Die Deutsche Jahresversammlung (DJV, engl. German Yearly Meeting: GYM) ist eine Organisation der Quäker in Deutschland und Österreich. Unter einer Jahresversammlung versteht man im Quäkertum sowohl ein – meist mehrtägiges – jährliches Treffen als auch einen überregionalen Zusammenschluss mehrerer Quäkerversammlungen. In diesem Artikel geht es um die Organisation, nicht um die Veranstaltung.
Basisdaten Offizieller Name: Religiöse Gesellschaft der Freunde (Quäker) – Deutsche Jahresversammlung e. V. Gegründet: 1925 bzw. der e. V. 22. Juni 1990Laut Eintrag im Vereinsregister: .Schreiber (Vorsitzende): Anne Pommier & Jochen Dudecksiehe Homepage der Jahresversammlung Mitgliedschaft: European and Middle East Section des FWCC EMEYF (Europe and Middle East Young Friends) Regionalbezirke: 6 Gruppen: 22 Gruppen (bzw. „Versammlungen“)Gruppen & Bezirke, in: Quäker 6/2014, S. 300–301, . Erläuterung: in der Liste tauchen auch Kontaktpersonen einzeln lebender Mitglieder auf, die aber kein (eigenes) aktives Gruppenleben haben. Kehl/Strassburg hat regelmäßige Treffen, gehört aber zu keiner, auch nicht zu der Deutschen Jahresversammlung. (wöchentliche Gottesdienste nur in BerlinSelbstauskunft auf der ; und Auskunft Uwe Schiller 12:46, 8. Feb. 2011 (CET) – Redakteur der Zeitschrift „Quäker“ (siehe Diskussionsseite).) Zahl der Mitglieder: 253 Stand: 2015 Anschrift: Planckstraße 20, 10117 Berlin Websites und Domains: www.muenchen-quaeker.de www.munich-quakers.de www.quaeker.org www.quaeker-muenchen.de www.rgdf.de
Geschichte Vorgeschichte
Das junge Quäkertum begann schon früh Missionare nach Holland, Norddeutschland und den Rhein entlang zu schicken. So kam es zur Gründung erster deutschen Quäkergemeinden im späten 17. Jahrhundert. So auch in Krefeld. Diese konnten sich aber wegen Repressionen und Verfolgung nicht dauerhaft etablieren.
Von 1792 bis ca. 1880 entstanden mit Schwerpunkt Friedensthal und Minden, neue Quäker-Kolonien und -Gemeinden. Auch diese gingen wieder ein, da sie mit verschiedenen Verboten belegt waren (u. a. einem Missionsverbot) und stark isoliert waren.
Die Gründung der Deutschen Jahresversammlung 1925 war somit der dritte Versuch britischer und amerikanischer Quäker, das Quäkertum nach Deutschland zu bringen. Eine erste Vorläuferorganisation waren die Zusammenschlüsse Freunde des Quäkertums (1923) und die Bund der deutschen Freunde (1925).Siehe Lutz Caspers: Das neu errichtete Quäkerhaus wird 75, in: Quäker 4/2008, 82. Jahrgang, S. 159 . 1929 wurde ein Treuhänder-Verein gegründet, der später durch die Gründung der Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker) – Deutsche Jahresversammlung e. V. ersetzt wurde. Anfang der 1920er Jahre gab es eine konkurrierende Jahresversammlung, die in Stuttgart im Sommer 1920 gegründet wurde.Claus Bernet: Die Deutsche Jahresversammlung in Stuttgart: Ein Gründungsversuch aus der Anfangszeit der deutschen Quäker um 1920. In: Blätter für Württembergische Kirchengeschichte. 107, 2007, S. 239–250. .
Mitgliederentwicklung Der größte Teil der Mitglieder der Deutschen Jahresversammlung ist seit den 1930er Jahren dem bürgerlichen liberalen Flügel zuzuordnen.Siehe hierzu den Artikel Albrecht, Hans in Claus Bernet, Quäker aus Politik, Wissenschaft und Kunst. 20. Jahrhundert. Ein biographisches Lexikon. Verlag Traugott Bautz, Nordhausen ²2008, ISBN 978-3-88309-469-4, S. 17–19. Zitat: „Hans Albrecht ist ein bedeutender Mitbegründer der Deutschen Jahresversammlung. Er verkörperte den bürgerlichen Flügel der Quäker.“ (S. 18). Und ebd. im Artikel Stackelberg, Freiherr Traugott von (1891–1970), S. 195: Im Jahr ihrer Gründung (1925) zählte die Deutsche Jahresversammlung 99 Mitglieder, worauf 1928 bereits wieder die ersten Austritte erfolgten. Der Höhepunkt der Mitgliederzahl lag 1933 bei circa 500 Mitgliedern. In den Jahren 1934 und 1939 übertraf die Zahl der Austritte die der Eintritte; 1939 waren es 42 Austritte. Die Jahre mit dem stärksten Zuwachs waren 1932 mit 42 Aufnahmen und 1948 mit 60 Neuaufnahmen.Claus Bernet: Leben zwischen evangelischer Theologie und Quäkertum. In: Materialdienst 2/2008, , S. 29. 2015 gab es noch 253 Mitglieder.
