Der Gestreifte Zwergflusskrebs oder Pátzcuaro-ZwergkrebsTheodor C. H. Cole: Wörterbuch der Wirbellosen/Dictionary of Invertebrates. Latein – Deutsch – Englisch. Springer, Berlin, Heidelberg 2017, ISBN 978-3-662-52868-6, S. 228. (Cambarellus patzcuarensis) ist ein in Mexiko beheimateter Flusskrebs der Gattung Zwergflusskrebse (Cambarellus). Er gilt in seiner Wildform als gefährdete Art. Der Cambarellus patzcuarensis galt lange Zeit als Unterart des Cambarellus montezumae. Der „Aquarien-Atlas“ der Aquaristik-Experten Hans A. Baensch und Hans-Georg Evers aus dem Jahre 2002 gibt als deutsche Ersteinführung „unbekannt, wahrscheinlich erst im Jahre 2000 oder gar 2001“ an.Hans A. Baensch, Hans-Georg Evers: Aquarien-Atlas Band 6, Mergus, Melle 2002, ISBN 3-88244-068-6, S. 1154.
Seine orange Farbvariante, der Orange Zwergflusskrebs, auch Cambarellus patzcuarensis sp. orange, kurz CPO, genannt, erfreut sich in der Aquaristik großer Beliebtheit und wird oftmals im Zoohandel angeboten. Dabei handelt es sich aber um eine Zuchtform, die in der Natur nicht zu beobachten ist.
Merkmale Der Krebs ist sowohl tag- als auch nachtaktiv.Chris Lukhaup, Reinhard Pekny: Krebse im Aquarium. Haltung und Pflege im Süßwasser. Dähne, Ettlingen 2008, ISBN 978-3-935175-31-9, S. 105–108; hier: S. 106. Die weiblichen Tiere erreichen laut Baensch und Evers ausgewachsen eine vollständige Länge von bis zu 3,50 Zentimeter und sind in der hinteren Aufsicht etwas breiter als die etwas kleineren, rund drei Zentimeter messenden Männchen. Die Scheren der erwachsenen Männchen sind etwas schmäler und bis zu 20 Prozent länger als bei den Weibchen. Deren kürzere Scheren sind wie bei den meisten Cambarellus-Arten dafür dicker als die der männlichen Tiere. Insgesamt wirkt der Körperbau bei den meisten Männchen erheblich schlanker, während die weiblichen Tiere robuster erscheinen und deutlich größer werden.Chris Lukhaup, Reinhard Pekny: Krebse im Aquarium. Haltung und Pflege im Süßwasser. Dähne, Ettlingen 2008, ISBN 978-3-935175-31-9, S. 105–108; hier: S. 105. Der Ichthyologe Ulrich Schliewen, Sektionsleiter der Zoologischen Staatssammlung München, gab 2011 die Maximallänge mit vier Zentimetern an.Ulrich Schliewen: Aquarienfische von A bis Z (= Der große GU Kompass): Gräfe und Unzer, München 2011, ISBN 978-3-8338-2191-2, S. 238. In älteren Publikationen nannte er auch Längen von fünf Zentimeter.Ulrich Schliewen: Kleine Aquarien – 60 Liter. GU Tierratgeber. Gräfe und Unzer, München 2009, ISBN 978-3-8338-1167-8, S. 26. Diese Größe ist bei guter Pflege laut der Wirbellosenexperten und Sachbuchautoren Reinhard Pekny und Chris Lukhaup für Weibchen im Aquarium tatsächlich möglich. Die Altersangaben bei den CPOs werden in der Regel mit rund 18 Monaten angegeben. Pekny und Lukhaup konnten feststellen, dass die weiblichen Tiere meist älter werden, als die männlichen. Unter guten Bedingungen ist eine maximale Lebenserwartung von zwei Jahren möglich, während die Männchen nach rund eineinhalb Jahren sterben.Chris Lukhaup, Reinhard Pekny: Krebse im Aquarium. Haltung und Pflege im Süßwasser. Dähne, Ettlingen 2008, ISBN 978-3-935175-31-9, S. 105–108; hier: S. 107.
