mini|Bielefeld vor 1872 Die Geschichte der Stadt Bielefeld umfasst die Entwicklungen auf dem heutigen Gebiet der ostwestfälischen Stadt Bielefeld von der ersten Besiedlung bis zur Gegenwart.
Gründung und Entwicklung im Mittelalter mini|Alter Markt (1980) Bereits zur Mitte des 9. Jahrhunderts wurde der Ort erwähnt, als dem Kloster Corvey ein Mansus in Bylanuelde übertragen wurde.Reinhard Vogelsang: Geschichte der Stadt Bielefeld. 1. Band: Von den Anfängen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Bielefeld 1980, ISBN 3-88049-128-3, S. 31Hans Adolf Kastrup: Zur Erwähnung Bielefelds in einer Corveyer Traditionsnotiz aus dem 9. Jahrhundert. In: 75. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg (1984/85), S. 7–65 Die erste Erwähnung der Stadt Bielefeld stammt aus dem Jahr 1214 und ist in einer Vertragsurkunde des Grafen Hermann II. von Ravensberg und des Klosters Marienfeld zu finden. Bielefeld gehörte zu den zahlreichen Stadtgründungen des Hochmittelalters und entstand mit der Absicht, die Herrschaft des Landesherrn zu sichern, da sie an der Südgrenze der Grafschaft Ravensberg lag. Bielefeld gehörte zur Zeit der Stadtgründung noch zum Kirchspiel Heepen.Geschichte des Kirchspiels Heepen Heimatverein Heepen, abgerufen am 5. Juli 2019 Eine selbständige kirchliche Gemeinde in Bielefeld wurde 1236 errichtet, zunächst mit einer Kapelle an der Stelle der Altstädter Nicolaikirche. Diese selbst wurde im 14. Jahrhundert erbaut.
Außerdem plante Hermann II., den Ort als Kaufmannsstadt und Hauptstadt der Grafschaft auszubauen, um so seine finanzielle Situation zu verbessern. Aufgrund ihrer Lage an der Kreuzung mehrerer alter Handelswege und an einem wichtigen Pass über den Teutoburger Wald entwickelte sich Bielefeld schnell zum Wirtschafts- und Finanzzentrum der Grafschaft Ravensberg und zog viele Kaufleute aus dem Umland und dem nahe gelegenen Münster an. Wie in der damaligen Zeit üblich, war Bielefeld durch Wassergräben und Mauern vom Umland abgetrennt. Nur tagsüber waren die Stadttore geöffnet. Das mittelalterliche Stadtbild wurde durch das damals wichtigste Handelszentrum der Stadt geprägt, den heutigen Alten Markt, sowie durch das Rathaus und die Altstädter Nicolaikirche.
Um 1240 begann der Bau der Sparrenburg auf dem westlichen Sporn des Sparrenberges, die urkundlich erstmals 1256 erwähnt wird und nach ihrer Fertigstellung als Wohnsitz des Landesherrn und seines Gefolges diente. Außerdem sollte die Burg die Stadt und den Pass über die Berge des Teutoburger Waldes schützen. Allerdings hatte die Burg damals ein völlig anderes Aussehen als heute und bestand nur aus einer rechteckigen 45 mal 85 Meter großen Schildmauer, in deren Inneren sich ein Turm sowie Wohngebäude, Lagerräume und Stallungen befanden. 1287 wurde das schon früher eingeführte münsterische Stadtrecht bestätigt.Heinrich Gottfried Gengler: Regesten und Urkunden zur Verfassungs- und Rechtsgeschichte der deutschen Städte im Mittelalter. Erlangen 1863, S. 219–223.
Ab 1293 entstand die Neustadt, als die zum Bau der Burg benötigten Handwerker am Fuße des Sparrenberges vor den Toren der Stadt siedelten. Die Neustadt wuchs ungeplant, hatte jedoch mit der Neustädter Marienkirche eine eigene Kirche, die später zur Familienkirche des Ravensberger Grafen Otto III. und seiner Gemahlin Hedwig umgebaut wurde. Neben ihrer Pfarrfunktion war die Kirche Stiftskirche mit zwölf Kanonikern.Reinhard Vogelsang: Geschichte der Stadt Bielefeld. 1. Band: Von den Anfängen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Bielefeld 1980, ISBN 3-88049-128-3, S. 71. In dieser Zeit entstanden drei von einer Stadtmauer gesicherte Siedlungskerne: Das Marienstift, die Handwerkersiedlung an der heutigen Breiten Straße und die Adelshöfe nahe der heutigen Kreuzstraße. Altstadt und Neustadt hatten jeweils eine eigene Verwaltung, waren bis ins 16. Jahrhundert voneinander unabhängig und wurden erst 1520 zu einer Stadt vereinigt. In dieser Zeit hatten beide Städte zusammen rund 3.000 Einwohner.