Zeit des Nationalsozialismus mini|hochkant|Hans A. Schmitt: Quakers and Nazis (1997) Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 geriet das deutsche Quäkertum in eine schwere Krise. Für viele Mitglieder bedeutete die Zeit einen Wendepunkt. Es gab sowohl Befürworter des Nationalsozialismus als auch Gegner. Kriegsdienstverweigerungen deutscher Quäker wurden jedoch nicht bekannt. Es gab vereinzelten privaten Widerstand gegen das NS-System, etwa von Emil Fuchs, Eva Herman oder Elisabeth Abegg.
Für einige Mitglieder war die Zeit persönlich sehr belastend und existenzbedrohend. So verloren etwa 1933 Rudolf Schlosser und Emil Fuchs ihre Anstellungen (allerdings nicht, weil sie Quäker waren). Schlosser wurde nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt und einer kurzen Mitarbeit im Quäkerbüro in Berlin ab Sommer 1933 Leiter des Quäkerbüros in Frankfurt am Main. Mit Hilfe von Martin Buber, mit dem ihn eine Freundschaft verband, konnte er jüdischen Mitbürgern bei der Ausreise helfen. 1933 war auch das Jahr, in dem Fuchs der Deutschen Jahresversammlung beitrat, nicht zuletzt auch, um damit ein Zeichen gegen die Nationalsozialisten zu setzen. Trotzdem war Fuchs in den 1930er Jahren in der Berliner Gruppe eine prägende Persönlichkeit, in deren Predigten viele Besucher geistigen Halt fanden.Claus Bernet: Leben zwischen evangelischer Theologie und Quäkertum, in: Materialdienst 2/2008, , S. 30–32.
Der einzige Quäker, der 1938 je persönlich mit Adolf Hitler zusammentraf, war der Amerikaner Herbert C. Hoover, der zu diesem Zeitpunkt nicht mehr der 31. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika war. Bei den Gesprächen ging es aber ausschließlich um wirtschaftliche und nicht humanitäre Fragen. Hoover kam zu einer völligen Fehleinschätzung des NS-Regimes; später warb er sogar für NS-Deutschland als Bündnispartner der USA gegen die kommunistische Gefahr des Ostens.John Lucas: Herbert Hoover meets Adolf Hitler. In: The American Scholar. 62, 1993, S. 235–238.
Privat beteiligten sich Mitglieder der Deutschen Jahresversammlung an unterschiedlichen Projekten der britischen Quäker in Deutschland, so etwa am Rest Home Projekt oder den Kindertransporten. In München war die Familie Cohens unermüdlich damit beschäftigt, Flüchtlinge bei der Ausreise zu helfen und Päckchen (unter zum Teil abenteuerlichen Umständen) in Konzentrationslager zu verschicken. Bei der Beschaffung von Ausreisepapieren waren den Cohens vor allem ihre Kontakte ins Ausland hilfreich und hier namentlich wieder die Britische Jahresversammlung.
Die Deutsche Jahresversammlung unterstützte diese Projekte nicht offiziell, um nicht in Konflikt mit den Nationalsozialisten zu kommen. Der Schreiber (Vorsitzende) der Deutschen Jahresversammlung Hans Albrecht versuchte aus konspirativer Haltung heraus auf die Situation Einfluss zu nehmen. So verhandelte er seit 1934 mit der Gestapo und sprach wegen Anliegen der Kriegsdienstverweigerung zweimal beim Reichswehrministerium in Berlin vor.Siehe den Artikel Albrecht, Hans in Claus Bernet, Quäker aus Politik, Wissenschaft und Kunst: 20. Jahrhundert. Ein biographisches Lexikon, Verlag Traugott Bautz, Nordhausen ²2008, ISBN 978-3-88309-469-4, S. 17.