Die Geschlechter dieses Zwergflusskrebses lassen sich wie alle Arten der Familie Cambaridae vor allem durch die an der Körperunterseite der Männchen erkennbaren Begattungsgriffel (Gonopoden), die auch mit dem bloßen Auge erkennbar sind, leicht unterscheiden. In der freien Natur zeigt der Gestreifte Zwergflusskrebs häufig dunkle Längsstreifen auf der dunkel- bis hellbraunen Oberseite. Seltener tragen Exemplare auch kleine dunkle oder helle Flecken. Die Intensität der Streifung variiert. Kurz nach der Häutung ist sie dunkler und kräftiger, als wenn diese schon längere Zeit zurückliegt. Cambarellus patzcuarensis ähnelt in der Färbung den verwandten Arten wie dem Montezuma-Zwergflusskrebs (Cambarellus montezumae) und dem Louisiana-Zwergflusskrebs (Cambarellus shufeldtii).
Farbvarianten mini|In der orangen Zuchtform wurde der Krebs zum internationalen Botschafter des Lago de Pátzcuaro Die Farbvariante „Orange“ reicht von hellorange bis leuchtend orange und zeigt auf dem Panzer eine leichte Marmorierung. Auch die namensgebende Streifung des Zwergflusskrebs kommt bei dieser Farbform zuweilen vor. In der Natur kann man diese orange Farbvariante nicht finden. Diese Färbung wäre für die Fressfeinde des Krebses ein allzu auffälliges Signal, obwohl die meisten Tiere, mit Ausnahme der Vögel, intensive Rot- und Orangetöne nicht als Farbe wahrnehmen können. Im Wasser besteht zwar eine höhere Absorption der Rot- und Orange-Anteile des Lichtspektrums, diese hat aber kaum Auswirkungen auf die Sichtbarkeit der Krebse, da ihr Lebensraum meist in geringer Wassertiefe liegt. Sie könnten also durch ihre Färbung von Vögeln leicht entdeckt werden. In seiner natürlichen Umgebung ist der ursprüngliche graubraune Grundton, der manchmal mit verwaschenen Streifen oder Punkten versehen ist, eine ideale Tarnfärbung. Das Auftreten der orangen Farbvariante wurde daher erstmals im Aquarium beobachtet. Seither ist diese Farbform des Gestreiften Zwergflusskrebses in der Aquaristik sehr bekannt.
Ein weiterer gezüchteter Farbschlag ist die schwarze beziehungsweise braune Variante, die sich im Handel unter den Bezeichnungen C. patzacuensis sp. black oder C. patzacuensis sp. schoko findet.
Verbreitung und Ökologie mini|Ein Cambarellus patzcuarensis in der natürlichen Ursprungsform Die Nominatform des Gestreiften Zwergflusskrebses lebt endemisch im Lago de Pátzcuaro, einem See im mexikanischen Bundesstaat Michoacán. Experten gehen davon aus, dass sich die Art noch in Bächen und Weihern der näheren Umgebung finden lassen könnte. Lokalisiert wurden bisher Quellen bei den Ortschaften Tzurumútaro, Opopeo und Chapultepec. Die dort entdeckten Populationen existieren in der Regel isoliert. Durch die massive Zunahme der menschlichen Population, den daraus folgenden Zivilisationsschäden für die Natur zusammen mit einer immer stärker werdenden Industrialisierung in allen Lebensbereichen ist der See heute ein stark geschädigter Lebensraum für die dort lebende Flora und Fauna.Miguel Rodríguez Serna, Verónica Gallardo-Pineda, Claudia Carmona-Osalde, Guillermo Blancas-Arroyo: Efecto de la temperatura sobre el crecimiento, supervivencia y reproducción de juveniles de Cambarellus patzcuarensis. In: Revista AquaTIC, Revista científica de la Sociedad Española de Acuicultura, 42 (2015), S. 17–27; hier: S. 18.
Über die Herkunft des Cambarellus patzcuarensis im Lago de Pátzcuaro wird spekuliert. Untersuchungen deuten darauf hin, dass es vor 38.000 bis 25.000 Jahren einen Abfluss des Lago de Pátzcuaro in das System des Río Lerma gegeben haben könnte. Am See haben sich in dieser Zeit hohe lakustrische Ablagerungen gebildet. Vor und nach der darauf folgenden Kaltzeit vor 25.000 bis 13.000 Jahren lassen sich kühle Süßwasserbedingungen am Lago de Pátzcuaro nachweisen. Der See muss damals auch tiefer gewesen sein als heute. Zwischen 30.000 und 10.000 Jahren sind Kieselalgenarten nachgewiesen die im Winter und im Frühjahr blühen. Das Pollen und Pflanzenspektrum dokumentiert vor dem Holozän insgesamt kühlere klimatische Bedingungen mit einer saisonal deutlich höheren Feuchtigkeit. Vor ungefähr 10.000 Jahren wurde der See flacher und eutropher. Es entwickelte sich das heutige Klima. Während des Mittelholozäns vor 6.000 bis 3.000 Jahren war das Seewasser inzwischen alkalisch genug, um ostracodenreiche Mergel abzulagern.J. Platt Bradbury: Limnologic history of Lago de Pátzcuaro, Michoacán, Mexico for the past 48,000 years. Impacts of climate and man. In: Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology 163 (2000), S. 69–95; hier: S. 69.