Nachdem die männliche Linie der Ravensberger Grafen ausgestorben war, fiel die Grafschaft und damit die Stadt Bielefeld im Jahr 1346 an die Grafschaft Berg, ab 1423 an das Herzogtum Jülich-Berg. Bielefeld lag räumlich weit entfernt vom Sitz des neuen Landesherrn und konnte sich relativ frei entfalten. Außerdem blieb die Stadt von den zahlreichen Kriegen des späten Mittelalters weitgehend verschont. Bei den Bewohnern, überwiegend Kaufleute und Handwerker, wuchs der Wohlstand, nicht zuletzt durch den Beitritt zur Hanse im 15. Jahrhundert.
Reformation und Dreißigjähriger Krieg 1498 wurde das Jostbergkloster von Franziskanern gegründet, jedoch schon 1511 aufgrund von Schwierigkeiten bei der Wasserversorgung und wegen der zu großen Entfernung zur Stadt an den heutigen Klosterplatz in die Altstadt verlegt. Das Gebäude am Jostberg, von dem heute nur noch die Grundmauern erhalten sind, war bereits in der Mitte des 16. Jahrhunderts verfallen.
Ab 1542 wurde in der Grafschaft Ravensberg und damit auch in Bielefeld die Reformation eingeführt. Gegen den Widerstand der meisten Stiftsherren des Marienstifts begannen die Pfarrer der Altstädter Nikolaikirche und der Neustädter Marienkirche etwa gleichzeitig, „evangelisch zu predigen“ und im Gottesdienst deutsche Lieder zu singen.Reinhard Vogelsang: Geschichte der Stadt Bielefeld. 1. Band: Von den Anfängen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Bielefeld 1980, ISBN 3-88049-128-3, S. 110. Das Franziskanerkloster blieb jedoch katholisch, und die Franziskaner übernahmen die Seelsorge für die wenigen Katholiken im gesamten Ravensberger Land, ab 1696 unterstützt durch eine kleine Ordensniederlassung in Stockkämpen. Im Mai 1829, 25 Jahre nach der allgemeinen Säkularisation der Klöster, wurde das Kloster durch den preußischen König aufgehoben. Damit erreichte Bürgermeister Ernst Friedrich Delius sein Ziel, das Klostergebäude zur Erweiterung des Gymnasiums zu nutzen. Die Klosterkirche wurde zur katholischen Pfarrkirche.Diodor Henniges: Geschichte des Franziskanerklosters Bielefeld. In: Beiträge zur Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinz vom heiligen Kreuz. Band II, Düsseldorf 1908, S. 126–151Diodor Henniges: Zur Aufhebung des Klosters Bielefeld 1829 (Ein Zitat aus der Aschaffenburger Kirchenzeitung No. 13, Jahrgang 1835). In: Beiträge zur Geschichte der Sächsischen Franziskanerprovinz vom heiligen Kreuz. Band IV/V, Düsseldorf 1911/12, S. 206 f.Diodor Henniges: Ein trauriger Gedenktag (100 Jahre nach der Auflösung des Klosters Bielefeld). In: Vita Seraphica. 10, 1929, S. 126–137. Die Pfarrseelsorge an St. Jodokus wurde dann von einem Diözesanpriester übernommen. Das Marienstift wurde durch die Reformation bikonfessionell, hier lebten katholische und evangelische Kanoniker miteinander bis zur Auflösung infolge der Säkularisation im Jahre 1810. Das Augustinerinnenkloster, 1491 gegründet, war bereits Anfang des 17. Jahrhunderts untergegangen.
