfassen Werke zur Beurteilung des Behandlungserfolges in der Psychotherapie, zur Rezeption der Psychoanalyse in Soziologie, Psychologie und Theologie, zur Theorie und Praxis der psychosomatischen Medizin und vor allem das Monumentalsammelwerk eines Praktikers: Vom Handwerk des Analytikers (2 Bde., 1984), in welchem er eine Akzentverschiebung der Freud’schen Psychoanalyse hin zur Übertragungs-Gegenübertragungs-Dynamik vornahm.

Cremerius war in hohem Maße innovativ. In Freiburg war das Forum „Psychoanalyse und Literatur“ mit den weithin beachteten „Freiburger literaturpsychologischen Gesprächen“ auf das Engste mit seinem Namen verknüpft.

Genealogisch und von ihrem Impuls her gehörte die Psychoanalyse für ihn in den Zusammenhang der großen europäischen Aufklärung, deren genuine Erben Sigmund Freud und auch Karl Marx waren. Aber für den praktizierenden Lichtenbergianer ging es nicht nur um das Ethos der Aufklärung, sondern auch um die im und am analytischen Prozess erlebte Lust.

Johannes Cremerius war unter anderem in München, den USA und Zürich tätig. Zudem war er Berater des Fischer-Verlags für die Buchrrihe Conditio Humana.

Im Jahr 1969 hatte er den Preis der Schweizer Gesellschaft für Psychosomatische Medizin erhalten.

Publikationen (Auswahl) Arbeitsberichte aus der psychoanalytischen Praxis. Tübingen 1998. Vom Handwerk des Psychoanalytikers. 2 Bände. 1984 (Autobiografie). Psychoanalyse und Erziehungspraxis. S. Fischer, Frankfurt am Main Freud und die Dichter. Psychosozial-Verlag, Gießen, mit anderen: Psychoanalyse, Über-Ich und soziale Schicht. Die psychoanalytische Behandlung der Reichen, der Mächtigen und der sozial Schwachen. 1979. Zur Theorie und Praxis der Psychosomatischen Medizin. 1978. Psychanalytische Textinterpretation. 1975. Psychoanalytische Erziehungsgespräche. 1971. Neurose und Genialität. Psychoanalytische Biographie. 1971. als Hrsg.: K. Abraham, Psychoanalytische Studien. 2 Bände. 1969–1971. als Hrsg.: Die Rezeption der Psychoanalyse in der Soziologie, Psychologie, Theologie bis 1940. Die Prognose funktioneller Syndromen. 1968. Was ist Süchtigkeit? Zürich 1962. Die Beurteilung des Behandlungserfolges in der Psychotherapie. 1962. Psychotherapie als Kurzbehandlung in der Sprechstunde. 1951.

Literatur Johannes Cremerius: Ein Leben als Psychoanalytiker in Deutschland. Hrsg. von Wolfram Mauser unter Mitwirkung von Astrid Lange-Kirchheim, Joachim Pfeiffer, Carl Pietzcker und Petra Strasser. Königshausen & Neumann, Würzburg 2005, ISBN 3-8260-3295-0. Martin Kumnig: Johannes Cremerius. In: Stumm/Pritz et al. (Hrsg.): Personenlexikon der Psychotherapie. Wien / New York 2005, S. 96–97. Helmut Reiff, Johannes Cremerius: Johannes Cremerius zum Gedenken. Quo vadis Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag, Gießen 2002, ISBN 978-3-89806-149-0. Cremerius, Johannes. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s Who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 197.

Vorträge Das Geld im therapeutischen Setting, Lindauer Texte zu den Lindauer Psychotherapiewochen 1994, S. 222–233 Springer-Verlag 1995 (PDF) Persönliche Veränderung als Voraussetzung für Psychotherapie, Lindauer Texte zu den Lindauer Psychotherapiewochen 1990, S. 88–99 Springer-Verlag 1991 (PDF)

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Einzelnachweise

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