Der Krebs besiedelt die benthonischen, durchkrauteten und sumpfigen Randbereiche des Sees, die weitgehend mit Schlamm bedeckt sind. Die Flora des Sees umfasst 48 Arten in 22 Pflanzenfamilien und ist damit im Vergleich zu anderen Wassersystemen Mexikos besonders artenreich.Antonio Lot, Alejandro Novelo: Vegetacion y flora acuatica del lago de Patzcuaro, Michoacan, Mexico. In: The Southwestern Naturalist, 2 (1988), S. 167–175; hier: S. 167. Zur aquatischen Vegetation, die einen wichtigen Teil des natürlichen Habitats dieses Krebses bildet, gehört unter vielen anderen das Kleine Fettblatt (Bacopa monnieri), der Schmalblättrige Merk (Berula erecta),Antonio Lot, Alejandro Novelo: Vegetacion y flora acuatica del lago de Patzcuaro, Michoacan, Mexico. In: The Southwestern Naturalist, 2 (1988), S. 167–175; hier: S. 171. das Raue Hornblatt (Ceratophyllum demersum),Antonio Lot, Alejandro Novelo: Vegetacion y flora acuatica del lago de Patzcuaro, Michoacan, Mexico. In: The Southwestern Naturalist, 2 (1988), S. 167–175; hier: S. 170. das Sumpfkraut Cyperus niger, die Riesen-Nadelsimse (Eleocharis montevidensis), der Hahnenfußähnliche Wassernabel (Hydrocotyle ranunculoides), der Südamerikanische Froschbiss (Limnobium laevigatum), die Bucklige Wasserlinse (Lemna gibba) das Guadeloupe-Nixkraut (Najas guadalupensis),Antonio Lot, Alejandro Novelo: Vegetacion y flora acuatica del lago de Patzcuaro, Michoacan, Mexico. In: The Southwestern Naturalist, 2 (1988), S. 167–175; hier: S. 169. die Mexikanische Seerose (Nymphaea mexicana), das Illinois-Laichkraut (Potamogeton illinoensis), das Kamm-Laichkraut (Potamogeton pectinatus), das Hahnenfußgewächs Ranunculus dichotomus, das Veränderliche Pfeilkraut (Sagittaria latifolia), das Breitblättrige Pfeilkraut (Sagittaria platyphylla), das Totora-Schilf (Scirpus californicus), die Salz-Teichbinse (Scirpus validus), die Vielwurzelige Teichlinse (Spirodela polyrrhiza), der Südliche Rohrkolben (Typha domingensis), der Breitblättriger Rohrkolben (Typha latifolia), das Blasenkraut Utricularia macrorhiza, die Wasserlinsengewächse Wolffia brasiliensis und Wolffiella lingulata, die Wasserhyazinthe Eichhornia crassipes sowie die Mexikanische Sumpfzypresse Taxodium mucronatum.
Limnologie und Klima Der artenreiche Pátzcuaro-See entstand in einem ehemaligen Vulkankrater und liegt über 2000 Meter über dem Meeresspiegel. Er besitzt eine Ausdehnung von rund 9000 Hektar mit einer durchschnittlichen Wassertiefe von 4,70 Metern. An seiner tiefsten Stelle wurden gerade einmal 12 Meter gemessen.Fernando Walter Bernal-Brooks: La Limnología del Lago de Pátzcuaro. Una visión alternativa a conceptos fundamentales. Nationale Autonome Universität von Mexiko (2002), gedruckte Dissertation, S. 27. Durch seine geringe Tiefe besitzt der See an den Rändern umfangreiche Feuchtgebiete, die sich insbesondere auf die Flachwasserzonen konzentrieren.Lenin E. Medina-Orozco, Norma E. García-Calderón, Felipe García-Oliva, Elena Ikkonen: Suelos de humedal del lago de Pátzcuaro, Michoacán, México. In: Tecnología y Ciencias del Agua 5 (2014), S. 111–124; hier: S. 111.