Infolge des Jülich-Klevischen Erbfolgestreites fiel die Grafschaft Ravensberg mit Bielefeld 1609 vorläufig durch einen in Bielefeld unterzeichneten Rezess an die Mark Brandenburg. Am 30. Oktober 1612 ereignete sich ein schweres Erdbeben in der Stadt, das große Schäden anrichtete. Im Vorfeld und im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) wurde die Sparrenburg nacheinander von holländischen, spanischen, schwedischen und französischen Truppen besetzt. Während der spanischen Besetzung um 1623 wurde die Stadt mit Kanonen von der Sparrenburg aus beschossen. 1636 belagerten Schweden und Hessen fast ein Jahr lang die spanischen Besatzungstruppen in der Burg, bevor diese 1637 die Festung übergaben. Ebenfalls in den Jahren 1636 und 1637 wütete die Pest in Bielefeld und forderte rund 350 Opfer. Durch den Westfälischen Frieden, der 1648 in Münster geschlossen wurde, fiel die Grafschaft Ravensberg mit Bielefeld, Minden und Kleve an die Mark Brandenburg und damit an das Haus Hohenzollern, endgültig allerdings erst 1666. Der Große Kurfürst schenkte der 1657 gegründeten evangelisch-reformierten Gemeinde 1671 die kleine Süsterkirche, die bis 1616 Klosterkirche des Augustinerinnenklosters Mariental gewesen war. Seit 1648 / 1666 bis zum Jahr 1947 gehörte Bielefeld zu Brandenburg-Preußen.
Im 17. Jahrhundert begann die Entwicklung Bielefelds zur „Leinenstadt“, was in der damaligen Zeit vor allem Leinenhandel bedeutete. Die Bauern des Ravensberger Landes bauten auf ihren Ackerflächen anstatt Korn vorzugsweise den staatlich subventionierten Flachs an und verarbeiteten diesen als Leineweber in Heimindustrie zu Linnen oder Leinen. Dieses Leinen wurde in der Legge, einer Art Leinenbörse gesammelt und gehandelt. Die Legge war zudem eine Prüfanstalt, in der das Leinen vermessen, auf einwandfreie Verarbeitung geprüft und mit einem Gütesiegel versehen wurde. Der Leinenhandel führte zu einem gewissen Wohlstand in der Stadt, von dem noch heute die Patrizierhäuser am Alten Markt sowie das 1909 errichtete Leineweberdenkmal zeugen.
Industrialisierung und Kaiserreich Im Jahr 1717 wurde in Bielefeld die erste Straßenbeleuchtung eingeführt. Ab 1722 verlor die Stadt durch die Gründung von Minden-Ravensberg wichtige Verwaltungsfunktionen an Minden. 1775 ließ Friedrich der Große aus den Steinen der teilweise abgerissenen Sparrenburg, die nur noch als Gefängnis benutzt wurde, Kasernen für die Bielefelder Garnison errichten. In der Regierungszeit Napoleons gehörte Bielefeld als eigener Distrikt und Kanton zum französischen Vasallenstaat Königreich Westphalen und der Schwarzbach, Johannisbach und die Aa bildeten von 1810 bis 1813 die Grenze zum Kaiserreich Frankreich, das damals auch die nordwestdeutsche Küstenregion umfasste. Von 1813 bis 1815 gehörte Bielefeld provisorisch zum Zivilgouvernement zwischen Weser und Rhein. Im Jahr 1815 wurde die Provinz Westfalen gegründet und bildete einen Teil des Königreichs Preußen. Zu dieser Zeit war das Stadtgebiet wesentlich kleiner als heute und das Umland gehörte zum Kreis Bielefeld. 1833 wurde der Stadt Bielefeld die preußische revidierte Städteordnung von 1831 verliehen.Amtsblatt der Regierung Minden 1834, S. 5
mini|Bielefeld um 1840 Um 1830 geriet das Bielefelder Leinenhandwerk in eine schwere Krise, da in Irland, England und Belgien mit der Produktion maschinell gewebter Stoffe begonnen wurde. Das handgewebte und -gesponnene Leinen konnte weder qualitativ noch quantitativ konkurrieren. Verschärft wurde die Situation der Einwohner Bielefelds durch eine Ernährungskrise im Jahr 1844. Die wirtschaftliche Not vieler Bielefelder führte zu Unruhen während der Revolution von 1848. Darüber hinaus verließen viele Menschen ihre Heimat in Ostwestfalen und wanderten nach Amerika aus.
Um 1860 entwickelte sich die Tabakproduktion im Ravensberger Land. Die Tabakfabrik Crüwell in Bielefeld, eine der bedeutendsten ihrer Art in Deutschland, vergab bestimmte Arbeiten in Heimproduktion, so dass die Landbevölkerung neue Verdienstquellen fand. Das Zentrum der Tabakproduktion war allerdings in Bünde.