Zwischen der Pädagogin Elsbeth Krukenberg-Conze (1867–1954), „die das Quäkertum mit den nationaldeutschen Ideen verbunden wissen wollte“ (Zitat C. BernetArtikel Krukenberg-Conze, Elsbeth in Claus Bernet, Quäker aus Politik, Wissenschaft und Kunst: 20. Jahrhundert. Ein biographisches Lexikon, Verlag Traugott Bautz, Nordhausen ²2008, ISBN 978-3-88309-469-4, S. 104.), auf der einen Seite und Fritz Lang, Hans Albrecht und Paul Helbeck auf der anderen Seite gab es erbitterte Kämpfe um die Ausrichtung der DJV. Auch wenn die nationalkonservative Haltung Krukenberg-Conzes sie zusehends innerhalb des Quäkertums isolierte, stand sie mit ihrer Gesinnung bei weitem nicht allein in der DJV. So ist z. B. bekannt, dass Adolf Beiss (1900–1981), Oberfeldwebel der Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg, Mitglied der NSDAP, aktiv im Nationalsozialistischen Lehrerbund und Autor in Volk und Rasse, Mitglied der DJV war.Artikel Beiss, Adolf in Claus Bernet, Quäker aus Politik, Wissenschaft und Kunst: 20. Jahrhundert. Ein biographisches Lexikon, Verlag Traugott Bautz, Nordhausen ²2008, ISBN 978-3-88309-469-4. Mit Eberhard Tacke (1903–1989) gab es auch einen Kunstmaler, der NSDAP-Parteigrößen (u. a. Adolf Hitler) und Heroenbilder malte.Artikel Tacke, Eberhard in Claus Bernet, Quäker aus Politik, Wissenschaft und Kunst: 20. Jahrhundert. Ein biographisches Lexikon, Verlag Traugott Bautz, Nordhausen ²2008, ISBN 978-3-88309-469-4. Das Gründungsmitglied der DJV Hans Klassen wurde 1941 Sachbearbeiter in der Abteilung Deutsche Volkstums- und Siedlungspolitik und organisierte dort die „Germanisierung“ des Ostens (u. a. tätig im Ghetto Litzmannstadt oder auch Ghetto Lodsch).Mennonitische Geschichtsblätter 66 (2009), S. 125–145. In der Zeitschrift der DJV, Quäker, waren in dieser Zeit auch Beiträge zu finden, in denen z. B. offen Partei für die Nationalsozialistische Rassenhygiene ergriffen wurde.Zitat: „Wo die gesetzlichen Voraussetzungen vorliegen, wird die Sterilisationsfrage geprüft und nötigenfalls die Sterilisation angeordnet. Wie nötig das ist, ergibt sich aus dem oben Gesagten, wenn man bedenkt, wie sehr die meisten Mädchen erblich belastet sind.“ Aus dem Artikel Der Glaube an das Innere Licht und der asoziale Mensch, in: Quäker, Nr. 15 (1938), S. 139–142 (S. 140). Die Historikerin Cordula Tollmien weist darauf hin, dass „die Rundbriefe der Quäker, die man im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin nachlesen kann, [...] allein im September und Dezember 1944 über dreißig Namen von Quäkern und deren Angehörigen auf[listen], die als Soldaten in der Wehrmacht dienten.“Cordula Tollmien am Donnerstag, 27. März 2014, in ihrem Weblog fuchsduhastdiegansgestohlen.blogspot.de, in dem Artikel "Was wir von Bernet nicht über Karl Heinz Pollatz erfahren".
Seit 1938 (Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich) gehören die heute acht österreichischen Quäker der Deutschen Jahresversammlung an. Schon früh, vor dem Anschluss Österreichs, sorgten die österreichischen Quäker für Entsetzen bei den ausländischen Quäkern. Da der Schreiber der Wiener Quäker-Gruppe Rudi Böck ambitionierter Nationalsozialist war, wurden Juden nicht einmal mehr zur Quäker-Andacht zugelassen, sondern nur noch „Arier“. Dies führte dazu, dass ausländische Quäker eine zweite, liberale Quäker-Andacht einrichteten.Claus Bernet: Deutsche Quäkerbibliographie. Zweite, erweiterte Auflage mit Autoren- und Sachregister, Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2011, ISBN 978-3-88309-648-3, Vorwort, S. ii. Um die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels machte sich Sheila Spielhofer mit dem Buch Stemming the dark tide. Quakers in ViennaSheila Spielhofer: Stemming the Dark Tide. Sessions Book Trust, 2001, ISBN 1-85072-267-6. verdient.
1940 fand die vorläufig letzte deutschsprachige Jahresversammlung in Pyrmont statt und 1942 wurde die deutsche Monatszeitschrift Quäker verboten. Ein Verbot der Deutschen Jahresversammlung war aber zu keinem Zeitpunkt vorgesehen, da die Deutsche Jahresversammlung – wie viele andere Kirchen auch – das NS-System nicht in Frage stellte, sondern politische Fragen als Privatansicht betrachtete.
Zeit nach 1945